Leipzig - Friedrich-Ebert-Straße 81, vulgo Märchenhaus

  • Quote

    Das einzige was man meiner Meinung nach jetzt noch machen kann ist eine umfangreiche Dokumentation des Gebäudes,


    Was haltet Ihr von der Idee eine Art virtuellen Katalog mit Abrisssünden der jüngsten Zeit aber auch Kapitalverbrechen schon zurückliegender Jahre zu erstellen.
    Ich habe immerwieder das Problem, dass ich interessierten Leuten, die jedoch bisher wenig über das Thema bescheid wissen, diese Dinge vor Augen führen will und keine kompakte, illustrierte und evtl sogar erläuterte Erklärung parat habe.
    Eventuell könnte wir durch solcherlei Werbung sehr viel erreichen. Man muss nur an den richtigen gelangen.
    Ich hab auch schon überlegt besonders krasse Fälle,wie vorliegenden, an Unis, öffentlichen Plätzen egal wo auch immer zu veröffentlichen.
    Das fällt mir jetzt mal so spontan dazu ein. Vielleicht ist die Idee auch nicht so gut. Ich will nur jetzt endlich etwas aktiv dagegen tun. Ich halte diese Ohnmacht nämlich nicht mehr länger aus!

  • »»Philipp
    Ich muß mich jetzt mal als F.A.Z.-Leser outen. Herr Guratzsch von der WELT ist mir nicht bekannt. Wenn Du einen Kontakt herstellen kannst, gern.

  • Ich bin leider (oder sollte ich sagen: Gott sei Dank?) nicht in Leipzig. Was wir hier erleben, ist kein schlechter Aprilscherz von Madmellow, sondern Realität einer beispiellose Kulturbarbarei. Nicht nur ich wurde gelinkt, sondern jeder, der um den Erhalt des Hauses gekämpft hat, und in erster Linie das Stadtforum.


    Hier die erste Mitteilung des Stadtforums:

    Quote

    Keine Rettung für wertvolles, historisches Gebäude
    4. April 2006


    Das Haus Friedrich-Ebert-Straße 81 a/b fällt. Trotz eines seriösen Kaufangebotes wurde heute mit dem Abriss begonnen. Seit Freitag liefen erneut Verhandlungen mit den Eigentümern. Der Kaufinteressent aus Baden-Württemberg hat Erfahrungen mit der Entwicklung von Altbauten in Sachsen. Nun scheint auch der letzte Versuch gescheitert, die wertvolle historische Bausubstanz zu erhalten.



    Friederich


    Jetzt weißt Du auch, warum die Bäume nebendran gefällt wurden.



    @alle


    Die Vorgehensweise hat in Leipzig System. So war es bei der Karl-Heine-Str.30, die quasi über Nacht dem Erdboden gleichgemacht wurde, obwohl die Denkmalbehörde dem Abriss nicht zugestimmt hat. Auch im Nachhinein befand das Regierungspräsidium (ich glaube, es war das Regierungspräsidium) diesen Abbruch als einen rechtswidrigen Vorgang. Mir ist nicht bekannt, dass es irgendwelche Konsequenzen für die Stadt gab.


    So war es bei der Kleinen Funkenburg. Obwohl es einen festen Termin gab, wo der Abriss noch einmal im Stadtrat debattiert werden sollte, hat man ein paar Tage vorher vollendete Tatsachen geschaffen. Ein Abrissbagger der Caruso GmbH fuhr eines schönen Nachmittags vor und riss ein großes Loch in den Dachstuhl, bevor auch nur ein Abrissgegner bis 3 zählen konnte. Danach stellte er den Bagger ab, zog den Schlüssel und ging - vermutlich - nachhause.


    So war es beim Henriette-Goldschmidt-Haus usw. usw.

  • @ Friederich: Natürlich ist es unwahrscheinlich... aber ein Versuch kostet nichts. Ich werd mal das Stadtforum Leipzig kontaktieren und fragen, was die von der Idee halten.
    Aber Dankwart Guratscht ist auch eine gute Idee... seine Artikel sind klasse und diese Sünde so einigen Leuten vor Augen zu führen wäre vielleicht gar nicht schlecht.


    @ JimPanse: Eine gute Idee ist es... die Frage ist nur wie und wo... wenn du dich bereiterklärst alle Infos zu sammeln können wir es aber gerne machen. Ich könnte auch noch so einiges präsentieren.

    Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
    Karl Kraus (1874-1936)

  • »»spacecowboy:
    Hat Caruso ein Monopol auf fragwürdige Abrisse? Die sind hier im Forum ja schon oft lobend erwähnt worden.

  • Ich bin immernoch geschockt. Sah ich die anfänglichen Abrissarbeiten als ich zur Uni fuhr bin ich auf dem Rückweg vorbeigelaufen und war voller Wut. Die, die das Abreissen, sind wahrhafte Proleten, die nur an sich selber denken. Ein Recht auf Arbeit hat jeder nur frag ich mich, ob diese Leute ein Gewissen haben. Scheinbar nicht, die Lachen und feixen während der Bagger wertvolle Ornamente abreisst. Die sehen darin wahrscheinlich auch nur einen Kasten, genauso wie die Platten in denen sie alle wohnen.


    Ich hab solche Wut, vorallem dass kaum niemand da war! Ich war fast alleine dort, warum finden sich dort keine Leute ein, warum diskutiert man nicht vor Ort? Scheinbar begeistert es die Schaulustigen, wie so ein Haus langsam in sich zusammenfällt. Wie gerne hätte ich dort vor den Leuten mit den orangefarbenen Westen Gewalt angewendet aber das ist ja auch nur männlicher Wahn in all seiner Aggression.






    Man müsste ein RIESEN-BANNER entwerfen auf dem der Abriss bildlich dargestellt wird. Mit dem Spruch:


    "Schön machen für die WM, Platten sanieren - Gründerzeit abreissen! Brühl stehenlassen!"


    ...und dann an die blauen Kisten am Brühl dranhängen (Nordseite versteht sich). Aber wer bezahlt sowas? Wer legitimiert sowas?





    Ich bin ohnmächtig vor soviel Desinteresse in Leipzig. Wahrscheinlich wissen nichtmal 10% der Leipziger was da noch (zur Hälfte) für ein Gebäude in der Friedrich-Ebert-Str. steht.

  • Ich glaube, es ist auch viel Resignation im Spiel.
    In Stuttgart war es letztes Jahr ja dasselbe (wir hatten es bereits unter dem Thema "Stadtzerstörung"). Trotz Sanierungsangebot eines privaten investors wurden 4 wertvolle Häuser am Neckartor abgerissen, ebenfalls überraschend, nachdem eine Rettung in Aussicht stand. Man konnte dann nur noch machtlos zusehen. Und man weiß, es wird an der Stelle nichts vergleichbares mehr stehen, nicht bei unserer Gegenwartsarchitektur, es ist endgültig, eine weitere Narbe im Gesamtkunstwerk Stadt.
    Bleibt der Trost, daß Leipzig über einen solch reichen Bestand an Gründerzeitbauten verfügt. Andererseits führt dies wohl auch dazu, daß angesichts der Masse ein einzelnes Bauwerk als weniger kostbar betrachtet wird.
    Gestern lief eine Doku über Danzig, auch darüber wie die dortige Architektur wertgeschätzt und gepflegt wird. Bei uns fehlt es hier meiner Meinung nach immernoch an einem vergleichbaren öffentlichen Bewußtsein, vielleicht mit Ausnahme von Dresden.

  • ... auch in Dresden verfallen Barockhäuser ohne großen Prostest oder Bemühungen. Aber dennoch ist die Stimmung dort anders.


    @ madmellow: Ich denke, die Arbeiter können am wenigsten dafür. Klar, ich denke keiner von uns könnte diese Arbeit machen, aber viele von denen sind froh dass sie überhaupt 'nen Job haben. Und sonst... fällt mir nur ein Spruch dazu ein: Sometimes bacteria are the only culture people have (wenn vllt. grammatikalisch auch nicht ganz korrekt ist).


    Aber nach dem Henriette-Goldschmidt-Haus, der Kleinen Funkenburg jetzt die F.E. 81 (und vmtl die anderen beiden Häuser)... müssen wir wirklich mehr davon publik machen. Sowas darf nicht vergessen werden!!


    Ich glaube ich habe insgesamt noch nicht so viel Werbung für Stadtbild Deutschland gemacht wie heute... und ich werde so weitermachen... es muss doch noch mehr geben als uns paar Leute denen der Erhalt solcher Gebäude am Herzen liegt.

    Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
    Karl Kraus (1874-1936)

  • @ Friederich:


    Ich schick dir mal die E-Mail-Adresse von Dr. Guratzsch per PN. Wäre nett, wenn du ihm nen paar Vorher-, Nachherfotos und eine kurze Beschreibung der aktuellen Ereignisse mitschickst.

  • Ich arbeite als Grafiker in einer Werbeagentur in Berlin, falls ihr mal was in die Richtung braucht was wirksam grafisch aufbereitet sein muss (Flyer, Prospekt, Website usw.) bin ich für alles zu haben (natürlich ohne eine gegenleistung zu erwarten).


    Ich denke gerade wenn so etwas wie eine Sammlung von Abrissfällen gut und seriös verpackt ist wirkt das gleich etwas mehr als wenn man nur irgendwelche Fotos herzeigt.

    Am Ufer der Sonne wo die wesen vom sehen träumen ist in Echtzeit überall Nacht

  • Da liegt er, der gemeuchelt Ritter, brechenden Augs, der gestern noch aufs muntre Treiben mit stolzem Blicke sah herab:



    Abschleppen is nich! Man hat einen Wachdienst engagiert, der nachts die Trümmer und den Bagger und was weiß ich noch alles bewacht. Ob noch was geborgen wird oder alles in den Container fliegt, weiß der natürlich auch nicht.

  • …und rakete: Die Metapher klemmt gewaltig.
    Es gibt schon noch einen Unterschied zwischen einem Henker und einem Bestatter. Auch wenn der Henker die Verantwortung auf Richter und Geschworene schieben kann und natürlich überhaupt nur wegen der bösen gesellschaftlichen und materiellen Zwänge zum Fallbeil greift: Vom Bestatter, der sich tatsächlich seines Tagwerks nicht schämen muß, trennt ihn doch noch einiges.

  • Ich muss auch feststellen: Mir ist keine Stadt bekannt, in der mit solcher gnadenloser Konsequenz vorgegangen wird. Der Zweck heiligt in Leipzig wohl so ziemlich alle Mittel.

    Eine der vorzüglichsten Eigenschaften von Gebäuden ist historische Tiefe.
    Die Quelle aller Geschichte ist Tradition. (Schiller)
    Eine Stadt muss ihren Bürgern gefallen, nicht den Architekten.

  • Ich bin einfach sprachlos. Was im mitteldeutschen Raum momentan abgeht, kommt einer Selbstverstümmelung gleich. Halle vernichtet gerade sehr eifrig seine gründerzeitliche Industriearchitektur und reißt ein ganzes klassizistische Ensemble fast widerstandslos ab. In Weißenfels werden Barockgebäude gleich straßenweise niedergelegt. Aber das hier ist wirklich der größte Schändungsakt seit der Wende.


    Ich befürchte nur, dass dies sehr bewußt geschehen ist. Hier wurde ein Fanal gesetzt. Das war die Fanfare für den Abrißaufbruch in Mitteldeutschland. Der Damm ist gebrochen. Ab jetzt ist nichts mehr heilig.

  • @ HalleLuja: Deine Ideen hören sich ja nach der reinsten Verschwörungstheorie an. Wir sollten mal realistisch bleiben. Ich denke, den Verantwortlichen fehlt es einfach an Bewusstsein für unser architektonisches Erbe. Zudem denken Politiker meist finanziell eher kurzfristig...


    Dass das Ganze überregional unter der Hand geplant wird glaube ich nicht. Aber auch so traurig genug.


    Aber auch dieses Ereignis sollte uns nur noch mehr anspornen unsere Kraft für die Bewahrung und Wiederherstellung architektonischer Meisterwerke und anderer historischer Gebäude einzusetzen.

  • Die Tatsache, dass der Schutt bewacht wird lässt die Hoffnung, dass man noch Teile konserviert und rettet.. kann sich morgen mal jemand mit dem Denkmalamt in Verbindung setzen? Habe leider den ganzen Tag keine Zeit und kenne mich außerdem nicht wirklich aus.


    Hab übrigens schon an's Stadtforum geschrieben, bin mal gespannt, was die mir antworten.

    Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
    Karl Kraus (1874-1936)

  • Also die Motivation kann ich mir bei besten Willen nicht vorstellen, so schlimm war ja nichteinmal Ulbricht. Was natürlich sein kann ist die Angst vor Hausbesetzern die den Abriß verzögern könnten und somit wenigstens einen Gebäudeteil retten könnten.


    Ich bin übrigens stark dafür, dass jeder, der rechtswidrig Denkmalobjekte abreißt, verpflichtet ist, das Gebäude soweit wie möglich zu rekonstruieren, bestenfalls mit Originalfragmenten. Nur so kann man dem Einhalt gewähren, vor allem denen, die mit der Motivation abreißen, dort einen Neubau hinzusetzen.

    Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
    Karl Kraus (1874-1936)

  • ich sage nur soviel: bei leerständen von 20-30% gibt es sehr!! handfeste interessen großer stadteigener wohnungsbauunternehmen sowohl in leipzig als auch in halle den vermietungsgrad sanierter plattenbauten zu erhöhen, um wenigestens einen teil der fehlinvestitionen der 90er zu retten.


    da mieter mit dumpingpreisen dennoch nicht in die plattenbauten zurückzutreiben sind, versucht man es mit stadtzerstörung. diese riesigen unterehmen gehören den städten und deren interessen und personal sind deshalb aufs engste mit den stadtverwaltungen verquickt.


    der wahrscheinlich gewichtigere grund ist aber, dass diese leerstehenden bauten einfach lässtig sind. das sie vandalismus anziehen. dies wirkt sich auch auf die umgebung aus und verursacht sehr hohe kosten für die städte, von den sanierungs- und unterhaltungskosten stadteigener gebäude ganz zu schweigen. deshalb gibt es starke interessen sie einfach loszuwerden.


    dazu kommt schlicht desinteresse oder unkenntnis und das kriechen vor "sogenannten" investoren. korruption wird auch noch eine rolle spielen. dann kommen noch fälle "heißer" sanierung durch die verschuldete privateingetümer hinzu, die den abrisswilligen stadtverwaltungen in die hände spielen. das alles zusammen ergibt ein ziemlich rundes bild.


    oder gib mir eine bessere erklärung für den abriss diese seinmaligen gebäudes, oder des einzigartigen klassizistischen ensembles der ehem. heilansalt halle-nietleben letzte woche, den abriss diverser fabrikgebäude in halle in den letzten monaten. die systematische vernachlässigung stadtbildprägender bauten durch die lwb, hwg etc. oder die steine die diese uinternehmen kaufinteressenten in den weg legen.