Leipzig - Innenstadt

  • Der Hotelneubau am Burgplatz stellt einen Höhepunkt in der bemerkenswerten neuen Entwicklung dar, Gebäude wieder mit Skulpturen zu schmücken. Einige weitere Fälle möchte ich hier vorstellen. (...)

    Im Gespräch sind ja auch vier neue Figuren für das Stadthaus in Halle (Saale). Allerdings ist der letzte, mir bekannte, Zeitungsbericht von September 2018.


    https://www.mz-web.de/halle-sa…-sockeln-stehen--31219384

  • Das finde ich nicht. Man beachte den Übergang von Fassade zum Dachgeschoss: Eine deutliche Verschlechterung, vorher ein harmonischer Übergang und jetzt plump aufgesetzt mit riesigem Überstand und so gut wie keinem Abstand zu den Fenstern unter der Traufe. Die Proportionen stimmen nicht mehr. Generell natürlich trotzdem einer der besseren Neubauten der letzten Jahre.

    Gegenüber der Visualisierung wurden die Figuren der unteren Reihe eine Etage höher gesetzt. Das ist eine Verbesserung, da die Teile des Figurenzyklus so dichter zusammenstehen. Außerdem wurde auf das "durchlaufende Geländermotiv" im zweiten Obergeschoss verzichtet, was ich mit Blick auf die Systematik der eingesetzten gestalterischen Mittel besser finde. Das Geländer ergab keinen rechten Sinn, weder funktional noch als fassadengliederndes Element. Sockelzone und Hauptzone der Fassade sind bei dem realisierten Bau deutlich voneinander abgesetzt.


    Das Geländermotiv des zweiten Obergeschosses wird in der Visualisierung beim ersten Dachgeschoss wieder aufgegriffen. Zusätzlich zeigt die Visualisierung eine Sandsteinbrüstung vor der Dachzone, aber nur im mittleren Fassadenabschnitt zum Burgplatz. Hier gilt das gleiche wie beim zweiten Obergeschoss. Das Geländermotiv ergibt funktional keinen Sinn. Die Absturzsicherung wird in Kohls Entwurf aus Glas realisiert. In der Realität sieht das übrigens sehr elegant aus. Es wirkt besser, wenn die Gestaltung von Traufkante und Dachzone über die gesamte Fassadenlänge ruhig durchläuft (wie es realisiert wurde). Zudem haben die Hotelzimmer des ersten Dachgeschosses ohne die Sandsteinbrüstung eine bessere Aussicht.


    Dein Kritikpunkt beruht auf einer Fehlinterpretation der Visualisierung. Hättest du dir die Bilder wirklich genau angesehen und auch die Texte von Kohl und mir genau gelesen, dann hättest du es erkennen können. Die Gestaltung des 5. Obergeschosses und des auskragenden Hauptgesimses wurde gegenüber dem Entwurf nicht verändert. Betrachte bitte auch die Detailbilder unten auf Kohls Seite! Die Dachzone folgt direkt auf das Gesims. Nur im mittleren Fassadenabschnitt war in der Visualisierung den Fenstern eine Sandsteinbrüstung vorgesetzt. Die Auskragung des Gesimses wurde gegenüber der Visualisierung nicht verändert. Auf der Visualisierung kommt nur die Plastizität der Fassade nicht richtig rüber. Hier hilft der Blick auf den rechten Fassadenabschnitt und das angrenzende Merkurhaus in der Markgrafenstraße. Das Merkurhaus zeichnet sich durch ein weit auskragendes Hauptgesims aus. Der Neubau schließt "nahtlos" (das schrieb ich nicht ohne Grund) an das Merkurhaus an. Die Traufkante liegt bei beiden Fassaden auf der gleichen Höhe und der Überstand ist auch gleich. Vergleiche das erste Bild auf der Seite von Kohl und das erste Bild (Gesamtansicht vom Burgplatz) in meinem Beitrag! Die vertikalen Proportionen der Fassadengliederung sind in Relation zum Merkurhaus gleich geblieben. Die Auskragung des Hauptgesimses wird vom Merkurhaus definiert. Die Visualisierung oben auf Kohls Seite ist diesbezüglich insbesondere für den linken Fassadenabschnitt nicht korrekt.


    Die Fenster des 5. Obergeschosses liegen sehr dicht unter der Traufkante. Durch eine andere Gestaltung dieses Geschosses gegenüber den darunter liegenden Hauptgeschossen vermittelt Kohl aber sehr wohl den Übergang zwischen der Hauptzone der Fassade und der Dachzone. Unter anderem sind die drei Teile der Fenster im 5. OG durch Sandsteinstäbe voneinander getrennt. In der Realität sieht das sehr elegant aus.


    Die Proportionen des gesamten Gebäudes sind absolut stimmig. Deine Einschätzung, es sei nur "einer der besseren Neubauten der letzten Jahre", finde ich etwas befremdlich in Anbetracht der Tatsache, dass du das Herrnhuter Schulhaus als Gebäude des Jahres vorgeschlagen hast - einen Bau, der die Fassade eines Nachbargebäudes kopiert, absolut schlicht ist und aus zwei Häusern besteht, die durch einen etwas plump wirkenden zweigeschossigen Übergang verbunden sind und erhebliche Diskrepanzen zwischen Innen- und Außenarchitektur aufweisen.

  • Man ist (mal) wieder vom Entwurf abgewichen. Zwar ist der Neubau immer noch besser als 95% von dem, was im ähnlichen Kontext gebaut wird, aber man hat mal wieder geglaubt man könnte noch ein bisschen mehr rausholen. Und dementsprechend wirkt die Fassade zumindest auf mich nur noch mittelprächtig. Den Übergang von Fassade und Dach hat man gestutzt und das Dach natürlich mal wieder bis zum Maximum ausgereizt. Der Entwurf von Christoph Kohl war stimmiger.

    Auch das ist nun widerlegt. Die Dachzone enthielt bereits im Entwurf von Kohl zwei Vollgeschosse. Vom Boden gerechnet hat das Gebäude acht Vollgeschosse, zwei in der Sockelzone, zwei in der Dachzone und vier in der Hauptzone. Die Fassadengliederung fügt sich in den stadträumlichen Kontext ein. Es ist auch keine Entwicklung unserer Tage, in einer dicht bebauten Stadt in die Höhe zu gehen. Ich erinnere an die Erfindung des Mansarddachs. Dieses Konzept nutzte Kohl zur Fassadengliederung. Der Bau hat natürlich kein richtiges Mansarddach oder Satteldach. Bei dem komplizierten Grundriss ginge das gar nicht. Und die Haustechnik muss auch irgendwo untergebracht werden.

  • Es ist alles nur eine Interpretation. Man kann hier nicht die Masstäbe des klassischen Bauens ansetzen - war sinngemäss die Argumentation zu der Blobel Gedächtnisfassade in Dresden. Dafür gerät hier die Argumentation etwas feinstreifig.

  • Hier könnte Dresden(und Berlin) noch viel lernen von Leipzig wie mann ansehlig und würdig Bauen kann ohne zu rekonstruieren. Vieles in Berin ist nur Raster und in Dresden nur Würfel: es soll doch endlich etwas mehr Phantasie angewendet werden.

  • (...) Dein Kritikpunkt beruht auf einer Fehlinterpretation der Visualisierung. (...)

    Diese Fehlinterpretation habe ich allerdings auch gemacht. Durch das weit auskragende Hauptgesims, liegen die oberen Figuren, je nach Stand der Sonne, teilweise im Schatten. Was auf dem Bild in Beitrag Nr. 1.261 der Fall ist, und auf der Visualisierung eben nicht. Deshalb der etwas verzerrte Eindruck. Durch die fehlende Sandsteinbrüstung über den Fenstern, sieht das Gesamtbild dann nicht mehr so stimmig aus. Es macht jetzt den Eindruck, als hätte sich jemand seinen Hut bis zu den Augen über den Kopf gezogen, sodaß man die Stirn nicht mehr sieht. Ich denke, daß das Dach der Schwachpunkt des ganzen Hauses ist. Vielleicht hätte es mit einem großen Giebel über dem Eingangsbereich besser ausgesehen?

  • Man wird diesem Gebäude nicht gerecht, wenn man nicht die bewusst modern konzipierten Details beachtet, so die eigenwilligen Dachgauben, überhaupt die Faltung des Daches, die bis zum Hauptgesims hochgezogenen Fenster. Das Gebäude lebt von der zeitgenössischen Interpretation traditioneller Formen, von der durch Widersprüchlichkeit erzeugten Spannung, die dennoch den Eindruck von Harmonie und Stimmigkeit erzeugt. Nach diesem Prinzip haben schon in früheren Jahrhunderten die großen Baumeister die Architekturentwicklung vorangetrieben, durch geringfügige Abwandlungen innerhalb eines der Tradition verpflichteten Ganzen. Somit ist das Leipziger Geschäftshaus als ein selten gewordenes Beispiel großer Architektur zu werten (was man von dem Herrnhuter Zinsendorf-Gymnasium nich behaupten kann).

  • Der Leipziger Burgplatz-Neubau hat mich schon beim Anblick der ersten Fotos nach Abbau der Gerüste nicht recht begeistert, und ich habe die hier geführte Diskussion zum Anlass genommen, mich noch einmal in die Bilder zu vertiefen und mir über den Grund klar zu werden. Das Problem sind meines Erachtens die über 2-3 Etagen gehenden vertikalen Fensterelemente mit in dunklem Metall(-anstrich) ausgeführten, wenig sichtbaren Geschossabgrenzungen. Hierdurch wird die Vertikale unnötig überbetont und es entsteht eine - für mich - störende Disharmonie in den Proportionen und Materialien.
    Beim Neubau der Alten Post in Potsdam das gleiche Phänomen der diskonkordanten Materialwahl in den Hauptgeschossen, auch hier unharmonisch und im Gesamteindruck eine Spur vulgär wirkend. Die alten Baumeister hätten so etwas niemals gemacht.


    Hier noch zwei Beispiele zur Illustration:


    2017 fertiggestellter Neubau am Potsdamer Platz/Stresemannstraße - auch hier eine unharmonische Überdominanz der Vertikalen durch die Verwendung dunkler Metallflächen in der Horizontalverkleidung der Geschossdecken. Hier wäre es besser gewesen, statt der Metallverblendungen dasselbe Werksteinmaterial zu nehmen wie für die übrige Fassade:



    Hotelbau in Charlottenburg, Straße des 17. Juni, von ca. 2000 - an sich ein wertiger Bau mit schön gearbeiteter Muschelkalkfassade. Nur zeigt sich hier ein Abfall der Gestaltungsqualität ab den Turmgeschossen durch die "Einsparung" der Natursteinverkleidung in der Horizontalen:



    Der Herrnhuter Gymnasiumsbau gefällt mir hingegen, weil er eben nicht versucht, mit den alten Baumeistern im Hinblick auf Baukunst, Harmonie und Proportionen zu konkurrieren, sondern weil er ihnen in Bescheidenheit Respekt erweist und es dabei doch sehr gut macht. Das verdient Anerkennung in unseren Zeiten.
    Und damit man mich nicht falsch versteht: ich sehe es auch so, dass der Leipziger Neubau am Burgplatz besser ist als 95-99% aller derzeit fertiggestellten innerstädtischen Neubauten in Deutschland.

    Eingestellte Bilder sind, falls nicht anders angegeben, von mir

  • Auf dem von Rastrelli für Beitrag 1.261 ausgewählten Bild ist der Kontrast zwischen dunklem Dach und Festern einerseits und heller Natursteinverkleidung andererseits sehr hart. Dadurch erschlägt das Dach die Fassade optisch. Im BKF hat Stahlbauer jüngst zwei Bilder eingestellt, die den natürlichen Eindruck an den meisten Tagen des Jahres wahrscheinlich besser wiedergeben – und schon wirkt das Gebäude deutlich harmonischer.

  • Die Fotos von Stahlbauer haben im Allgemeinen eine etwas eigenartige Farb- und Lichtabstimmung. Die Farben sind im Grunde richtig wiedergegeben und man erkennt viele Details, aber den Fotos haftet etwas Künstliches an. Das gilt auch für den von Neußer präsentierten Abload-Link. Das ist die Burgstraße, aber in Wirklichkeit ist sie schöner, nicht so trist. Die Aufnahmen von Martin Geisler, die ich oben gezeigt habe, zeichnen sich durch eine natürliche Farbstimmung aus und geben die Realität gut wieder. Aber jedes Foto ist natürlich eine Momentaufnahme, gerade mit Blick auf den Sonnenstand und das Wetter. Und jedes Foto ist nur ein Abbild, nicht die Realität selbst. Die körperliche Präsenz eines Gebäudes, seine plastischen und materiellen Details, seine Größenverhältnisse in Bezug auf den Menschen können Fotos nur näherungsweise vermitteln. Deshalb bin ich mit Urteilen nur aufgrund einiger Fotos immer zurückhaltend. Und wenn ich mich für bestimmte Gebäude oder Plätze einsetze, die im Forum teilweise auf Ablehnung stoßen, so ist das durch gute Ortskenntnis abgesichert.


    Das auskragende Hauptgesims ist schon ein markantes Merkmal des Neubaus am Burgplatz. Vom Straßenraum aus nimmt man es natürlich in Untersicht war. Die optische Stützung der Auskragung durch Konsolen ist ein schönes Detail der Fassade. Die gleiche Auskragung des Hauptgesimses (aber ohne Konsolen oder anderen Zierat) finden wir am benachbarten Merkurhaus (1936/37), von dem ich weiter oben eine "Potraitaufnahme" gezeigt habe. Ich staune, dass der Überstand ein Problem darstellen soll. Bei vielen Neubauten wird das Fehlen eines Dachüberstandes im Forum beklagt. Hier ist nun mal ein schöner Überstand da, und dann ist es auch nicht recht?


    @Snork
    Betonung der Vertikalen ist ein Markenzeichen der Gotik und auch sonst nicht gerade selten anzutreffen in der Architektur. Die von dir gezeigten Berliner Bauten sind kleine Hochhäuser, und Hochhäuser streben nun mal in die Höhe. Das Haus in der Stresemannstraße habe ich schon selbst gesehen und finde es sehr gut. Würde man die ganze Fassade mit nur einem Naturstein verkleiden, käme eine Rasterfassade heraus. Das Novotel kannte ich bislang noch nicht. Es macht auf dem Foto aber auch einen recht guten Eindruck. Die Alte Post in Potsdam finde ich für einen Neubau auch gut. Das Zusammenspiel mit den Attikafiguren ist nicht perfekt, aber trotzdem.


    Das Herrnhuter Schulhaus wagt gar nichts. Das kann doch nicht der Anspruch von Architektur sein. Es macht einen recht gedrungenen Eindruck. Da ich Herrnhut nur von Fotos kenne, halte ich mich mit einer Bewertung der Proportionen zurück. Ich könnte mir vorstellen, dass es, wenn man davorsteht, eine angenehme Ruhe ausstrahlt.

  • Herrnhut ist wie ein Bau von Schulze-Naumburg. Das schlichte barocke Haus war sein Ideal. Genau dieses nichts wagen, war auch der Vorwurf gegen ihn. Irgendetwas komisches war bei seinen Versionen aber auch immer dabei. Ich finde den Neubau trotzdem gut. Den Burgplatz lasse ich im neuen Jahr mal auf mich wirken, wenn ich wieder im Büro bin.

  • @Rastrelli: Auf Stahlbauers Fotos habe ich tatsächlich nicht aufgrund guter Ortskenntnis verwiesen, sondern aufgrund ähnlicher Detailbilder im DAF. Vielleicht liegt der ungünstige Kontrast auf Herrn Geislers Fotos aber auch nur am hohen Sonnenstand. Ein solcher ergibt selten gute Ergebnisse.


    Weit auskragende Dachgesimse tragen in der klassischen Architektur normalerweise relativ flache Dächer, so in der Toskana und schon bei etruskischen Tempeln. Hohe und steile Dachgeschosse, wie beim Neubau am Burgplatz wirken darüber meist etwas unausgewogen, wie eine nachträgliche Aufstockung (siehe die neuesten Fotos von Stahlbauer im BKF). Beim Merkurhaus ist das Verhältnis zwischen Hauptgesims und darüber liegendem Geschoß harmonischer.


    Snorks Hochhausvergleiche waren schon richtig. Eine so deutliche Betonung der Vertikalen mit wenig ausgleichenden horizontalen Elementen kommt erst im modernen Hochhausbau auf.

    Das Herrnhuter Schulhaus wagt gar nichts. Das kann doch nicht der Anspruch von Architektur sein.

    In der heutigen Zeit ist ein Fassadenentwurf in barocken Formen, ohne witzige Zutat, leider durchaus ein Wagnis. In einem Forum für Rekonstruktionen und klassische Architektur sollte man das bemerkt haben. Allerdings ging es in Herrnhut, anders als in Leipzig, um die Reparatur eines barocken Stadtbildes. Man kann beides nicht gut vergleichen.


    Zuletzt auch von mir der obligatorische Satz: Bei aller Kritik an Details handelt es sich beim Haus am Burgplatz dennoch um einen guten Neubau.

  • @Citoyen
    In Leipzig gibt es oft blauen Himmel und Sonnenschein. Die Fotos von Martin Geisler sind authentische Sommerbilder und deshalb finde ich sie gut. Dass Fassaden bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen verschieden wirken können, sollte allgemein bekannt sein. So erscheint eine Sandsteinfassade wie am Burgplatz auf manchen Fotos eher grau, auf anderen eher gelb.


    Speziell für dich und @Snork habe ich Vergleichsbilder von drei Gebäuden in der Leipziger Innenstadt herausgesucht.


    Zum Thema Dachüberstand und hohes Dach das König-Albert-Haus am Markt, Hausnummer 9. Es wurde 1912/13 erbaut und ist ein Stahlbetonskelettbau.


    König-Albert-Haus am Markt (Foto: Fred Romero, August 2015, CC-BY-2.0)


    Als Fred Romero aus Paris da war, war schönes Sommerwetter. Er stellte sich direkt vor das Haus und sah nach oben. Viel vom Dach ist aus dieser Untersicht nicht zu sehen. Ähnlich ist es bei dem Hotelneubau am Burgplatz, wenn man direkt davorsteht. Das König-Albert-Haus hat einen markanten Dachüberstand. Die Auskragung entspricht ungefähr der des Hotels am Burgplatz. Leider bin ich zu klein, um ein Lineal ranhalten und genau nachmessen zu können. Aber nach Augenmaß ist das annähernd der gleiche Überstand. Auch hier sitzen die Fenster des obersten Geschosses relativ dicht unter der Traufkante. Auch hier ist dieses Geschoss anders gestaltet als die darunter liegenden drei Hauptgeschosse. Man beachte zudem die Betonung der Vertikalen an der Fassade. Zwischen Sockelzone und Traufkante gibt es keine horizontale Linie über die ganze Fassadenbreite.


    König-Albert-Haus am Markt (Foto: Frank Vincentz, Juli 2015, CC-BY-SA-3.0)


    Geht man weiter weg, dann sieht man das hohe, dunkle Dach. Und dies ist nun wieder ein Foto mit Sommersonne. Das Dach liegt direkt auf der Traufkante.


    König-Albert-Haus am Markt (Foto: Krzysztof Golik, August 2019, CC-BY-SA-4.0)


    Hier eine Gesamtansicht über den Platz hinweg bei blauem Himmel und Morgensonne. Zu dieser frühen Stunde ist außer dem Fotografen kein Mensch unterwegs. Mir gefällt das Foto. Das Restaurant hat den blauen Abfallcontainer rausgestellt. Bald wird die Müllabfuhr kommen und ihn leeren.


    Das nächste Beispiel ist Steibs Hof in der Nikolaistraße mit den Hausnummern 28, 30 und 32. Sie zeigen an, dass dieses 1907 errichtete Geschäftshaus drei barocke Vorgängerbauten ersetzte. Die Nikolaistraße ist relativ eng. Frontale Aufnahmen der gesamten Fassade sind daher nicht möglich.


    Steibs Hof in der Nikolaistraße (Foto: Dr. Bernd Gross, November 2012, CC-BY-SA-3.0)


    Steibs Hof hat die für Leipzig charakteristischen dreiteiligen Bay-Windows, von denen sich auch Christoph Kohl inspirieren ließ. Auffällig ist hier die Betonung der Vertikalen. Es gibt in der Hauptzone der Fassade keine durchlaufende Horizontale. Vom Mittelrisalit abgesehen sind jeweils drei übereinanderliegende Fenster optisch zusammengefasst. Dieses Motiv ist möglicherweise eine Weiterentwicklung der bei Leipziger Bürgerhäusern seit dem Barock recht häufig anzutreffenden mehrgeschossigen Erker. Die Bay-Windows haben in ihrer Plastizität auch etwas Erkerartiges. Sie treten hier jedoch zwischen rasant in die Höhe strebenden Pilastern in die Fassade zurück.


    Steibs Hof in der Nikolaistraße (Foto: Frank Vincentz, Juli 2015, CC-BY-SA-3.0)


    Wir sehen die Ostseite der Nikolaistraße. Das Foto entstand an einem sommerlichen Vormittag. Ganz vorn ein kleines Hotel, das vor einigen Jahren gebaut wurde und sich gut einfügt. Steibs Hof beeindruckt durch das Miteinander von barocken Schmuckformen an den Sandsteinteilen und damals hochmodernen riesigen Fenstern.


    Auch das 1903/04 errichtete Konfektionshaus Franz Ebert, heute Sitz der Commerzbank, am Thomaskirchhof 22, zeichnet sich durch die Betonung der Vertikalen aus.



    Thomaskirchhof 22, Commerzbank, ehemals Kaufhaus (Foto: Appaloosa, November 2009, CC-BY-SA-3.0)


    Die Fassade wurde übrigens kürzlich mal wieder geputzt. Links im Bild die Thomaskirche, rechts die Klostergasse. Bei diesem Prachtbau ist das Sockelgeschoss kaum von der Hauptzone der Fassade abgesetzt. Lediglich die vergoldeten Schmuckelemente bremsen das vertikale Streben etwas und deuten eine Höhenbegrenzung der Sockelzone an. In der Hauptzone sind die Fenster über drei Etagen durch dunkle Metallrahmen zusammengefasst. Das Geschoss unter der Traufkante zeichnet sich durch eine andere Gestaltung aus und bildet einen beruhigten Unterbau für die Dachzone. Die dreiteiligen Fenster dieses vierten Obergeschosses sind in Sandstein gefasst. Die Parallelen zum Hotelneubau am Burgplatz sind unverkennbar. Das Geschäftshaus Thomaskirchhof 22 hat Christoph Kohl offensichtlich einige Anregungen für seine Fassade am Burgplatz geliefert.


    An der zur Passage hin gelegenen Rückseite des Neubaus am Burgplatz sind die Fenster übrigens ganz klassisch in eine Sandsteinfassade eingebettet, ohne optische Zusammenfassungen über mehrere Etagen hinweg. Das sieht auch gut aus, aber die Schaufassade am Burgplatz wirkt eleganter.


    Noch eine Anmerkung zum Bildhauer Andreas Hoferick aus Berlin: Er ist uns als Restaurator und Modellentwickler durch seine Mitarbeit am Berliner Schloss und am Potsdamer Stadtschloss bekannt. An seinen Figuren für den Burgplatz finde ich besonders bemerkenswert, wie gut sie stilistisch auf die Fassade abgestimmt sind. Das passt zu einem Restaurator, der ja nicht sein künstlerisches Ego auslebt, sondern sich in den für ein Projekt gewünschten Stil hineinversetzt.

  • Wunderbar wie alles in Leipzig noch vorhanden ist an historischer Bausubstanz und Dekorationen. Wie schön sieht aLles dann aus. Könnte für die andere Städte doch DAS grosse Vorbild sein.............


    Leipzig war 20% zerstört worden im 2. Weltkrieg (die Zerstörunggrad war damit am wenigsten von allen Städten > 500.000 Einwohner); nur Halle und Wiesbaden hatten weniger. Berlin 33%.
    Aber WAS in Leipzig alles noch da ist, ist noch fast für 80% intakt an jeder Fassade und Dach. Das ist in Berlin für die 66% (minus Abbruch nach dem 2. Weltkrieg) für restliche 50% doch sehr viel niedriger: fast nur das nackte Körper der Bauten erhalten: alle schöne Details wurde abgestückt und das Dachbereich (inklusief Echtürme, Hauben, Dachreiter, Schornsteine) an fast allen Bauten stark "vereinfacht".
    In Berlin sind, abgesehen von einige Kiezen wie rund der Bergmannstrasse, in der ehenmalige Gründerzeitviertel höchstens 2 (3) Bauten pro Strassen Trakt (irgendwo in der Mitte) noch einigermassen Intakt, ca 10%. In Leipzig ist das ca 75%.

  • @Rastrelli: Uff, ist das ermüdend. Beim König-Albert-Haus ist das Dach weniger steil, es geht wunderbar fließend aus dem Gesims hervor und hat wohlproportionierte Gauben. Die vertikalen Elemente der Fassade werden durch helle Flächen zwischen den Fenstern unterbrochen. Ein sehr schönes Haus!


    Auch bei Steibs Hof wieder die Unterbrechung der Erker durch helle Flächen.


    Thomaskirchhof 22 ist endlich ein passender Vergleich, was die dunklen Metall-Fensterrahmen betrifft und eben diese gefallen mir auch hier nicht so recht. Dafür ist die Fassade längst nicht so kantig wie beim Haus am Burgplatz oder der neuen Alten Post in Potsdam.

  • @Rastrelli: nun gut, es war wohl zu gewagt von mir, davon zu sprechen, dass die alten Baumeister diese in Material und Farbe abgesetzten vertikalen Fensterbänder "niemals" gemacht hätten. Du zeigst zwei Leipziger Gegenbeispiele vom Anfang des 20. Jahrhunderts im eklektizistischen Baustil, die beide wohl primär als Geschäftshäuser für Handelszwecke errichtet wurden. Dadurch werden die Architekten vor der Aufgabe gestanden haben, in den Verkaufsräumen große Fensterflächen zu schaffen und dies in ein ansonsten neobarockes Fassadenbild zu integrieren. Es gibt zweifellos noch weitere Beispiele in der europäischen Architektur vom Beginn der Industrialisierung bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs, meist wohl bei Geschäftshäusern und Industriebauten. Dennoch bleibe ich bei meiner ästhetischen Auffassung, dass die vertikalen Fensterbänder beim Neubau am Burgplatz in Leipzig die harmonische Gesamtwirkung unnötig beeinträchtigen, wodurch der Bau trotz der anderweitigen ambitionierten und hochwertigen Gestaltungsmerkmale unter seinen Möglichkeiten bleibt.

    Eingestellte Bilder sind, falls nicht anders angegeben, von mir