Der Nachkriegswiederaufbau

  • Ein überraschend "ehrliches" Interview über die Stadtplanung im Zusammenhang mit den Folgen des Bombenkriegs.


    Quote

    Erst zerstört, dann neu aufgebaut: Die Vernichtung der Städte im Zweiten Weltkrieg hat bei vielen Architekten und Stadtplanern eine regelrechte Euphorie ausgelöst. Das ist die pikante These einer Ausstellung, die heute in Hamburg eröffnet wird. Ein Gespräch mit dem Kurator Jörn Düwel.

    Der Nachkriegswiederaufbau - Zerstörung als Chance?

    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Vielen Dank, Palantir, für die Präsentation. So deutlich hat man's noch selten gehört, wo die eigentliche Ursache für die katastrophale Entwicklung der deutschen Stadt im 20. Jh. zu suchen ist. Aber noch etwas ist zu bedenken: die Wende in den Leitbildern, die um 1975 etwa anzusetzen ist, fand wohl in den Köpfen der führenden Stadtplaner und Architekten statt, bei dem Gros der deutschen Architekten dagegen ist sie bis heute nicht angekommen. Leute, in deren Vorstellungshorizont das Bauhaus seit hundert Jahren und in alle Ewigkeit Anfang und Ende aller Baukultur markiert, werden niemals eine Stadt nach den Wünschen ihrer Bewohner und Besucher bauen können (siehe das Projekt am Wiener Platz in Dresden). Sie denken ausschließlich in Gestalt von Bauhaus-Kisten, und eine Stadt, wie sie sich die Bevölkerung wünscht, besteht nun mal nicht aus Bauhaus-Kisten.

  • Gerade bei Youtube entdeckt:
    Eine Abrechnung mit dem öden Wiederaufbau der Nachkriegszeit. Pro Wiederaufbau!


    Geniales Video! :daumenoben:

  • Gut gekrallt! Vor allem die Musikuntermalung ist stimmig! Das Internet bietet eine wirklich grandiose Möglichkeit sich in dieser oder anderen Interessensgebieten zu informieren, orientieren und engagieren. Ob die "Reko-Welle" ohne Internet in dieser Form so möglich geworden wäre?

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Schade nur dass in dem Video nicht auch der Verein oder das Forum erwähnt wurden... Seis drum, die Intention zählt!

    Labor omnia vincit
    (Vergil)

  • Schade nur dass in dem Video nicht auch der Verein oder das Forum erwähnt wurden...

    Das finde ich allerdings auch etwas merkwürdig. Dafür aber das DAF, wo so viele Leute total geil auf Glas, Stahl, Beton und Wolkenkratzer sind. Ziemlich unpassend.


    Den Begriff "Wiederaufbau" finde ich etwas irreführend. Dabei dachte ich spontan an den Wiederaufbau direkt nach dem Krieg. Den kann ja niemand wirklich gut finden. "Pro Rekonstruktion" wäre, meiner Meinung nach, zutreffender.

  • Unglaublich - unbeschreiblich!!!


    Liebe Freunde,
    vielleicht sollte man an doch angesichts dieser Aufnahmen heute dankbar werden, dass es Deutschland noch und wieder gibt (zumal in einem Stück), dass wir heute in Europa und der Welt integriert und sehr wohl gelitten sind, und dass es uns insgesamt sooooooooo gut geht


    Ach ja... und dass es so vieles wieder gibt:
    Die Residenzen in München, Würzburg, Bruchsal, Aschaffenburg, Mannheim und Schloss Charlottenburg (das war quasi weg). Wenn auch nur als Hülle, aber immerhin doch die Stadtschlösser in Braunschweig, Potsdam und Berlin (was man ja hier sehen kann)
    Die Altstädte (cum grano salis) von Münster (mit rekonstruiertem Erbdrostenhof und Clemenskirche!), München (mit unendlich vielen erhaltenen Altbauten), Würzburg, Nürnberg (mit seinen herrlichen Kirchen!), den Hildesheimer Marktplatz mit Knochenhaueramtshaus
    Unendlich viele Kirchen, die schon fast abgeschrieben waren: Sämtliche (!) Münchner Barockkirchen, alle romanischen Kirchen in Köln (und zwar schöner denn je), St. Peter in Mainz, Ludwigskirche in Saarbrücken und und und ...
    Den herrlichen Augburger Goldenen Saal und den Nürnberger immerhin in der Grundstruktur....
    Ach ja und Dresden - wo man Grund haben sollte, ganz besonders dankbar zu sein: Oper und Zwinger, Taschenbergpalais, Frauenkirche, Hofkirche, Schloss (innen bald fertig) und Neumarkt (immerhin)


    Ich denke, das ist unendlich viel, was da wiedergewonnen wurde angesichts des Zustands eines Landes das insgesamt so aussah wie das, was man da in diesem Film sieht!


    Und einiges mehr wird ja noch kommen, gell?


    Bitte seid dankbar angesichts dieser Filmaufnahmen, die uns sehr deutlich zeigen, in was für einem Zustand dieses Land vor 70 Jahren war und was ingesamt für eine unermeßliche Wiederaufbauarbeit da geleistet worden ist!


    Das war das Wort zum Freitag! :smile:


    Moderationshinweis (Michael): Verschoben aus: Schloss Berlin - Wiederaufbau als Humboldtforum

    Edited once, last by Oktavian ().

  • Lieber Oktavian,


    natürlich hast Du völlig Recht mit Deinen Worten und wenn ich mich an meine Kindheit erinnere und daran, wie ich zum ersten Mal (um 1970 herum) in Büchern Bilder des zerstörten Berlin gesehen habe und sie mit einer gewissen Faszination betrachtet habe, dann hat mich schon damals erstaunt, dass kaum noch im Stadtbild etwas davon zu sehen war, dass ein furchtbarer Feuersturm meine Heimatstadt heimgesucht hatte. Natürlich gab es noch einiges an Brachflächen, aber Ruinen überhaupt nicht. Berlin "funktionierte".


    Was ich an dieser Stelle nur bemerken möchte (man kann mich für kleinlich halten) ist der Hinweis darauf, dass der Film bereits vorher unter der Rubrik "Berlin in alten Filmen" von unserem Forumskollegen Vulgow verlinkt wurde, nachdem mir vorher eine gekürzte Fassung "über den Weg gelaufen" war. :wink:


    Aber das nur mal so am Rande...


    Wichtiger ist es, und nicht nur an einem Tag wie heute, die Wiederaufbauleistung unserer Eltern und Großeltern zu würdigen, die aus der Mondlandschaft unserer Städte wieder ein blühendes Land gemacht haben und deren Werk vor allem im alten Berliner Stadtzentrum noch nicht vollendet ist.
    Dabei ist es unsere wichtigste Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Lüscher&Co. endlich deutlich in ihre Schranken gewiesen werden, damit ein zeitgemäßes und doch lebens- und liebenswertes Berlin entsteht, das bereit ist, soviel wie möglich von seiner Vergangenheit auferstehen zu lassen... !!!!!!!! :opa:

  • Zur Aufbauleistung unserer Eltern- und Großelterngeneration (paßt auch irgendwie zum 8. Mai):


    Dieses Land ist UNSER Land
    Was Eltern mühsam sich gebaut
    Aus Trümmern hoch mit eig´ner Hand
    Auf festem Grund, nicht flücht´gem Sand
    Was uns als Erbe anvertraut
    Das zu schützen, Freunde, schaut!


    ...ist von mir! :peinlich:

    Der Wind gedreht
    Albtraum verweht
    Zum Schluss jetzt das Glück
    Das Schloss kommt zurück!

  • Ganz versteh ich diese Oktaviansche Sichtweise ja nicht, denn wenn, wie er ausdrücklich gemeint hat, die Zerstörung zurecht erfolgt ist, kann dies eigentlich nur bedeuten, dass der Wiederaufbau ein Unrecht war. Es geht auch nicht darum, einzelne Ungenauigkeiten aufzulisten (sie sind zahlreich; http://de.wikipedia.org/wiki/D…keitskirche_(M%C3%BCnchen, http://de.wikipedia.org/wiki/St._Maria_in_Lyskirchen..). Generell ist eine zuckerlrosa Tendenz wie diese problematisch. Nicht alles war schlecht, zugegeben, aber beileibe nicht alles war gut.
    Die Formulierung, dass es Deutschland NOCH gibt, ist immerhin bemerkenswert. Aber sind gerade Überlegungen in diese Richtung ein Grund zur Freunde (sofern dies überhaupt so gemeint war?
    Uneingeschränkt DANKBAR angesichts des Zustandes dieses Landes kann man jedoch, und darauf kömmt es an, ganz sicher nicht sein. Zuviel ist ungewiss, zuviel steht auf dem Spiel. Mehr als ein paar Rekonstruktionen, zu welchen auch jede künftige autochthone Generation, so sie existieren wird, was fraglich genug erscheint, ohne weiteres In der Lage sein dürfte.
    Und WEM sollen wir dankbar sein? Gerade im Falle Dresden? Meinetwegen Oktavian selbst, da er sich dafür eingesetzt hat, und dem Neumarktverein - an sich ist das unsere Generation, sind das wir selbst, zumindest ideell. Aber ganz sicher nicht der Dresdner Oberbürgermeisterin oder anderen Würdenträgern und Bonzen und Repräsentanten, worauf ein solcher unbestimmter Dank nur allzugern hinausläuft.
    Konrekt- WEM sollen wir für das Berliner Schloss DANKEN? Dem Berliner OB vielleicht, der "Politik", die es letztlich nicht verhindert hat?
    Wir schulden nämlich unseren "Eliten" ganz sicher eines nicht, und das ist DANK.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Die Ausführungen von Oktavian kann man doch eigentlich nicht mißverstehen.


    Auch wann man selbstverständlich nicht jedem der zwischen 1945 und heute gelebt hat, dankbar sein kann und trotz aller seitdem gemachten Fehler: Der Vergleich der Situation in Deutschland 8. Mai 1945 mit der heutigen lässt auch in mir das Gefühl von Dankbarkeit aufkommen.

  • Lieber Karpatenbär, na, man kann aber auch alles zerpflücken, verdrehen und missverstehen, wenn man will... :wink:

    Edited once, last by Treverer ().

  • Quote

    Ganz versteh ich diese Oktaviansche Sichtweise ja nicht, denn wenn, wie
    er ausdrücklich gemeint hat, die Zerstörung zurecht erfolgt ist,

    Ich glaube, das habe ich nirgendwo gesagt.


    Und dankbar bin ich Gott - denn es gibt da noch wen über uns.....

  • Nicht Gott hat diesen Wiederaufbau möglich gemacht, sondern die vielen fleißigen Menschen in den Städten Deutschlands! :thumbup:


    Es hat viel Schweiß, Blut, Geld und auch Überzeugungskraft gekostet, doch wir sind fast da angekommen: Rekonstruktionen sind wieder völlig legitimes Mittel der Stadtreparatur! Noch einige Jahre und es wird darum kaum noch Grabenkämpfe geben, da auch ein immer größerer Teil der Verantwortlichen die Bedeutung der historischen Stadtbilder erkennt. Jedes große und jedes kleine Projekt in möglichst vielen Städten trägt dazu bei, besonders natürlich Leuchttürme wie die Dresdner Frauenkirche und das Berliner Stadtschloss.

  • Auch ich möchte Oktavian weitgehend zustimmen. Kaum vorstellbar für uns, in welchem Zustand sich das Land 1945 befunden haben muß – materiell wie immateriell. Auch Photo- und Filmaufnahmen geben uns nur eine streiflichtartige Vorstellung von jener damaligen Realität.


    Doch es ist auch kaum vorstellbar, daß eine so breite Menge sich einige Jahre nach Kriegsende nach einer völligen Umgestaltung der alten Städte gesehnt haben soll, wie uns häufig weisgemacht wird. Als ab den 50er Jahren der planvolle Wiederaufbau begann, hatten die meisten Menschen doch noch lebendige Erinnerungen an die Vorkriegszeit. Und mehr noch: Die meisten wußten, daß vieles Rettbare aus Aktionismus oder Ehrgeiz ohne Not abgerissen wurde. Da verschwanden die Orte einer besseren Vergangenheit, nach der sich doch jeder instinktiv zurücksehnt. Die Vorstellung, die die gesamte deutsche Geschichte als einen düsteren Strudel sah, der unweigerlich auf das Naziregime zubrauste, kam doch erst etwas später. Zuminest im Osten wurde ja auch zunächst der Tradition noch in gewisser, wenn auch stalinistisch verzerrter Weise Rechnung getragen. Doch beiderseits der Trennlinie begannen früher oder später die Athener Chartaisten zu wüten und ihre städtebaulichen Phantasien auszuleben, den bürgerlichen Widerstand zu verhöhnen und die Kleinbürger mit den Verheißungen der Neubauwohnung zu locken. Ganze erhaltene Viertel wurden (auch noch schlecht umgesetzten) corbusieresquen Wahnträumen geopfert – wiewohl Wohnungsnot herrschte.


    Was hätte nicht allein in Berlin alles erhalten werden können und wurde doch als "kriegszerstört" erklärt:


    Deutsche Oper, Bismarckstraße


    Lesesaal der Staatsbibliothek, Unter den Linden


    Synagoge, Fasanenstraße


    Haus Piccadilly / Haus Vaterland, Potsdamer Platz

  • Alles wiederaufbaufähig. Hierfür gibt es auch die vom Magistrat seinerzeit angefertigte Karte, die unter http://fbinter.stadt-berlin.de/fb/index.jsp einzusehen ist.


    Beschädigt war vieles, auch stark beschädigt. Aber man musste deshalb nicht die halbe Stadt abreissen - das war die Fortschrittsgläubigkeit der neuen Eliten.

    „Kreativität entsteht nicht durch Überfluß sondern durch Mangel.“
    Richard David Precht

  • Für die Scharouns und Hilberseimers, für die Düttmanns, Schwipperts und Baumgartens waren die Kriegszerstörungen und -beschädigungen geradezu ein "Glücksfall". Doch letztlich wurde daraus ein Unglück im "Glück". Es fehlte die Herausforderung, in der Innenstadt im Bestand bauen zu müssen, die allen vorangegangenen Architektengenerationen besondere Leistungen abverlangt hatte. Kaum jemals konnte ein Architekt, der in einem Stadtzentrum bauen wollte, ganz Egomane sein. Auch die erste Generation der Modernisten mußte sich den Bedingungen beugen, die das unmittelbare Umfeld, die Bauordnung und vor allem die noch kultivierteren Bauherren darlegten. Darum haben Mendelsohn, Poelzig und Höger auch die deutlich bessere moderne Architektur geliefert. Und darum sind die Viertel der Nachkriegsmoderne heute überwiegend ästhetisch blutleer und sozial im besten Fall unwirtlich.

  • Eigentlicfh, muss man r´ückblickend sagen, haben sie eine Jahrhunderchance vergeigt. An so prominenten Stellen in einem derartigen Ausmaß bauen zu dürfen... und was ist dabei herausgekommen?

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Quote

    ch glaube, das habe ich nirgendwo gesagt.


    Und dankbar bin ich Gott - denn es gibt da noch wen über uns.....


    Gut, dann ist alles in Ordnung. Das seh ich dann auch so.
    Zumal das also metaphysisch gemeint war, entschuldige ich mich für meine ätzende Kritik.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Eigentlich, muss man rückblickend sagen, haben sie eine Jahrhunderchance vergeigt. An so prominenten Stellen in einem derartigen Ausmaß bauen zu dürfen... und was ist dabei herausgekommen?


    Grob dasselbe wie bei den diversen vergebenen Jahrhundertchancen, als die Mauer- und Sozialismusbrachen neu zu bebauen waren. Aus einigen immerhin recht guten Planungen wurde in der Realität fast nur unteres Mittelmaß.

    Edited once, last by Atticus ().