Denkmalpflege Student

  • Das sehe ich genauso! Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum der Denkmalschutz so oft - berechtigterweise - in der Kritik steht. Ich denke, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis endlich einmal ein paar weitsichtigere und charismatischere Professoren an das Ruder kommen, die diese Irrthesen in Frage stellen.

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • "aber bei den modernen Rekonstruktionen, bei denen vor einen Betonkern die Fassaden nur vorgehängt oder Holzbretter vorgeklebt werden, geht es doch nicht um künstlerisches, sondern bloß darum, möglichst billig zu bauen und den Leuten was fürs Auge zu bieten."


    Häufig erzwingen doch die Bauvorschriften eine solche Bauweise, da beispielsweise die Anforderungen an die Wärmedämmung anders gar nicht zu erfüllen wären.


    Außerdem gibt es auch genug Neubauten, die gar nicht vorgeben, ein altes Gebäude zu imitieren (sondern bauhausmäßig karg gestaltet sind), bei denen eine andere Fassade vorgeblendet wird:


    Ich konnte dies beim Neubau des Viertels "Scharnhäuser Park" hier vor Ort genau beobachten. Es gibt:


    Putz (allgemein üblich), Klinkerimitat, vorgeblendete Steinplatten und sogar Holz (oder Holzimitat? wie am "Hotel am Park"). Ist das dann bei Neubauten auch "verboten", und sind somit graue Plattenbausiedlungen wie Gorbitz das Nonplusultra? Aber halt - der Betonklotz-Neubau im 20er Jahre Bauhausstil ist ja ein Original und darf das - außen Holz und innen Beton. Oder?

  • Quote from "jojojetz"

    Wie ich schon mal sagte sind für mich "Authenzität" und "originale Substanz" die dümmlichsten Argumente gegen Rekonstruktion, wenn die Rekos mit den Originalmaterialien ausgeführt sind.


    Wer damit argumentiert, soll bitte dann auch Rom als Disneyland bezeichnen, denn auch hier wurde ständig nachgebildet und umgeformt. Der Engel auf der Engelsburg ist z.B. ein Abguß (Authenzität?) und vor die Kirche St. Paul vor den Mauern stellte man dann im Barockzeitalter eine Barockfassade, was demnach reiner Fassadismus/Disneyland ist. Überhaupt wurden zahlreiche Bauten in aller Welt zigmal zerstört und zigmal genauso wieder aufgebaut.


    Aber Herr Dehio sagt ja, das ist in der Neuzeit nun verboten. Und was Herr Dehio sagt, glaubt der brave Student, denn Herr Dehio ist unfehlbar.
    :gehtsnoch:
    Ich kenne viele gläubige Katholiken, aber diese sind doch wenigstens meistens in der Lage, ihre Dogmen kritisch zu hinterfragen, die Denkmalpflege scheint mir da verkrampfter zu sein. Und vor allem kommt es mir manchmal so vor, als wären Architekten und Denkmalpfleger ziemlich undemokratische Berufe, denn der Wille der Bürger interressiert ja nicht.


    Die Barockisierungen sind ja nun aber mal ganz was anderes! An- und umgebaut oder verändert wurde immer und wird auch immer. Das geschah aber in der jeweils modernen zeitgemäßen Form ohne irgendetwas vorzutäuschen. Keiner wäre im Barock auf die Idee gekommen sich ein romanisches Haus zu bauen. Wenn heute ein Gebäude angebaut wird dann geschieht dies ja auch im Stil des Jahres 2006 und nicht 1706 oder 1606. Als sich die Gotik durchsetzte wurde das -wie so manch andere neue Ideen- von einigen abgelehnt, war ja auch ein deutlicher Bruch im vergleich zu den bewährten romanischen Bauwerken.


    Es geht ja auch gar nicht darum, dass nichts wiederaufgebaut werden soll, sondern, dass es möglichst originalgetreu wiederhergestellt werden müsste. Wenn keine Originalsubstanz mehr da ist zum aufbauen wird eben neu gebaut und zwar so wie im 21. Jahrhundert und nicht wie im 16. Jahrhundert!


    Dehios Theorien sind außerdem längst nicht mehr "Gesetz" an den Unis. Vielmehr versteh es sich für die meisten Studenten von selbst, dass die Originalsubstanz das wichtigste überhaubt ist und ein Denkmal erst interessant macht. Ansonsten kann man ja gleich eine Leinwand mit der alten Fassade draufgedruckt vor die Häuser hängen.


    memet: Deine Signatur spricht schon Bände aber bevor du eine ganze Berufsgruppe als Sekte bezeichnest könntest du dich wenigstens etwas mit Architektur auseinandersetzen

  • Quote

    Wenn keine Originalsubstanz mehr da ist zum aufbauen wird eben neu gebaut und zwar so wie im 21. Jahrhundert und nicht wie im 16. Jahrhundert!


    Aha, also grundsätzliche keine Rekonstruktionen.
    Dazu nur drei Punkte:


    1.) was verstehst du eigentlich unter "Originalsubstanz" und warum soll das Fehlen von "Originalsubstanz" einer Rekonstruktion prinzipiell im Wege stehen? Ist das nicht eine arge Fetischisierung der kruden Materie gegenüber dem, was ein Bauwerk, ein Ensemble, eine Stadt eigentlich und wesenhaft ausmacht: gegenüber dem Geist nämlich?! Und wieviel "Originalsubstanz" muß denn erhalten sein?: reicht ein Stein, müssen es zwei sein oder doch vielleicht zehn? Müssen sie noch zusammengefügt sein oder dürfen sie auch einzeln rumliegen? Kurzes Fazit: "Originalsubstanz" ist wichtig, aber kein Argument gegen Rekonstruktionen.


    2.) Daß "früher" nach Zerstörungen neu gebaut und nicht rekonstruiert wurde ist erstens falsch (siehe das Gebäude des Senats auf dem Forum Romanum, das die dutzendste antike (!) Rekonstruktion des ursprünglichen Senatsgebäudes aus dem 2.-3. vorschristlichen Jahrhundert ist - das wurde nämlich nach jeder Zerstörung und jedem Stadtbrand originalgetreu rekonstruiert) und zweitens kein Grund heute nicht zu rekonstruieren. "Frühere" Zeiten hatten eben kein Geschichtsbewußtsein wie unsere, noch haben sie wie wir eine fast komplette Zerstörung fast ihres gesamten kulturellen Erbes erfahren.


    3.) Zum dritten begehst du einen typischen Denkfehler, wie ich ihn auch in dem von mir verlinkten Artikel geschildert habe: Nehmen wir mal an, ein Wahnsinniger hätte den "David" von Michelangelo zertrümmert und ein Bildhauer erhielte den Auftrag, nach den vorhandenen Fotos und Vermessungen eine exakte Kopie herzustellen, damit spätere Generationen wenigstens im Abglanz der Kopie noch die Größe und Schönheit dieses Werkes bewundern können. Würde der beauftragte Bildhauer sich nun mit dem Argument weigern, das sei "unzeitgemäß", heutzutage könne man nicht mehr "im Stil der Renaissance bildhauern", so hätte er damit zwar recht, er würde aber eigentlich nur zeigen, daß er den Sinn des an ihn ergangenen Auftrags überhaupt nicht verstanden hat. Denn der Sinn dieses Auftrags besteht ja gerade nicht darin, ein "zeitgemäßes" Kunstwerk zu schaffen, sondern darin, ein durch Barbarei zerstörtes Kunstwerk der Renaissance im Abglanz einer Rekonstruktion wiedererstehen zu lassen.


    Genau so wie dieser hypothetische Bildhauer verstehst du offenbar, wie deine Äußerung zeigt, nicht einmal ansatzweise, worum es bei Rekonstruktionen eigentlich geht: nicht darum, in einer Art Neohistorismus im Stil z.B. des 16. Jahrhunderts zu bauen, sondern um das Wiedergewinnen des durch Barbarei vernichteten kulturellen Erbes z.B. des 16. Jahrhunderts!


    P.S.: wie wär's eigentlich mal mit einer Erwiderung auf die Argumentation von baukunst-nbg?

  • Quote from "Studi"


    memet: Deine Signatur spricht schon Bände aber bevor du eine ganze Berufsgruppe als Sekte bezeichnest könntest du dich wenigstens etwas mit Architektur auseinandersetzen


    Lieber Studi, ich habe Mitte der 80-er 3 Semester Architektur studiert.
    Leider musste ich feststellen, dass die Wörter "Ästhetik", "Kreativität" oder "Kunst" kaum Bestandteile dieses Studiums waren, sondern "Statik", "Baustoffkunde" etc. Ich habe dann entnervt gewechselt, mein Designstudium absolviert und bin froh, dass man in diesem "Gewerbe" noch etwas mehr Wert auf die mir wichtigen Aspekte legt...
    Vielleicht hat sich das Ganze ja zwischenzeitlich abgeschwächt, und auch wenn Deine Meinung vielleicht nicht repräsentativ für die heutige "Architektengilde" ist, fürchte ich, dass sich die Zustände kaum verändert haben. Sonst würde man ja nicht so viel "Schrott" bauen...
    Sorry, mit "Sekte" wollte ich nur "etwas zynisch" auf die unnachgiebige und rechthaberische Art der "Architektenausbilder" hinweisen, die auch ich kennengelernt habe. Die Bauhaus-Vorgaben scheinen ja hier eine Art Bibel zu sein.
    Sollte keine Beleidigung sein!

    Der Tiefpunkt der Baukultur wurde in den 60er und 70er Jahren des 20sten Jahrhunderts erreicht...

  • Quote from "memet"

    Lieber Studi, ich habe Mitte der 80-er 3 Semester Architektur studiert.
    Leider musste ich feststellen, dass die Wörter "Ästhetik", "Kreativität" oder "Kunst" kaum Bestandteile dieses Studiums waren, sondern "Statik", "Baustoffkunde" etc. Ich habe dann entnervt gewechselt, mein Designstudium absolviert und bin froh, dass man in diesem "Gewerbe" noch etwas mehr Wert auf die mir wichtigen Aspekte legt...
    Vielleicht hat sich das Ganze ja zwischenzeitlich abgeschwächt, und auch wenn Deine Meinung vielleicht nicht repräsentativ für die heutige "Architektengilde" ist, fürchte ich, dass sich die Zustände kaum verändert haben. Sonst würde man ja nicht so viel "Schrott" bauen...
    Sorry, mit "Sekte" wollte ich nur "etwas zynisch" auf die unnachgiebige und rechthaberische Art der "Architektenausbilder" hinweisen, die auch ich kennengelernt habe. Die Bauhaus-Vorgaben scheinen ja hier eine Art Bibel zu sein.
    Sollte keine Beleidigung sein!


    Wenn Du bis zum 4. Semester bzw. bis zum Hauptstudium durchgehalten hättest, wärest du vielleicht auch auf Deine Kosten gekommen.
    :zwinkern: Im Grundstudium kommt das in der Tat etwas zu kurz weil man die grundsätzlichen Dinge wie Statik oder Baustoffe erstmal verstehen muss.
    Das Bauhaus ist auch nur noch in seinen Grundideen wichtig für heutige Entwürfe

  • "Keiner wäre im Barock auf die Idee gekommen, sich ein romanisches Haus zu bauen".


    Vielleicht nicht im Barock, aber mit Sicherheit im Historismus. Auch im Klassizismus oder der Gründerzeit ging der Blick zurück. Oder von wo meinst Du, dass Schinkel seine Inspiration für seine "Tempel" bezog?


    Die Architekurrgeschichte ist dadurch geprägt, dass man mal neues ausprobierte, mal aber auch auf bewährte Formen zurückgriff. Ohne jeden Bezug zur Vergangenheit hat man nie gebaut.


    Abgesehen davon kenne ich gerade (ich wohne auf dem Land, bzw. Kleinstadt) in Südbayern eine Fülle von Neubauten, die in historischer Weise mit Ziegeln, Lisenen, Schindeldächer und alles was dazugehört errichtet werden. Nimmt man dann noch dazu, dass zu unserer Zeit eine ganze Reihe Altstädte (Warschau, Danzig), sowie wohl jedes zweite Denkmal das Du in unseren Großstädten siehst, Rekonstruktionen sind, dann komme ich zu folgendem Ergebnis:


    Wir haben nicht nur das Zeitalter der Moderne, sondern auch das Zeitalter der Rekonstruktion. Unser Zeitalter ist von diesen zwei gegensätzlichen Strömungen geprägt und die Rekonstruktion ist etwas speziell für diese Zeit typisches, das es vorher noch nicht in dieser Häufung gab und das zutiefst authentisch für unsere Epoche und deren Willen zur Widergewinnung der architektonischen Wurzeln ist.


  • Das ist alles richtig und wie gesagt ich hab auch nichts gegen Rekonstruktionen - nur eben nicht um jeden Preis und nicht nur als Fassade.

  • "Keiner wäre im Barock auf die Idee gekommen sich ein romanisches Haus zu bauen"


    OK - der Münchner Königsplatz wurde vermutlich auch vor 2000 Jahre von den alten Griechen erbaut, weil ja sonst niemand auf die Idee gekommen wäre, so etwas zu bauen... aber im Ernst:


    Was mich an dieser "Argumentation" auch immer stört, ist dieses mechanistische Verständnis von Stilepochen - als sei plötzlich mit einem bestimmten Stichtag gesetzlich ein neuer Baustil vorgeschrieben worden, an den sich angeblich alle zu halten haben, bis dann 70 Jahre später der nächste Stil einfach so kommt und wieder verbindlich wird.


    Fakt ist doch - prinzipiell kann jeder das bauen, was er will. Irgendwann kommt eine Mode auf, ein Trend, dem viele folgen, aber nicht alle. Oder wurde mal weltweit im Jugendstil gebaut?


    Gilt auch für die Musik - oder sind Gitarrenbands heute "verboten", weil "man" heute nur noch Trance oder House hört?


    Davon abgesehen (und wie schon gestern erwähnt): was mich an diesem mechanistischen Verständnis ebenfalls stört, ist das Fehlen einer ästhetischen Gesamtperspektive.


    Wenn also in einer städtebaulichen Struktur durch Zerstörungen einzelne Breschen geschlagen wurden, dann "muß" also "zeitgemäße" Architektur dort entstehen, damit es "transparent" und "ehrlich" ist.


    Was dabei offensichtlich überhaupt nicht interessiert, ist der Gesamteindruck, der dabei entsteht. Hier ein altes Bürgerhaus, dort ein entstuckter Gründerzeitbau, dazwischen ein 60er Jahre Betonbauwerk und gegenüber ein aktuelles Glasbauwerk.


    Sieht zwar übel aus, ist aber offentlich "ehrlich", weil ja ersichtlich ist, daß es Zerstörungen und "geschichtliche Ereignisse" gab, "man die einzelnen Epochen ablesen kann" (um mal den ehemaligen Baubürgermeister Just zu zitieren).


    Ich frage mich nur, wozu diese vermeintliche Transparenz gut sein soll? Was habe ich davon, wenn ich am Stuttgarter Marktplatz die Entstehungszeitpunkt der einzelnen Gebäude abschätzen kann (vielleicht mit Ausnahme des Breuninger-Bunkers, bei dem ich auf eine Luftschutzeinrichtung getippt hätte), wenn das Gesamtergebnis einfach nur noch gruselig ist?

  • "Wenn also in einer städtebaulichen Struktur durch Zerstörungen einzelne Breschen geschlagen wurden, dann "muß" also "zeitgemäße" Architektur dort entstehen, damit es "transparent" und "ehrlich" ist."


    Ja, nach meiner Auffassung ist das richtig und den entstehenden Kontrast finde ich auch sehr ansprechend


    "Hier ein altes Bürgerhaus, dort ein entstuckter Gründerzeitbau, dazwischen ein 60er Jahre Betonbauwerk und gegenüber ein aktuelles Glasbauwerk. "


    Diese Mischung wäre der Idealfall, solange keines davon zu stark aus der Rolle fällt oder ungewollt den Platz dominiert


    "Sieht zwar übel aus, ist aber offentlich "ehrlich", weil ja ersichtlich ist, daß es Zerstörungen und "geschichtliche Ereignisse" gab, "man die einzelnen Epochen ablesen kann" (um mal den ehemaligen Baubürgermeister Just zu zitieren)."


    Sieht nicht übel aus, sondern macht einen Ort interessant

  • @ Studi:


    Nochmals, du hast durchaus meinen Respekt dafür, dass du hier ganz allein eine im Forum "unpopuläre" Meinung vertrittst (wodurch sie natürlich nicht richtiger wird). :gg:
    Allerdings machst du es dir insofern einfach, als dass du auf die bisher plausibelsten und stichhaltigsten Argumente, die vorgebracht wurden, gar nicht erst eingehst, sondern sie ignorierst.


    Sei's drum. Ich möchte aber nochmal auf einen Punkt zurückkommen, den du am Anfang geäußert hast, denn er erscheint mir nicht ganz logisch:



    Quote

    Mit "ehrlichen Materialen" meinte ich nicht dass einige schlechter oder billiger sind, sondern dass man sie zeitgemäß und sinnvoll verwendet.
    Zíegel z.B. wurden häufig -in dem Fall "ehrlich"- im Historismus eingesetzt, dort bestehen Mauern, Tragwerk und Decken (als Gewölbe oder Bögen) aus Ziegeln und das spiegelt sich in der Fassade mit allen Gesimsen und Ornamenten wieder. Man sieht dem Bau seine Konstruktion an, aus der sich auch die Gestaltung ergibt.
    Bei einem modernen Bau aus Stahlbeton oder einem Einfamilienhaus von der Stange sind die Ziegel nur als "Tapete" verwendet und gaukeln dem Betrachter vor, er hätte ein Ziegelgebäude vor sich.


    Mooooment... gerade Gebäude aus der Zeit des Historismus, die du als "ehrlich" lobst, und die, wie du selbst sagst, aus Ziegeln bestehen, gaukeln doch unter Umständen, wenn sie z. B. sandsteinverkleidet sind, auch dem Betrachter etwas vor...

  • Quote

    "Sieht zwar übel aus, ist aber offentlich "ehrlich", weil ja ersichtlich ist, daß es Zerstörungen und "geschichtliche Ereignisse" gab, "man die einzelnen Epochen ablesen kann" (um mal den ehemaligen Baubürgermeister Just zu zitieren)."
    Sieht nicht übel aus, sondern macht einen Ort interessant


    Interessant ist eine Stadt, wenn in ihr all die Jahrhunderte alteuropäischer Geistes- und Kulturgeschichte steingewordene Gegenwart sind (und zwar nicht nur in einigen "bedeutenden Einzelbauwerken", sondern als wirkliches Stadtgefüge), die ihre Identität und ihr Wesen ausmachen.
    Nicht, wenn - wie in deinem Idealbild von einer Stadt - zu 95% nur die letzten 50 Jahre Baugeschichte präsent sind.
    An den deutschen Nachkriegsstädten kann man von deren Geschichte praktisch gar nichts mehr ablesen außer den Zerstörungen im 2. Weltkrieg.
    Und warum soll ich vor denen bitte schön Respekt haben, warum soll ich die bitte für heilig und unantastbar erklären wie es die Dogmatiker vom Denkmalschutz tun - "Oh heilige Zerstörung, wir beten dich an, oh heilige Zerstörung, wir glauben an dich, unantastbar sollst du sein, auf keinen Fall zurückgenommen sollst du werden." Pseudoreligiöser Quatsch!
    Sollen wir unsere Städte denn bis in alle Ewigkeit in Mahnmale der Kriegsverbrechen Churchills und der Royal Air Force verwandeln? Solche Mahnmale gehören nach Großbritannien, nicht hierher!


    Ich würde mal einen längeren Studienaufenthalt in Italien empfehlen, um ein Verständnis davon zu entwickeln, was die europäische Stadt als solche ausmacht. Im heutigen Hildesheim kann man das in der Tat nicht lernen.


    Quote

    Das ist alles richtig und wie gesagt ich hab auch nichts gegen Rekonstruktionen - nur eben nicht um jeden Preis und nicht nur als Fassade.


    Das klang einige postings vorher aber noch ganz anders. Da hast du Rekonstruktionen, bei denen keine "Originalsubstanz" mehr vorhanden sind (also die Rekonstruktionen im eigentlichen Sinn) noch kategorisch abgelehnt:

    Quote

    Wenn keine Originalsubstanz mehr da ist zum aufbauen wird eben neu gebaut und zwar so wie im 21. Jahrhundert und nicht wie im 16. Jahrhundert!


    So schnell kann man seine Meinung ändern. :grinsenlachen:


    P.S.: ein Eingehen auf die eigentlichen Argumente wäre trotzdem schön

  • Studi


    "Ja, nach meiner Auffassung ist das richtig und den entstehenden Kontrast finde ich auch sehr ansprechend"


    OK- ich gebe mich geschlagen. Stimmt eigentlich alles - ich sehe jetzt Stuttgart auch mit ganz anderen Augen. Nur Schloßplatz und Schillerplatz müßten noch modern und zeitgemäß bebaut werden :gg:


    Es gibt in der Tat auch gelungene Beispiele für ein harmonisches Nebeneinander von alt und neu wie auf folgendem Bild:



    Alte Architekturbrillanz der sechziger Jahre im Hintergrund, Gebäude der siebziger (oder achtziger?) Jahre links von den bewährten Altmeistern und ganz neu rechts mal was vom zeitgenössischen Spitzenkönner. Inspirierend und erfrischend. Auch der interessante Kontrast zwischen dunkel-, mittel- und mitteldunkelgrauem Beton und hellgrauem Boden überzeugt.


    Sogar die Materialehrlichkeit des Bodens ist OK - war nicht nur billig, sondern sieht auch billig aus. Sogar zeitliche Tiefe ist in Pflaster (im wahrsten Sinne des Wortes - nach wenigen Monaten mit zentimetertiefen Löchern) zu erkennen. Nur die Transparenz läßt zu wünschen übrig - angesichts der Risse in den zwischenzeitlich gesprungenen und daher gesperrten Glasplatten am Boden.


    Ich kann jetzt leider für einige Stunden nicht mehr posten, weil ich erst die hohe Aufenthaltsqualität dieses Ensembles vor Ort auf mich wirken lassen möchte! Oder ich blogge live über Smartphone vom Ort des Architekturgeschehens weiter!

  • :totlachen: :daumenoben:

    Eine der vorzüglichsten Eigenschaften von Gebäuden ist historische Tiefe.
    Die Quelle aller Geschichte ist Tradition. (Schiller)
    Eine Stadt muss ihren Bürgern gefallen, nicht den Architekten.

  • Mein Gott - was für ein "Aushängeschild" für Stuttgart. Schämen sich die Macher dieser monströsen Bauten nicht, den Leuten so einen Anblick zuzumuten? Und so einem Platz will man mit Cafés und flanierenden Menschen "Leben einhauchen"? Ich glaube eher, dort wird dieselbe gähnende Leere vorherrschen, die man mit dem Abbruch des kleinen Schlossplatzes
    beenden wollte...

    Der Tiefpunkt der Baukultur wurde in den 60er und 70er Jahren des 20sten Jahrhunderts erreicht...

  • 1.

    Quote from "Studi"

    Keiner wäre im Barock auf die Idee gekommen sich ein romanisches Haus zu bauen.


    Auch ich möchte dazu noch etwas sagen: der Barock bediente sich ja auch der antiken Formensprache und schaffte es, durch den kreativen Umgang damit und dem zeittypischen Selbstverständnis einen charakteristischen Stil zu bilden. Barock entstand nicht durch brutalen Bruch mit der Tradition wie die Moderne, sondern durch Fortentwicklung. Daher eignet sich ein Vergleich meines Erachtens nicht. Auch sind im 30jährigen Krieg total niedergebrannte Orte mehr oder weniger im Stadtbild ähnlich wie sie vorher waren wieder aufgebaut worden.


    2.
    Neubauten in Denkmal-Breschen:
    Man kann nicht pauschal behaupten, daß jeglicher Kontrast zwischen neu und alt per se ansprechend ist. Es kommt immer darauf an, wie es aussieht. Die Denkmalpflege wird mir was pfeifen, wenn ich in einem Ensemble einen perfekten Würfel bauen möchte (Ausnahmen, besonders bei Großprojekten, nehme ich mal aus).
    Angenommen, es wäre nach der architektonischen Lehre einzig richtige Lösung diesen kompromißlosen Hardcore-Würfel zu bauen; rechts und links Fachwerkbauten aus dem 16. Jh. Schöner Kontrast, denken sich Architekten, sicher; aber nur, wenn man die Altbauten als Staffage für den Neubau ansieht, die diesen durch den Kompromiß gut aussehen lassen. Die Aussage des Ensembles wäre äußerst stark gestört.


    Andererseits wäre es auch von Denkmalpflegern vertretbar, das ursprüngliche Haus wieder aufzubauen, wenn die Grundsätze dafür erfüllt sind, v. a. Dokumentation, Methode, Situation. Das wäre die andere konsequente Lösung.


    Da beides meist nicht möglich ist, muß man meist einen Kompromiß wählen. Das ist grundsätzlich nicht schlimm, denn die Architektur unserer Zeit ist auch dafür da, unseren Wertvorstellungen zu entsprechen, auch wenn ihre reine Lehre dadurch gebremst wird. Solche Werte sind in der Denkmalpflege enthalten; diese möchte z. B. den Eindruck von Denkmälern und Ensembles bewahren. Daher ist es für mich schon nicht unehrlich, wenn in einer Altstadt kein Flachdach gebaut wird, sondern eben ehrlich, weil es nur so der Bejahung des Denkmalschutzgedankens entspricht.


    Studi hat ja selbst erkannt:


    Quote

    Diese Mischung wäre der Idealfall, solange keines davon zu stark aus der Rolle fällt oder ungewollt den Platz dominiert


    Daraus lese ich, daß eben die Rücksichtnahme auf die Denkmäler allem voransteht; und die - anspruchsvolle - Rekonstruktion ist dabei, da am ehrlichsten, der Königsweg.


    Und nochmals: für einen Ort genügt es nicht, wenn er in irgendeiner Weise "interessant" ist; das ist wohl zu wissenschaftlich-theoretisch und zu museal gedacht.


    3.
    Die Diskussion ist ja ganz schön dynamisch geworden. Aber ich habe das Gefühl, daß sich doch etwas aufeinander zu bewegt. Oder irre ich mich da?

  • Quote from "Restitutor Orbis"

    @ Studi:


    Nochmals, du hast durchaus meinen Respekt dafür, dass du hier ganz allein eine im Forum "unpopuläre" Meinung vertrittst (wodurch sie natürlich nicht richtiger wird). :gg:



    Vielen Dank! :gg:
    Allerdings halte ich meine Meinung für richtig, oder zumindest für "richitger". Und unpopulär ist sie auch nicht, wenn einige meiner Kommilitonen, die Architekur ohne den Zusatz Denkmalpflege studieren, hier ihre Meinung kundtun würden, dann wäre ich der größte Anhänger von Fassadenrekonstruktionen :zwinkern:
    Bei Besuchen in Celle und Lüneburg empfanden auch 2/3 der Studenten die Altstadt als beengend und langweilig, was mir zweifellos nicht so ging.

  • Quote

    Bei Besuchen in Celle und Lüneburg empfanden auch 2/3 der Studenten die Altstadt als beengend und langweilig, was mir zweifellos nicht so ging.


    Oh je, mir schwant gar Greusliches für Zeiten, in denen die das Bild unserer Städte prägen wollen. Da wundert einen wirklich nicht mehr, was in Frankfurt gerade passiert.
    Na ja, zum Glück gib's ja noch die Bürgerinnen und Bürger der Städte ... und zum Lernen ist es auch nie zu spät.

  • Quote from "silesianospostato"


    Alte Architekturbrillanz der sechziger Jahre im Hintergrund, Gebäude der siebziger (oder achtziger?) Jahre links von den bewährten Altmeistern und ganz neu rechts mal was vom zeitgenössischen Spitzenkönner. Inspirierend und erfrischend. Auch der interessante Kontrast zwischen dunkel-, mittel- und mitteldunkelgrauem Beton und hellgrauem Boden überzeugt.


    Nun, wenn's nach dir geht, braucht man in Stuttgart ja nur ein paar Tapeten mit Motiven historischer Häuser vor die Betonklötze zu kleben, und schon bist du zufrieden, da man die Gebäude ja rekonstruiert hat :D


    Allerdings hast du da auch ein extrem hässliches Beispiel mit anspruchslosen Betonklötzen ausgesucht. Und obwohl so was nirgends schön aussehen würde, wäre das noch schlimmer, wenn man es mitten in einen intakten historischen Stadtkern gepflanzt hätte.

  • Quote

    Und obwohl so was nirgends schön aussehen würde, wäre das noch schlimmer, wenn man es mitten in einen intakten historischen Stadtkern gepflanzt hätte.


    Keine Bange: etwas, das auch nur im entferntesten an einen intakten historischen Stadtkern erinneren würde, gibt's in Stuttgart dank USAF und RAF seit 61 Jahren nicht mehr. Besteht also keine Gefahr.