Danzig

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Gerade kommt auf Phoenix ein erstaunlicher Bericht über Danzig, der sich vor allem der Rekonstruktion und Architektur widmet. Dazu Bilder der Stadt anno '45 - eine Mondlandschaft nach tagelangem Bombardement aus der Luft und Beschuss durch die Rote Armee! Heute: wieder hergestellte, prachtvolle Boulevards und Straßenzüge in einer Geschlossenheit, von der man in Deutschland 50 Jahre nach dem 2. Weltkrieg weiter nur träumen kann.

      Ich frage mich: wie kann das sein? In Polen waren nach dem 2. Weltkrieg durch den jahrzehntelangen Klammergriff des Kommunismus Rekobestrebungen sicher noch wesentlich schwächer ausgeprägt als im von sich "Modernisierer" schimpfenden Städteplanern verschandelten Nachkriegsdeutschland, oder irre ich mich da?

      Außerdem hat die Reportage zwei Dinge gezeigt: trotz vielfach sicher totaler Reko keine Disneylandstimmung, sondern eine historische Atmosphäre, um die ich jeden Polen beneide; außerdem der absolute und endgültige Beweis, dass historische Stadtbilder mit moderner Technik und etwas Pathos selbst bei ihrer fast vollständigen Zerstörung wieder hergestellt werden können.

      Ich denke einmal, dass es in Deutschland vor allem gerade an letzterem mangelt - neben der Tatsache, dass bei unseren Politikern weiter das Gespenst umgeht, lieber für 100 Millionen € von einem US-Stararchitekten Betonblocks in die Städtelandschaft zu stellen, als ein paar die bürgerliche Kultur repräsentierende Wohnbauten zurückzuholen...
    • "snitch" schrieb:

      Verdmmt, das hätte ich gern gesehen. Wie hies der Bericht denn genau ? kann man rausfinden ob der irgendwann wiederholt wird ?


      Laut Videotext heißt der 30minütige Film, von dem sich etwa knapp 15 Minuten hauptsächlich Architektur und Rekonstruktion widmeten, schlicht "Danzig" und ist von "Karin Reiss". Auf Phoenix wird vieles wiederholt, insofern besteht ganz gute Hoffnung, ihn noch einmal zu sehen.
    • Die Gründe für den historischen Wiederaufbau in Danzig sind relativ einfach zu erklären, wenn sie auch nicht ohne innere Widersprüche sind. Polen war nach dem Weltkrieg eines der am stärksten zerstörten Länder überhaupt. Dabei sind nicht nur zahlreiche Baudenkmäler zerstört worden, sondern auch andere Kunstwerke und Bibliotheken. Darüber hinaus wurden zahlreiche Angehörige der intellektuellen Führungsschicht ermordet. Hinzu kam die erzwungene Westverschiebung des Landes, die zum Verlust ganzer Landstriche in Ostpolen führte und zum Gewinn ehemals deutschen Gebietes, das nur eine sehr indirekte Verbindung zur polnischen Geschichte hatte. Weithin verbeitet in Polen war und ist die Ansicht, dies alles lediglich als Opfer erduldet zu haben, trotz eines heroischen Kampfes gegen die übermächtigen Nachbarstaaten Deutschland und Rußland.

      Die schwere Identitätskrise durch die großen Verluste und den Gewinn von Ländern, die schon jahrhundertelang nicht mehr Teil des polnischen Staates noch Kulturraumes wahr, machte es notwendig, Vergangenheit zu rekonstruieren, und zwar sowohl ideologisch als auch praktisch. Die deutschen Ostgebiete wurden zu "wiedergewonnenen Westgebieten", da sie um 1000 schon einmal polnisch waren, die ca. sieben Jahrhunderte deutschen Einflusses wurden ausgeblendet. Da Danzig beispielsweise, bei einer weitgehend deutschsprachigen Bevölkerung, noch bis ins 17./18. Jahrhundert feudale Verbindungen zum polnischen Staat hatte, konnte die mittelalterliche Glanzzeit Danzigs polnisch gedeutet und damit ihre architektonische Zeugen wiederaufgebaut werden.

      Leider war ich noch nie in Danzig, aber einige Dinge liest man immer wieder hinsichtlich der dortigen Rekonstruktion: Erstens, daß beim Wiederaufbau entsprechend der Mythologisierung der Vergangenheit der Stadt jegliche als deutsch empfundenen Elemente (z.B. zahlreiche Inschriften, Umbauten aus der Gründerzeit) weggelassen wurden, zweitens, daß der Wiederaufbau vereinfacht folgte und keineswegs streng rekonstruktiv. Häufig wurden Plattenbauten mit vorgeblendeter Fassade verwendet, die verschiedene historisch-architektonische Versatzstücke zeigt.

      Aufgrunddessen bezweifle ich, daß mir persönlich der Wiederaufbau gefallen würde. Zwar ist der Wiederaufbau sicherlich die bessere Lösung im Vergleich zu einer rein modernistischen Gestaltung. Ich befürchte - unter Vorbehalt, weil ich persönlich nicht dort war - daß dies ein Wiederaufbau ist, der zwar die Sehnsucht nach Geschichte und Gemütlichkeit bedient, letztlich aber nicht authentisch ist und Dinge vorspiegelt, die so nie vorhanden waren, und wichtiger: auch nie so hätten vorhanden sein können.

      In Deutschland war die Situation nach dem Weltkrieg eine ganz andere: Man wollte sich ja bewußt abwenden von der Vergangenheit. Die deutsche
      Kultur schien insgesamt schuldig geworden. Daher rührt auch heute noch die Assoziation traditioneller Architektur mit dem Nationalsozialismus. Ich sage nicht, daß dies richtig ist, ich weise nur darufhin, daß dieser Gedanke vielen Diskussionen bewußt oder unbewußt zugrundeliegt. In Polen ist traditionelle Architektur ein wichtiger Teil der Selbstbehauptung der polnischen Nation gegen ihre oftmals übermächtigen größeren Nachbarn.

      Mein Meinung zu Rekonstruktionen und also auch zum Wiederaufbau Danzigs ist also folgende: Rekonstruktionen sind gut und sinnvoll, wenn sie dem Original möglichst nahe kommen in der gesamten Bauausführung. Meiner Meinung nach ist es in Ordnung, Kompromisse zu machen bei technischen Problemen oder bei der Innenraumgestaltung. Wenn man lediglich Fassaden einem Betongehäuse vorblendet oder historische Häuser an Orten wiederaufbaut, wo sie nicht gestanden haben, dann bin ich nicht begeistert. Ich hätte definitiv lieber weniger gute als viele schlechte Rekonstruktionen.
    • @candidus

      mit erwarten las ich deinen beitrag um auf dein abschließendes
      fazit zu warten:

      du schreibst von schlechte und guten rekonstruktionen...übrigens
      nicht der einzige hier im forum, der das thema - genau wie die
      modernisten
      - im moralischen sinne verstanden sehen will.

      im grunde kann ich dir schon zu stimmen, dass eine rekonstruktion
      dem wunsche nach so exakt dem original nachgebildet wird wie mög-
      lich. was aber da, wenn dieser anspruch nicht da ist, man traditionell
      freier interpretiert oder wo vielleicht auch finanzielle gründe eine
      rolle spielen...?

      dann de facto nein und lieber etwas modernistisches, statt einer
      "schlechten" rekonstruktion?

      ich setze bewußt "schlecht" in anführungszeichen. warum spricht man
      bei diesen gebäuden nicht von "guter", traditionell-moderner architektur,
      die sich am vorgänger orientiert, jedoch frei interpretiert und in der
      historischen architektursprache harmonisch ergänzt? sind das alles
      unauthentische trugbilder die dabei enstehen?

      ich denke nicht und vermisse solch eine freie, aber traditionelle
      architektursprache, die vielleicht ein erster schritt über die rekonstruktion
      hinaus bei der weiterentwicklung wäre und eben nicht modernistisch
      ist.

      solch eine architektur vermisse ich in der frankfurter altstadtdiskussion,
      aber auch in der füllbautendebatte am neumarkt. dass architekten sie
      durchaus vorlegen können, zeigen einige wettberwerbsbeiträge in quartier
      3. kein wunder, dass solche beispiele bislang keine chance haben, wenn
      nur ehrliche rekonstruktionen oder modernistische füllbauten in frage
      kommen.


      Jeder, der sich die
      Fähigkeit erhält Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.

      www.archicultura.ch

    • aus eigener anschauung kann ich sagen: an dem, was candidus schreibt, ist schon viel wahres dran.
      danzig besteht grösstenteils aus genormten plattenbauten. weil das keiner aushalten würde, erhielten im innersten zentrum einige strassenzüge fassaden, die sich an die vorkriegsbebauung anlehnen. in die innenhöfe dieser blocks sollte man besser nicht schauen.
      das ist zwar für das auge nicht die allerschlimmste lösung, aber die stadtgeschichte wird so nicht wirklich erlebbar, sondern eher manipuliert. was wohl auch die intention dieses projektes war, wie das in meinen augen noch krassere beispiel der marienburg nahelegt.

      interessant ist in diesem zusammenhang übrigens auch der beitrag von karasek vom 12.6.2005 hier im forum (thema: elbing - wiederaufbau der altstadt).
    • Ich hatte das Thema schon mal im Juni 2005. Gerade an Danzig fielen mir die Grenzen von dieser Art von Stadtrekonstruktion auf. Ich meine wir haben es lange durchgekaut und von allen Seiten beleuchtet.

      Zwar ist der Wiederaufbau sicherlich die bessere Lösung im Vergleich zu einer rein modernistischen Gestaltung. Ich befürchte - unter Vorbehalt, weil ich persönlich nicht dort war - daß dies ein Wiederaufbau ist, der zwar die Sehnsucht nach Geschichte und Gemütlichkeit bedient, letztlich aber nicht authentisch ist und Dinge vorspiegelt, die so nie vorhanden waren, und wichtiger: auch nie so hätten vorhanden sein können.


      Also, ich war dort und ich habe dabei Selbiges gedacht: einerseits schön, dass man das alte Stadtbild zurückholen wollte- aber wenn man auf den Turm der Marienkirche steigt, wird das erst dumpfe Gefühl, dass es hingeschustertes Blendwerk ist traurige Gewissheit:

      Punkt 1- Das so prächtig erscheinende Kreuzgewölbe der Kirche besteht aus Pappmache und Gips, eine dünne Schicht, nix gemauert.

      Punkt 2- Die einst so große Altstadt entpuppt sich auf ein paar nachgebildete Gassenzüge inmitten eines kaputten Umlandes

      Punkt 3- Die Häuser sind wirklich Plattenbauten mit vorgehängter Fassade.

      Der Punkt mit der geschichtlich erlebbaren Tiefe ist generell eher etwas subjektives bzw. fast metaphysisches, aber ich verstehe gut was Du damit meinst. Wenn man sich in seiner Sympathie entscheiden sollte zwischen Danzig und Venedig würde bestimmt jeder zu Letzterem tendieren, aber nur aus dem Grund, weil es viel mehr zu entdecken gibt, d.h. wenn man einen Blick in einen Hinterhof wagt gähnt keine Betonwand, sondern eröffnet sich ein neues Universum an Einzelheiten, die es zu entdecken gilt. Ich denke, und da kommen wir zu dem Punkt der Aura einer Stadt, diese Fülle an Details, die Ihre eigene Geschichte erzählen sind es, die entscheidend sind. Das kann eine Bebauung aus einer bzw einzelnen Federn, egal ob ein Wiederaufbau oder Neubauensemble schwerlich erreichen, zumahl sie geprägt sind von knappen Kassen. Das ist heutzutage nicht anders, und ich kann kritische Stimmen zum Dresdner Neumarkt verstehen. Ein guter Weg ist der der Neubebauung am Friedrichswerder in Berlin ein richtiger, nur ist die Zeit dafür noch nicht wirklich reif, solange die Formensprache heutiger Architekten so unter aller Würde ist!

      noch krassere beispiel der marienburg


      Das habe ich wiederum gar nicht so empfunden. Die Rekonstruktion empfand ich als sehr gut und hochwertig. Oder wie meinst Du das?
    • @ Stefan

      Mit "guten" und "schlechten" Rekonstruktionen meinte ich in erster Linie solche, die gut oder schlecht gemacht sind. Ich bin kein Anhänger der Theorie, daß wir aus moralischen Gründen nicht rekonstruieren dürfen - also etwa mit der Begründung, daß das Resultat des letzten Krieges auf diese Weise akzeptiert werden müsse.

      Auch bin ich für eine zeitgenössische traditionelle Architektur zu gewinnen. Leider gibt es dazu bisher wenige Beispiele, und ich würde das dann auch nicht als Rekonstruktion bezeichnen wollen. Es wäre stattdessen ein neuer Baustil, der traditionelle Formen und Materialien aufgreift und vielleicht zu einer ganz neuen Synthese bringt.

      Was ich aber meistens sehe, wenn es einerseits für eine echte Rekonstruktion nicht reicht und andererseits auch nicht modern gebaut wird, ist schlicht langweilig und uninspiriert. Ja, da habe ich dann lieber gute moderne Architektur. Ich kann nachvollziehen, daß moderne Architektur in diesem Forum teilweise zur Gänze abgelehnt wird, finde diese Haltung aber nicht richtig, weil sie verkennt, daß es innerhalb der modernen Architektur sehr große Qualitätsunterschiede gibt.

      Und ganz losgelöst vom Geistigen darf man, finde ich, Architektur auch nicht sehen. In erster Linie bin ich zwar Ästhet, und in diesem Sinne gibt es nur schöne und häßliche Architektur. Aber es muß auch um Authentizität gehen. Authentizität verstehe ich dabei nicht materiell, wie viele Gegner der Rekonstruktion, sondern ideell. Man würde ja auch Würzburg nicht gotisch und Nürnberg nicht barock rekonstruieren wollen.

      Gegen einen vereinfachten Wiederaufbau, der trotzdem stilgerecht ist und idealerweise eine spätere aufwendigere Rekonstruktion ermöglicht, ist nichts einzuwenden. Wenn wir hier tatsächlich Substantielles in diesem Forum erreichen möchten, werden wir ohnehin einen langen Atem und viel Geduld brauchen.
    • die Frage ist auch:
      Wie denken zukünftige Generationen darüber, wenn sie erwartungsvoll durch die Straßen einer anscheinend historischen Stadt gehen und dann in Treppenhäuser und Hinterhöfen die Architektur finden, die sie aus Halle Neustadt oder Berlin Marzahn oder einem anderen Plattenbauviertel kennen.

      In München gibt es auch solche Bauten, an denen die historische Fassade nur vorgeblendet ist. Prominentes Beispiel ist hier das Leuchtenbergpalais (heute Finanzministerium): Stahlbetonbau mit mit vorgeblendeter Ziegelstein-Fassade. Hier waren (und sind) sogar nach dem Krieg noch große Teile der Einrichtung vorhanden, trotzdem hat man sich leider nicht für eine Rekonstruktion entschieden
      (off-topic: finde ich wesentlich repränsentativer wenn zum Beispiel die österreichische Bundesregierung Presskonferenzen gibt etc. aus den historischen Räumen der Wiener Hofburg als aus irgendwelchen modernen Gebäuden wie die bayerische Staatsregierung und die deutsche Bundesregierung)

      Gegen einen vereinfachten Wiederaufbau, der trotzdem stilgerecht ist und idealerweise eine spätere aufwendigere Rekonstruktion ermöglicht, ist nichts einzuwenden.


      Genau das muss ein neben der vollständigen Rekonstruktion ein Hauptziel von uns sein.

      Wobei eine Pauschalisierung dem Thema nicht gerecht wird. Man muss von Haus zu Haus differenzieren. In einigen Fällen geht es nicht anders, als einen moderen Bau mit vorgeblendeter Fassade zu bauen. Dieser Neubau darf aber dann aber keineswegs Durchschnitt sondern muss wirklich beständige und substantielle Qualität aufweisen.


      Stichwort ökologisches Bauen: Heute gibt es in diesem Bereich schon viele und durchaus finanzierbare Möglichkeiten z.b. bei der Dämmung.
      Gerade auch bei Häusern bei denen nur die Fassade orginalgetreu Rekonstruiert wird, wäre doch eine ökologische Bauweise besonders notwendig, da sich der Bauherr dadurch zu einem qualitätvollen Gebäude bekennt, dass nicht in 30 Jahren aufgrund neuester Erkenntnisse abgerissen werden muss, weil man ein Baustoff verwendet hat, von dem sich herausstellt das er z.b Krebseregend ist oder aufgrund irgendwelcher eklatanten Baumängel.

      Bei Total-Rekos muss sich das von selbst ergeben. Ein wesentlicher Teil der Authentizität macht doch aus, dass eine Reko eines Hauses aus einer Zeit in der es noch keinen Kunststoff gegeben hat auch auf solchen möglichst verzichtet wird.

      In diesem Moment kommen mir die Bilder von noch nicht vom Putz verborgene hellblaue Kuststoff-Dämmmatten am Hotel de Saxe in den Sinn.
      Irgendwie gibt das schon einen faden Beigeschmack.

      Ich schließe mich Candidus insoweit an, das ich sage gutes modernes Bauen hat auch seine Berechtigung - auch in der Altstadt. Dort darf es aber nur eine absolute Ausnahme sein (bei uns ist leider Schlechtes die Regel) und muss sich behutsam in die Umgebung einfügen.

      Zurück zu Danzig:Ihr habt mich meiner Illussionen über die hohe Qualitität der polnischen Rekos beraubt :weinen:
    • @kind von 2 dresdnern:
      das mit der marienburg bezog sich nur auf das dort vermittelte geschichtsbild. als ich dort war (´96) waren nur die eintrittspreise auch auf deutsch. die ausstellung selbst war rein polnisch betextet - und nach dem, was ich wir uns übersetzen liessen, ging es in ihr hauptsächlich darum, wie das land vom deutschen ritterorden befreit wurde (obwohl die marienburg gerade dadurch ihre kulturelle und politische bedeutung verlor).
      aber na ja, gut wiederaufgebaut war sie ja. und falls sich die ausstellungskonzeption seit dem nicht geändert haben sollte, wird es wohl eines tages noch geschehen.
    • Das Thema Wiederaufbau von Danzig kam zufällig gerade letzte Woche in der Vorlesung in Denkmalpflege (ich studiere an der Uni Bamberg) dran. Der Prof hat zwar einerseits das Engagement der Stadt gelobt, einige Straßenzüge im alten Stil und auf altem Straßengrundriss wieder aufzubauen, aber er hatte auch reichlich Kritikpunkte:
      - Es handelt sich wirklich fast nur um Fassadenrekonstruktionen, im Inneren sind immer zwei bis drei Häuser zusammengefasst, teils befindet sich eine Wohnung hinter zwei Fassaden
      - Die Häuser wurden verkürzt aufgebaut, um größere, begrünte Innenhöfe zu haben. Das mit den grünen Innenhöfen mag eine gute Idee sein, in der Praxis sieht das aber so aus, dass sie vor allem als Parkplätze und Müllplatz dienen und sich keiner wirklich dafür zuständig fühlt
      - Manche Straßen wurden nur einseitig wieder aufgebaut, um mehr Licht in die ehemals engen Gassen zu bringen. Auf der Nordseite dieser Straßen finden sich selbst heute noch die Reste der zerstörten Kriegsruinen
      - Es wurde nur ein sehr kleiner Teil der Stadt rekonstruiert, der meiste Teil der Altstadt ist Nachkriegsplattenbau
      - Im Gegensatz zu Warschau wurde kein historischer Zustand rekonstruiert, sondern der unmittelbare Vorkriegszustand (außer bei manchen historistischen Bauten, die beim Neuaufbau an die Umgebung angepasst wurden), und dieser Vorkriegszustand war in den 1930ern stark von den Nazis überformt worden, um den polnischen Nachbarn zu zeigen, wie eine "deutsche Stadt" aussieht. Da mutet es fast grotesk an, dass die Polen gerade dieses verunklärte Stadtbild wieder aufgebaut haben.

      Als Fazit (zumindest nach dem, was der Professor so erzählt und auch in Fotos gezeigt hat) kann ich da bloß sagen: Schöne Fassaden und nix dahinter. Natürlich immer noch besser als die Stadt völlig neu aufzubauen, aber eine wirklich gute Lösung ist das trotzdem nicht.
    • @ Maxileen

      Dein Prof hat leider Recht! Ich finde es manchmal anstregend Berichte über Polen hier im Forum zu lesen. Leider merkt man oft, dass die Forumsmitglieder noch nie in Polen waren (und oft D. zu negativ beurteilen...).

      Die wiederaufgebaute Altstadt von Danzig besteht aus 3-4 wirklich schöne Strassen/Gassen:



      Diese Fassadenrekos sind aber eine Ausnahme, denn gleich nebenan stehen die ersten Plattenbauten. Wie ich schon früher erwähnt habe, fehlen die meisten Gassen - stattdessen gibt es viel Grün und Parkplätze...



      Ein weiteres Problem ist, dass die Altstadt eigentlich eine Wohngegend ist. Es gibt kaum richtige Geschäfte und Abends ist nur an der Mottlau was los. Dafür haben die Polen ein MEGA Einkaufszentrum ausserhalb der Stadt gebaut. Dort fahren die Polen immer hin - die "Altstadt" ist nur für Touris, die Bernstein kaufen wollen.

      Wenn Ihr historische Architektur sucht, dann sollte man lieber nach Lübeck fahren (Die Königin der Hanse ist 10 Mal interessanter als Danzig) oder nach Wismar/Stralsund/Greifswald. Die Stadt Thorn in Westpreussen hat auch wesentlich mehr als Danzig zu bieten - von Tallinn in Estland ganz zu schweigen.

      Das Beispiel Danzig zeigt (leider) wie schwierig es ist eine historische Stadt wieder entstehen zu lassen. Die Fassaden der wichtigsten Strassen reichen nicht aus. Es muss ein Mix aus Architektur (Schöne Fassaden), Stadtplanung (kleine Gassen/Schöne Plätze) und Funktion (Shopping/Wohnen) geben. Deshalb mag ich Freiburg, Nürnberg und Würzburg besser als Danzig.

      Die Rekos in Warschau sind besser gelungen. Allerdings ist Warschau nicht wegen der Architektur Welterbe (das wird ja immer hier behauptet) sondern wegen der Wiederaufbauleistung nach dem Krieg.
    • "rakete" schrieb:

      @kind von 2 dresdnern:
      das mit der marienburg bezog sich nur auf das dort vermittelte geschichtsbild. als ich dort war (´96) waren nur die eintrittspreise auch auf deutsch. die ausstellung selbst war rein polnisch betextet - und nach dem, was ich wir uns übersetzen liessen, ging es in ihr hauptsächlich darum, wie das land vom deutschen ritterorden befreit wurde (obwohl die marienburg gerade dadurch ihre kulturelle und politische bedeutung verlor).


      Man neigt dazu Geschichte umzudeuten damit man mit ihr besser leben kann. Das ist in Polen, aufgrund der Westverschiebung, besser spürbar als in jedem anderen Land. Schlimm ist es wenn 600 Jahre Geschichte verschwiegen werden weil sie nicht ins Bild passt. Das gibt es auch.
      Auf dem Karlstein bei Prag erzählte die Führerin vor ein paar Jahren das das Deutsche Reich Teil Böhmens war, nämlich zu der Zeit als die böhmischen Könige deutsche Kaiser waren. Gut, das war nur ein paar Jahre nach der Wende und die Nachwirkung sozialistischer Geschichtsschreibung, die ja eher nationalistisch war, aber es war bezeichnend.
    • @ Däne

      Mag ja alles sein, aber als alter Frankfurter beneide ich Danzig trotzdem.

      Diese Fassadenrekos sind aber eine Ausnahme, denn gleich nebenan stehen die ersten Plattenbauten. Ein weiteres Problem ist, dass die Altstadt eigentlich eine Wohngegend ist. Es gibt kaum richtige Geschäfte


      Na und? In Frankfurt gibt es gar keine Fassadenrekos, sondern (abgesehen von wiederaufgebauten Solitären) auschließlich 50er-Jahre-Wegwerfarchitektur mit verpennten begrünten Wohnhöfen. Zugegeben, etwas angenehmer als sozialistische Plattenbauten sehen die Gebäude schon aus, aber während man in Danzig wenigstens ein paar Gassen mit historischen Fassaden hat, sehen Frankfurts Altstadtgassen überwiegend so aus:



      Preisfrage: Welches Altstadtviertel sieht besser aus?


      Bildquelle: http://www.aufbau-ffm.de">www.aufbau-ffm.de


      Quelle: http://www.umdiewelt.de">www.umdiewelt.de[/quote]
    • Man neigt dazu Geschichte umzudeuten damit man mit ihr besser leben kann. Das ist in Polen, aufgrund der Westverschiebung, besser spürbar als in jedem anderen Land. Schlimm ist es wenn 600 Jahre Geschichte verschwiegen werden weil sie nicht ins Bild passt. Das gibt es auch.
      Auf dem Karlstein bei Prag erzählte die Führerin vor ein paar Jahren das das Deutsche Reich Teil Böhmens war, nämlich zu der Zeit als die böhmischen Könige deutsche Kaiser waren. Gut, das war nur ein paar Jahre nach der Wende und die Nachwirkung sozialistischer Geschichtsschreibung, die ja eher nationalistisch war, aber es war bezeichnend.


      Ist zwar off topic, wie man neudeutsch so schön sagt, aber dazu nur die kurze Bemerkung, daß "umdeuten" noch ziemlich verhamlosend ist.
      Ich habe mich kürzlich mit einem Polen unterhalten, der mir allen Ernstes weismachen wollte, Danzig sei vor dem Krieg überwiegend polnisch besiedelt gewesen und die Deutschen wären nur eine kleine Minderheit gewesen. So habe man ihm das in der Schule beigebracht. Zur Erinnerung: die letzte vom Völkerbund (!) in Danzig durchgeführte Volkszählung ergab 95% Deutsche und 3,5% Polen. Geschichtsfälschung, wenn nicht gar Lüge ist da wohl das angemessenere Wort als "Umdeutung".
    • "silesianospostato" schrieb:

      Im offiziellen heutigen Stadtführer zu Neisse/Oberschlesien steht auch, daß "Neisse schon früher eine der wichtigsten polnischen Städte war, ähnlich wie Krakau und Warschau". Da fehlen einem dann doch die Worte...


      Ach, da gibt's so vieles. Die niederschlesische Stadt die "1000 Jahre Zugehörigkeit zum polnischen Staat" feiert, die pommersche Stadt die Bugenhagen vergisst zu erwähnen obwohl er in ihr lebte und von dort die Reformation in Norddeutschland einführte, das niederschlesische Volkskundemuseum in dem alle Exponate des täglichen Bedarfs polnisch sind, reihenweise Stadtchroniken die äußerst ausführlich über die Zeit von 1000 bis 1300 und von 1945 bis heute berichten, in der Zeit dazwischen aber ein "Loch" haben usw..

      Bezüglich der Rekonstruktionsleistungen der Polen lohnt es sich übrigens auch sich einmal mit den Geschehnissen nach dem krieg auseinanderzusetzen. Hier ein polnischer Artikel über Breslau:
      http://www.dpg-brandenburg.de/nr17/breslau.htm\r
      www.dpg-brandenburg.de/nr17/breslau.htm

      Äußerst lesenswert, auch im Bezug auf das Thema Architektur.
    • Der größte Teil der polnischen Neusiedler kam übrigens gar nicht aus "Ostpolen" (wie auch im Bericht zu Breslau beschrieben), sondern aus den polnischen Kerngebieten. Ersteres ist ein Mythos, der in jedem Bericht geradezu gebetsmühlenartig wiederholt wird (auch zuletzt in der Sendereihe "Als die Deutschen weg waren").