Detroit, Michigan

  • Der Prunk ist ja unglaublich! Auf der Treppe liegt noch der Teppich und im prachtvollen Foyer parken heute die Autos. Mannomann. :weinen:

    Wenn du ein Haus baust, denke an die Stadt (Luigi Snozzi)

  • Wie man sieht gibt es auch andere Länder, wo manchen Leuten nichts heilig ist...

    Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
    Karl Kraus (1874-1936)

  • Naja, manchmal lässt sich der Wechsel und Verfall freilich schwer oder nicht verhindern.

    Eine der vorzüglichsten Eigenschaften von Gebäuden ist historische Tiefe.
    Die Quelle aller Geschichte ist Tradition. (Schiller)
    Eine Stadt muss ihren Bürgern gefallen, nicht den Architekten.

  • Leider muss ich mich hier Antiquitus anschliessen. Detroit befindet sich in einer Todesspirale; vor 50 Jahren hatte die Stadt fast 2 Mio. Einwohner, heute sind knapp 900,000 uebrig geblieben, Tendenz fallend. Nach Rassenunruhen in den 60ern hat fast die gesamte weisse Mittelschicht die Stadt fuer die Vororte verlassen. Steuereinnahmen brachen ein, Geld fuer Schulen, Polizei usw. war kaum mehr vorhanden. Folglich zogen diejenigen Schwarzen, die es sich leisten konnten, ihren ehemaligen weissen Nachbarn nach, und Detroit wurde zu einer tiefschwarzen und bitterarmen Ghetto-Stadt. Deutschlands eigener bevorstehender Bevoelkerungsrueckgang und "ver-Vorortisierung" laesst mich fuerchten, dass Aehnliches auf viele beteutende Bauwerke hierzulande wartet, gerade im Osten.

  • Detroit ist ja wohl auch die kaputteste Stadt der USA, in jeder normalen US Stadt wäre man mit der Bausubstanz so nicht umgegangen. Detroits Innenstadt unterscheidet sich nicht den heruntergekommenen Stadtviertel im Osten Deutschlands, sie besteht aus leeren Ruinen. Ein sicherheitsorientiert denkender Mensch traut sich da nicht hin. Der Verfall Detroits ist eine direkte Folge der von unsinnigen Sozialmassnahmen durchsetzen Politik der Stadtregierung.



    Die Diskussion ging an dieser Stelle weiter, aber im Forum wird zensiert,
    Schade, ich dachte es gäbe so etwas wie Meinungsfreiheit. Aber die gilt wohl nur, wenn man über Flachdächer herzieht ...

  • Du willst doch nicht allen Ernstes eine lebensgefährliche Innenstadt wie in Detroit mit Chemnitz und Co. vergleichen? Abgesehen davon wird alte Bausubstanz in allen amerikanischen Städten schnell und gründlich beseitigt, oder gibt es irgendwo eine nennenswerte historische Innenstadt?

  • Quote

    Abgesehen davon wird alte Bausubstanz in allen amerikanischen Städten schnell und gründlich beseitigt, oder gibt es irgendwo eine nennenswerte historische Innenstadt?


    New Orleans, Montreal (zwar Canada, aber in Amerika)

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Vor 8 Jahren war ich in der Gegend, habe auch auf kanadischer Seite am Detroit River gestanden.
    Ich glaube, daß das Bewußtsein für traditionelle Werte in Kanada viel stärker ausgeprägt ist als in den Vereinigten Staaten - bei den Frankokanadiern in Quebec sowieso, aber auch dort in Süd-Ontario in Windsor, wohin nach dem Unabhängigkeitskrieg viele Loyalisten übergesiedelt sind und das sich sehr britisch gibt mit seinen gepflegten Parkanlagen und Golfplätzen.
    Jedenfalls wurden dort entlang der gesamten Waterfront am Ufer des Detroit River auf ehemaligem Eisenbahn-und Industriebrachen wunderschöne Parkanlagen angelegt, wo man kilometerweit entlangspazieren und auf die Skyline von Detroit hinüberschauen kann.

  • An GanskeStortSett: Natuerlich ist die soziale Situation in Detroit anders als in Chemnitz, Suhl, etc. Die demographische Entwicklung ist aber durchaus vergleichbar. Wenn die Einwohner wegsterben oder wegziehen, egal ob der Lebensgefahr oder auch nur der Arbeitslosigkeit wegen, bleiben leere Haeuser zurueck -- und ohne Einwohner verfallen Gebaeude. Was historische Innenstaedte angeht, muss man ja zuerst feststellen, was als "historisch" gilt -- hier in Chicago z.B. gibt es kaum Bausubstanz, das der grosse Brand von 1871 ueberstanden hat. Wohnviertel mit geschlossener Bebauung von ca. 1890-1920 gibt es aber durchaus.

  • Das Problem ist das die Amerikaner kein KULTUR haben und kennen.
    VoR Jahren wollte man in der Big Apple sogar viele schoene Hochaeussern aus den zwanzig- und dressiger Jahren abreissen u.a. auch Grand Central Bahlhof ( was dann letztendlich zum glueck nicht geschehen ist)
    es ist wirklich unglaublich wie einfach und schnell in den Staaten abgerissen wird....... :(

  • ^^^ Sorry, aber hier muss ich Einspruch erheben, van Dyk. So ein vorschnelles Pauschalurteil ueber uns und unser Land hoere ich als Amerikaner aeusserst ungern.

  • Im Internet habe ich eine interessante Fotoserie über die Stadt Detroit in den USA gefunden.


    Also die Stadt die erst durch die Autoindustrie groß wurde aber dieser auch ihren Niedergang zu "verdanken" hat.


    Detroit wurde zum Inbegriff der autogerechten Stadt und die Konzerne sollen sogar beim Abbau des einst gut ausgebauten Straßenbahnnetzes ihre Finger im Spiel gehabt haben, um so die Bewohner zum Autofahren zu zwingen. Als Ersatz für den öffentlichen Nahverkehr entstanden dann auch monströse Stadtautobahnen.


    Die Entstehung immer weiterer Vorstädte und Einkaufszentren auf der grünen Wiese - natürlich alles schön autogerecht - führte schließlich zum Ausbluten der (nicht autogerechten) Innenstadt.


    D.h. man findet heute Siedlungsbrei um eine mehr oder weniger tote Kernstadt, in der ehemalige Stadtgebiete nach Beseitigung der Bebauung bereits wieder landwirtschaftlich genutzt werden.


    Mitrbringen sollte man neben Kenntnissen der englischen Sprache für diese Fotoserie v.a. eines: viel Zeit :!:


    Hier gehts los: http://www.detroityes.com/home.htm

  • Danke für den Link! Ich interessiere mich sehr für den Verfall von Detroit, auch weil dort leider sehr viel hochwertigste Art Decó Hochhäuser verfallen, derer ich wohl einer der größten Fans bin.


    Besonders schade ist es dabei u.a. um die devastierte Michigan Central Station, das ist wirklich ein deprimierender Anblick :weinen:



    Interessant übrigens, dass ich gestern Abend erst den folgenden Themenstrang entdeckte, und schon über einen eigenen APH- oder SSC-Thread nachdachte ;)



    Klick mich: Picture Gallery: The slow death of Detroit



    Daraus ein Beispielbild der gespenstisch anmutenden Michigan Central Station:

    (flickr.com)

  • Solche verfallenen Hauptbahnhöfe gibt es "drüben" leider nicht nur in Detroit. Sie sind vielleicht ein Sonderfall, der Grund dafür liegt in einer jahrzehntelangen Fehlentwicklung im Personenfernverkehr.


    Mittel- und langfristig wird man natürlich nach Alternativen zum klimaschädlichen Inlands-Flugverkehr suchen müssen, mittlerweile gibt es in einzelnen Bundesstaaten auch erste Anzeichen und sogar Pläne für Hochgeschwindigkeitsnetze, aber bei Michigan habe ich von sowas noch nicht gehört und selbst wenn, dürfte es für Michigan Central Station zu spät kommen - der Stadtrat hat ja dem Abriß des Gebäudes zugestimmt.


    Ein ähnlicher Fall ist das Buffalo Central Terminal - zum Glück sieht es für diesen früheren Bahnhof aber besser aus, er befindet sich mittlerweile im Besitz eines privaten Vereins, der ihn wieder instandsetzen möchte bzw. bereits dabei ist.

  • Danke für den Link! Die Fotos sind ja beeindruckend! Wirklich schade um den tollen Bahnhof. Heutzutage werden solche Gebäude garnicht mehr gebaut. Ich bin auch ein Fan von Art Deco und finde es traurig, wie viele dieser wertvollen Gebäude mittlerweile verfallen. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hinterlässt ihre Spuren...

  • Quote from "Oliver"

    Wozu braucht Detroit so einen überdimensionierten Hauptbahnhof ? Da passt Frankfurt Hbf ja mehrfach rein. :lachen:


    Der dürfte deutlich kleiner als F.a.M.-HBF sein; der Eindruck täuscht aufgrund des riesig erscheinenden Bürohochhauses im Hintergrund; im Gegensatz dazu ist im Frankfurter Bahnhof auch über Bahnhof drin, wo Bahnhof draufsteht, dito Leipzig.


    Bin nie in Detroit gewesen, aber einer der Fehler des Standortes scheint darin zu liegen,daß der Bahnhof weit außerhalb des Zentrums liegt; wäre jedenfalls eine Vermutung.


    In Minden/Weser beispielsweise liegt der Bahnhofe rechtsseitig der Weser, während die Stadt auf der linken Weserseite liegt; bis nach dem Kriege fuhr wenigstens noch eine Straßenbahn vom Bahnhofsvorplatz zum Marktplatz und weit darüber hinaus. Das ist nun längst Vergangenheit, zum Bahnhof muß man nun entweder laufen oder mit dem Taxi fahren, die Parkmöglichkeiten vor dem Bahnhof sind schlecht und teuer.


    Ist sicher nicht mit der Situation in Detroit vergleichbar, aber zeigt Tendenzen auf.
    Ein wundervolles Gegenbeispiel war für mich immer der Bahnhof von Erlangen; man steigt aus und fällt direkt in die Innenstadt, die sich halbkreisförmig quasi vom Bahnhofsplatz ausspannt.
    Da fährt man gern mit dem Zug.

  • Detroit wies 1920 mit knapp 1 Mio. die viertgrößte Einwohnerzahl der USA nach Neuyork, Philadelphia und Chicago auf. In Deutschland würde eine solche Bevölkerungszahl zu dieser Zeit riesige Gründerzeitgebiete in Blockrandbebauung versprechen. In den USA hingegen scheint urban sprawl, noch dazu in der Autostadt, bereits damals in Mode gewesen zu sein. Tatsächlich hat sich die Autoindustrie von Anfang an gerne in Vororten niedergelassen: Lansing (Oldsmobile), Flint (Buick), Pontiac, die mittlerweile selbst zugunsten neuer Standorte auf der grünen Wiese (Dearborn, Warren) weitgehend aufgegeben wurden. Allerdings weist Detroit eine für die USA umfangreiche Liste überwiegend gelungener Solitäre aus. Neben Italianate und Neo-Tudor finden sich da auch Beispiele für deutschen Historismus:
    National Register of Historic Places listings in Detroit, Michigan - Wikipedia, the free encyclopedia


    Der Niedergang zieht sich durch den gesamten rust belt an der alten Wasserstraße längs dem Eriekanal und den großen Seen: Ein-Industrien-Städten wie Pittsburgh, Bethlehem, Rochester, Cleveland, Buffalo haben um die 50% Bevölkerungsverlust von der Spitze zu verzeichnen.
    Beschäftigtenzahl im verarbeitenden Gewerbe:
    All Employees: Manufacturing (MANEMP) - FRED - St. Louis Fed


    Man vergleiche die jetzige Situation mit diesem Promo-Video zur Bewerbung für die Sommerolympiade 1968 aus dem Jahre 1965:
    http://www.archive.org/details/DetroitC1965