Leipzig - Innenstadt

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    • Leipzig - Innenstadt

      Mit diesem neuen Thread möchte ich die Gelegenheit nutzen, den Blick mal wieder in Richtung Innenstadt zu lenken. In den letzten 15 Jahren ist ja dort schon etlich viel geschehen und noch immer scheint kein Ende der Baustellen in Sicht zu sein. Bislang jedoch blieb die Gegend um den Richard-Wagner-Platz von Erneuerungen weitesgehend verschont. Das soll sich aber rasch ändern, weshalb ich mir dieses Thema annehme.

      Folgendes lässt sich schon jetzt sagen:Die Plattenbauten am Brühl (die einzig zusammenhängenden Plattenbauten in der Innenstadt), die anlässlich der Fußball-WM und darüber hinaus noch einmal künstlerisch verhüllt werden, sind für den Abriss vorgesehen. Das ist die erste gute Nachricht. Die zweite ist, dass das untere Drittel der kriegszerstörten und brachliegenden Hainstraße wieder bebaut wird. Die Deutsche Bank soll das Areal erworben haben.

      Ich erachte es als sinnvoll, die Situation anhand vieler Fotos zu dokumentieren und hoffe, dass es nicht zu unübersichtlich wird.


      Historische Vergleichsbilder sind immer gut, gerade in einem Architekturforum, das sich an der Vorkriegssituation orientiert. Dr. Mises' Lipsikon sei Dank, soll es daran auch nicht mangeln. Los geht's:

      Dieses einstige Geschäftshaus wurde bereits 1928 abgebrochen, um einem Neubau Platz zu machen. Leider konnte ich nicht herausfinden, wie der Nachfolgebau aussah, aber unter der heutigen Aluminiumhaut (siehe 2. Foto) verbirgt sich noch genau dieser Nachfolgebau, ein Kaufhaus, das dort nach 1928 entstand.

      Quelle: http://www.lipsikon.de">www.lipsikon.de


      Ziemlich trostlos zeigt sich die gegenwärtige Situation. Die Gebäudeform orientiert sich an den historischen 2 Gebäuden des ersten Bildes. Karstadt ist dort nur vorrübergehend eingezogen. Wenn der Umbau in der Petersstraße im Oktober fertig ist, steht die "Blechbüchse" wieder leer. Ich bin mir ziemlich sicher, dass bei einer Erneuerung, wenn nicht alles abgerissen wird, die Alu-Haut sowie der Verwaltungstrakt (siehe roter Plattenbau dahinter) verschwindet und der darunter liegende Sandstein aufbereitet wird. Damit wäre dem Gebäude schon viel geholfen.

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      2 weitere Vergleichsbilder vom Richard-Wagner-Platz. Zu sehen ist der "Große Blumenberg", ein klassizistisches Gebäude aus dem Jahre 1832.

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      Das Gebäude hat den Krieg überlebt, der Platz davor aber ist total verunstaltet. Das Eckgebäude ganz vorn...

      Quelle: http://www.lipsikon.de">www.lipsikon.de


      ...ist übrigens eine Reko aus den 1990er Jahren. Soweit ich mich recht erinnere, stand dort bis zur Wende ein schwarzgerußter, dachloser Rumpf.



      Wir blicken jetzt von der "Blechbüchse" in Richtung Westen auf den Richard-Wagner-Platz, einem zum Parkplatz degradierten Unplatz. Es wäre schön, wenn der Platz wieder den Menschen gehört. Eine angebrachte Pflasterung sowie dezente Begrünung, Laternen, ein paar Bänke oder gar ein Brunnen in der Mitte fände ich sehr schön.



      Vor ein paar Monaten hat man mit der Aufstellung dieser schicken Litfasssäule zumindest schon einmal guten Willen gezeigt.



      Werfen wir nun einen Blick in den Brühl, wo sich vor dem Krieg viele Pelzhändler tummelten. Hier irgendwo stand das Geburtshaus von Richard Wagner. Ich glaube, es stand dort links, wo die vielen Fahrräder stehen. Wie schon gesagt, die Plattenbauten werden definitiv abgerissen, die Frage ist nur wann. Solange keine Pläne für eine Neubebauung feststehen, wird auch nicht abgerissen. Die Stadt hat aber, bevor auch nur ein Hahn nach Rekos gekräht hat, schon gleich mal klargestellt, dass es an dieser Stelle keine Rekos geben wird. Es wird eine kleinteilige Bebauung angestrebt. Was auch immer das auch heißen mag, man hat scheinbar aus den städtebaulichen Fehlern (siehe Bildermuseum) gelernt.



      Blicken wir von der "Blechbüchse" nun in Richtung Süden die Hainstraße hinauf. Diese Straße hat man hervorragend saniert und rekonstruiert. Einziger Wehrmutstropfen ist die vor uns liegende Brache, wo ein Ramsch-Pavillion und ein Flachbau aus sozialistischen Zeiten die Straße verschandeln. Wie mir aber zu Ohren gekommen ist, hat die Deutsche Bank dieses Fläche gekauft und will dort demnächst ein Wohn- und Geschäftshaus hinbauen. Ich bin bei der Deutschen Bank zuversichtlich, dass sie mit der nötigen Sensibilität bauen wird.



      Hier noch einmal die gleiche Situation von weiter oben.



      Gehen wir weiter die Hainstraße rauf in Richtung Markt. Auf dem Weg dahin zeige ich euch 2 der vielen sehenswerten Gebäude. Zuerst der Jägerhof, erbaut 1914, einem typisch monumental anmutenden Gebäude aus Thüringer Muschelkalkstein. Die Passage darin ist sehr schön. Vielleicht hat einer von den Leipzigern mal Zeit, die Innenstadtpassagen fotografisch festzuhalten und sie in die Galerie zu stellen.



      Webers Hof: Die Rekonstruktion dieses stolzen Bürgerhauses in den 1990er Jahren erfolgte nicht etwa auf den gewachsenen Zustand im 19. Jhd., wo das Gebäude um 2 Vollgeschosse erhöht wurde, sondern auf den frühbarocken Ursprung im Jahr 1662. Der Innenhof ist ebenfalls sehenswert.


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      Barthels Hof, für mich der schönste Gebäudekomplex in der Innenstadt, wurde ja hier schon des Öfteren gezeigt. Kein Geringerer als der Robin Hood historischer Gebäude, Dr. Jürgen Schneider, erwarb diese Immobilie. Als die Sanierungen in vollem Gange war, flog sein Schwindel auf. Was ein Glück, dass doch ein gutes Ende gefunden werden konnte. Ich denke, ohne Herrn Schneider wäre der Komplex vermutlich abgerissen worden, wegen akuter Einsturzgefahr. Hier ein Vergleichsfoto 1983 / 2003.

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      Vom Markt aus schauen wir die Hainstraße wieder hinunter zur "Blechbüchse" und selbst die modernistischsten Modernisten dürfte der Kontrast weh tun. Die Hainstraße ist wie so manche Innenstadtstraße von Leipzig ein wahrer Architekturmix traditioneller Epochen. Auf vielleicht 150 Metern stehen hier Gebäude der Renaissance, des Barocks, Klassizismus (Großer Blumenberg), Historismus und des Jugendstils. Das Foto stammt vom User Harmonica und wurde von ihm bereits in der Galerie gezeigt.



      Wir stehen nun wieder unten am Ausgangspunkt und schauen diesmal nach Norden. Zuerst die historische Situation, wo das Alte Theater zu sehen ist. Deshalb hieß der Richard-Wagner-Platz früher Theaterplatz.

      Quelle: http://www.lipsikon.de">www.lipsikon.de



      Und so sieht's dort heute aus. Das Alte Theater ist weg und die ursprünglichen 2 Straßen wurden zum sechsspurigen Tröndlingring (inklusive 4 Straßenbahngleise) ausgebaut. Zu sehen ist die südlichste Gebäudefront der Nordvorstadt. Die 3 rechten Gebäude gehören zum 5-Sterne-Hotel Fürstenhof (natürlich wieder eine Schneider-Immobilien), dessen linker Bau im Ursprung auf das Jahr 1770 zurückgeht und in der Gründerzeit umgebaut wurde. Links daneben befindet sich das seit vielen Jahren leerstehende Ringmessehaus aus den 1920er Jahren. Da daneben das Gebäude der Stadtwerke, einem schönen Gründerzeitgebäude und ganz links ein vorgründerzeitliches Wohnhaus. Dieses Gebäude... wurde vor ca. 2 Jahren mittels Fördergelder gesichert, weil es von stadtbildprägender Relevanz sei. Eigentlich hat sich damals auch ein Investor gefunden, der es sanieren wollte und das einstige Fischrestaurant im Erdgeschoss wieder zum leben erwecken wollte. Aber wie das nun mal mit Investoren in Leipzig ist...
    • Werfen wir nun einen Blick in den Brühl, wo sich vor dem Krieg viele Pelzhändler tummelten. Hier irgendwo stand das Geburtshaus von Richard Wagner. Ich glaube, es stand dort links, wo die vielen Fahrräder stehen. Wie schon gesagt, die Plattenbauten werden definitiv abgerissen, die Frage ist nur wann. Solange keine Pläne für eine Neubebauung feststehen, wird auch nicht abgerissen. Die Stadt hat aber, bevor auch nur ein Hahn nach Rekos gekräht hat, schon gleich mal klargestellt, dass es an dieser Stelle keine Rekos geben wird.


      Mal abwarten, bis das wirklich spruchreif wird. Es gibt so manche Stadt, die Rekos zunächst ausgeschlossen hat. Ich sage nur Pellerhaus und Frankfurt...

      Das Richard-Wagner-Haus wäre doch ein guter Ansatzpunkt, um eine Rekonstruktion zu fordern. Leipzig käme doch schon in arge Erklärungsnöte, würde es die Rekonstruktion des Geburthauses des bedeutendsten Sohns der Stadt ablehnen. Da könnte man schonmal ordentlich Druck aufbauen und die ganze Reko-Idee überhaupt ins Gespräch bringen.
      Was stand denn da vor dem Krieg. Noch Originalbebauung aus Renaissance bis Klassizismus oder schon gründerzeitliche Überformung?
    • Das Problem ist nur, mein lieber Philon, dass das Richard-Wagner-Geburtshaus 1886 abgerissen wurde, obwohl es da eigentlich schon so eine Art Touristenmagnet war. Das Haus war bis zu diesem Zeitpunkt ein kleines, eher schlichtes barockes Wohnhaus, das durch einen gründerzeitlichen Neubau ersetzt wurde, der ab 1908 Wagnerhaus hieß. Du siehst, der Umgang mit historischem Erbe war schon immer ein Problem in Leipzig.

      Es wird argumentativ sehr schwer werden, die Stadt und andere von einer solchen Reko zu überzeugen, zumal das Thema Richard Wagner ohnehin sehr stiefmütterlich behandelt wird. Die Musikstadt Leipzig, das ist Schumann, Eisler, Bartholdy und nicht zuletzt Johann Sebastian Bach, zu dessen Ehren jährlich das Bachfest abgehalten wird.

      Vielleicht wäre eine Reko des Wagnerhauses im Anschluss an das Geburtshaus sinnvoll, wobei ich nicht weiß, wie es mal aussah.
    • Die Musikstadt Leipzig, das ist Schumann, Eisler, Bartholdy und nicht zuletzt Johann Sebastian Bach


      Aha, ein Zwickauer, ein Berliner, ein Eisenacher ... und der Komponist der DDR-"National"hymne. Und der einzige Sohn der Stadt von Weltrang als Komponist interessiert keinen. Trotzdem wäre das (ursprüngliche) Wagner-Haus doch mal einen Vorstoß wert.
    • spacecowboy
      Das Problem ist nur, mein lieber Philon, dass das Richard-Wagner-Geburtshaus 1886 abgerissen wurde, obwohl es da eigentlich schon so eine Art Touristenmagnet war. Das Haus war bis zu diesem Zeitpunkt ein kleines, eher schlichtes barockes Wohnhaus, das durch einen gründerzeitlichen Neubau ersetzt wurde, der ab 1908 Wagnerhaus hieß.

      Erinnert mich an das Hotel de Saxe am Dresdner Neumarkt, welches ebenfalls Ende des 19. Jh. abgerissen und durch einen gründerzeitlichen Neubau ersetzt wurde. Jetzt steht an dieser Stelle wieder der ursprüngliche Bau - naja wenigstens die Fassade.
    • vielen dank für die fotos und infos.

      wenn ich noch einiges ergänzen darf:
      vielleicht wäre ohne dr. schneider tatsächlich einiges zusammengefallen oder zumindest nicht so aufwändig saniert worden. aber andererseits sollte man auch nicht vergessen, darauf hinzuweisen, dass vor seiner pleite kein einziges seiner fast 60 leipziger projekte fertiggestellt war. (er besorgte sich ja kredite, in dem er massenhaft immobilien kaufte und auf diese hohe hypotheken aufnahm. als dann die immobilien-blase platzte, ging er bankrott.) die (mitschuldigen) banken haben danach zwar die bereits begonnenen projekte fertiggestellt, aber andere folgen wirken bis heute nach. nicht nur, dass thiemes hof letztlich aufgrund der hypothekenbelastung nicht mehr rentabel zu sanieren war und nach diversen einstürzen abgetragen werden musste, auch die auf den fotos zu sehende brache in der nördlichen hainstrasse hat hierin ihre ursache. anfang der neunziger wollte wöhrl das gelände erwerben, um darauf (wie vor dem krieg) ein kaufhaus zu errichten. im letzten moment wurde dieses angebot von dr. schneider überboten - die resultate sind bekannt: wöhrl gibt es in der innenstadt bis heute nicht, dafür die brache, schneider ist pleite und das grundstück ging an die gläubigerbank. man darf gespannt sein, was aus den von spacecowboy avisierten planungen wird.

      zur blechbüche/richard-wagner-haus:
      eine so reiche kulturelle vergangenheit und bewegte geschichte der stadt führt natürlich dazu, dass nicht mehr alle authentischen wirkungsstätten erhalten sind und man mit der bewahrung der erhaltenen alle hände voll zu tun hat. ein geburtshaus lässt sich wohl nur schwer als solche bezeichnen. und bei einem neubau mit "alter" fassade ginge dessen kulturgeschichtlicher wert wohl gegen null.
      eher steht da die frage im raum, ob die gründerzeitliche kaufhausfassade wiederhergestellt wird, oder deren aluminium-ummantelung erhalten bleibt. für beide varianten gibt es meiner meinung nach triftige gründe. die ursprüngliche fassade stammt vom (in leipzig) bekannten architekten hänsel und war mit ihren giebeln, laternen und balkonen jener der etwa zeitgleich entworfenen fassade des kaufhaus althoff (demnächst wieder karstadt) weit überlegen. andererseits ist die heutige alu-haut das spacigste, was die ddr im weiten umkreis zustande gebracht hat - und damit die eindrücklichste erinnerung an die technik- und raumfahrtverliebten 60er. aus dieser warte haben wohl beide varianten ihre daseinsberechtigung. welche zum zuge kommen wird, wird wohl die künftige nutzung und die damit verbundene frage der notwendigkeit von fenstern beantworten.
      aber so oder so: dieser rand der innenstadt wir in jedem fall markant bleiben. und dass dort frau wagner mal ihren richard geboren hat, werden die, die es wirklich interessiert, auch weiterhin wissen.
    • eine so reiche kulturelle vergangenheit und bewegte geschichte der stadt führt natürlich dazu, dass nicht mehr alle authentischen wirkungsstätten erhalten sind


      "Nicht mehr alle" wäre ja auch nicht das Problem. Aber im Fall Leipzigs hat man den Eindruck, daß man die erhaltenen an einer Hand abzählen kann, während für die kriegszerstörten oder abgerissenen (und zwar teilweise schon zwischen 1880 und 1910 abgerissen) zwei oder drei Hände nicht genügen würden.
      Siehe
      - Thomasschule
      - Auerbachs Hof
      - Wagner-Haus
      - Paulinerkirche
      - Mathhäikirche (Abriß nach Kriegsschäden)
      - Johanniskirche (Abriß nach Kriegsschäden)
      - Pleißenburg
      - Peterskirche
      - Feuerkugel (Goethes Studentenbude)
      - u.v.m.

      Nichts gegen Leipzig - ich finde die Stadt immer noch großartig - aber sehr sorgsam ist man mit der "reichen kulturellen Vergangenheit" da nie umgeggangen.
    • der eindruck täuscht.
      es wäre ja auch ein widerspruch, wenn man sich in leipzig nie um kultur gekümmert hätte - und es dann andererseits trotzdem eine reiche kulturelle vergangenheit hätte.
      der grund, dass viele der von dir aufgezählten häuser nicht mehr stehen, muss also andere ursachen haben: im unterschied zu kirchlichen oder weltlichen residenzstädten war in leipzig immer das bürgertum träger der kultur. ob oper (seit 1698), gewandhausorchester (seit 1743), theater oder museen - sie alle wurden von reichen bürgern gegründet und finanziert. gleichzeitig war das bürgertum auch träger des wirtschaftlichen wachsens und wandels. so wurde also selten zurück-, sondern meist nach vorn geschaut. mit dem effekt, dass viele kulturhistorische zeugnisse verschwanden um andererseits immer wieder raum für neues zu geben.(anstelle von auerbachs hof steht heute die mädler-passage, statt der pleissenburg erhebt sich heute das neue rathaus, das erste gewandhaus wich dem ersten mustermessehaus der welt, der alte johannisfriedhof machte dem grassimuseum platz, auf dem gelände der alten peterskirche ist heute in einem neorenaissancepalais die städtische musikschule untergebracht, ...) mit anderen worten: solange sich leipzig als ständig erneuernde bürgerstadt begriff, wurde ökonomischer wie kultureller (und damit architektonischer) wandel als kontinuität verstanden, bei dem die neuen errungenschaften die damit verbundenen verluste weit überwogen.
      dadurch liess sich leipzig auch nie als "fachwerkstadt" , "barockstadt", "klassikerstadt" oder sonstwas einordnen. (im übrigen sorgte die ständige bauliche erneuerung dafür, dass die phosphorbomben des letzten krieges die stadt nicht total verwüsten konnten.)
      einen bruch dieser tradition gab es erst, als zwischen 1933 und 1989 doktrinen bürgerliches engeagement hemmten und verfehmten. mit den bekannten folgen - was wohl mit ein grund dafür gewesen sein mag, dass die wende ihren anfang gerade hier hatte.
      seit 1990 wird (unter veränderten bedingungen) wieder an diese tradition angeknüpft. die galerie für zeitgenössische kunst wäre ohne dr. arend oetker undenkbar. herr speck von sternburg ist einer der wichtigsten stifter für das neue bildermuseum. und dass der neue orgeltisch in der nikolaikirche von porsche designed (und gesponsort) wurde, wäre wohl nicht nur in der dresdner frauenkirche undenkbar...
      zusammengefasst: die stadt entwickelte (und entwickelt) sich gerade deshalb ständig weiter, weil es quasi nie einen status quo gab. alles war immer im fluss - und er floss immer weiter. das wird menschen, die städte als "begehbares museum" einer epoche mögen, nicht so begeistern. aber wenn man stadt als permantentes "kulturelles experimentierfeld" begreift, lassen sich städte wie leipzig - mit ihren relikten, verfehlungen und höhepunkten - als gang durch die geschichte lesen, bei der jede neue generation andere bedürfnisse, werte und visionen hatte.
      so etwas passt natürlich auf keine postkarte. aber nicht, weil es zu klein, sondern weil es zu gross ist...
    • panther reihert

      @rakete:
      im übrigen sorgte die ständige bauliche erneuerung dafür, dass die phosphorbomben des letzten krieges die stadt nicht total verwüsten konnten


      Kannst Du das bitte mal erklären?!

      zusammengefasst: die stadt entwickelte (und entwickelt) sich gerade deshalb ständig weiter, weil es quasi nie einen status quo gab. alles war immer im fluss - und er floss immer weiter.

      Jaja, das heraklit'sche Standardargument der Moderne, bzw. das Diktat des Zeitgenössischen. In Berlin hat man in den 90ern auch immer Kerr zitiert und Berlin eine immer werdende Stadt genannt. Mittlerweile ist ist der Bauboom beendet und man erschirkct sich, was nicht wird und was ist. Und auch Leipzig - das ohne Lokalpatrioten verletzten zu wollen - ist schäbig dort, wo es werden sollte/könnte/müßte.

      so etwas passt natürlich auf keine postkarte. aber nicht, weil es zu klein, sondern weil es zu gross ist...

      Keine Stadt paßt auf Postkarten - mag Leipzig noch so sehr zum Kleinstparis schrumpfen.Ob sich denn auch für Postkarten von "kulturellen Experimenten" wie der "Autostadt" oder der "sozialen Stadt" (Platte) Käufer fänden?

      einen bruch dieser tradition gab es erst, als zwischen 1933 und 1989 doktrinen bürgerliches engeagement hemmten und verfehmten.

      Die totalitären Systeme haben wohl - auch städtebaulich - am hemmungslosesten "nach vorne" geschaut.
    • "Däne" wrote:

      Besonders ärgerlich, dass der Ersatzbau nicht im Krieg zerstört wurde - ohne Abriss hätte die Schule also bis Heute überlebt.


      Ich denke nicht, dass man die Tatsache, dass dieses Gebäude:

      den Krieg überstanden hat, als ärgerlich bezeichnen kann. Hätte der Vorgängerbau denn auch die DDR überlebt? Oder wäre er evtl durch eine Platte ersetzt worden da er nicht so gut nutzbar war.
      ... ich finde die Stadtumgestaltung der Gründerzeit gar nicht so verkehrt. Sicherlich ging da das ein oder andere wichtige Gebäude bei drauf, aber insgesamt ist doch ein sehr guter Ersatz gekommen (ähnliche sehe ich das auch bei der Umgestaltung der Ruhrstädte in den 20ern)

      Bildquelle: http://www.thomasschule.de">www.thomasschule.de


      @ davila: Ich denke, rakete meint damit, dass gründerzeitliche Bauten stabiler sind als barocke oder ältere.

      @ Philon: Schöne Beschreibung.... hast du auch Photos gemacht?
      Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
      Karl Kraus (1874-1936)
    • Ich denke nicht, dass man die Tatsache, dass dieses Gebäude:
      den Krieg überstanden hat, als ärgerlich bezeichnen kann. Hätte der Vorgängerbau denn auch die DDR überlebt? Oder wäre er evtl durch eine Platte ersetzt worden da er nicht so gut nutzbar war.


      Ich denke, Däne meinte, daß es deshalb ärgerlich ist, weil die Tatsache, daß der Nachfolgebau vom Krieg verschont wurde, bedeutet, daß auch die Thomasschule vom Krieg verschont worden wäre und ohne den Abriß folglich heute noch existieren würde.

      @ Philon: Schöne Beschreibung.... hast du auch Photos gemacht?

      Leider nicht. Ich war nur kurz da und hatte die Kamera dann auch noch vergessen.
      Na ja, Genua soll ja auch'n Geheimtip bleiben (Städte wie Florenz oder Pisa sind im Vergleich zu Genua wirklich Popelkram...allenfalls Venedig kommt an Genua ran).
    • @philon:
      ich habe nicht die absicht, dir persönlich etwas zu unterstellen. vielmehr wollte ich darauf hinweisen, dass in städten, wo viel passiert(e) sich ebend auch viel verändert(e). das ist übrigens auch in der vergangenheit keineswegs nur von aussen nach innen geschehen. solange es stadtmauern gab, haben sich natürlich auch die veränderungen innerhalb dieser mauern vollzogen. und nach dem fall der stadtbefestigungsanlagen wurden die häuser, deren rückseite zur ehemaligen mauer lagen "gedreht", d. h. sie bekamen ein neues, zur stadtaussenseite zeigendes repräsentatives "gesicht" - oder das gelände wurde gleich gänzlich neu bebaut.
      von deinen leipziger beispielen betraf dies u.a. die pleissenburg, die peterskirche und die thomasschule.

      @däne: wie gerade angedeutet, hatte die alte thomasschule ihre schauseite zum thomaskirchhof. die übrigen seiten fand man um die vorletzte jahrhundertwende nicht mehr präsentabel. deshalb errichtete man an neuem ort eine neue thomasschule (in boonis beitrag zu sehen) und an alter stelle die superindentatur (auf dem unteren bild deines beitrages zu sehen). letztere wurde gerade aufwändig saniert und erhielt dabei ihre ursprüngliche dachlandschaft mit ihren drei turmaufsätzen und den dazugehörigen wetterfahnen wieder. so grau und öde wie auf deinem foto ist also nicht mehr. die "neue" thomasschule im bachviertel wiederum soll zentrum des künftigen "forum thomae" werden, das bis zum 800jahrigen bestehen des chores 2012 aus acht komponenten bestehen soll. neben schule und alumnat sind auch bibliothek, kindergarten, etc. geplant, um thomanerchor-nachwuchs zu rekrutieren und ihm die bestmögliche ausbildung angedeihen lassen zu können.

      man sieht: nur mit bewahren ist es nicht getan. auch um erreichtes niveau halten zu können, ist weiterentwicklung notwendig. sicher kann man beispielsweise in weimar den geist der goetheischen zeit besser nachempfinden als in leipzig. aber andererseits: wo stünde deutschland heute, wenn sich alle städte wie weimar entwickelt hätten? deshalb denke ich, man kann sich auch an kleineren städten mit ihrer aura von längst vergangenen zeiten erfreuen, ohne bei anderen den wandel zu grossstädten zu bedauern. oder anders gesagt: mindestens genauso spannend wie die frage, was früher war, ist doch die frage, was als nächstes kommen wird.
      (oder für antiquitus: man kann nie zweimal in das gleiche wasser steigen...)
    • Ich habe mir erlaubt, den Thread in Leipzig-Innenstadt umzubenennen, da in dem anderen Leipzig-Faden zu 95% die Stadtteile diskutiert werden. Also alles, was am und innerhalb des Rings passiert, kann jetzt hier diskutiert werden.

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      Es gibt neue Nachrichten in Sachen Sanierung, die für mich sehr erfreulich sind. Zum einen betrifft es das Ring-Messehaus und zum anderen das Kleine Joachimsthal. Ich freue mich darüber sehr, weil ich die Hoffnung, dass an diesen Gebäuden endlich was passiert, schon fast aufgegeben hatte.


      Das Ring-Messehaus, ein expressionistischer Zwanziger-Jahre-Bau, steht bereits seit 14 Jahren leer. Zuletzt wurde in ihm die Modemesse im Jahr 1992 abgehalten. Ein Israeli kaufte jüngst das riesige Gebäude - das bis zur Humboldtstraße reicht und dessen Gänge eine Länge von 1,4 km haben sollen - und will es aufwendig sanieren. Vorgesehen ist eine Mischnutzung aus Wohnungen, Gastronomie und Büros.


      Eingang mit Mädchenbrunnen davor:



      Das Kleine Joachimsthal hat ein Monegasse für 1,2 Millionen Euro ersteigert. Dieses für Leipzig typische Bürgerhaus mit Passagenverlauf stammt aus dem Jahr 1606 und wurde 1906, also genau 300 Jahre später, gründerzeitlich leicht verändert. Leider weiß ich nicht, inwieweit die Passage noch erhalten ist. Vielleicht weiß Rakete mehr.



      Das Kleine Joachimsthal im städtebaulichen Kontext. Ganz rechts das Haus "Zum Arabischen Coffebaum", dessen Ursprung auf das Jahr 1556 zurückgeht und 1718 zu einem Kaffeehaus (angeblich das erste Kaffeehaus in Deutschland) im Barockstil umgebaut wurde. Die weiße Farbgebung stammt aus dem 19 Jhd. Heute befindet sich neben dem Kaffeehaus noch ein Kaffeemuseum in dem Gebäude. Die Touris sind ganz wild drauf.
    • Ist das zweite Haus von rechts ein Nachkriegsbau?

      Ich glaube, bei diesem Gebäude handelt es sich um ein in den 1990er-Jahren zum Wohnhaus umgebauten DDR-Fünfziger. Die Form der Fenster lassen mich dies vermuten. In den Fünfzigern hat man ja sowohl in ostdeutschen als auch westdeutschen Zentren noch meist sehr moderat und – mit Rücksicht auf die historische Vorkriegsbebauung – angepasst gebaut. Das sieht man ja auch auf deinen Bildern von der Frankfurter Kannengießergasse. Der Bruch kam erst nach dem Mauerbau, als im Westen der Betonbrutalismus und im Osten der Plattenbau-Hype geboren wurde.
    • hallo!
      zum ring-messehaus:
      das gebäude war das grösste seiner art. es erstreckt sich in form eines doppel-t zwischen zwei strassenzügen und besass ursprünglich noch drei dachgeschosse. den villersbrunnen davor hat kürzlich das benachbarte hotel fürstenhof auf eigene rechnung saniert.
      angesichts der grösse des objektes und der derzeitigen marktsituation wage ich allerdings kaum auf eine baldige sanierung zu hoffen.

      zum kleinen joachimsthal:
      das gebäude befand sich in bundesbesitz. erstaunlich, dass das gebäude für 430 000 euro zur versteigerung aufgerufen wurde - und letztlich für 1,22 mio über die theke ging. es ist kein klassischer durchgangshof wie barthels hof (der sich von strasse zu strasse erstreckt), sondern ein durchhof. das heisst, dass der (derzeit nicht passierbare) durchgang zur hainstrasse über eine grundstücksgrenze hinweg verläuft. man kann sich das ganze in etwa wie zwischen den durchgängen zwischen hainstrasse und katharinenstrasse vorstellen.
      (mal was anderes: der name leitet sich von den damaligen bewohnern ab, die vorher im erzgebirgischen joachimsthal in silberbergwerken gearbeitet hatten. aus ihrer währung, dem joachimsthaler, entstand die kurzbezeichnung thaler, die dann auch zum allseits bekannten dollar mutierte.)

      zum haus daneben:
      in einem bildband aus dem jahr 1968 ist an gleicher stelle eine baulücke zu erkennen. es wurde also kurz vor oder kurz nach der wende errichtet. die etwas merkwürdige anordnung der dachfenster lässt eher auf einen vorwendebau schliessen. die fensterumrahmungen aus rochlitzer porphyr sprechen allerdings eher gegen das volkseigene baukombinat als urheber.wahrschenlich handelt es sich also um ein ddr-endzeit-gebäude, welches nach der wende aufgewertet wurde. (ich glaube, mich sogar dunkel an eine solche sanierung erinnern zu können.)

      zum haus "zum arabischen coffebaum":
      bei den türkenkriegen ende des 17. jahrhunderts fiel der legende nach deren vorrat an kaffeebohnen an sächsische soldaten, die sich damit infizierten, schon bald sagten: "ohne gaffee gömmer nich gämbfen" und das gebräu auch in die heimat einschleppten. dazu passt, dass in den ersten jahren der ausschank des "türkentrunks" - auch in diesem haus - eigentlich illegal war. das waren zeiten...