Frankfurter Bausituation

  • @Neußer, ich bin aus Frankfurt und kann Dir versichern, auch in der Realität sieht es langweilig bis belanglos aus. Typisch Frankfurt mit seiner kühl, distanzierten Architektur. Nichts worauf das Auge mit Entzücken hängenbleibt. :daumenunten:

  • mhm...weiß auch nicht, was ich davon halten soll. Ich stelle mir einfach mal vor, dass die Fassaden altern und dann wirken sie schnell wieder 60er-mäßig


    Wenn ich ehrlich bin, sind mir die Fassaden zudem zu langweilig....zu glatt. Zumindest wirken sie aus der Ferne so.


    Gruß DV

  • Der Neubau ist um Längen besser als viele Beispiele in der direkten Umgebung!
    Ein Vertreter des Dekonstruktivismus oder Minimalismus hätte an dieser Stelle leider überhaupt nicht gepasst, von daher bin ich froh über die 5-Teilung des langen Riegels, der durchgehenden, strukturierten Sandsteinfassade und der angedeuteten Steildächer (auch wenn dieser aus sehr nahem Winkel jedoch überhaupt nicht wahrnehmbar sind.


    Die anderen Entwürfe von Zaha Hadid oder Jürgen Engel wären für diese Ecke die schlechtere Variante gewesen.
    So sehr wir auch ein Forum für Rekonstruktionen sind, der Vorkriegszustand wird leider nie wieder so erreicht werden! :thumbdown:

  • Neubau anstelle von des Schuh-Hako-Gebäudes an der Zeil/Hauptwache. Den Vorgänger sieht man hier rechts im Bild. Der Neubau ist keine Verschlechterung, allerdings ist mit dem Hako-Haus ein Stück Nachkriegsgeschichte verloren gegangen.



    (Ich kam leider nicht näher an das Bauschild heran)


    Neubau anstelle des Turm-Kinos am Eschenheimer Turm. Den Vorgänger sieht man hier links bzw. hier.



    Hätte nicht gedacht, dass eine Rasterfassade von KSP Engel mal eine Situation deutlich verbessern könnte. Es ist aber für mich definitiv der Fall.


    (Sorry, habe nur schlechte Handypics zu bieten, da ich nur mal spontan geknipst habe und keine gute Kamera dabei hatte.)

  • Zeil 123 gefällt mir ausgesprochen gut mit der geschwungenen Ecke, das ist hochwertige neue Architektur.


    Das Turm-Carrée ist dagegen nichtssagend und öde. So hat man schon vor 60 Jahren gebaut, wie dieses Bild vom Stuttgarter Haus "König von England" beweist. Wo ist da ein gestalterischer Fortschritt erkennbar? Stillstand auf niedrigem Niveau.


  • Ich kann mich der Meinung von Volker nur anschließen, wobei ich beide 50er-Jahre Bauten gar nicht schlecht fand. Insbesondere das Hako-Haus hätte auch aus den 20ern sein können....

    Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
    Karl Kraus (1874-1936)

  • Ich fand das Hako-Haus sogar richtig gut. Einer der besten Nachkriegsbauten der Innenstadt. Und ausgerechnet der wurde natürlich abgerissen. Und der 60er-Dreck in der Berliner Straße, Töngesgasse etc. bleibt stehen.

  • Der Hako-Nachfolger ist mE aber dennoch eine Verbesserung. Vor Ort habe ich den Hako-Bau zwar als architektonisch solide, aber auch recht schmuddelig-deprimierend-uninspiriert wahrgenommen.


    Da ist es schon eher Schade um den Verlust des Rundschau-Hauses um die Ecke (neben dem Palais Thurn & Taxis), v.a., da ja nun erstmal eine Nachfolgebebauung ausbleibt.

  • Nachlese (Bilder vom August 2013) zu meinem Beitrag #42 aus dem Frühjahr 2012, der sich mit der Bausituation im besterhaltenen Frankfurter Stadtteil Höchst beschäftigte. Hier passiert zur Zeit einiges, glücklicherweise fast ausschließlich positives im Bauwesen, andererseits leidet er wie kaum ein zweiter unter der Armutszuwanderung aus den neuen EU-Ländern, zusätzlich zu dem ohnehin schon hohen Anteil „weißer Unterschicht“, die hier seit dem Niedergang der klassischen Chemieindustrie in den letzten 25 Jahren vorhanden ist. Dazu kommt noch die Prägung durch jahrzehntelange Nutzung als US-Militärstützpunkt seit dem Zweiten Weltkrieg.


    Im letzten guten Jahr entstand am Rande der Altstadt, genauer gesagt an der Ecke Hiligengasse / Melchiorstraße in einer ausschließlich von Altbauten geprägten Straße der Neubau eines Mehrfamilienhauses auf einer lange Zeit als Parkplatz genutzten Brachfläche. Bauherr war die Städtische KEG (Konversions-Grundstücksentwicklungsgesellschaft), die bereits in der Vergangenheit gute Arbeit mit angepassten und vor allem bezahlbaren Sozial- und Wohnbauten im Frankfurter Westen abgeliefert hat. Insgesamt ein meines Erachtens relativ erfreuliches und für die Lage (vgl. erster Absatz) wertiges Ergebnis. Lobend hervorheben darf man, dass sich die Architekten sichtbar mit den örtlichen Gegebenheiten beschäftigt haben.


    Anfangs zwei Übersichtsbilder (Südseite, Nordseite) von der Ecke an der Stichstraße Albanusstraße nach Osten, also Richtung Königsteiner Straße, die die Höchst-typische Heterogenität des Straßenzuges charakterisieren – einige (einstige Vorstadt-)Häuser stammen sicher noch aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts, das Eckhaus rechts im ersten Bild vorne ist ein Neubau der letzten Jahre (naja), im zweiten Bild links im Hintergrund das „Anlieferzentrum“ des ebenfalls erst vor wenigen Jahren neu errichteten Einkaufszentrums (alter Zustand (Wikipedia), neuer Zustand (DAF-Link)) an der Königsteiner Straße (die „Zeil“ des Frankfurter Westens):



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    Etwas näher ran ist besser erkennbar, dass sich der Neubau trotz seiner gegenüber den Nachbarn gewaltigen Dimensionen aufgrund des rhythmisierenden Rücksprungs – das Treppenhaus – und vor allem natürlich des Dachs mit Gauben (diese sogar mit Schiefereindeckung) gut in das Straßenbild einpasst:



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    Gesamtansicht des Neubaus aus der Gegenrichtung nach Westen:



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    Detail:



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    Ansicht von der Ecke Hiligengasse, die zur Bolongarostraße führt, nach Süden, wir sind sichtbar direkt am Rand der Altstadt:



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    Rückseite von der Hiligengasse aus:



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    Genau gegenüber gammelt allerdings weiter eine sogenannte „Götz-Immobilie“ vor sich hin. Herr Götz ist ein Mannheimer Unternehmer, eigentlich Automatenaufsteller, der in den 1980er Jahren eine ganze Reihe von Altstadthäusern von der Henninger-Bräu AG gekauft hat, zahlreiche davon auch in Höchst und wesentlich älter als das Gezeigte, in die seitdem augenscheinlich sehr wenig investiert wurde. Kardinal ist im DAF mal darauf näher eingegangen, sehr lesenwert, wir kommen darauf am Ende des Beitrags nochmal zurück.



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    Weiter geht es in der Hostatostraße (vgl. #42). Die weiße Plastikverkleidung der altentstuckten Nr. 10 ist einer dicken Dämmung gewichen. Ein gewisses Bemühen der Vermittelung zwischen den Nachbargebäuden ist immerhin in der Basalt(?)-Verkleidung des Erdgeschosses, der Farbwahl sowie der schwachen Andeutung von Profilen im Putz zu erkennen, über eine Wiederbestuckung hätte man sich natürlich mehr gefreut. Insgesamt leider weder eine Verbesserung noch eine Verschlechterung:



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    Gut ausgegangen ist es dagegen an der diagonal gegenüber gelegenen Hostatostraße 21, hier wurde nur die Fassade gereinigt und eine Dämmung einzig zur ohnehin nicht auf Sicht gestalteten Hofseite zur Justinuskirchstraße aufgebracht:



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    Und wo wir gerade bei Dämmung sind, als ich vor ein paar Wochen an der Häusergruppe Bolongarostraße 87–93, die wohl gegen 1900 in einem Zug entstand, vorbeifuhr, wuchs dort gerade ein Gerüst gen Himmel. Da mich nichts mehr wundert, hatte ich die prächtigen neobarocken Fassaden schon abgeschrieben, umso erfreuter war ich heute, festzustellen, dass man sich nur an der wohl schon vor Jahrzehnten vom Stuck befreiten Nr. 87 am Dach und (wohl der Lehrling?) mit dem Pinsel ausgetobt hat:



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    Hier sind wir nicht mehr weit von der Dauerbaustelle Ehemaliges Kreishaus (Höchst war bis in die 1980er Jahre kurioserweise Kreisstadt des Main-Taunus-Kreises, obwohl es bereits 1928 nach Frankfurt am Main eingemeindet worden war) – ob das nochmal ein Ende nimmt? Immerhin kenne ich das Gebäude nun fast schon zehn Jahre als Baustelle. Entwurfsverfasser dieses 1892 fertig gestellten Schmuckstücks, das nun in Wohnungen umgebaut wird, war übrigens Franz von Hoven, der wenige Jahre später maßgeblich an der Planung der historistischen, nun teilverstümmelten, Frankfurter Rathausbauten beteiligt war. Ursprünglich wurde das Gebäude von der Leipziger Heritus AG restauriert, die bekanntlich in die Insolvenz ging, Mitte 2012 übernahm nach langem Stillstand die Dolphin Capital GmbH aus Hannover, die bis Mai 2013 fertig sein wollte, womit es sichtbar nichts geworden ist. Aktuell schien man mal wieder am Inneren zu werkeln:



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    Direkt gegenüber wurde im Spätsommer 2013 an der Ecke Bolongarostraße / Kasinostraße / Kranengasse das Haus Bolongarostraße 102 (Google Street View) abgerissen. Das wirklich sehr heruntergekommene (ich war mal bei einer Begehung mit dem Sozialamt drin, man fühlte sich an alte S/W-Fotos der Frankfurter Altstadt vor der Restaurierung erinnert) und zuletzt nur noch von fragwürdigen Gestalten genutzte Haus war entgegen meiner Vermutung, dass es wohl erst im 19. Jahrhundert entstanden ist, im Kern wohl doch noch barock, wie der nun einsehbare, aus Bruchsteinen gemauerte, mächtige Gewölbekeller zeigt. Ein äußerst grenzwertiger Abriss, trotz des schlechten Zustandes. Man darf trotz der unsäglichen Verhältnisse gerade in diesem Abschnitt der Bolongarostraße (erinnert an das Bahnhofsviertel vor 20 Jahren, nur ohne Rotlicht) nicht vergessen, dass ein Großteil der Bausubstanz noch Teil der barocken Höchster Neustadt ist, und auf Restaurierung / Sanierung durch Abriss setzen.


    Nachfolgen soll die auf dem Bauschild visualisierte Bebauung, die einen ganz ordentlichen Eindruck macht. Wer da künftig wohnt braucht allerdings wohl vorerst ähnlich starke Nerven wie in einer Kaiserstraße 48.



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    Einigermaßen brauchbar sein sollte der Entwurf ohnehin, denn genau gegenüber steht der Bolongaropalast, das bedeutendste und wohl am vollständigsten erhaltene bürgerliche Palais des Rokoko in Hessen, das weiter auf eine grundlegende Restaurierung wartet:



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    Und das Beste zum Schluss, Bewegung kommt endlich in die verfahrene Situation um den „Goldenen Adler“, wohl eines der wertvollsten noch nicht restaurierten Altstadthäuser im Rhein-Main-Gebiet. Auch bei diesem Gebäude handelt es sich um eine „Götz-Immobilie“. Nachfolgend ein Bild vom Mai 2010:



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    Die Denkmaltopographie von Frankfurt am Main, die im Wesentlichen aus dem Jahr 1986 stammt, also schon wieder 25 Jahre alt ist, und 1994 nur unwesentlich erweitert wurde, kennt das Gebäude Bolongarostraße 156 / Nach dem Brand 2 nur als „Im Kern Fachwerkhaus der Spätrenaissance des 17. Jahrhunderts unter Verputz; 1772 barock ergänzt.“. Meiner bisherigen Vermutung nach war es damit nach dem großen Höchster Stadtbrand von 1586, aber wohl bis spätestens etwa 1650 entstanden. Die nicht zu tief geschnittenen jüngeren Fenster, wohl aus dem frühen 19. Jahrhundert, lassen zudem annehmen, dass von dem ursprünglichen Sicht- bzw. Zierfachwerk noch eine ganze Menge, sicher aber genug für eine Restaurierung mit anschließender Rekonstruktion vorhanden ist.


    Wie das Haus unter dem Putz nach sorgfältiger Restaurierung aussehen könnte, zeigt ein bisschen die Straße runter Bolongarostraße 167, von der Denkmaltopographie ihrerzeit noch fälschlich auf 18. Jahrhundert datiert, das erst vor rund 10 Jahren freigelegt und dabei eben als Bürgerhaus der Renaissance aus dem frühen 17. Jahrhundert erkannt wurde (man beachte die feinen Schnitzverzierungen im Großbild, die recht typisch für den Fachwerkbau vor dem Dreißigjährigen Krieg sind):



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    Aber zurück zum „Goldenen Adler“. Zuletzt beherbergte das Gebäude im Erdgeschoss eine bestenfalls als schäbig zu bezeichnende Kneipe, die übrigen Räumlichkeiten waren bis in den letzten Winkel „vermietet“, falls man davon überhaupt sprechen kann. Als sich das Gebäude Mitte 2010 aufzulösen begann, also Teile auf den Gehweg stürzten, haben Städtische Bauaufsicht und Denkmalpflege das Haus erstmals betreten können, nach einer Großrazzia Anfang 2011, bei der man über 40 Menschen aus den neuen EU-Ländern antraf, wurde es dann geräumt, notgesichert, steht seitdem leer und sieht so aus:



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    (Rechts im Bild übrigens das Haus Bolongarostraße 154 von 1526 (d), das bereits in den 1980ern restauriert und teilweise rekonstruiert wurde.)


    Im Frühjahr 2012 wurde bekannt, dass das Denkmalamt der Stadt ein bauhistorisches Gutachten in Auftrag gegeben hat, um den Zustand des Hauses zu dokumentieren. Dann war es lange still. Im Oktober 2013 sprang mir das Gebäude dann ausgerechnet in Bamberg in der Judenstraße im Schaufenster eines Bauforschungsunternehmens wieder ins Auge. Die Bamberger Bauforscher Geller - Bornschlögl erhielten den vorgenannten Auftrag offenbar im Sommer / Herbst 2012, was anschließend sehr interessante Details zu Tage brachte:


    Das Gebäude wurde erstmals dendrochronologisch genau datiert, es ist demnach 1658 kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg erbaut worden (gar nicht so schlecht geschätzt, s. o.) und hat das bedeutende Alter von über 350 Jahren erreicht. Die Gaststätte „Goldener Adler“ gab es bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts, im Zuge dieser offenbar erfolgreichen Nutzung wurde das Gebäude im dritten Viertel des 18. Jahrhunderts mehrfach nach Norden erweitert. Im 19. Jahrhundert erfolgte der Anbau des Hauses Nach dem Brand 2 und die Zusetzung der Tordurchfahrt an der Albanusstraße, noch heute gut zu erkennen. Unter dem Haus befinden sich (wie häufig) gleich mehrere Keller verschiedener Vorgängerbauten, die, da das Gebäude auf ältestem Höchster Stadtgebiet bzw. innerhalb der ersten bekannten Stadtmauer aus der Mitte des 14. Jahrhunderts steht, wohl mindestens auf die Zeit des Wiederaufbaus nach der Zerstörung der Stadt durch die Frankfurter 1396 zurückgehen.


    Das nachfolgende Bild ist eine Abfotografie der ausgestellten Tafel, leider nur mit der dürftigen Kamera meiner Begleitung. Interessant neben der Bau- und Nutzungsgeschichte vor allem das Bild unten links aus dem oberen Teil des (Ost-)Giebels zur Albanusstraße von innen, das einen gewissen Vorgeschmack der Schönheit des nun hoffentlich bald zu restaurierenden Fachwerks liefert:



    Gestern kam dann die gute Nachricht, dass die Verhandlungen zwischen Götz und der Städtischen KEG (Konversions-Grundstücksentwicklungsgesellschaft) kurz vor dem Abschluss stehen, so dass einer Restaurierung dieses Schmuckstücks der Höchster Altstadt mittelfristig nicht mehr viel im Wege stehen dürfte:


    http://www.fnp.de/lokales/frankfurt/Image-Wandel-fuer-den-Westen;art675,711812


    Das wars.

  • Danke RMA,


    na diese Dolphin Capital macht sich ja überall einen "guten" Namen...Leipzig sammelt auch gerade Erfahrungen mit ihr...und lass es dir gesagt sein - keine guten.



    Warum vergessen die bei euch so oft gescheite Fenster einzubauen?!....Die Fassade kann noch so toll sein, mit billigen Fenstern ist der Gesamteindruck gleich massiv getrübt.


    Dafür ist die Bolongarostraße 167 wahrlich vorbildlich...sieht richtig "ostdeutsch" aus und das darfst du als Kompliment verstehen. :thumbup:


    Gruß DV


    P.S.


    Ich steh ja ganz heimlich auf Fensterläden :peinlich:

  • Eine große Fleißarbeit von RMA mit Sach- und Fachverstand geschrieben - toller Beitrag, mein Kompliment. :applaus:

  • DarkVision schrieb:

    Quote

    Ich steh ja ganz heimlich auf Fensterläden :peinlich:


    Ich auch, aber nicht heimlich, nichts was einem peinlich sein müsste! :daumenoben:


    DarkVision schrieb:

    Quote

    Warum vergessen die bei euch so oft gescheite Fenster einzubauen?!....Die Fassade kann noch so toll sein, mit billigen Fenstern ist der Gesamteindruck gleich massiv getrübt.


    Auch das kann ich nur unterstreichen. Die Fenster als Augen des Hauses sind ein völlig vernachlässigtes Thema. Wie viel wäre in Altstädten bei Neu- und Altbauten im Sinne des Stadtbildes zu retten, sofern diese beiden Aspekte konsequent verfolgt würden.

  • Ich war gerade am Wochenende nachts in Alt-Sachsenhausen unterwegs, wo Freunde mich in zwei Rock- und Raucherkneipen mitschleppten. Gerne bin ich am Wochenende dort nicht. Die Gassen sind voller Besoffener, viele Assis und Aggros darunter. Zwar ist die Polizei dort mit einigen Leuten dauernd präsent, aber angesichts des Alkoholpegels finde ich die Stimmung dort latent aggressiv. Mag aber mit dem eigenen Alter zu tun haben? :unsure: Beim Gang durch die Kleine Rittergasse dachte ich, dass sich zwischen die Altbausubstanz viel Nachkriegs- und eigentlich inadaquäte Neubausubstanz geschoben hat. Im Grunde ist es ein Mischviertel. In vielen Fachwerkhäusern sind Rockbühnen und Kneipen, der Zustand ist - sagen wir mal - unsaniert. Auf den engen WCs sieht man noch die Kacheln aus den 60er Jahren, die alten Treppen knarren, die Türen sollten mal von den vielen Farbschichten befreit werden, wenn denn überhaupt noch alte Substanz im Inneren vorhanden ist. Also, der Zustand ist allgemein nicht sonderlich gut, aber glücklicherweise auch nicht baufällig. Immerhin ist das Viertel belebt. Das war eine Zeit lang nicht mehr so gewesen, vor allem seit dem Abzug der US-Soldaten. Insofern sehe ich es nicht nur negativ, dass dort auch junge Leute Party machen können. Auch wenn das gastronomische Angebot oft eher unteres Niveau darstellt - einige Rock-Konzert-Kneipen mit freiem Eintritt, einige Latino-Treffs, ansonsten sich ausbreitende Sisha-Bars. Dazwischen Döner, Pizza und Hamburger in der Sportsbar. Wer dort wohnt, sagte ich am Wochenende, hat eben gelitten. Er weiß es aber auch vorher. Empfehlenswert also für (junge) Leute, die entweder schwerhörig sind, die potentiell günstigen Wohnraum suchen und die gerne mitten im Leben wohnen. Und immer noch gibt es Leerstände, wie zum Beispiel bei dem stattlichen Gründerzeithaus Ecke Große-/Kleine Rittergasse, dass nun komplett eingezäunt ist, ohne dass etwas von Sanierungsbemühungen erkennbar wäre. Man kann also froh sein, wenn die historische Substanz irgendwie erhalten bleibt, es nicht zu Abrissen kommt.
    Von Masterplänen war schon oft zu hören. Schon vor 10-15 Jahren präsentierte mir das Stadtplanungsamt ganz große Ideen, die (Zitat) "auch endlich umgesetzt würden" (z.B. die Errichtung von Straßenbäumen auf der Elisabethenstraße, die gärtnerische Neugestaltung des Halbrunds des Frankensteiner Platzes, die Beseitung des verkommenen Geländers am Deutschordenshaus von der Seite Deutschherrnufer...). Umgesetzt wurde fast nichts. Insofern zählt weniger der Plan, als die darauf folgende Tat. Aber, Kunitz hat bezüglich des Pflasters und gewisser Maßnahmen schon recht. Alles ist nicht schlecht. Und zumindest konnte wohl weitenteils der Verfall gestoppt werden. Das ist nicht viel, aber immerhin etwas. Bezüglich des gotischen Turms in der Paradiesgasse und der Stadtmauer ist die Situation natürlich beschämend. Hier sollte die Stadt dringend eine Aufwertung in Angriff nehmen. Kunitz ist da einfach gefragt.


    Hier noch ein Artikel von Bartetzko:



    Stadtsanierung
    Wir wär’n gern gut anstatt so roh
    Lausige Zeit für Stadtsanierung: Das Beispiel Frankfurt-Sachsenhausen zeigt, dass ein Viertel, sobald es vom Radau und der Geschmacksverirrung besetzt ist, sich baulich oder stadtplanerisch nur mühsam wieder wohnlich machen lässt.
    http://www.faz.net/aktuell/feu…tatt-so-roh-12175660.html

  • Als ich letztes Jahr auf der IAA war, hatte ich kurz Zeit für einen morgendlichen Rundgang durch Alt-Sachsenhausen und die Kleine Rittergasse. Ich hatte mir allerdings auch wesentlich mehr erwartet, es gab zwar einige Altbauten/Fachwerkhäuser, teilweise aber wie das ganze Areal etwas heruntergekommen und ohne jeglichen Flair.


    Alles in allem erinnerte es an die Düsseldorfer "Altstadt" (sprich: Kneipenmeile), Fotos gibt es unter Sachsenhausen (Frankfurt)

  • Mal wieder ein bisschen was aus Höchst, kaum zu glauben, wie lange der letzte Beitrag schon wieder her ist. Also dann, wenn auch quantitativ nicht allzuviel passsiert (bei Bolongarostraße 156 aka „Goldener Adler“ ist noch nichts zu erkennen), so doch zumindest qualitativ so einiges.


    Am Gebäude Höchster Schloßplatz 14 erreichen die bereits seit Ende 2011 laufenden Restaurierungsarbeiten nun auch die sichtbaren Fassaden zum Burggraben im Westen respektive zum Schloßplatz im Süden. Das Haus ist ein zumindest im Hochbau – unter der Parzelle liegen mittelalterliche Keller – vermutlich kurz nach dem Höchster Stadtbrand von 1586 entstandes Anwesen für ein Mitglied des Mainzer Dienstadels oder eines reichen Kaufmanns. Ersteres halte ich aufgrund der Nähe zur Zollburg für wahrscheinlicher.


    Ungewöhnlich ist die massive Ausführung der beiden Untergeschosse, erst spätere Reparaturen und Anbauten erfolgten in Fachwerkbauweise. Ausnahme ist das zweite Obergeschoss, insbesondere dessen bereits weitgehend restaurierte Fassade zum von der Bolongarostraße aus zugänglichen Hof, die sich der Kernbau dort mit der Rückseite des spätgotischen Fachwerkbaus Bolongarostraße 173 teilt. Das Gebäude zeigt dort eine Schaufassade in den typischen mitteldeutschen Zierformen des Holzbaus des späten 16. Jahrhunderts.


    Damit besteht eine nicht unerhebliche typologische Ähnlichkeit mit dem fast zeitgleichen Anwesen Bolongarostraße 186 (zwei Geschosse in Stein, darüber ein Fachwerkgeschoss), wobei sich dieses in seiner exponierten, freistehenden Lage im Gegensatz zu seinem Verwandten am Schloßplatz mit seinem komplizierten Grundriss wohl weniger den räumlichen Gegebenheiten unterordnen musste. Die dort gesicherte Bauherreneigenschaft durch Hartmuth XIII. von Kronberg aus dem Reichsritterstand verweist auf die hohe Bedeutung von Schloßplatz 14.


    Zunächst der bisherige Zustand in zwei Bildern von mir aus dem Jahre 2010. Das erste zeigt das Haus ganz links, vom Schloßplatz bzw. Südosten aus gesehen, das zweite die Draufsicht vom Burggraben mit dem senkrecht daran stoßenden Anbau, der wohl erst aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts stammt:



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    Nun einige Ansichten von heute bzw. dem jetzigen Sanierungsstand. Zunächst zwei den vorigen Bildern entsprechende Motive. Viel ist nicht zu erkennen, interessant dürfte sein, ob das zweite Ober- und das Dachgeschoss auch zum Schloßplatz in Zierfachwerk ausgeführt waren – wovon ich eigentlich ausgehe – und wenn, ob dieses noch erhalten, ggf. rekonstruiert und wieder freigelegt wird. Die beiden Untergeschosse aus Bruchstein werden dagegen mit Sicherheit wieder verputzt.



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    Detail des Erdgeschosses an der Ecke von Burggraben und Schloßplatz. Da, wie vor allem aus dem zweiten von oben (aus 2010) gezeigten Bild ersichtlich, mit dem Anbau Richtung Burggraben auch der Fassade zum Schloßplatz eine Fensterachse (im ersten Obergeschoss) hinzugefügt wurde, sehen wir dort ohne Verputz nun die Baunaht zwischen dem Wechsel von massiver Bruchstein- zu Fachwerkbauweise:



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    Rück- bzw. Nordseite des Anbaus, wo abermals der Wechsel der Bauweise zu beobachten ist. Hier sind bereits sehr schöne fachmännische Restaurierungs- bzw. Zimmermannsarbeiten zu erkennen, die auf einen maximalen Erhalt von Originalsubstanz gerichtet sind. Interessant auch das Fenster im Erdgeschoss des Kernbaus, das dort wohl erst im 18. Jahrhundert eingebrochen wurde, weswegen um dessen Gewände schon nicht mehr die Bauweise in Bruchstein, sondern vorindustrielle Ziegel Anwendung fanden:



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    Schließlich sehen wir von der Bolongarostraße aus zwischen den Häusern 171 und 173 die schon weitgehend fertig gestellte Hoffassade mit den schönen steinernen Fenstergewänden sowie dem Zierfachwerk, eventuell also eine Vorschau auf die künftige Fassade zum Schloßplatz? Noch fehlen die Fenster, laut mündlicher Aussage eines Bewohners vor einigen Jahren haben sich im zweiten Obergeschoss zum Hof solche des 18. Jahrhunderts erhalten, die die ältesten im gesamten Stadtgebiet sein dürften (man merke, es gibt schon in der Römerstadt von 1927–29 nicht einmal mehr ein einziges originales Fenster), man darf also hoffen, dass sie gerade aufgearbeitet und wieder eingesetzt werden, sofern sie nicht im Museum landen:



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    Nun zum Grundstück der ehemaligen Bolongarostraße 102 (vgl. #70). Die Arbeiten an der Baugrube sind in vollem Gange, wobei mittlerweile auch der Gewölbekeller der Vorgängerbebauung beseitigt wurde. Nachfolgend ein paar Impressionen der Baustelle.


    Gesamtansicht von Südosten, erkennbar ist Züblin Auftragnehmer, was auf eine professionelle und vor allem zügige Abwicklung hoffen lässt:



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    Gesamtansicht von Nordosten aus der Zuckschwerdtstraße, der Aushub wurde erstmal brav von allen Seiten in der Mitte aufgetürmt, im Vordergrund die Schienen der Straßenbahnlinie 11, im Hintergrund der spätbarocke Bolongaropalast:



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    Direkt an der Südostecke der Baugrube sind die Reste des offenbar sogar mehrschiffigen Kellers noch am besten zu erkennen:



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    Zum Abschluss bzw. zur Komplettierung noch eine Ansicht von der Südwestecke der Baugrube:



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    Das wars für heute.

  • Ehrlich gesagt beneide ich die Freien Wähler dafür, noch überhaupt einen Funken Optimismus für dieses verlotterte Quartier aufzubringen. Hier kumulieren praktisch alle Probleme, die sich in Frankfurt am Main durch fehlende Gestaltungssatzungen (dieser Neubau mit den Schießschartenfenstern wurde gerade erst errichtet!) und übertriebene Toleranz an der falschen Stelle ergeben. Gerade hier frage ich mich nicht selten, ob die Altstadt hibbdebach bzw. ihre Reste durch Nachkriegsabrisse nicht auch so aussähen, wäre sie nicht im Krieg zerstört worden.


    Überhaupt ist es unbegreiflich, wie in einem Quartier, dass derartig im Zentrum auch der Vermarktung des Frankfurter Images steht („Apfelweingemütlichkeit“) ein derartiger Wildwuchs gedeihen kann. Im Gegensatz zu anderen Teilen der Stadt scheint hier noch nicht einmal Lobbyismus, sondern pures Desinteresse, Ignoranz und Planlosigkeit der Zuständigen der hauptverantwortliche Faktor zu sein.


    Da das Thema jetzt schon seit mindestens fünf, wahrscheinlich eher zehn Jahren regelmäßig durch die Presse und Politik geistert, aber nichts passiert, sondern vielmehr regelmäßig weiter historische Bausubstanz abgeht und unpassende Neubauten errichtet werden, habe ich das Viertel eigentlich innerlich abgeschrieben. Besuch führe ich nach Bergen-Enkheim, Höchst oder Oberusel, dort gibt es gepflegte Altstädte vergleichbaren Charakters mit funktionierender Gastronomie und Wohnverhältnissen.