Frankfurt a.M. - das Bahnhofsviertel

  • Es ist für uns heute nicht mehr nachvollziehbar, daß solche Gründerzeitgebäude damals als Schandflecken galten. Es war der Zeitgeist, dem so viele dieser Häuser zum Opfer fielen. Heute wäre dieses Hotel sicher wieder ein wahres Glanzlicht, ähnlich wie der Frankfurter Hof.

  • 1975 traten die Denkmalschutzgesetze nach und nach in den einzelnen Ländern in Kraft, da gab es nochmal eine beispiellose Abrisswelle (auch im Westend), weil den Eigentümern ins Bewusstein trat, dass der Abbruchwahn der vorigen Jahrzehnte in der Form nicht mehr lange möglich sein würde. Trotzdem bleibt das Bahnhofsviertel praktisch das einzige „großstädtisch“ geprägte Historismusviertel Frankfurts, in dem man die Entwicklung der auch spezifischen Architektur seit der Kaiserzeit bis zum Ersten Weltkrieg nahtlos verfolgen kann (vgl. dazu Liste der Kulturdenkmäler in Frankfurt-Bahnhofsviertel, ggf. nach Bauzeit sortieren). Als Frankfurter Besonderheit kann gelten, dass der behäbige, noble Spätklassizismus erst in der zweiten Hälfte der 1880er Jahre dem nationalen Prachtstil weicht, was dann endgültig das Ende der lokalen Bautradtion bedeutete.

  • Also ich finde, dass der lokale Frankfurter Stil mit rotem Mainsandstein und diversen Elementen wie schwarzen Mansardenschieferdächern auch Ende des 19. Jahrhunderts noch vielfältig zu Tage tritt. Beispielhaft die Erweiterung des Römer-Rathauses mit Kämmerei, Mittelbau, Kleiner Cohn und Langer Franz (die u.a. Anleihen an der alten Langen Brücke nehmen).

  • Also ich finde, dass der lokale Frankfurter Stil mit rotem Mainsandstein und diversen Elementen wie schwarzen Mansardenschieferdächern auch Ende des 19. Jahrhunderts noch vielfältig zu Tage tritt. Beispielhaft die Erweiterung des Römer-Rathauses mit Kämmerei, Mittelbau, Kleiner Cohn und Langer Franz (die u.a. Anleihen an der alten Langen Brücke nehmen).


    Nein, das Neue Rathaus ist ein typischer Vertreter internationaler Architekturströmungen seiner Zeit, vor allem von der Burgenromantik beeinflusst. Die Kämmerei hat in ihrem üppigem Neobarock keine Entsprechung in der lokalen Bautradition, ebenso die Seufzerbrücke mit ihren Atlanten oder der üppige Neorenaissance-Festsaalbau. Ikonografische Zitate der Alt-Frankfurter Architektursprache finden sich am ehesten noch am Südbau, aber auch hier ist die ganze Baumassenabwicklung schon sehr weit entkoppelt von lokalen Lösungen.

  • Wobei schon gesagt sein muss, dass der Lange Franz und der Kleine Cohn durchaus die Frankfurter Tradition wiedergaben. Der Lange Franz ist eine Neuschöpfung, angelehnt an den alten Sachsenhäuser Brückenturm, der Kleine Cohn erinnert an das Salmensteinsche Haus. Auch die Kombination aus rotem Sandstein und verputzten Flächen ist zumindest nicht untypisch für Frankfurt. Im Fränkischen hätte man zum Beispiel komplette gräuliche Natursteinfassaden gewählt, in Norddeutschland Backstein.

  • Dann werden sich die Junkies, die nur einen Block weiter einen Drückerraum haben, vor dem sich auf dem Gehweg nachts die blutigen Taschentücher türmen, eine andere Pinkelecke suchen müssen.

  • Die Aufwertung des Bahnhofsviertels wird vorangetrieben:


    Taunusstraße im Bahnhofsviertel:
    So soll das Sorgenkind gerettet werden


    Dealer, Alkoholiker, Bettler – die Taunusstraße ist eines der Sorgenkinder des Bahnhofsviertels. Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU) hat kreative Menschen aus dem Stadtteil zusammengetrommelt, um das zu ändern. Sie wollen mit Kunst, Musik und leckerem Essen ein neues Publikum in die verrufene Straße locken.


    http://www.fnp.de/lokales/fran…tet-werden;art675,1555389

  • Diskutieren mit Asozialen macht keinen Sinn, nur eine umfassende Gentrifizierung kann das Bahnhofsviertel retten!

  • Schön, dass du hier ein Ventil gefunden hast, aber nur jammern bringt auch niemanden weiter. :)


    Das Bahnhofsviertel gentrifiziert sich ja bereits seit einigen Jahren. Es entstehen sehr hochwertige Neubauprojekte und es gibt Sanierungen und sogar Teilrekonstruktionen von Altbaufassaden. Das "Problem" löst sich also mehr oder minder bereits von selbst. Wenn dieser Prozess auch durch Kulturveranstaltungen unterstützt wird, umso angenehmer. Wo genau ist das Problem?


    Ehrlich gesagt find ichs auch gut, wenn eine Stadt auch ein Amüsier- und Ausgehviertel hat. Das gehört doch zu einer Großstadt dazu. Und dementsprechend auch etwas Schmuddel und Schmutz, wir reden doch nicht über eine Freiluftklinik, sondern über einen lebendigen Stadtorganismus. Sterile und tote Städte sind doch einfach öde, egal wie schön sie vielleicht anzuschauen sind. In Berlin etwa nervt mich, dass die Etablissements (Clubs, Bars usw.) tendenziell recht weit auseinander sind, wirkliche Ausgehviertel gibts nicht (außer manche Ecken in Kreuzberg, F-Hain/RAW, wo es eine etwas höhere Konzentration gibt). Auch wenns eine hohe Vielfalt gibt, die Wege sind ewig lang. Hamburg wird zurecht um seinen Kiez beneidet. Ja, sowas zieht auch Kriminalität an, aber die wäre sonst eben viel stärker über die ganze Stadt verteilt. In Deutschland sollen Tanzclubs und derlei am besten immer weit ab vom Schuss irgendwo im Gewerbegebiet oder sonstwo im Niemandsland sein, das ist doch affig. Überhaupt die Lärmschutzverordnungen, andere Länder lachen sich da schlapp. Sowas verhindert auch guten Städtebau in unserem Sinne (u.a. auch die Nutzungstrennung). Wer kein quirliges städtisches Nachtleben verträgt, soll eben aufs Land oder in eine kleine Stadt ziehen.

  • In diesem Punkt muss ich "erbse" mal zustimmen. Zuerst, dies als Antwort auf "Stauffer" gibt es in der Stadt noch sehr viele Gründerzeitareale. Auch das Nordend, Teile des Westends, vor allem aber Sachsenhausen sind stark von Gründerzeitarchitektur geprägt. In der unmittelbaren Innenstadt gibt es allerdings nur noch wenige Reste, das stimmt. Die Bordelle nehmen vielleicht ganze 10 Häuser im Bahnhofsviertel ein. Sie sind längst Tradition, wie in der Hamburger Reeperbahn. Niemand muss sich daran stören, denn der Straßenraum ist davon nicht betroffen. Insofern bin ich gegen eine Verdrängung. Dass die Drogenszene ein Problem ist, wird in dem von "erbse" verlinkten Artikel ja offen angesprochen. Hier müsste die Stadt wirklich viel rigoroser vorgehen. Denn die Junkies verbreiten ein verheerendes Bild, zudem eine Menge von Unrat. Touristen laufen an ausgemergelten Leuten vorbei, die sich auf offener Straße Spritzen in die Venen hauen. Ständig Streit, bis hin zu Messerstechereien, schmutzige und aggressive Leute. Die Gehwege vor den Drückerräumen sind nachts übersäht von blutigen Taschentüchern und diversem Müll. Die Notdurft wird an Hausecken verrichtet. Straßenprostitution. Kakerlaken laufen an manchen Ecken offen über die Straße. Da wäre eine radikale Säuberung vonnöten. Doch, die machthabenden Politiker haben das seit Jahrzehnten versäumt und offenbar auch gar kein Interesse daran. Das übrigens baulich sehr attraktive Viertel wird seit einigen Jahren von der Partyszene entdeckt. Insofern ist der Trend ganz und gar nicht neu. Es kann aber sein, dass er sich verstetigt. Da dann, u.a. auch durch Wohnzuzüge, ein anderes Publikum angezogen wird, führt das automatisch zu einer qualitativen Verbesserung des Quartiers. Einige werden dann wieder über Gentrifizierung jammern. Aber diese findet nun einmal irgendwie statt, und dem Bahnhofsviertel tut sie sicher gut.

  • Mit reichlich Verspätung (weil ich nach langer Zeit mal wieder eine Viertelstunde am Hbf rumhängen musste , bis der Anschlusszug fuhr), kann ich immerhin ein paar flüchtige Handyfotos beisteuern, falls jemand den Neubau Kaiserstraße 58 noch nicht in fertiger Form gesehen hat:


    Ich kann damit nichts anfangen. Die Grundform zitiert unverkennbar die gründerzeitliche Bebauung, aber so abstrakt und grobschlächtig, dass das Ganze schon wieder wie ein Fremdkörper wirkt. Dachschrägen, aber keine Gauben, unpassende Fensterformen, und dann zwar einerseits einen Eckerker, der Bezug auf den gegenüber stehenden Altbau nimmt, aber der Eckturm ist viel zu hoch und verjüngt sich nach oben nicht, hat ein Flachdach. Eigentlich müsste man jetzt schon einen Umbau vornehmen.


    Ganz im Gegensatz zur Kaiserstraße 48:




  • Vielleicht könnte jemand aktuelle Eindrücke vom Hotelprojekt Niddastraße 60-62 ("Novum Style") darbringen?
    Habe leider keinen Entwurf für Frankfurt gefunden, jener für Regensburg wirkt aber sehr solide und klassisch-frühmodern, das könnte was werden.



    Auch generell würde mich die Bautätigkeit im Bahnhofsviertel sehr interessieren, falls es noch mehr zu sehen gibt! :)

  • Im Frankfurter Bahnhofsviertel soll an der Wilhelm-Leuschner-Straße 32-34 ab Anfang 2018 ein Wohngebäude unter dem Namen "The Inbetween" errichtet werden. Mit Ausnahme der gefälligen Erdgeschosszone nichts wirklich besonderes.


    Corpus Sireo startet Wohnprojekt am Frankfurter Bahnhof


    Frankfurt-Bahnhofsviertel: 160 neue Wohnungen an der Wilhelm-Leuschner-Straße

    In der Altstadt die Macht, im Kneiphof die Pracht, im Löbenicht der Acker, auf dem Sackheim der Racker.


    Hätt' ich Venedigs Macht und Augsburgs Pracht, Nürnberger Witz und Straßburger G'schütz und Ulmer Geld, so wär ich der Reichste in der Welt.

  • Wenn ich mal in die Ecke komme, mache ich mal ein Handypic. Das kann aber dauern.

    Jetzt muss ich mich entschuldigen. Ich war in der Ecke. Aber ich habe nicht nach dem Hotelprojekt geschaut. Dafür aber habe ich als Entschädigung ein Foto des Wohnprojekts "Twenty7even" in der Niddastraße/Ecke Weserstraße gemacht. Das Projekt an sich ist gefällig gestaltet und wertet die bislang stark von Pisse und in verwaisten Grünbeeten buddelnden Junkies geprägte Ecke deutlich auf. Allerdings dieser anglisierte Projektname... :aufdenkopf: Man fragt sich, welche gleichgeschalteten globalsierten Volltrottel sie damit eigentlich ansprechen wollen? Offenbar aber gibt es genug von dieser Klientel in Frankfurt. "Urban leben. Mitten in der Szene", lautet der Vermarktungsslogan. Kommt bloß darauf an, welche Szene man damit meint. Eine Hausecke weiter fangen halt die Puffs an und laufen eine Menge Leute auf Crack herum. Am Wochenende ist der Anteil Alkoholisierter sehr hoch. Nur die Hütchenspieler-Szene hat sich verzogen oder wurde zerschlagen. Habe lange keine mehr gesehen. ?(


  • Ich hatte den Eindruck, dass sich im Bahnhofsviertel viel in die richtige Richtung bewegt. Die Entwicklung hin zu einem "normalen" Stadtviertel schreitet immer weiter voran. Man sieht ja, dass zunehmend saniert wird, das Publikum welches hier dann angesprochen wird, ist ein komplett anderes wie in den Dekaden davor, die Läden werden andere, also hier ist viel auf dem richtigen Weg.


    Trotzdem bleibt viel zu tun. Ich bin ehrlich, bei meinem letzten Besuch, ich habe noch nirgends, weder in Paris, noch in Berlin oder sonst wo, eine derart große Anzahl von Bettlern erlebt wie rund um den Bahnhof in Frankfurt. Leider scheint das schon fast professionell betrieben zu werden. Ganze Großfamilien südosteuropäischer Herkunft nehmen hier ganze Straßenzüge in Beschlag. Ich habe so etwas noch nie zuvor gesehen. Warum die Polizei hier nicht viel präsenter ist und mit Platzverweisen reagiert, ich weiß es nicht.


    Trotzdem bin ich für das Viertel sehr optimistisch. In 10 Jahren wird es hier ganz anders aussehen, besonders was das Klientel betrifft. Ich hoffe ja, dass der Trend zur Sanierung weiter geht und dass wir besonders zum Bahnhofsvorplatz hin möglichst schnell die alten Dächer zurück bekommen. Dann könnte Frankfurt mit dem alten Hbf den schönsten Bahnhofsvorplatz in ganz Deutschland haben. Und vielleicht kommt das Schumanntheater ja doch eines Tages zurück, wer weiß welche Fenster sich irgendwann vielleicht doch öffnen.