Städte und Wandel

  • @ rakete:


    Das sehe ich erwartungsgemäß nicht so. Ich betrachte Städte auch überhaupt nicht als "begehbares Museum", wie du mir unterstellst, sondern ganz im Gegenteil.


    Nach deiner "Alles-fließt"-Auffassung (die in der Tat in dieser Form spezifisch modern ist in ihrer prinzipiellen Zukunftsausrichtung und Vergangenheitsaversion) müßte man eine Stadt etwa alle 100 Jahre komplett abreißen und neu aufbauen. Was dabei rauskommt, sieht man ja. Die "Zeugen der reichen kulturellen Vergangenheit" wären dann lediglich diejenigen, die durch irgendwelche Zufälle die allgemeine Abrißwelle überstanden haben.


    So "funktioniert" die alteuropäische Stadt aber nicht: sie wächst, verändert sich, es wird angebaut, umgebaut, aber zumeist nicht abgerissen und neugebaut. Und gerade das schafft eine lebendige Stadt: eine Stadt, die nicht museal ist, sondern in der die Vergangenheit - das Mittelalter, die Renaissance etc. - nicht musealer Rest ist, wie in deinem Konzept, sondern auf Schritt und Tritt lebendige Gegenwart. In der sich also die Zeitschichten überlagern und alles Gewesene hic et nunc präsent ist statt immer wieder vernichtet und durch neue ersetzt zu werden.


    Nur um das zu illustrieren: ich war kürzlich wieder in Genua, der Stadt mit der größten mittelalterlichen Altstadt der Welt (über 10 000 Häuser aus dem 13. und 14. Jahrhundert). Darin ist von wenigen Ausnahmen nie was abgerissen worden. In der zweiten Blüte Genuas im 16. und 17. Jahrhundert wurden vielmehr wie in einem Ring die fantastischsten Paläste und Kirchen der Spätrenaissance und Barock, die du dir denken kannst, um die mittelaterliche Altstadt herum gebaut. Und dann wurden im 19. und 20. Jahrhundert in einem weiteren Ring Gründerzeitbauten, Jugendstilbauten und schließlich Bauhaus und Moderne errichtet. Und diese Stadt ist das Lebendigste und Unmusealste, was es in Europa überhaupt nur gibt!
    Übrigens wird die mittelalterliche Altstadt mit ihren über 10 000 Häusern gerade trotz leerster Stadtkassen Haus für Haus saniert. Daran sollen sich die ostdeutschen Städte mal ein Beispiel nehmen. Am Ende ist es nämlich keine Frage des Geldes, sondern eine Frage dessen, was man will. Wenn man eine Altstadt nur wirklich sanieren will statt sie abzureißen, dann geht es auch! Vermeintliche "Sachzwänge" hin oder her!

  • Quote

    deshalb denke ich, man kann sich auch an kleineren städten mit ihrer aura von längst vergangenen zeiten erfreuen, ohne bei anderen den wandel zu grossstädten zu bedauern.


    Du scheinst irgendwie zu unterstellen, daß der "Wandel zur Großstadt" zwangsläufig bedeut, die bauliche Vergangenheit über Bord zu werfen. Das ist aber ein falscher Eindruck, der sich aus dem Umstand ergibt, daß es in Deutschland keine Großstadt mehr mit altem Stadtkern gibt. Das liegt aber nicht an ihrer Entwicklung zur Großstadt, sondern daran, daß alle Großstädte im Krieg plattgebombt wurden.
    Bis zur Kriegszerstörung waren Frankfurt, Dresden, Nürnberg, Köln Goßstädte, in denen die bauliche Vergangenheit noch genauso präsent war wie in den kleineren Städten. Das schon erwähnte Genua ist auch eine Großstadt; Neapel, Rom, Palermo, Florenz, Marseille, Prag, Lyon, Bordeaux sind Großstädte - und alle haben sie völlig intakte Altstädte. Man muß also nicht alle 100 Jahre seinen Stadtkern abreissen und alles neu bauen, um "großstädtisch" zu sein. Das ist vielmehr ein typisch deutsches Mißverständnis, das aus dem Bombenkrieg resultiert.

  • Die Altstadt von Marseille ist überhaupt nicht intakt. Sie wurde teilweise von der Wehrmacht 1943 gesprengt. In Lyon war es geplant, einen Grossteil der Altstadt in den 60er Jahren zu schleifen. In Dänemark, UK, Schweden, Norwegen und (z.T.) Spanien sind die klieneren Städte besser erhalten. In Dresden war vor dem Krieg schon 1/4 (1/3) der barocken Altstadt weg (wegen Neues Rathaus, Ständehaus, Polizeipräsidium und Kunstakademie). In Paris haben vielleicht gerade 1/3 der prä-1850 Bauwerke überlebt. Italien bildet vielleicht eine Ausnahme, aber generell würde ich behaupten, dass stagnierende Städte besser erhalten sind. Lübeck war schon 1939 intakter als Hamburg.

    Unsere große Aufmerksamkeit für die Belange des Denkmalschutzes ist bekannt, aber weder ökonomisch noch kulturhistorisch lässt es sich vertreten, aus jedem alten Gebäude ein Museum zu machen. E. Honecker

  • Quote

    Bis zur Kriegszerstörung waren Frankfurt, Dresden, Nürnberg, Köln Goßstädte, in denen die bauliche Vergangenheit noch genauso präsent war wie in den kleineren Städten.


    Aber auch vor dem Krieg gab es elementare Unterschiede, was die bauliche Geschichte zwischen größeren und kleineren Städten anbelangt. In den Städten wurde im Laufe der Epochen, von der Renaissance bis zum Historismus / Jugendstil, Altstadthäuser abgerissen oder der jeweiligen Epoche entsprechend angepasst, verformt. Im 19. Jhd., wo die Bevölkerung in vielen Städten sprunghaft anstieg, fielen ganze Altstädte der Gründerzeit zum "Opfer". Während sich die Stadtbilder von Hamburg, Berlin oder eben Leipzig stark veränderten, blieb in Städten wie Lich, Weimar oder Trier vieles beim Alten.


    Aber, und das ist der Unterschied zur Nachkriegszeit, die gründerzeitlichen und Jugendstilveränderungen waren qualitativ ihren Vorgängerbauten in der Regel überlegen und sie ließen Geschichte auch nicht vergessen machen, sondern machten sie deutlich, hebten sie hervor. In Leipzig kam noch hinzu, dass Anfang des 20 Jahrhunderts zig Altstadthäuser abgerissen und an dessen Stelle viele Messehäuser gebaut wurden (Petershof, Mädlerpassage, Handelshof usw).



    Däne


    Hm, also der Nachfolger der Alten Thomasschule, die 1904 fertiggestelte Superintendentur, finde ich um Welten besser. Das völlig aus Kalkstein bestehende Gebäude im Stil der Neorenaissance ist mehr als nur ein würdiger Nachfolger der Alten Thomasschule. Und auch das Neue Rathaus, das aus der abgerissenen Pleißenburg hervorging, ist ggü dem Vorgänger eine deutliche Verbesserung. Die Qualität des Neuen Rathauses ist schon fast einmalig. Wenn ich da nur an die Dresdner Neumarktbebauung denke...

  • Quote

    Während sich die Stadtbilder von Hamburg, Berlin oder eben Leipzig stark veränderten, blieb in Städten wie Lich, Weimar oder Trier vieles beim Alten.


    Schon richtig, aber auch in Großstädten wie Frankfurt, Bremen und Nürnberg bleib eben das meiste beim Alten.


    Insofern stimmt das

    Quote

    Aber auch vor dem Krieg gab es elementare Unterschiede, was die bauliche Geschichte zwischen größeren und kleineren Städten anbelangt.


    höchstens der Tendenz nach.



    Däne:


    Deine Bemerkungen zu den französischen Städten sind richtig, aber


    Marseille: stimmt, die Wehrmacht hat einen Teil der Altstadt sprengen lassen (weil man fürchtete, die labyrinthische Altstadt könnte Widerstandskämpfern Unterschlupf bieten) und ein weiterer wurde durch britische Bombenangriffe vernichtet (an die 2000 Todesopfer unter der Zivilbevölkerung, soweit ich weiß), aber das fällt wie im Fall Deutschlands unter Kriegszerstörungen. Trotz allem ist die Altstadt meiner Erinnerung nach doch weitgehend intakt (war allerdings nur mal vor 15 Jahren kurz da und erinnere mich nicht mehr soooo genau...)


    Lyon: es gab diese Pläne, aber sie wurden immerhin (glücklicherweise) nicht umgesetzt.


    Paris: hab' ich bewußt nicht erwähnt. Was Haussman und Napoleon Nr. 3 in Paris seit 1850 angerichtet haben, ist die größte Vernichtung architektonischen Erbes, die die Welt vor dem Bombenkrieg erlebt hat. Man darf sich überhaupt nicht vor Augen führen, was da alles vernichtet wurde - es ist einfach grauenhaft!


    P.S.: irgendwie sind wir ziemlich weit vom Thema abgekommen...

  • @ Philon


    Marseille ist wirklich nicht der Renner. Was Haussmann in Paris angerichtet hat, ist fast schlimmer als der Bombenkrieg. Kennst du das Buch: L'histoire du Vandalisme? Dort gibt es furchbare Beispiele aus ganz Frankreich (bis Heute). Der schlimmste Verlust war wohl Das Kloster von Cluny....

    Unsere große Aufmerksamkeit für die Belange des Denkmalschutzes ist bekannt, aber weder ökonomisch noch kulturhistorisch lässt es sich vertreten, aus jedem alten Gebäude ein Museum zu machen. E. Honecker

  • Also mir ist nicht viel vom Paris vor Haussmann bekannt, aber diese gründerzeitlichen Boulevards etc. von Paris finde ich einfach wunderbar, viel schöner als das Quartier Latin z.B.

    Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
    Karl Kraus (1874-1936)

  • Quote

    Also mir ist nicht viel vom Paris vor Haussmann bekannt,


    Muß man sich - sehr vereinfacht gesagt - wie eine Mischung aus Frankfurt a.M. und Dresden vor ihrer jeweiligen Zerstörung vorstellen (also unglaublich viel mittelalterliches Fachwerk und ordentlich viel Spätrenaissance und Barock). Nur 10mal größer.

  • Zu Haussmann muß man wohl eine differenzierte Meinung haben. Einerseits hat er unheimlich viel zerstört, andererseits aber hat er das Paris geschaffen, das wir heute kennen und (überwiegend) schätzen.


    Die Aussage, daß das 19. Jh. grundsätzlich sowieso alles besser und prachtvoller gemacht hätte, kann ich trotzdem nicht nachvollziehen. So sehr ich die großen Boulevards und die durchgängig qualitätvolle Stadtanlage mit all ihren Vorteilen schätze, so vermisse ich an vielen Stellen die historische Tiefe der Stadt, die zwar in den (zahlreichen) großen Baudenkmälern jederzeit erfahrbar ist, im normalen Stadtgefüge jedoch eher schwierig zu finden ist. Eines der berühmtesten erhaltenen Beispiele ist sicherlich die schöne Place des Vosges:



    Quelle: Wikimedia Commons


    Nach längerer Suche sind auch durchaus Fachwerkhäuser zu finden, im typisch normannischen Stil. Insgesamt dürfte natürlich deutlich mehr erhalten sein als in deutschen Großstädten, aber das ist wohl kein zulässiger Vergleich.

  • den titel finde ich sehr gelungen, weil er darauf verweist, dass verschiedene städte unterschiedliche wandlungsprozesse durchliefen und durchlaufen (werden). ganz grob kann man vielleicht - jenseits von zeit und raum - wachsende und schrumpfende städte unterscheiden, denn diese zwei entwicklungsrichtungen haben ja auch ganz unterschiedliche auswirkungen auf die jeweilige ausgangsbausubstanz.
    während in boomenden städten (oder zeiten) die immobilien einem enormen investitionsdruck und spekulativem engagement ausgesetzt sind, der darauf abzielt alles grösser, schöner und vor allem gewinnbringender zu gestalten, sehen sich ausblutende städte damit konfrontiert, überhaupt nutzungskonzepte für das vorhandene zu finden.
    wäre es deshalb vielleicht gar sinnvoller, gleich zwei themenstränge (für wachsende und schrumpfende städte) zu anzuregen? ich denke nicht. unter anderem, weil gerade in deutschland viele städte in den letzten jahrzehnten beide phasen durchlebten - und weil heute selbst in ein und derselben stadt oft (je nach quartier) beide entwicklungstendenzen anzutreffen sind.

  • In Frankfurt waren sowohl Veränderung als auch Stagnation gleichzeitig vorhanden. Zu Beginn der Neuzeit verlagerte der Kern der Stadt sich in die Neustadt außerhalb der staufischen Stadtmauer, an Hauptwache, Roßmarkt und Zeil, wo er bis heute ist. Dort fielen die Stadtpaläste der Renaissance, des Barock und Klassizismus, meist bedeutendere Bauwerke als die der Altstadt aus dieser Zeit, fortlaufend Abriß und Neubau zum Opfer, schon vor '44 war kaum noch etwas von ihnen erhalten. Die Zeil war schon ab der Jahrhundertwende eine reine Geschäftsstraße und unterschied sich strukturell nicht viel von heute. Die Altstadt wiederum blieb dadurch zwar weitgehend erhalten, verelendete dadurch aber auch und hatte vor ihrer Zerstörung schließlich ungefähr die Funktion und Bevölkerungsschicht wie heute das Bahnhofsviertel.
    Daß beim Wiederaufbau ein großer Teil der erhaltenen Bausubstanz der Altstadt abgerissen wurde ist tragisch, interessant ist aber auch eine andere Entwicklung. Man versuchte ein 'altstädtisches' Viertel mit Wohnungen, Einzelhandel und Handwerk zu bauen und so an eine Geschichte anzuknüpfen, die es seit Jahrhunderten nicht mehr gab. Daß diese Idee an der Gesamtstruktur der Innenstadt scheiterte ist nicht verwunderlich, etwas ähnliches ist für das Gelände des Technischen Rathauses - ob modern bebaut oder rekonstruiert - zu befürchten.
    Generell hat die moderne Stadt Strukturen und Funktionen, die man genausosehr als 'gewachsen' bezeichnen kann und die sich auf ihre Gebäude, Nutzung und Bevölkerung auswirken. Der Versuch planvoll einzugreifen, sei es um eine Altstadt zu erhalten oder eine Innenstadt zu beleben, ist an sich schon eine Eigenheit der Moderne. In der Achtzigern wurde beispielsweise versucht, das Rotlichtviertel in den östlichen Teil der Innenstadt umzusiedeln, was eben an seiner 'gewachsenen' Struktur scheiterte. Genauso ist die monofunktionale Verödung von Zeil und Bankenviertel eine Folge wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Strukturen. Trotzdem gibt es noch immer kleinteilige, durchmischte Strukturen (Leipziger Straße, Berger Straße usw.), die Frage ist nur wieweit sie sich künstlich herstellen und erhalten lassen. Während Sachsenhausen ein funktionierender Stadtteil ist, geht es mit der Sachsenhäuse Altstadt weiter bergab. Möglicherweise läßt sich eine Veränderung hier in der Tat nur durch Abriß und Neubau erreichen, der sich hoffentlich letztendlich positiv auf die dann noch erhaltenen Altstadtbauten auswirkt.

  • @ Frankfurter:
    Was du von der Situation der Altstadt vor 1944 schilderst, ist auch relativ typisch für die meisten Altstädte europäischer Großstädte im Mittelmeerraum (Italien, südliches Frankreich, Spanien).
    In Süditalien (Palermo, Neapel) stellt sich die Lage sogar bis heute genau so dar: das Stadtzentrum hat sich im späten 19./frühen 20. Jahrhundert in Bereiche außerhalb der Altstadt verlagert (meist am Rand der Altstädte), während die Altstädte immer noch Arme-Leute-Viertel sind.


    In Deutschland ist sicher Frankfurt vor dem Krieg das beste Beispiel für eine solche Entwicklung. Weitere Beispiele waren wohl Hannover, Bremen, Stuttgart und teilweise Nürnberg und Köln.
    Andere Städte, allen voran Leipzig, Berlin und Hamburg beschritten dagegen sozusagen den "Pariser Weg", die Altstädte durch viele Abrisse und Ersetzung mit Gründerzeitbauten groflächig "umzubauen".


    Bei all dem darf man allerdings nicht übersehen, daß schon in den 20'iger und 30'iger Jahren ein Umdenken im Hinblick auf die Altstädte einsetzte - siehe die langsam einsetzenden Altstadtsanierungen in Stuttgart, Köln, Nürnberg und eben auch Frankfurt.

  • Quote from "Philon"


    Bei all dem darf man allerdings nicht übersehen, daß schon in den 20'iger und 30'iger Jahren ein Umdenken im Hinblick auf die Altstädte einsetzte - siehe die langsam einsetzenden Altstadtsanierungen in Stuttgart, Köln, Nürnberg und eben auch Frankfurt.


    ...das bezweifle ich! Ich habe einen "Fremdenführer" für die Stadt Stuttgart aus dem Jahr 1933. Darin wird ganz selbstvertändlich über die geplanten Abrisse der Altstadt berichtet, um "Modernem" Platz zu machen.(Vielleicht wollte man sich so bei den damaligen Besuchern Stuttgarts für die oft "schmuddeligen" Häuser entschuldigen?)
    Na ja, der Bombenkrieg hat dann das für die erledigt - aber für's Alte war man damals schon nicht.

    Der Tiefpunkt der Baukultur wurde in den 60er und 70er Jahren des 20sten Jahrhunderts erreicht...

  • Was Dänemark betrifft, gab es erst Anfang der 80er ein Umdenken. In Odense (drittgrösste Stadt) wurde der Älteste Teil der Altstadt um 1970 abgerissen (auch Mittelalterliche Häuser). Die letzten grossen Abrisse fanden 1984 statt. In Kopenhagen ging es bis 1975 heftig zu, danach wurde aber viel restauriert. Vor 2 Wochen wurde leider wieder ein Barockhaus abgerissen. In ganz Dänemark gibt es sehr wenige Städte, die nicht von grössere Abrissen getroffen wurden: vor allem Helsingør, Ribe, Faaborg, Haderslev, Tønder, Køge und Assens. Diese Städte haben aber max. 30000 EW, Assens und Tønder etwa 10000.

    Unsere große Aufmerksamkeit für die Belange des Denkmalschutzes ist bekannt, aber weder ökonomisch noch kulturhistorisch lässt es sich vertreten, aus jedem alten Gebäude ein Museum zu machen. E. Honecker

  • Frankfurter

    Code
    In der Achtzigern wurde beispielsweise versucht, das Rotlichtviertel in den östlichen Teil der Innenstadt umzusiedeln, was eben an seiner 'gewachsenen' Struktur scheiterte.


    Das trifft aber nicht auf die Breite Gasse zu :zwinkern:


    Quote

    Trotzdem gibt es noch immer kleinteilige, durchmischte Strukturen (Leipziger Straße, Berger Straße usw.),


    Nun hat man meines Wissens (ich wohn' noch nicht so lange in Frankfurt) gerade in den Achtzigern versucht, die "Leipziger" mit viel Aufwand in eine attraktive Geschäftsstraße umzuwandeln. Von attraktiv kann aber auch schon keine Rede mehr sein: Viele Geschäfte mussten wieder schließen, Ramsch & Co hielten Einzug und einkommensstarke Bürger zogen wieder weg, einkommensschwache nach. Dass die einst nahegelegene Uni in Bockenheim umgezogen ist und das TAT geschlossen wurde, wird an der Situation nicht viel ändern.


    Quote

    Während Sachsenhausen ein funktionierender Stadtteil ist, geht es mit der Sachsenhäuse Altstadt weiter bergab.


    Vielleicht sind dies die gleichen Symptome, die du bei der Frankfurter Altstadt vor 1944 ausgemacht hast, wobei Alt-Sachsenhausen in seiner Funktion als Vergnügungsviertel stark leidet.



    Philon

    Quote

    In Deutschland ist sicher Frankfurt vor dem Krieg das beste Beispiel für eine solche Entwicklung. Weitere Beispiele waren wohl Hannover, Bremen, Stuttgart und teilweise Nürnberg und Köln.
    Andere Städte, allen voran Leipzig, Berlin und Hamburg beschritten dagegen sozusagen den "Pariser Weg", die Altstädte durch viele Abrisse und Ersetzung mit Gründerzeitbauten groflächig "umzubauen".


    Und warum war das so? Ein paar Gedanken meinerseits: Ich denke, es lag weniger daran, dass Städte wie Nürnberg oder Frankfurt geschichtsbewusster mit ihren Altstädten umgingen als Hamburg, Berlin oder Leipzig, als vielmehr daran, dass letztgenannte im 19 Jhd. sich viel dynamischer entwickelten als alle anderen. Während der (wirtschaftliche sowie gesellschaftliche) Aufstieg in Frankfurt, Nürnberg oder Stuttgart erst in der Nachkriegszeit seinen Höhepunkt fand (was man ja auch deutlich an der Nachkriegsarchitektur ausmachen kann), hatten Hamburg und Berlin diesen Aufstieg bereits in der Kaiserzeit gehabt. Und Leipzig sowieso.


    Hinzu kommt, dass Hamburg 1842 durch den "großen Brand" bereits zu einem Drittel zerstört wurde und Leipzig für seine prosperierende und aus allen Nähten platzende Mustermesse zahlreiche Messehäuser in die kleinteilige Altstadt hineinbaute.

  • Für Nürnberg korrigiere ich insofern, als sowohl weniger dynamische Entwicklung als auch höheres Geschichtsbewußtsein zutreffen.


    Es stimmt zum einen nicht, daß Nürnbergs Aufschwung erst in der Nachkriegszeit seinen Höhepunkt erreichte. Vielmehr ist der Aufschwung im 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung zu sehen. Nürnberg galt damals als das industrielle Herz Bayerns. Allerdings war die städtebauliche Entwicklung nicht weltstädtisch. Auch gab es wohl keinen so großen Anteil reicher Bürger, sondern viel mehr Arbeiter. Deswegen waren die Gründerzeithäuser im Durchschnitt vergleichsweise gemessenen Formates. Der in den 1920er Jahren erarbeitete Generalverkehrsplan ging noch von einem zügigen Wachstum auf 700.000 Einwohner aus - heute sind es, vornehmlich kriegsbedingt, erst ca. 500.000.


    Tatsächlich hat es aber erhebliche Auseinandersetzungen um den Umgang mit der Altstadt gegeben. Nicht nur die Stadtmauerfrage, sondern generell die Frage nach dem richtigen "Baustyl" blieb bis nach der Jahrhundertwende virulent. Bemerkenswert ist dabei die Entwicklung des sogenannten "Nürnberger Stils", der aber nur an wenigen Stellen konsequent zur Verwirklichung kam.
    Ein Faktor für das erhöhte Geschichtsbewußtsein war, daß Nürnberg durch den Verlust der reichsstädtischen Eigenständigkeit 1806 einen (effektiv eher psychologischen) Bedeutungsverlust erlitten hatte; durch den wirtschaftlichen Aufschwung kamen Tendenzen auf, wieder nahtlos an alte reichsstädtische Herrlichkeit anzuknüpfen.


    Wer mehr darüber lesen will, dem empfehle ich wärmstens:


    Brix, Michael: Nürnberg und Lübeck im 19. Jahrhundert. Denkmalpflege - Stadtbildpflege - Stadtumbau, München 1981


    Das Buch wurde vor einigen Jahren wieder aufgelegt.

  • > Das trifft aber nicht auf die Breite Gasse zu


    Das verstehe ich nicht ganz. Es ist doch gerade das Ergebnis der versuchten Umsiedelung, daß es jetzt anderthalb Rotlichtviertel gibt, die man beide loswerden will. Dabei ist die Reeperbahn in Hamburg eine Touristenattraktion, ich sehe nicht warum man das Bahnhofsviertel nicht auch mit Rotlichtbezirk aufwerten könnte.


    > Von attraktiv kann aber auch schon keine Rede mehr sein


    Seit einigen Jahren bessert sich die Lage auf der Leipziger wieder, man findet alteingesessene Kaffeeröstereien neben autonomen Jugendzentren neben Ramschläden neben Feinkostgeschäften neben türkischen Gemüsehändlern. Der IG-Farben-Campus ist von Bockenheim zehn Minuten zu Fuß entfernt und die Studenten werden wohl nicht alle ins Westend umziehen können. Es ist eher zu befürchten daß wenn das alte Unigelände zur Bürowüste wird die bereits stattfindende Gentrifizierung Bockenheims fortschreitet, und dann ist Schluß mit Urbanität.


    > Während der (wirtschaftliche sowie gesellschaftliche) Aufstieg in Frankfurt, Nürnberg oder Stuttgart erst in der Nachkriegszeit seinen Höhepunkt fand


    Eine Ursache dafür ist, daß die Machtaber des Zweiten und Dritten Reichs die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Bedeutung Frankfurts bewußt zu zerschlagen versuchten, eine Tatsache von der nicht zuletzt die Entwicklung Leipzigs stark profitiert hat, so wie Frankfurt nach dem Krieg wiederum von der Teilung und dem damit verbundenen Bedeutungsverlust Leipzigs profitiert hat. Trotzdem hat auch Frankfurt am Boom der Gründerjahre teilgehabt, wie man etwa an der kompletten Neubebauung von Hauptwache, Zeil und Roßmarkt im Zeitraum von 1880-1910 sehen kann. Die Frankfurter Innenstadt ist allerdings größer als die Leipziger, die Altstadt befindet sich bis heute in einer Randlage und war und ist daher dem Investitionsdruck der Geschäftsviertel nicht ausgesetzt.