Leipzig - Innenstadt

  • @ Philon: die Paulinerkirche hatte ich genannt, hier gab es eine jahrelange Diskussion, die sich nicht so einfach auf den reinen Rekogedanken reduzieren lässt. Dazu wurden Bücher geschrieben und der jetzige Bau ist eben das Ergebnis dieser Diskussion. Deutrichs Hof ist weiterhin als Reko geplant, auf dem Gelände von Koch's Hof fanden seit der Wende keinerlei Baumaßnahmen statt. Einzig bei den Döring'schen Häusern kann man von einer verpassten Chance sprechen, wobei dies eben nicht aus dem reinen Gedanken "Neubau statt Reko" sondern im Rahmen des Gesamtplanes Bildermuseum geschah. Ein m.E. kleiner aber feiner Unterschied. Wir haben also weiterhin kaum Beispiele, bei dem man einfach aus einem kommerziellem Interesse heraus kombiniert mit Desinteresse der Stadtplanung auf eine Reko verzichtet hätte, wie du und Georg Friedrich das impliziert. Eine Ausnahme wäre vielleicht Äckerleins Hof, dort gab es in den 90ern mal Entwürfe zur Reko.


    @ Weltfrieden: man sollte bei jedem Rekonstruktionswunsch doch wenigstens kurz Bedenken, wer außer Stadtbildbewunderern das Ganze eigentlich braucht. Wohin willst du denn den Individualverkehr und Straßenbahnen am Goerdelerring verbannen und wer um Himmels Willen soll ein zusätzliches Theater nutzen - und das in einer Stadt, deren Kultur trotz der zweithöchsten Pro-Kopf-Ausgaben in Deutschland jedes Jahr erneut sparen muss? Es gibt ja bereits ein neues "Centralthater", dass bald komplett renoviert sein wird. Dagegen wäre eine Reko des Johanniskirchturms nicht nur städtebaulich sinnvoll, sondern könnte beispielsweise auch als kleines Museum am Bach'schen Originalgrab samt Doku der späteren Planungen (Mausoleum & Co) genutzt werden.


    Wieso allerdings sollte man sich überhaupt um den Abriss und Ersatz existierender Strukturen Gedanken machen, solang noch etliche Lücken zu schließen und ganze Innenstadtquartiere (Matthäikirchhof) neu zu bebauen sind?


    Eine periphäre Anmerkung: Der Ausbau der F-E-Straße hat übrigens weniger etwas mit den Ringplänen Ritters zu tun als vielmehr mit den 90er-Verkehrsanbindungsplanungen der Stadt fürs Zentralstadion.

  • Guter Beitrag, Dase.
    Das alte Gewandhaus würde Leipzig zwar gut stehen, aber ich glaube mit der Rekonstruktion von Theater- und Opernhäusern brauchen wir in Deutschland in naher Zukunft nicht rechnen. Wobei mir da schon einige ganz dringende Kandidaten (Frankfurter Schauspielhaus & Schumanntheater, Köln, Rostock,...) einfielen.

  • Quote from "Leipziger"

    Bosehaus, Thomaskirchhof
    Barock überformter Renaissancebau. Die Halle im Erdgeschoss mit den dorischen Säulen stammt aus der Renaissance, genaues Baujahr m.W. nicht bekannt.
    Die Hauptwohnräume im Vorderhaus, 1. OG beinhalten eine barocke Raumaufteilung mit klassizistisch/biedermeierlichen Türen (Zopf-Stil).
    Die Sanierung von 1985 war in der Tat sehr substanzschonend, aber eindeutig auf die Wiederherstellung des vorgründerzeitlichen Zustands ausgerichtet. Es wurde u.a. im Innenhof ein gründerzeitlicher Laufgang zur Erschließung der sehr schmalen und einhüftigen Flügel abgebrochen. Diese Herangehensweise muss auch hier als richtig angesehen werden. Das Foto der Rückseite von Stahlbauer aus den 80er Jahren zeigt nicht das Bose-Haus, sondern die Rückseite der Häuser Ratsfreischulstraße (Schulstraße).
    Die jüngst abgeschlossene Sanierung (2009/10) wird vermutlich von der Nachwelt nicht ganz so gut eingeschätzt werden. Es wurde erheblich modernisiert und Substanz ausgetauscht, ein neues Treppenhaus im Seitenflügel eingebaut. Die Rückseite wurde meiner Meinung nach durch diesen neuen tiefergelegten Garten und Vorbau nicht nachhaltig vorteilhaft verändert.



    In den Diskussionen fällt sonst eine gewisse Vorliebe der Leipziger für Grünanlagen auf. Hier gefällt sie offensichtlich weniger. Bislang konnte ich mir noch kein eigenes Bild von dem neu geschaffenen Garten - oder eher dem Gärtchen- machen. Leipziger kann uns ja mal ein paar Fotos einstellen.


    Über die Qualität der Umbauten habe ich auch schon andere Meinungen gehört. Bei den 2010 beendeten Umbauten soll wohl auch der eine oder andere grobe Pfusch aus DDR-Tagen gefunden worden sein. Sei´s drum! Den Garten kann man später wieder abreißen. Es sei denn, die Leipziger schließen ihn doch noch in ihr Herz.


    Das Gebäude als solches steht noch. Wenn etwas doch nicht gelungen seien sollte, kann später rekonstruiert werden.


    Zum Bosehaus noch zwei Fotos vom Innenhof . Eines der Baudetails, die durch Abriss späterer Einbauten wieder hergestellt wurde (rekonstruiert wurde :zwinkern: ), ist ein kleiner Sommersaal mit einer noch kleineren Empore. Davon habe ich leider keine Fotos.





    Alle eigene Fotos.

  • Wenn vorgetragen wird, Leipzig wäre generell rekonstruktionsfeindlich, frage ich mich, ob es nicht besser gewesen wäre, die rekonstruierten Gebäude moderner zu rekonstruieren. Eventuell so wie die Alte Pinakothek in München?




    Alte Pinakothek Ostfluegel von Sueden Muenchen-1 [CC-BY-SA-3.0 (http://www.creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0">http://www.creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (<a href="http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html" class="external free" rel="nofollow">http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html</a>)], by Rufus46 (Own work), from Wikimedia Commons



    In der Leipziger Innenstadt war dieses -heute als Trifugium benannte- Gebäude stark....




    oder sehr stark beschädigt.






    Das alte Eckgebäude wurde komplett abgerissen und anschließend dieser Neubau errichtet. Kann das als Rekonstruktion durch gehen? Wenn nicht, wie kann man es dann bezeichnen?







    Alternativ hätte man natürlich auch modern bauen können. :peinlich:



    Nicht gekennzeichnete Fotos: Eigene Fotos.

  • Dieses Gebäude in der Hainstraße, in dem sich heute ein schwedisches Modehaus befindet, ist, aus meiner Sicht, eine Rekonstruktion. Nach dem Krieg stand bis in die 1990er-Jahre lediglich ein Teil der Fassade. Das Erdgeschoss wurde als Ladengeschäft genutzt. Der Rest war Luft. Daneben befand sich ein Trümmergrundstück. Diese Lücke wurde mit einem Neubau geschlossen.







    Diese Gebäude in der Hainstraße wurden überwiegend umgebaut. Sicher kann ein Leipziger genauer beschreiben, wieviel an diesen Gebäuden noch original ist und was abgerissen wurde.




    Eigene Fotos.

  • Gute Nachrichten für den historischen Oelßners Hof in Leipzig.



    Quelle:LVZ-Online


    Oelßners Hof liegt zwischen der NIKOLAISTRASSE und der RITTERSTRASSE


    Oelßners Hof in der Nikolaistraße.







    Oelßners Hof in der Ritterstraße.


    Auf dieser Brache soll das Parkhaus entstehen.





    Eigene Fotos.

  • Das ist in der Tat eine gute Nachricht für Oelßners Hof, hoffentlich kann dieses Geschäfts-, Park- und Wohnhaus auf dem benachbarten Eckgrundstück zum Brühl stadtbildverträglich gestaltet werden - man sollte davon ausgehen können, dass der linke Nachbar an der Ritterstraße nicht unterboten werden wird.


    Hier noch eine weitere Ansicht der Fassade zur Ritterstraße (2009):


    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Hallo zusammen.


    Seit einiger Zeit lese ich nun schon auch beim Deutschen Architektur-Forum mit. Dort habe ich folgendes Gebäude am Museumswinkel entdeckt:


    http://i196.photobucket.com/albums/aa170/Slache/cam_2_F-1.jpg\r
    i196.photobucket.com/albums/aa17 ... _2_F-1.jpg


    Kann mir einer der Leipziger hier im APH vielleicht sagen, ob mittlerweile diese 2 Figuren am Eingang installiert wurden? Wäre doch zu schade, wenn die am Ende gar nicht mehr kommen.


    Besten Dank im Voraus!

  • Ich bin zwar kein Leipziger, aber meines Wissens dienten die abgebildeten Putten lediglich als Platzhalter und tatsächlich sollen wohl gesicherte Figuren eines kriegszerstörten Vorgängerbaus angebracht werden.

    "Wenn wir die ehemalige Schönheit der Stadt mit der heutigen Gemeinheit verrechnen, kommen wir, so die Bilanz, aufs direkteste in den Schwachsinn." (E.H.)

  • die rückseite der alten nikolaischule war längst in sich zusammengebrochen. kurz vor der wende wurde begonnen, auf dem angrenzenden grundstück plattenbauten zu errichten. diese rohbauten wurden nach der wende zugunsten der heutigen strohsack-passage wieder beseitigt. klar war auch, dass die rückfront eine (fensterlose) brandmauer sein müsse. wahrscheinlich wäre die alte nikolaischule vollends in sich zusammengesackt, wenn nicht die (partner)stadt frankfurt dankenswerterweise 25 mio dm für deren rettung beigesteuert hätte. mit diesem geld konnte das gebäude saniert und ergänzt werden. dabei wurde der erschliessungskern mit treppe, lift und toiletten auf der rückseite konzentriert und tageslichteinfall durch oberlichter gewährleistet. auf diese weise konnte die alte schule für ihre eigentliche neue funktion als restaurant und museum hergerichtet werden - ohne fakes, die den unterschied zwischen originalem renaissancebau und ergänzung verwischen.


    wenn du also heute schnell zu den treppen und toiletten huschen kannst und dabei gleichzeitig spürst, dich in einem zeitgenössischem anbau zu befinden, bestätigst du damit nur, dass die intension der architekten sowohl in funktionaler als auch in ästhetischer hinsicht aufgegangen ist.


    Moderatorenhinweis (bilderbuch): Beitrag um als beleidigend aufzufassende Passage gekürzt.

  • Quote

    wenn du also heute schnell zu den treppen und toiletten huschen kannst und dabei gleichzeitig spürst, dich in einem zeitgenössischem anbau zu befinden, bestätigst du damit nur, dass die intension der architekten sowohl in funktionaler als auch in ästhetischer hinsicht aufgegangen ist.


    Rohbau = zeitgenössisch = Ästhetik des Weglassens = intellektuell = aufgreifen,hinterfragen,auseinandernehmen und zerlegen + wieder zusammenfügen bis zum Erreichen des geistgen Horizonts = Ästhetik des Weglassens = zeitgenössisch = Rohbau.


    Das sagt alles.

  • Die sehr zu preisende Dokumentation Stahlbauers über unter anderem die Innenstadt zeigt Neubauten, sanierte Gebäude - aber auch Baulücken und unsanierte Gebäude. Diese sind recht unterschiedlich über die Leipziger Innenstadt verteilt. Ich erlaube mir einmal, eine Übersicht anzuhängen, die die Baulücken (pink) und unsanierten Gebäude (grün) hervorhebt. Wie man sieht, herrscht besonders in der nördlichen Innenstadt noch erheblicher Baubedarf:

  • Ich weiß nicht ob es schon erwähnt wurde aber Ende Juli wurde auch das große Stadtwappen, was im Zuge des Citytunnels entfernt werden musste, wieder hergestellt. Mit neuen Materialien. Stadtwappen auf dem Markt: Pflasterarbeiten beendet
    Soweit ich weiß wurde das Alte eingelagert.


    http://www.lr-online.de/storag…_SH_ABOZGV00_20030303.JPG


    http://leipziglive.bild.de/img…d495b5aa0566d000014_0.jpg


    http://www.mz-web.de/ks/images/mdsBild/1310546922424l.jpg


    Irgendwo hab ich gelesen, dass ich par Einheimische und Touris über die intensiven Farben wundern bzw echauffieren. Mir unverständlich, finds klasse.

  • Sowas kann ich als Wahlfreiburger nur gutheißen. Liebe zum Detail, Identität auch im Stadtraum, so soll das sein! Wenn ich da an die seelenlosen und austauschbaren Fußgängerbereiche in Oldenburg, Darmstadt, Hannover & Co denke... Eine Stadt besteht nicht nur aus Fassaden!

    Ich entschuldige mich von Herzen für meine früheren arroganten, provokanten, aggressiven und unfreundlichen Beiträge!
    Jesus ist mein Herr und Retter!


  • Das Eckgebäude ganz vorn...
    ...ist übrigens eine Reko aus den 1990er Jahren. Soweit ich mich recht erinnere, stand dort bis zur Wende ein schwarzgerußter, dachloser Rumpf.


    Meines Wissens nach hat dies der Baulöwe Jürgen Schneider "verbrochen". Für weitere "Schandtaten" dieser Art, saß er eine recht lange Haftstrafe ab - warum hat er es ned einfach abgerissen und statt dessen einen billigen Glaskontainer hingesetzt, dann hätte der Gläubiger die Deutsche Bank ein "wertvolles Bürogebäude" und er hätte unter Umständen Haftverschonung bekommen - oder gar einen Architekturpreis.


    [Achtung! Ironie]


    Viele Grüße


    Strandfliese

  • Quote


    Leipzig – Von außen ist es noch durch Planen verhüllt, innen erstrahlen die Säle schon in kräftigen Farben und feinem Gold.


    Seit letztem Jahr lässt die Stadtbau AG das denkmalgeschützte Hôtel de Pologne in der Hainstraße komplett sanieren. Dabei werden Fassaden rekonstruiert, Stuck ausgebessert und Büroflächen geschaffen.


    Besonders aufwändig ist die Wiederherstellung der mehr als 100 Jahre alten Raumverzierungen in den drei Ballsälen. So müssen Restauratoren und Kirchenmaler bis zu 15 Schichten von der Decke und den Wänden abtragen, bis darunter die alten Bemalungen zum Vorschein kommen. Im Großen Ballsaal hatte ein Wasserschaden das Deckengemälde beschädigt. Hier wird mit feinem Pinsel und weit in den Nacken gesenktem Kopf gearbeitet.

    http://www.bild.de/regional/le…ologne-28418846.bild.html

    In der Altstadt die Macht, im Kneiphof die Pracht, im Löbenicht der Acker, auf dem Sackheim der Racker.


    Hätt' ich Venedigs Macht und Augsburgs Pracht, Nürnberger Witz und Straßburger G'schütz und Ulmer Geld, so wär ich der Reichste in der Welt.

  • Die Leipziger geben mal wieder alles! Deutschlands Reko-Hauptstadt, zumindest in Bezug auf vorhandene historische Bausubstanz, glänzt mit solchen Projekten. :biggrin: In keiner anderen Stadt Deutschlands, Dresden vielleicht mal aussen vor, wird in derartig akkurater Form mit dem Bauerbe umgegangen.

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.