Bericht eines Studenten

  • Huh - was ist das denn? Sieht aus, als hätte man auf ein Haus von ca. 1910 noch ein Einfamilienhaus aufgepfropft.

    Dieser Eindruck mag das Ergebnis von modischen Vereinfachungen und Umbauten sein. In seiner ursprünglichen Form kommt dem geschulten Augen der Vergleich mit dem "Einfamilienhaus" nicht in den Sinnn: http://izseljenci.slo.at/content/pictures/jakoberhaus.jpg Das Gebäude stammt aus dem Jahr 1925, nicht von 1910.

  • Dieser Eindruck mag das Ergebnis von modischen Vereinfachungen und Umbauten sein. In seiner ursprünglichen Form kommt dem geschulten Augen der Vergleich mit dem "Einfamilienhaus" nicht in den Sinnn: izseljenci.slo.at/content/pictures/jakoberhaus.jpg Das Gebäude stammt aus dem Jahr 1925, nicht von 1910.

    Das alte Foto macht es deutlich klarer, danke dafür. Skurril bleibt es dennoch. Die Details wirken etwas altmodisch für die 20er Jahre, daher habe ich mich in der Datierung so verhauen, denke ich. Könnte auch eine der verrückten Häusergeschichten von Gottfried Müller sein, finde ich. :)

  • Das Jakoberhaus empfinde ich mit seinen Dächern als ein Zitat der japanischen Burg Himeji.


    Sonst, zur Architektenausbildungssituation:
    NC für Einserstudenten sehe ich nicht als angebracht, eben weil damit eher künstlerische Naturen außen vor bleiben.
    Und daß zuwenig gezeichnet wird, vor allem zuwenig von Hand, ist schon seit längerem so. Es ist ein Manko, daß die ganzen zeichnerischen Berufe kaum noch existieren, denn es wäre eine gute Sache gewesen, erst dort eine Lehre zu machen und dann Architektur zu studieren.

  • Ich kann gerne in Sachen Details über ein Architekturstudium noch mehr ins Detail gehen falls das jemanden interessiert.


    Einen NC auf Architekturstudiengänge gibts es im übrigen schon an div. Hochschulen. In der Regel liegt der zwischen 2,5 und 3,0. Es gibt auch Hochschulen die einen zeichnerischen Einstellungstest durchführen oder im Vorfeld eine Mappe verlangen.


    Ein "hoher" NC kann sicherlich kontrovers diskutiert werden. Er hat vor und Nachteile.
    Momentan ist es aber eher so das Maße vor Klasse herscht.
    Dies führt im Studium zu einer Verwässerung der Lehre und es werden viele unbegabte "durchgeschleift" weil sie weniger auffallen.


    Auch im späteren Berufsleben hat, die Masse an Architekten (Absolventen genant) kaum Vorteile. Es herscht ein Überangebot an fertig Studierten die alle in den Arbeitsmarkt streben und die Gehälter kaputt machen. Es herscht auch ein Überangebot an Architekten im Sinne des Wortes (mit Bauvorlageberechtigung). So das sich viele als Ein Mann- Büros über Wasser halten müssen und im grunde nur bessere Bauzeichner sind.


    Frei nach dem Motto: Wie du bist nicht zufrieden mit dem Mindestlohn und 50h + Woche? -> der nächste bitte...

  • Ein ganz interessanter Artikel im Berliner Tagesspiegel befasst sich mit der Streichung des Faches Modellbau CAD an der TU-Berlin


    Tsp

  • Ein "hoher" NC kann sicherlich kontrovers diskutiert werden. Er hat vor und Nachteile.

    In meinem Fachgebiet (Medizin) gibt es seit Urzeiten einen NC. Dieser hat eher Nachteile als Vorteile. Im Moment geht es allerdings meinem Berufsstand wieder deutlich besser als noch vor 20-25 Jahren. Manche Stellen sind nur sehr schwer nachzubesetzen.
    Ein NC führt unter anderem dazu, dass die Frauenquote sehr hoch ist, da Mädchen überwiegend disziplinierter als Jungs in den wichtigeren Schuljahren sind. Leider führt der NC bei beiden Geschlechtern auch zu einem hohen Anteil weltfremder "Sesselpuper". Auswahlgespräche an den UNIs können das zwar mildern, aber der Anteil an "Fachidioten" ist trotzdem noch zu hoch. Ein hoher Frauenanteil führt leider wiederum zu sehr hohen Ausfällen wenn die ersten Kinder kommen. Medizin ist eben nach wie vor nur in wenigen Fachbereichen problemlos in Teilzeit zu bewältigen. Längere Abwesenheiten werden fachlich nur sehr selten toleriert.

    Ich bin sicher kein Verfechter der "Traditionelle um jeden Preis", aber ich bin gegen die "Trostlosigkeit und Langeweile im zeitgenössischen Bauen". dto.

    Edited once, last by Berkowitz ().

  • Ein interessanter Faden.


    Ich kann die grausamen Erfahrungen größtenteils bestätigen.
    Ich habe Bauingenieurwesen studiert und das Grundstudium gemeinsam mit den Architekten absolviert.


    Es war (und ist) ein Graus. Wie jemand anderes weiter vorne schon sagte: Der Architektur-Mainstream ist purer Totalitarismus.


    Wenn ich mich an die Entwurfs-Kurse zurück erinnere (etwa 10 Jahre her), wird mir heute noch anders.
    Die Professoren zwangen die Studenten regelrecht abgrundtief hässliche Platten- und Würfelkonstruktionen zu entwerfen. Das sei "modern und hipp und toll".
    Wollte man davon abweichen und seiner eigenen Kreativität freien Lauf lassen, was ein Architekt ja eigentlich tun sollte, wurde schlecht benotet. Man musste den Geschmack des Professors treffen.
    Letzen Endes waren alle Entwürfe ein riesiger Einheitsbrei.


    Zwischenzeitlich hatte ich das Glück bei einem klassischen Architekten arbeiten zu können.
    Hier eins seiner zahlreichen Werke: https://3.bp.blogspot.com/-zxb…yn4FEi8/s1600/Kilboy1.jpg


    Dabei konnte ich extrem viel lernen, insbesondere darüber was tatsächlich schöne Architektur bedeutet.


    Inzwischen bin ich Mitte 30, aber ich neige fast dazu nochmal eine Uni zu besuchen, nur um den dortigen Architektur-Verbrechern mit meiner inzwischen gesammelten Erfahrung Paroli zu bieten und diese Bühne zu nutzen um auch den anderen Studenten zu zeigen, was Architektur eigentlich aus macht und dass diese Würfel- und Plattenkomplexe alles sind, aber keine schöne Architektur.

  • Classical, danke für Ihren Beitrag. Genau die gleichen Erlebnisse hatte ich auch Anfang der achtizer Jahre auf der FH in Stuttgart. Nur mit dem Unterschied, dass es damals noch viel dogmatischer war als heute und man teilweise als Ewig-Gestriger dastand, wenn man Elemente klassischer Kunst oder Architektur in seinen Arbeiten integrieren wollte. Ich kann mich auch noch sehr gut an die Kommentare eines Dozenten erinnern, der die damals neu erbaute Neue Staatsgalerie in Stuttgart auf Grund "faschistischer Architekturelemente" kritisierte.....

  • In Deutschland ist Architektur seit 1945 immer ein Politikum und darüber hinaus mit Sozialutopien ideologisch aufgeladen. Das muss erstmal ein Ende haben, damit es besser wird.

    In dubio pro reko

    Edited once, last by typo2708 ().

  • Lassen wir mal die Sozialutopien außen vor, die ich den heutigen Konstrukteuren von mit Styropor gedämmten Staffelgeschoss-Blocks in der Masse nicht abnehme bzw. zutraue. Architektur aber ist - wie Kunst generell - in gewissem Maß immer ein Politikum. Sie geschieht im öffentlichen Raum, sie strukturiert diesen, sie prägt das Leben vieler Menschen. Und sie ist auch stets mit Symbolen behaftet, z.B. schon beim Corps de Logis eines Barockschlosses, auf das die Blickachse der Straße führt, oder beim gotischen Kirchturm, der die höchste Marke der Stadt darstellen soll. Das Politikum an sich ist nur ein Teil der Problematik. Es ist eben ein politischer Kampf um gewisse Symbole, der ausgefochten werden muss, der sich aber auch stilistisch und geistig wandeln kann (man betrachte nur die Entwicklung der Architektur im kommunistischen Ostblock von den Revolutionsutopien zum stalinistischen Neoklassizismus bis zu Plattenblock-Planungen und postmodernen Anklängen in de 80er Jahren). Das Problem hierzulande (womöglich betrifft es nicht nur Deutschland, sondern auch andere Teile der nordischen Welt) ist nicht die Politik, sondern der Dogmatismus. Man möchte radikaler als radikal sein. Man ist möglichst aggressiv gegen andere Positionen. Das betrifft die Architektur ebenso wie die generelle politische Auseinandersetzung. Es fehlt komplett das Laissez-faire südlicher und östlicher Regionen. Das mag ein weiteres Erbe des Protestantismus sein.
    Das kann man jetzt beklagen oder man kann die Realität erst einmal als gegeben sehen und kritisch analysieren. Man ist nun einmal auch Teil einer Auseinandersetzung, der man sich stellen muss.

  • Eine großartige Möglichkeit zur Fortbildung im Bereich (neue) klassische Architektur sind die Sommerakademien, die von diversen (vor allem US-amerikanischen) Universitäten in Europa angeboten werden.


    Hier jene, die mit der weltweiten Organisation für klassisches Bauen und New Urbanism INTBAU in Spanien diesen Juli stattfindet - die Bewerbung ist für Kurzentschlossene noch heute und morgen möglich, 2 Wochen hochwertige Ausbildung für 300€ all inclusive!


    INTBAU-Architektur-Sommerkurs in neuer klassischer Architektur in Spanien

  • @Amadeus
    Habe mir gerade Deine Berichte angesehen. Wieso wechselst du nicht die Hochschule? Das ist doch verlorene Lebenszeit! Die TU Dortmund oder die FH Potsdam wären die weitaus besseren Adressen.
    Kommilitone kommt übrigens von "con" (zusammen mit) und "miles" (Soldat). Daraus wurde "commilito" (Mitstreiter, Pulral "commilitones"). Also eigentlich ein ganz furchtbar militaristisches Wort. (Ich warte ja nur darauf, dass die politisch-korrekte Sprachpolizei das auch noch indiziert.)
    Und noch etwas anderes: Duzen euch die Professoren? Und wie redet ihr sie an? Auch mit "Du"?

    Nimm das Recht weg, was ist der Staat dann noch anderes als eine große Räuberbande? (Augustinus von Hippo)

  • Ich habe mein Architekturstudium vor 5 Jahren beendet und danach 3 Jahre bei einem Bauträger gearbeitet. Davor habe ich noch eine ganz klassiche Zeichnerausbildung beim Metallbauer gemacht. Dass in diesem Forum gerne ausgiebig die Architektenschaft kritisiert wird, dürfte jedem neuen Mitglied schnell klar werden. Weniger bedacht werden aber die unzähligen anderen Branchen, die heute an Bauprojekten beteiligt sind. Da sind Kaufleute, Makler, Techniker, es gibt enge Bebauungspläne, es gibt Bauherren, die ihr Geld beisammen halten wollen (verständlicherweise), es gibt die Nachbarn, die eigentlich gar keine Gebäude vor der Tür haben wollen und es gibt eine riesige Industrie, die Produklösungen anbietet (WDVS, Kunststofffenster + Türen + Rolläden, Klinkerriemchen als Beispiele) Da ist man als Absolvent ein kleines Rädchen ohne viel Gestaltungsspielraum. Bis ein Entwurf fertig ist, mussten unzählige Hürden genommen und Widerstände besetigt werden. Ich erinnere mich an Projekte, wo jeder Strich abgestimmt werden musste.


    Darüber hinaus ist der Beruf des Architekten auch wesentlich umfangreicher geworden. ENEV, Landesbauordnung (jedes BL hat eine eigene), Brandschutz, Bebauungspläne, Stellplatzsatzungen, Schallschutz, Umweltschutz, Haustechnik etc. Man blättert in Gesetzestexten, telefoniert mit Ämtern, redet mit Technikern über die Umsetzbarkeit. Raum für Gestaltung ist leider wenig, die Priorität liegt dann eher noch bei den Grundrissen als an der Fassade. CAD ist zwar irgendwo eine Erleichterung, sorgt aber eher dafür, dass man einfach schneller arbeiten kann, ohne das neue Freiräume geschaffen werden. Zudem wird auch noch erwartet das man mit Grafikprogrammen umgehen kann und mindestens ein Programm für Visualisierungen. Wenn ich das alles gerade gedanklich nochmal Revue passieren lasse, dann wird mir nahezu schwindelig.


    Ich stimme insoweit dem Forenkonsens überein, dass unsere Städte schöner werden müssen, sehe die Probleme aber auch bei anderen Diziplinen.

  • "Darüber hinaus ist der Beruf des Architekten auch wesentlich umfangreicher geworden. ENEV, Landesbauordnung (jedes BL hat eine eigene), Brandschutz, Bebauungspläne, Stellplatzsatzungen, Schallschutz, Umweltschutz, Haustechnik etc. Man blättert in Gesetzestexten, telefoniert mit Ämtern, redet mit Technikern über die Umsetzbarkeit."


    Man könnte fast meinen, es liege am zu großen Staate? ;)


    Spaß beiseite. Was der klassischen "Bewegung" zu fehlen scheint, ist eine Fehleranalyse und ein überzeugendes Vorgehen, wie man den gegenwärtigen Architekturtrend wieder vom Kopf auf die Füße stellt. Es gibt ja Gründe dafür, warum "wir" heute da stehen, wo wir stehen. Warum Professoren von ihren Studenten nicht mehr als Schießscharten erwarten oder man anderweitig Argumente findet, die gegen klassisches Bauen sprechen.


    Was aus meiner bescheidenen Betrachtung fehlt, ist ein längst überfälliger Schlachtplan. Wann z.B. hat die Entstuckung begonnen, wer waren die Täter, die z.B. das Berliner Schloss, das KW-Denkmal oder die vielen anderen kulturellen Reichtümer Deutschland abgerissen und gesprengt haben und warum weiß davon heute niemand etwas, kann jedoch zeitgleich aus dem FF die Biografie des Österreichers von der Eizelle bis 45 in einem Atemzug erzählen? (Nein, ich möchte hier nichts verharmlosen sondern mir die Frage erlauben, warum heute so gut wie jeder achselzuckend reagiert, wenn man sie über kulturelle Verluste und Zerstörungen ihrer eigenen Kultur befragt). Mit welchen _modernen_ Möglichkeiten schafft man heute effizient im Wettbewerb mit Betongießereien Schritt zu halten; welche Kompromisse ist die Klassikerszene bereit zu gehen?


    Schlagt mich, aber braucht jede Fassade handgeschlagene Skulpturen oder sind die heutigen 3D-Drucker in der Lage, ähnlich Stilvolles für günstig Geld zu schaffen? Muss die detailreiche Eingangstür aus Holz vom Schreiner über Tage und Wochen gedrechselt worden sein oder kann man auch hier nicht auf Robotik und Katalagware setzen, um schnell und verhältnismäßig günstig ein ästhetisches Ergebnis zu erzielen das immerhin um Längen mehr her gibt, als diese menschenverachtenden Ecken und Kanten? Muss jede Fassade einzigartig sein oder findet man auch hier einen Mittelweg zwischen ständig monotoner Kacheloptik und detailverliebter Formsprache?


    Falls mir jemand vorwerfen möchte, ich würde das klassische Handwerk zerstören wollen: Wie viel ist noch übrig geblieben und wer von der breiten Masse aka Bauträger ist bereit, Geld dafür auszugeben? Natürlich wäre mir lieb, wenn Architektur wieder den menschengemachten bzw. menschengleichen Charme hätte, wie damals. Die Zeit lässt sich jedoch nicht zurückdrehen und es täte "uns" gut daran, die Waffen des Gegners für unsere Ziele zu Nutze zu machen. Stück für Stück. Rekonstruktionen wie die Frankfurter Altstadt, einst die Frauenkirche oder das Berliner Schloss sind absolute Reichtümer und Riesenschritte für Kulturverliebte, sollte jedoch nicht das Maß für die "Alltagsarchitektur" sein. (Zumindest noch nicht. ;))


    Das waren ein paar Gedanken von einem Außenstehenden. Welche Kritik davon überspitzt, unangemessen oder auf die Zwölf getroffen hat, darf gern hier im Forum diskutiert werden, solange unser aller Ziel nicht aus den Augen verloren wird.


    Hallo tachMarkus, bei Hervorhebungen in Zitaten bitte Kursivschrift verwenden, keine Farbe. Letztere sollte der Moderation vorbehalten bleiben. Liebe Grüße

    Mod./Snork

  • Schlagt mich, aber braucht jede Fassade handgeschlagene Skulpturen oder sind die heutigen 3D-Drucker in der Lage, ähnlich Stilvolles für günstig Geld zu schaffen? Muss die detailreiche Eingangstür aus Holz vom Schreiner über Tage und Wochen gedrechselt worden sein oder kann man auch hier nicht auf Robotik und Katalagware setzen, um schnell und verhältnismäßig günstig ein ästhetisches Ergebnis zu erzielen das immerhin um Längen mehr her gibt, als diese menschenverachtenden Ecken und Kanten? Muss jede Fassade einzigartig sein oder findet man auch hier einen Mittelweg zwischen ständig monotoner Kacheloptik und detailverliebter Formsprache?

    Schon Beuth und Schinkel sahen industriellen "Massenproduktion" nichts Verwerfliches. Sie gaben zur Anregung sogar Musterbücher ("Vorbilder für Fabrikanten und Handwerker") heraus .

    Beuth und Schinkel wollten durch diese Abbildungen „einen Einfluss auf die Ausbildung des Geschmacks“ der Hersteller von Gütern aller Art ausüben und sie in die Lage versetzen, ästhetisch hochwertige und international konkurrenzfähige Produkte industriell zu erzeugen. Durch neuere Techniken wie Eisenkunstguss, Zinkguss und die Terrakottenfabrikation waren preiswerte Nachahmungen in großer Zahl gerade erst möglich geworden. Beuth und Schinkel begrüßten diese Entwicklung, da „durch eine leichte, treue Vervielfältigung des Kunstwerks dessen allgemeine Verbreitung unter allen Klassen möglich wird.

    Ich glaube, sie wären von den Möglichkeiten des Arbeitens mit 3D-Druckern begeistert gewesen. Auch bei den bildhauerischen Arbeiten am Berliner Schloss wird heutzutage zumindest für Vorarbeiten neueste Technik genutzt. Skulpturen werden grob (!) vorgefräst. Oder wo es schlecht möglich ist, einen Abguss zu machen, kam der 3D-Scanner zum Einsatz (z.B. an den Originalfiguren die sich am Liebknecht-Portal des ehemaligen Staatsratsgebäudes befinden).

    Willkommen im 21. Jahrhundert!

  • Hansolol hat schon weitgehend Recht. Tatsächlich beweisen zahlreiche Rekonstruktionsprojekte wie das Berliner Stadtschloss oder der Nürnberger Pellerhof eindrucksvoll, dass die Technik, die Mittel, die Werkzeuge und auch die Fachkräfte vorhanden sind, um Beeindruckendes und Mehrheitsfähiges herzustellen.

    Der Grund, weswegen das nicht geschieht ist also ein Nicht-Wollen seitens derer, die bei Wettbewerben entscheiden, die Rahmenpläne machen oder Gestaltungssatzungen abschaffen, die Denkmalschutz verweigern oder ihn aberkennen, oder die ganz subtil bestimmte Architekturstile und -sprachen ideologisch verunglimpfen. Und ein kleinerer Teil ist ein Nicht-Können seitens der Bauherren, denen Geld fehlt, oder den Planern, die in bekannten, eingeimpften Mustern denken. Dabei ist die überbordende Vorschriftenvielfalt ein willkommenes Argument. Geht nicht wegen Brandschutz, wegen Lärmschutz, wegen Wärmedämmung - schon tausendmal gehört und wer wagt es schon das genau anzuzweifeln, welcher Laie kann das verifizieren? Wenn sich eine Branche erstmal einen Elfenbeinturm geschaffen hat bekommt man sie kaum noch da heraus.

  • Danke für Deine interessanten Einblicke, Hansolol! Die zunehmende Komplexität jedweden Agierens infolge von Vorschriften, Normen, Rechtsrisiken etc. betrifft natürlich auch viele andere Berufe, wo allerdings deswegen auch keine schlechte oder unansehnliche Leistung abgeliefert wird. Es gibt ja zum Glück auch heute noch Architekturbüros, die trotz der Berücksichtigung aller Vorschriften recht schöne Entwürfe realisieren, und damit meine ich nicht nur die im "klassischen" Stil.

    Was ich Dich als recht frischgebackenen Architekten aber gerne fragen möchte: wird denn heutzutage im Architekturstudium klassische Schönheit und Proportionslehre überhaupt noch angemessen vermittelt und wertgeschätzt? Mein Eindruck ist, dass es bei den Architekten heutzutage eher Zufall und quasi die Ausnahme ist, wenn einer es gut macht, im Sinne von dem, was landläufig als schön empfunden wird. Früher, also vor ca. 1960, war es hingegen anscheinend quasi die Regel, dass Architekten schöne, gut proportionierte Häuser bauten - heute ist es alles andere als selbstverständlich. Was ist da aus Deiner Sicht bzw Erfahrung schiefgelaufen?

    Eingestellte Bilder sind, falls nicht anders angegeben, von mir

  • Ich muss Hansolol da in allen genannten Punkten rechtgeben. Das Architekturstudium besteht zu großen Teilen (jedenfalls den schwersten, vom Inhalt her) aus Statik und Bauphysik, aus technischen Verordnungen, die eingehalten werden müssen. Deren Anteil wird im späteren Beruf noch einmal erheblich umfangreicher, daher bleiben in vielen Büros aufgrund des Termindrucks oft kaum noch Ressourcen, gestalterischen Überlegungen nachzugehen.

    Es ist also tatsächlich zu guten Teilen ein Zuviel an Staat und ein Zuviel an Verordnungen, dem man einen großen Teil der Schuld an der heutigen minderwertigen ästhetischen Qualität geben muss.