Offenbach am Main

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    • Als ich die Sekretärin darauf ansprach, winkte sie nur ab und meinte, hier ist schon längst was überfällig.
      Auf der anderen Seite ist es den meisten glaube ich relativ egal in was für einem Gebäude sie arbeiten, hauptsache, dass sie Arbeit haben...


      Dein Beispiel ist interssant, denn es zeigt die unterschiedlichen Gewichtungen der Umgebung. Für den einen ist es Lebens-Raum oder eben eine Zumutung, für den anderen nie (bewußt) beachtete Normalität. Ich tu mich darum auch schwer mit 'menschenverachtender Architektur' Ich glaube zu verstehen, wie es gemeint ist, dennoch ... ist das nicht altertümlich gedacht? Das wird nämlich jeder für sich in Abrede stellen.


      Da steckt des Pudels Kern. Mag sein, dass manches hier elitär klingt. Kommt aber daher, dass unsereins mit offenen Augen durch Deutsche Städte läuft!


      Ja, das können interessante Erfahrungen sein :idee:

      Aber das ist ja noch gar nichts gegen den Elfenbeinturm der Architekten und Städteplaner...


      öh? Sind nicht viele hier angehende oder Jungarchitekten? Gibs überhaupt einen repräsentativen Querschnitt? Würde mich interessieren.

      Gruß, Ron
      Your Lands? My Lands.
    • Die ganz große Frage, um die es geht, ist die der Ästhetik. Das Wort "Menschenverachtend" halte ich in diesem Zusammenhang auch für etwas theatralisch. Ich weiß, hier sind etliche der Auffassung, dass es einen Zusammenhang zwischen modernistischer Architektur und aufwachsender Jugend mit hohem Gewaltpotenzial gibt. Ergo, dass das Aufwachsen in einer Plattenbausiedlung gleich zu Depression, Arbeitslokeit und Gewaltbereitschaft führen muss.
      Das sehe ich nicht so. Vielmehr ist es doch so, dass diese Viertel teilweise für
      Bürger gebaut wurden, die nicht unbedingt mittellos sind, jene aber den geschmack für solche Wohnkultur nicht mitbrachten, und somit die Wohnungen an jederman vermietet wurden. Sei es, jedenfalls ziehen eher die günstigen Mieten die Bürger mit weniger Mitteln an...
      Für gewisse Missstände ist natürlich nicht die Formensprache der Architektur verantwortlich zu machen.(Das beste Gegenbeispiel ist doch das Frankfurter Bahnhofsviertel)

      Zurück zum Ausgangspunkt:

      Wo fühlt man sich wohl? Und das ist natürlich sehr subjektiv. Der eine will viel Licht, der andere mag die geheimnisvolle düstere Verwinklichkeit, wieder andere sind damit zufrieden, dass die Wände trocken sind und die Heizung wärmt, wieder andere brauchen eine schöne Aussicht aus dem 13. Stock mindestens.

      Ich kann hier nur für mich sprechen, und für mich ist das sinnliche Begreifen und Erleben eines Stadtraumes genauso wichtig, wie meine eigenen vier Wände. Und in meinen Augen sind o.g. Gebäude dieser Art hässlich und von mangelndem Einfallsreichtum zeugend. Ich denke Du kannst diese Tatsache auch selbst nicht verleugenen.
      Natürlich siehst Du den Unterschied erst, wenn Du mal ein bisschen die Augen aufmachst und v. A. Städte siehst, die noch etwas reicher sind an ästhetisch ansprechender Architektur. (Kleiner Tip: schau mal in der Galerie z.B. unter "Die ganz große Weimar-tour")

      Meine Freundin ist in Essen aufgewachsen. Als wir einmal von einer Tour durch Thüringen und Sachsen zurückkamen sagte sie: "Mein Gott wie hässlich doch die Häuser hier sind- dass fällt mir jetzt erst auf!"
    • Zunächst mal ein paar Anmerkungen:

      - In einem hässlichen Gebäude zu arbeiten ist prinzipiell annehmbarer, als darin zu wohnen (Ich kenne viele Menschen, die sagen: "Zum Arbeiten ist es okay, aber wohnen möchte ich dort nicht")
      - Die Aspekte "Arbeiten" und "Wohnen", die ich genannt habe, sind nicht die einzigen. Besonders wichtig ist natürlich die äußere Gestalt des Gebäudes. Mit ihr trägt es zur Aufenthaltsqualität eines Platzes oder einer Straße bei. Allein daran lässt sich schon erkennen, ob ein Gebäude gelungen ist oder nicht. Zudem gibt es Umfragen...
      - Es gibt einen Zusammenhang zwischen Architektur und Gewaltpotenzial, daher halte ich "menschenverachtend" für angemessen. Es wäre eine grobe Vereinfachung zu behaupten, dass nur die schlechte Architektur schuld an den Zuständen wäre, wie ja monokausale Erklärungen für soziale Phänomene in der Regel immer unzureichend sind. Die Architektur ist ein Faktor unter mehreren. Soweit ich weiß, gibt es auch entsprechende Studien.
      http://www.menschenrechtsfundamentalisten.de
    • Für uns wird vieles daran liegen, ob wir aus unserer Zeit eine Gelegenheit machen oder an der schicksalhaften Unvorhersehbarkeit der Welt verzagen.


      Das ist ein sehr wichtiger Punkt: Entscheidungen für oder gegen das äussere Erscheinungsbild eines Gebäudeobjekts entziehen sich doch völlig der Mitbestimmung durch die Stadtbewohner. Wie ein neues Gebäude an einer bestimmte Stelle aussehen wird, entscheiden in D nur die alte Architektenriege (junge Architekten oder Studenten nehme ich da bewusst raus, weil sie meist noch keine Lobby haben), Stadtverwaltung und Investor (der sich meist aber raushält).

      Jahrhunderte war das kein Problem, die Entscheidung war in guten Händen: heute haben wir es aber einerseits mit absolut minimalistischen Ästhetik-Konzepten zu tun und andererseits scheinen Nutzfläche und Mieteinnahmen das einzige zu sein, was noch zählt. Immer noch folgt man dem eigentlich uralten Dogma "form follows function" und läuft den Ideen des nunmehr fast 100 Jahre alten Bauhaus-Stils hinterher.

      Geschichtlicher Kontext, wie jahrhundertealte Bautraditionen (ich möchte nur mal die Gegensätze Lübeck und Nürnberg oder Hamburg und München erwähnen, die Vielfalt und Abwechslung fördern) werden nicht mehr berücksichtigt: An der Mehrzahl der Neubauten ist heute doch nicht mehr abzulesen, ob sie in Shanghai, London, Buenos Aires oder Berlin stehen.
      Viele von uns halten das für die falsche Entwicklung und sehen das als einen Verlust von Lebensqualität und Vielfalt.

      Die Bürger sind oft die einzigen, die durch Initiativen, Vereine oder eigenes Engagement die Reste solcher Traditionen hochhalten und bewahren: Nicht weil es altbacken und langweilig ist, sondern, weil es Spass macht und den Horizont bereichert, wenn man in Europa und weltweit noch durch Städte laufen darf, die wiedererkennbar und individuell sind.

      Und zu "menschenverachtend": Sicher bewusst überspitzt, aber dem Menschen ist ein ästhtisches Empfinden zu eigen, das an den 15.000 Jahre alten prähistorischen Felsmalereien von Lascaux schon abgelesen werden kann und das auch architektur-theoretische Abhandlungen aus dem Elfenbeinturm nicht verändern werden. Er fühlt sich in kleinen, übersichtlichen Strukturen wohler, geborgener, reagiert auf Farben und tradierte Gestaltungsformen positiver, als auf graue rechtwinklige Sichtbeton-Flächen, gemischt mit Stahl-Glas-Elementen. Eine Hinwegsetzung über dieses Empfinden ist zumindest ignorant und egozentrisch.

      Grüße aus Nürnberg
    • Jaja...Offenbach

      Als jemand, der einmal im Monat im, auf dem Foto, linken Teil des Gebäudes zur Stadtverordnetenversammlung eilt...

      Nun, es gab die Initiative, das Denkmalschutzbuch neu aufzulegen (keine Begeisterung für die wenigen, verbliebenen Schätze...naja, sondern aus rechtlichen Gründen). Entsprechende Dame ist auch damals im Bauausschuss vorstellig geworden, daraufhin wurden entsprechende Gelder im Haushalt mobilisiert...nun ist die Frage...mit welchem Ergebnis?

      Ich habe den Vorgänger mal gewälzt und habe auf Anhieb zig Fehler feststellen können...bin mal gespannt, ob das, was eigentlich schon 2004 (!) fertig gestellt sein sollte, sein Geld wert ist...ich befürchte nicht. So schleudert Offenbach wahrscheinlich mal wieder Geld, daß es nicht hat zum Fenster raus. Wobei, ich bin ja entschieden für diese Aufnahme...nur bin ich auch gespannt, was mit dem Bestand gemacht wurde.

      Zum Rathaus...sehr guter Moment es jetzt unter Denkmalschutz zu stellen. Wenn man davor steht, sieht man (wie beim techn.Rathaus in Ffm), daß der Stahl aufgrund zu geringer Betondeckung an einigen Stellen gerostet ist und dadurch den darüber liegenden Beton zum Abplatzen gebracht hat. Demnächst soll es bezüglich Brandschutz saniert werden, allerdings befürchte ich (und andere) das es noch weitaus großspuriger saniert werden muß. Ehrlicherweise...Abriß wäre das Beste!

      Abgesehen davon, daß wenige Dinge dieses an Häßlichkeit überbieten. Zudem wurde für die Berliner Straße, die davor verläuft, der nahezu gesamte Rest der Altstadt abgerissen!!!!
      Das ist Teil 1 der Denkmalschutzgeschichte...

      Teil 2:
      ein Gebäude, welches in Offenbach auch mal als Rathaus genutzt wurde war das alte Hospital. Dieses sollte (vor 2 Jahren müsste das jetzt gewesen sein)auf Anfrage des damaligen Bürgermeisters und Baudezernenten Wildhirt (SPD) aus der Denkmalschutzliste einfach gestrichen werden, da man Platz für den Justizneubau haben wollte und der Architekt (Prof. Nowotny...das Offenbacher Gegenstück zu Engel, Jourdan usw.) dies auch als alten unnützen Plunder abgetan hat...sogar behauptete, es ließe sich gar nicht erhalten, oder (was von unserer Seite vorgeschlagen wurde) in einen Neubau integrieren.
      Der Offenbacher Leiter der Denkmalschutzbehörde tat auch wie ihm geheißen, und strich es raus. Durch den folgenden Protest kam es ans Landesdenkmalamt, welches der Streichung entschieden widersprach. Durch Ministerentscheid wurde dann ein Erhalt beschlossen...
      und siehe da...auf einmal konnte man es doch integrieren.

      Dies war aber wohl nicht so einfach, wie man erhoffte, denn bei der vollkommen sinnlosen Totalenkernung ereignete sich etwas, was auf noch kommenden Bilder zu sehen ist...den weiteren Verlauf werde ich dann komentieren...

      Des Weiteren noch ein Bild, dessen Inhalt eigentlich den generellen Wunsch nach Rekonstruktionen mit verursacht hat. Zu sehen ist der Rest eines Gebäudes, welches DAS zentrale Gebäude in Bürgel, heute Stadteil von Offenbach (!), war. Sitz des Schultheißes, Gastort des Vogtes und der Stiftsherren, bzw. sogar dessen direkter Vorgängerbau Gastort des Kaisers.

      Auf dem Bild sind noch die bis 1964 (!!!) erhaltenen Gebäudeteile aus dem frühen 14. Jahrhundert. Innen ein Kapellenzugang mit der ÄLTESTEN Darstellung des Orswappens.
      In einer Nacht und Nebel-Aktion von der Stadt Offenbach abgerissen und damit bewußt (!!!!!) einer Verfügung des Landesamtes für Denkmalpflege zuwiderlaufend.
      Heute befindet sich an dieser Stelle ein Weg, umrahmt von Gebüsch. Also absolut unnötig!!!!
      Damit hat die Stadt Offenbach bewußt das wichtigste Zeugnis der Geschichte Bürgels vernichtet!

      Und in diesem Kaff geht es immer noch so weiter...mit einem massiven Minderwertigkeitskomplex gegenüber Frankfurt (oder warum versucht man ein Skyline zu bauen, deren Häuser man nicht vermietet bekommt?).
      Die Feder ist mächtiger als das Schwert...wenn das Schwert sehr stumpf ist und die Feder sehr spitz!

      -Terry Pratchett
    • Sammelantwort

      sry, ging nicht eher.

      Ersmal vielen Dank Kindvon2dresdnern, besonders für die Weimar-Galerie. Hab sie mit wachsender Begeisterung 'beschritten'. Dank auch Restitutor Orbis und Jürgen! Ihr habt mich das Wochenende über so beschäftigt, daß ich erst jetzt wieder zum Antworten komme.

      (Restitutor) Es gibt einen Zusammenhang zwischen Architektur und Gewaltpotenzial

      Du sprichst dich danach gegen monokausale Ursachenzuschreibungen aus, damit ist das Hauptmißverständnis geklärt. Daß es prinzipiell Aus- und Wechselwirkungen gibt - da kann ich nur zustimmen. Wer das für fraglich und ideologisch hält, dem kann ich dazu Heidegger und die Lichtung, die das Dasein ist, empfehlen. War und ist für mich immer aufs Neue eine Erleuchtung!

      (und wem das zu theoretisch ist, der kann diese Grundüberlegungen praktischer bei Medard Boss finden) Aber das wäre ein anderes Thema, hier wohl off topic. Wohin sonst - bin ich unsicher

      (Jürgen) Er fühlt sich in kleinen, übersichtlichen Strukturen wohler, geborgener, reagiert auf Farben und tradierte Gestaltungsformen positiver, als auf graue rechtwinklige Sichtbeton-Flächen,


      Hm, also ich höre da eine (fast?) generelle Ablehnung moderner Architektur heraus, die auf Effizienz, Artifiziell-Futuristisches getrimmt ist und sicher nie anheimelnd wirkt. Ich sehe das etwas anders.

      Ich halte nur die halbherzigen Modernebauten für grauenhaft. Die sind verlogen, suchen den Kompromiß an eine Geschichte, der sie doch nicht mehr verpflichtet sind. Das Offenbacher Rathaus von 1971 ist ein Paradebeispiel für das eben Gesagte.

      Wenn ich dagegen eine radikale Architektur aus Stahl-Beton-Glas nehme, die gar nicht erst versucht, einen faulen Kompromiß mit der Vergangenheit zu machen, dann wirkt _die_ auf mich nicht minder ergreifend, visionär oder mindestens anregend, als Sakralbauten der Gotik.
      Was ich hier meine,gibt es in R.L. nicht :(, aber in Filmen wie "Bladerunner", "Das 5. Element", also SciFi-Architektur.


      just my 2pence
      Your Lands? My Lands.
    • Ich mag auch neuartige Architektur (um die Vokabeln "zeitgemäß", "modern" usw. zu vermeiden; im übrigen schafft kein Architekt nach den gültigen Architekturdogmen etwas zeitgemäßes, wenn es nicht innovativ ist).

      Allerdings heißt das nicht, um jeden Preis. Die Rücksichtnahme auf die Umstände sind von zentraler Bedeutung. Je Menschenverachtend fände ich, wenn eine historische Altstadt als Akt physischer Gewalt gegenüber der Verkörperung gesellschaftlicher Werte abgerissen würde, um Spaceball City zu errichten.

      Im Zusammenhang mit "Menschenverachtung" darf die NS-Architektur, von der wir in Nürnberg einige Großbauten haben, nicht vergessen werden. Erst wenn man vor dem Kongresshallentorso steht, spürt man die rohe Gewalt und die Erniedrigung des Individuums, die von dem Klotz ausgeht. Diese Wirkung wurde durch "Aufblasen" der architektonischen Formen in einen groben Riesenmaßstab erreicht. D. h. der Maßstab ist ein relevantes Kriterium, das die Sympathiewerte eines Bauwerks bestimmt. Die Größe muß dies nicht sein; jedoch ist klar, daß ein Bauwerk für den Einzelnen umso schwerer erfaßbar wird, je größer und gröber es gebaut ist. Deswegen werden die riesiegen Backsteinkirchen (nur zB in Stralsund) als schön empfunden: einen Ziegel kann man in die Hand nehmen, die sichtbare Zusammensetzung erleichtert die Betrachtung für den Einzelnen. Das zeigt auch, warum Sichtbetonmonster so problematisch sind, wenn man sich über die Wirkung keine Gedanken macht oder gerade zum Ausdruck bringen will, daß man hier einen soo großen Gedanken baut, der schlichtweg nur durch gigantistische Baumethoden ausgedrückt werden kann.

      Was das Offenbacher Rathaus betrifft, so macht es vielleicht unsympathisch, daß man als außenstehender mit Rücksicht auf den zitierten Frankfurt-Komplex den Eindruck hat, daß der Appetit größer als der Hunger war, und das Gebäude nicht zum Ort paßt. Zum anderen ist ein solches Hochhaus ein eindeutiges Machtsymbol und schüchtert die Menschen eher ein als daß es einlädt, auch wenn große Glasfronten sind. Aber ich empfinde es als anstrengender und erdrückender, über die Steinplatten und die Treppe auf den Turm des ähnlichen Erlanger Rathauses (obwohl ich das nicht richtig ernst nehme, wenn ich richtig darüber nachdenke) zuzulaufen, als in den Nürnberger Justizpalast von 1915 zu gehen, der auch nicht gerade anheimelnd ist.

      Doch für die eigentliche, die Denkmalfrage, ist all dies wenig relevant. Dafür ist nur die nüchterne Gesetzesanwendung relevant. Ich befürchte, daß die Qualifizierung als Denkmal erfolgen wird. Wie man damit umgeht, steht auf einem anderen Blatt.
      http://www.baukunst-nuernberg.de/ - Architektur in Nürnberg vom Mittelalter bis zur Gegenwart
      Nürnberger Bauernhausfreunde e. V.
    • im übrigen schafft kein Architekt nach den gültigen Architekturdogmen etwas zeitgemäßes, wenn es nicht innovativ ist). Allerdings heißt das nicht, um jeden Preis.


      ImHo sind Alexanders pattern der beste Zugang, um beides zu verbinden und dem Dilemma, Originalität oder tumbe Wiederholung, zu entgehen. Du bist da vermutlich mehr auf dem laufenden: wie werden dieser Herr und seine Architekturtheorie denn heute so rezipiert?

      Im Zusammenhang mit "Menschenverachtung" darf die NS-Architektur, von der wir in Nürnberg einige Großbauten haben, nicht vergessen werden.


      Heikles Thema... Wäre die Chinesische Mauer auch Weltkulturerbe, wenn sie nicht im 15. Jhd Kaiser Hongzhi, sondern im 20. Jhd. Mao gebaut hätte? Anders gefragt, kann man die Menschenverachtung tatsächlich dem Bau-Werk ablesen oder ist das die (schwer davon zu trennende) Bewertung des historischen Kontextes?

      weiter grübelnd
      Ronny, der dieser Tage wieder über Lego und Holzbaukästen nachdenkt. Die machen vieles so plastisch deutlich (und das feedback des 1jährigen Eigentümers der Spielsachen ist auch interessant :)
      Your Lands? My Lands.
    • Alexander ist interessant und gefällt mir gut. Ich muß jedoch gestehen, daß ich keines seiner Bücher gelesen habe. Ich weiß auch nicht, wie er heute rezipiert wird, aber ich glaube kaum, daß in der Praxis eine nennenswerte Anzahl Architekten nach seinem System baut.

      Anders gefragt, kann man die Menschenverachtung tatsächlich dem Bau-Werk ablesen oder ist das die (schwer davon zu trennende) Bewertung des historischen Kontextes?


      Keine triviale Frage, sicher. Es sind natürlich alles Zuordnungen und Interpretationen. Es ist auch ein unangenehmes Empfinden beim Anblick der Großbauten. Die Funktion eines Bauwerks kann menschenverachtend sein, wie zum Beispiel die Berliner Mauer, das Colosseum in Rom, oder andere Bauwerke, die die Menschheit in ihrer blutigen Geschichte errichtet hat. Außerdem ist aus heutiger Sicht manches menschenverachtend, was die Erbauer nicht so begriffen haben - z. B. die Menschenopfer der Azteken auf ihren Pyramiden. Die NS-Bauten mögen nicht die einzigen Bauten sein, die Menschenverachtung ausstrahlen. Aber ihre äußere Wirkung läßt ablesen, daß das Bauwerk nichts für den einzelnen Menschen ist, daß also der einzelne Mensch in diesem Bauwerk nichts zählt - es sei denn, er bewegt sich als Masse mit anderen Menschen hinein.
      Was die Chinesische Mauer betrifft, so kann man natürlich Geschichte nicht im Konjunktiv betreiben; Mao hat sie nicht gebaut. Wenn schon, dan wäre die Frage, wie eine Mauer von Mao ausgesehen hätte. Vielleicht eher wie die Berliner Mauer, "zeitgemäß"?

      das feedback des 1jährigen Eigentümers der Spielsachen ist auch interessant


      Destruktive Phase?
      http://www.baukunst-nuernberg.de/ - Architektur in Nürnberg vom Mittelalter bis zur Gegenwart
      Nürnberger Bauernhausfreunde e. V.
    • "baukunst-nbg" schrieb:

      Alexander ist interessant und gefällt mir gut. Ich muß jedoch gestehen, daß ich keines seiner Bücher gelesen habe. Ich weiß auch nicht, wie er heute rezipiert wird, aber ich glaube kaum, daß in der Praxis eine nennenswerte Anzahl Architekten nach seinem System baut.


      Wenn dein Englisch einigermaßen ist, kann ich "Timeless way of Building"empfehlen. Ein Buch, das nicht dazu taugt, daß man danach arbeitet, aber es öffnet Horizonte und bindet Architekturfragen an den ganzen Menschen und die Welt (grumpf, wenn ich das lese, klingt das so nichtssagend, aber mir fällt nichts besseres ein) zurück. So bewahrt es vor Fachidiotie :) Leider hab ich das noch nicht auf Deutsch gefunden.


      Eines verstehe ich in deinen weiteren Ausführunge nicht: was am Colosseum ist menschenverachtend, bzw. wodurch ist es das? Wegen den gemetzelten Sklaven, oder was?


      Was die Chinesische Mauer betrifft, so kann man natürlich Geschichte nicht im Konjunktiv betreiben;


      Ich sehe das etwas anders: Alternativen, auch wenn sie nie realisiert wurden, sind der Ausgangspunkt, um überhaupt Geschichte zu verstehen. Nur sollte man nicht dabei stehenbleiben, sonst wird es mindfuck.


      Destruktive Phase?


      Nein, noch nicht :) Aber während kaum ein Bausteinchen in die Hand paßt, zeigt sie einen sturen Ordnungssinn, was Farb- und Größensortierung der Steine angeht. Ich finde das teils lustig, und manchmal frage ich mich, ob Bürokratie genetisch ist. [/quote]
      Your Lands? My Lands.
    • Zum Thema "Rathaus" stand heute folgender Leserbrief in der Offenbach Post:

      Aufgrund Ihres Zeitungsartikels über den Denkmalschutz in Offenbach kann ich nur den Kopf schütteln. Wie kann man einen solchen unansehnlichen Betonklotz wie unser Rathaus als Denkmal hinstellen? Da hätte man genau so gut die Städtischen Kliniken als Denkmal erklären können. Nur gut, dass sie abgerissen werden. Hoffentlich sieht das neue Klinikum ansehnlicher aus. Ich hoffe, dass die Stadt es sich genau mit dem Rathaus überlegt, es ist doch sowieso schon teilweise marode.


      Ich denke, ich schreibe jetzt auch mal einen Leserbrief...
      http://www.menschenrechtsfundamentalisten.de
    • Das neu geplante Offenbacher Klinikum wird - wieder einmal! - eine Kiste.

      140 Millionen Euro (!) für einen stupiden, leicht rotfarbig aufgemotzten
      Bauhaus-Komplex im Stil der 60er Jahre.
      Kein Mensch fragt da nach den Kosten, kein Mensch stört sich scheinbar an dieser gebauten "Maschine".
      Aber wenn einer mal irgendwo ein Barockhäuschen bauen möchte, schreien sie alle auf (Wer soll das bezahlen? Unzeitgemäß! Nicht machtbar! usw.).
      Daran erkennt man den geistigen Zustand dieser Gesellschaft.

      Erstmal wird alles neu und sauber an dem Haus sein und alle finden das toll.
      Spätestens nach fünf Jahren hat sich dieser Effekt abgenutzt, es bleibt die Tristess.
      Der Wind gedreht
      Albtraum verweht
      Zum Schluss jetzt das Glück
      Das Schloss kommt zurück!
    • Ich möchte darauf hinweisen, daß sich auch im hier gescholtenen Offenbach etwas tut.

      Nach Jahrzehnte lang währendem Verfall ist nun der klassizistische Metzlersche Badetempel, im Volksmund "Lili-Tempel" genannt, saniert worden. Ein Privatinvestor hat das 1798 erbaute Kleinod, das einst als Umkleidehaus für das Bad im Main (der fließt heute allerdings nicht mehr direkt an dem Haus vorbei) diente, für einen Euro erworben und dann mit Millionenaufwand wiederhergestellt. Aus Gründen der Nutzbarkeit durfte er einen modernen Anbau für seinen Wohnbereich daneben anbauen und erhielt ein Drittel des angrenzenden Parks als Privatbesitz. Ich halte auch den modernen Anbau für elegant und gelungen - anders war die Sache zudem nicht realisierbar (es drohte bereits ein Abriss des zur Pissbude verkommenen Gebäudes). Der Tempel steht temporär der Öffentlichkeit für Veranstaltungen zur Verfügung.
      Investor Volker Hohmann sollte die dortige Ehrenbürgerwürde verliehen werden.

      Hier ein Bild:
      www02.offenbach.de/stepone/dat…4f/1e/00/TempelNeubau.jpg

      Hier noch eines:
      de.wikipedia.org/wiki/Bild:Lil…l_Offenbach_am_Main_1.jpg

      Hier ein Artikel mit weiterem Bildmaterial:
      offenbach.de/Themen/bildgallerie/Lilitempel-offen.html

      Zum Fall der oben beschriebenen Zerstörung des alten Hospitals (nach dem Zweiten Weltkrieg kurzfristig gar Rathaus) sei folgendes angemerkt. Das Gebäude sollte erst abgerissen werden, nach Bürgerprotesten einigte man sich auf Erhaltung der Fassade. Dann wurde es entkernt und fiel - aufgrund mangelnder Stabilität - zusammen. Eine ganz zwielichtige Angelegenheit (der damalige Oberbürgermeister Grandke jubelte gar, das das alte Ding zusammenfiel), ich denke, daß die Zerstörung ganz bewußt, zumindest mit krimineller Fahrlässigkeit durchgeführt wurde. Immerhin aber wurde in das nun gebaute Justizzentrum ein Rekonstruktion des Gebäudes in Beton eingefügt. Optisch also steht das Haus wieder.

      Hier eine Rückansicht der Rekonstruktion:
      www02.offenbach.de/stepone/dat…justizzentrum_nordwww.jpg

      Hier noch eine:
      realgrund.de/justiz/offenbach/obachEigen/inhalt.htm

      Zudem sei darauf hingewiesen, daß es in den letzten 20 Jahren zwei recht bedeutende Rekonstruktionen (faktische Rekonstruktionen, da es sich um weitenteils völlig ausgebrannte Kriegsruinen handelte) gegeben hat.

      1. Das Büsing-Palais in der Innenstadt. Es fungierte vor dem Krieg als Rathaus und wurde in den 80er Jahren rekonstruiert:
      de.wikipedia.org/wiki/Bild:Off…_B%C3%BCsing_Palais_a.jpg

      2. Das Schloß Rumpenheim, das vor wenigen Jahren in eine Anlage mit Eigentumswohnungen umgewandelt und komplett wiederhergestellt wurde (vom Mitteltrakt existierten nur noch die leeren Brandmauern):
      de.wikipedia.org/wiki/Bild:Off…umpenheimer_Schloss_a.jpg

      Es liegt also nicht alles ganz so im argen beim kleinen Nachbarn der nun baldigen (Alt-)Stadt Frankfurt.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Heimdall ()

    • Re: Periphere Meldungen aus Hessen/Thüringen

      Ein Fundstück: In Offenbach wird gerade ein pompöser historistischer Grabtempel saniert. Die Baukosten beliefen sich einst in Höhe eines Wohnhaus-Baus.

      www.op-online.de/nachrichten/offenbach/tadsch-mahal-offenbach-624047.html

      Hier eine Fotostrecke: op-online.de/nachrichten/offen…bach-friedhof-625018.html

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Heimdall ()

    • Nach all der gegenwärtigen Trübnis bezüglich diverser vermeidbarer Abrisse in Deutschland mal eine positive Meldung. In Offenbach, faktisch direkt am Kaiserleikreisel, nicht weit hinter der Grenze zu Frankfurt, wurde ein Haus saniert. Man muß dazu sagen, dass in den letzten Jahren in dieser Reihe mehrere ältere kleinere Häuser, teils mit expressionistischen Bauelementen, der Spitzhacke zum Opfer fielen. In einem Haus lebten zuvor Studenten recht billig, nun existieren dort nur noch zuwuchernde Brachflächen, teils der illegalen Müllentsorgung dienend. Vollkommen sinnlos das ganze. In dieser Reihe befand sich auch das unten gezeigte Häuschen. Es war lange verwahrlost, leerstehend und ich befürchtete jedes mal, es beim nächsten Besuch in der Ecke nicht mehr anzutreffen. Wenigstens die Madonnenfigur an der Fassade müsste man doch irgendwie sichern, dachte ich. Also, ich rechnete wirklich mit baldigem Abriss. Umso erstaunter und erfreuter war ich, als ich vor kurzem das Haus frisch saniert vorfand. Und sehr sensibel und gut saniert. Möglichenfalls sahen die Eigentümer, dass die Vermarktungsmöglichkeiten für einen Neubau schlecht stehen und entdeckten in der Sanierung eine kostengünstige Alternative.
      Manch einer mag nichts besonderes an dem Gebäude finden. Ich muß aber betonen, dass es in einer Gegend steht, die vollständig von großen Gewerbebauten, modernen Autosalons und wuchtigen Hochhäusern geprägt ist, zudem von großen Verkehrsadern durchschnitten. Das dort klitzeklein wirkende Haus wirkt wie ein herrlich skurriler Störfaktor in diesem Areal. Und mir gefällt der Baustil ausgesprochen gut (ich schätze, das es zwischen den 30er und 50er-Jahren entstanden sein dürfte). Schönster Heimatschutzstil, und exakt diesen würde ich für sämtliche Gewerbegebiete unseres Landes gestalterisch vorschreiben. Als ersten Schritt. Keine Container- und Kistenarchitektur also mehr.
      Nun, man beachte die ganzen Baudetails, die barockisierenden Fensterrahmen, Rundbogenfenster, Dachgauben, das schmiedeeiserne Balkongitter, den Fraktur-Sinnspruch. Und ich finde auch die modernen EInbauten wirklich gelungen. Die schwarzen Metallrahmen in den neuen großen Erdgeschossfenstern, die dezent-dramatisch angebrachte Fassadenbeleuchtung. Alles bestens. Ich komme ja aus dem Schwärmen nicht heraus... :zwinkern: Deshalb nun besser ein paar Bilder von mir zur eigenen Meinungsbildung (es war allerdings schon etwas dunkel):

      Vorderseite


      Hinterseite


      Seite zum Parkplatz




      Detail moderner Einbau


      Fassade




      Werbeschild


      Nachtbild
    • Vielen Dank fuer diese erfreuliche Nachricht, Heimdall, aber Du hast bei all dem Schwaermen die Sprossenfenster ausgelassen. ;)

      Ein gelungenes Projekt. Zwar nicht 100%ig hingekriegt, aber das ist sowieso hoechst selten. Dass der Spruch ueberlebt hat freut mich besonders. Vor allem ist es ein :zungeorange: fuer die Kisten und Container mit denen die Umgebung leider gefuellt ist. Ich hoffe, dass der Bauherr diese Flaechen im Handumdrehen vermieten kann und weitere aehnliche Projekte aufgreift. :engel:

      Duerfen wir aus diesem Dokumentarbericht schliessen, dass weitere folgen werden?
    • Pilaster schrieb:

      Duerfen wir aus diesem Dokumentarbericht schliessen, dass weitere folgen werden?
      Lieber Pilaster, den Schluss würde ich nicht zwangsläufig ziehen. Diese Fotosache ist ja doch etwas aufwendig, und ich muss sehen, wann ich die Zeit für so etwas finde. Indes, ausschließen musst Du es nicht. Wenn ich etwas interessantes vor die Linse bekomme, kann ich gerne mal wieder aktiv werden. Also, ein verhaltenes "Ja, vielleicht, warum nicht?" als Antwort. 8)