Nürnberg - Fachwerkbauten

  • Ich nutze mal die Gelegenheit einen einzelnen Strang für Nürnberger Fachwerkbauten zu eröffnen:

    Nürnberg Obere Krämersgasse 3 Fachwerk




    Nürnberg Obere Krämersgasse 3 Fachwerk

    Eines der neuesten Projekte ist das Haus Obere Krämersgasse 3. Die Adresse ist sehr geschichtsträchtig, direkt gegenüber befindet sich das Elternhaus von Agnes Dürer.
    Seit kurzem ist der Putz des Hauses abgeschlagen und hat ein sehr heterogenes Fachwerkbild freigelegt. Einige Eckdaten zur Geschichte des Hauses und Bilder noch im verputzten Zustand gibt es hier.

    Ich bin sehr gespannt, ob die Altstadtfreunde bei der Sanierung das alte Fachwerkbild wieder rekonstruieren werden, oder nicht. Kommen die Ziegel raus und werden durch Lehmausfachungen ersetzt, oder verschwindet alles wieder unter Putz? Man darf gespannt sein.

  • Besten Dank für die beiden Fotos! Ich wollte schon lange mal jemand aus Nürnberg bitten, Fotos des Hauses zu machen, da die Altstadtfreunde schrieben, dass sie vorgängig der Planungsarbeiten mal den Verputz abschlagen werden.

    Eigentlich erwartete ich ein viel homogeneres Bild des Fachwerks, aber nun sehe ich, dass allein in den drei Fachwerkobergeschossen vier Bauetappen enthalten sind. Dazu kommt noch eine Bauetappe mit der Versteinerung des Erdgeschosses. Man muss wissen (so wie es auf der von Noricum verlinkten Seite der Altstadtfreunde auch steht), dass Obere Krämersgasse 3 und das Fachwerkeckhaus rechts, Untere Krämersgasse 18, ursprünglich ein dreigeschossiges Haus von 1454 bildeten. Gegen die Obere Krämersgasse hin besass es ein Pultdach.

    Wann die Aufteilung in zwei Häuser erfolgte, weiss man nicht. Schon 23 Jahre später wurden die westlichen drei Viertel um ein 3. Obergeschoss mit dem heutigen Halbwalmdach aufgestockt. Typisch für die Fachwerke aus dem 15. Jahrhundert sind die angeblatteten Fuss- und Kopfbänder. Solche Bänder hätte ich auch an der nun freigelegten Fassade erwartet, aber statt solcher erkennt man nur eingezapfte Streben, die ab dem frühen 16. Jahrhundert aufkamen. Trotzdem sieht man am Erd- und 1. Obergeschoss noch einzelne Blattsasse von Bändern, die aber nicht mehr vollzählig vorhanden sind.

    Nach der Teilung in zwei Häuser muss offenbar bei Nr. 3 recht viel erneuert worden sein. Hierzu könnte das Jahr 1525 zutreffen, das auf der Seite der Altstadtfreunde erwähnt wird. Bis zum 2. Obergeschoss kann man noch die rote Farbe des einst sichtbaren Fachwerks erkennen. Das 3. Obergeschoss zeigt zwei Etappen von konstruktivem, nicht auf Sicht konzipiertem Fachwerk. Nur noch die linke Hälfte seiner Schwelle weist rote Farbreste auf. Sie könnte der letzte Rest des einstigen Sichtfachwerks des 3. Obergeschosses sein. Wann das 3. Obergeschoss aufgestockt wurde, ist noch nicht bekannt. Ich werde das alles einmal in einem Fassadenplan erläutern.

    Freilegungswürdig ist das Fachwerk auf jeden Fall, auch wenn es einige Veränderungen erfuhr. Der Zustand der Holzbalken liesse es zu, ebenso die Dimensionen des konstruktiven Fachwerks am obersten Geschoss. Ein sehr indoktrinierter Denkmalpfleger würde dem wohl aber nicht zustimmen, da die Fassade mit dem aktuellen Balkenbild so nie frei lag. Ich rechne in Nürnberg aber nicht damit, dass die Fassade wieder verputzt wird.

    noricum Kann ich deine Bilder im Baukulturforum verwenden, wo ich schon Beiträge über Untere Krämersgasse 18 veröffentlicht habe? Für die ganz Gwundrigen jetzt schon ein Vorschaubild des Fassadenplans:


    Obere Krämersgasse 3 Bauetappen Vorschau
    Obere Krämersgasse 3, Versuch zu einem Bauetappenplan des Fachwerks
    aufgrund der beiden Fotos oben von Noricum und eigener Bilder von Nr. 18.
    Rechts angeschnitten Untere Krämersgasse 18. Planzeichnung: Riegel.

  • Bei meinem Besuch in Nürnberg 2009 fotografierte ich die Obere Krämersgasse von Osten her, wo man vor dem silbernen Auto die Einmündung der Unteren Krämersgasse erahnen kann:

    obere kraemersgasse 15.09.2009 3232x
    Die Obere Krämersgasse von Osten nach Westen im September 2009.

    Das zweite Haus von links mit dem ocker gestrichenen Verputz ist Obere Krämersgasse 3, gefolgt vom Fachwerkeckhaus Untere Krämersgasse 18, mit dem es ursprünglich eine Einheit bildete. Dass die beiden Häuser einst zusammengehörten, sieht man an der gleichen Höhenlage der Fenster, während bei allen andern Bauten kleine Niveauunterschiede feststellbar sind.

    Zum Eckhaus Untere Krämersgasse 18 schrieb ich im Forum für Baukultur bereits mehrere Beiträge, wobei ich damals noch nicht wusste, dass es mit Obere Krämersgasse 3 einen gemeinsamen Kern hatte. Es empfiehlt sich trotzdem aber, mindestens die Beiträge des ersten Links zu lesen, damit man die hier zu erforschende Baugeschichte von Nr. 3 besser versteht:
    - Untere Krämersgasse 18
    - Vergleich mit Albrecht-Dürer-Str. 6
    - Rutenflechtwerkausfachungen.


    Die Entzerrung und Montage der beiden Fotos mit dem freigelegten Fachwerk bildeten die Grundlage zu einem (unmassstäblichen) Aufnahmeplan:

    Obere Krämersgasse 3 Fotomontage
    Entzerrte Fotomontage.

    Obere Krämersgasse 3 Durchzeichnung
    Durchzeichnung des Fachwerks vom 1. bis 3. Obergeschoss.

    Nun sind Details und Veränderungen am Fachwerk viel besser sichtbar. Auf eine Durchzeichnung des Erdgeschosses, das aus einem Konglomerat von Sandsteinen und Backsteinen besteht, verzichtete ich, da dieses nicht Bestandteil dieser Bauuntersuchung sein soll. Eine angrenzende Partie von Untere Krämersgasse 18 ist miteingezeichnet, um die baugeschichtlichen Zusammenhänge zu erörtern. Durch das Regenabflussrohr sind allerdings einige Partien nicht sichtbar und deshalb gestrichelt eingezeichnet.

  • Riegel sind die relativ wuchtigen viereckigen Fensteraussparungen im 1.OG von 1525? Wieso stehen die Sturzriegel auf Balken, während sie beim Haus rechts nicht zu sehen sind ( zumindest im 2. und 3. OG). Und wieso siehst du das überhaupt, bist du Bauforscher?

    :lehrer:

  • Brotscheibe Die Fensteröffnungen im 1. Obergeschoss sind gar nicht so wuchtig; das scheint nur so, weil das Haus ja recht klein ist. Gegen das Quadrat tendierende Fensteröffnungen dieser Grösse und ohne Mittelpfosten sind in Nürnberg im 16. und 17. Jh. üblich, bei Fachwerk- als auch bei Steinbauten. Für Obere Krämersgasse sind 1525 und 1621 als Umbaudaten bekannt. Wegen den andern Fragen solltest Du meine nächsten Beiträge abwarten, wo ich jeden Stock beschreiben und den konstruktiven Zusammenhang mit Untere Krämersgasse 18 vergleichen werde.

  • Vor einer Analyse des Fachwerks folgt ein Blick auf einen Rekonstruktionsversuch von Untere Krämersgasse 18 im Urzustand von 1454, also noch ohne das heutige 3. Obergeschoss und Halbwalmdach, dafür mit einem gegen die Obere Krämersgasse hin geneigten Pultdach. Obere Krämersgasse 3 folgte gleich links anschliessend. Kennzeichnend für den Kernbau sind die mit überlangen Kopfbändern verstrebten Pfosten des Erdgeschosses, die aber im Gegensatz zur Rekonstruktionszeichnung vermutlich nicht auf einer Schwelle, sondern direkt auf Steinfundamenten standen. Das 1. und 2. Obergeschoss werden durch angeblattete lange Fuss- und kurze Kopfbänder verstrebt. An der Ecke des 1. Obergeschosses ist anhand der breiten, kurzen Fussbänder eine Bohlenstube auszumachen.

    Einzig an der linken Kante des 1. Obergeschosses fehlt jegliche Verstrebung. Um es jetzt schon vorwegzunehmen: Diese bestand auf dem Boden von Obere Krämersgasse 3!

    untkrae18rek.jpg
    Untere Krämersgasse 18, Rekonstruktionsversuch des Kernbaus von 1454.



    Jetzt werfen wir nochmals einen Blick auf das Erd- und 1. Obergeschoss von Nr. 3:

    Nb IMG 2866[1] bearbeitet noricum
    Obere Krämersgasse 3, Erd- und 1. Obergeschoss. (Bild: noricum)

    Über dem Erdgeschoss liegt eine kräftige Mauerlatte, auf der die Erdgeschossbalkenlage aufliegt. Sie läuft nach rechts weiter und besitzt gleichartige Blattsasse von einstigen Kopfbändern wie bei Nr. 18. Das Mauerwerk ist also nachträglich an die Stelle einer Fachwerkwand getreten und das Wandrähm als Mauerlatte erhalten geblieben. Der rosarote Farbschimmer auf ihm sowie den angrenzenden Balken zeugt vom einstigen roten Farbanstrich des Fachwerks.

    Am 1. Obergeschoss erkennt man beim Wandfeld mit dem linken und mittleren Fenster eine weitere Bohlenstube. Die sorgfältig ausgeflickten Blattsasse von zwei breiten Fussbändern und links das erhalten gebliebene Blatt eines breiten Kopfbandes zeugen davon. Merkwürdigerweise fehlt das obere Blattsass des Kopfbandes. Über dem linken und mittleren Fenster liegt eine enggelegte Bohlen/Balkendecke.

    Zwischen dem mittleren und rechten Fenster besteht ein Bundpfosten. Seine obere Hälfte ist durch eine Bohle geflickt worden, was das Fehlen von Spuren eines Kopfbandes zur Stube hin erklärt. Nach rechts folgt eine eingezapfte Fussstrebe, und wenige cm weiter das Blattsass eines einstigen langen Fussbandes, dessen oberes Blattsass durch den Bohlenflick ebenfalls getilgt wurde. Hier ist also die symmetrische Strebenformation wie am ersten Bundständer von Nr. 18 vorhanden, wo ebenfalls eine eingezapfte Fussstrebe und das Blattsass eines früheren langen Fussbandes existieren (vergleiche mit dem Text unmittelbar vor der Rekonstruktionszeichnung).

    Die Aufteilung in zwei Häuser erfolgte im 1. Obergeschoss also quer durch einen Raum, wovon der linke, schmalere Raumteil mit der Stube von Nr. 3 vereinigt wurde. Bei längerem und wiederholten hinschauen erkennt man an den Schwundrissen und Durchbiegungen, dass die Schwelle und der Brustriegel zwischen beiden Häusern heute noch durchlaufen. Der Rähm darüber und die Schwelle des 2. Obergeschosses scheinen bei Nr. 3 unmerklich tiefer zu liegen als jene von Nr. 18 und weisen auch eine andere Durchbiegung auf. Sie sind demnach wohl nicht durchgehend (Befund hinter dem Regenabflussrohr). Ein Ersatz des Rähms erklärte dann auch das Fehlen der Blattsasse der ursprünglichen kurzen, breiten Kopfbänder.

    Die heutige Fensterteilung geht also auf einen Umbau dieser Wand zurück, bei der die Bohlen entfernt wurden und ein mit Backsteinen ausgemauertes Fachwerk trat. Eine zeitgleiche Reparatur im Zusammenhang mit der Aufteilung des Hauses ist nicht zwingend, ebenso auch nicht mit der Aufstockung von Nr. 18. Bemerkenswert ist der waagrechte Einbau der Fenstersimsen, während der Rähm darüber wegen der älteren Balken/Bretterdecke wieder schräg eingebaut werden musste.

    Diese Befunde am Erd- und 1. Obergeschoss des Kernbaus von 1454 sind im folgenden Bauetappenplan farbig markiert (dunkelbraun und rot):

    Obere Krämersgasse 3 Bauetappen 1 und 2
    Obere Krämersgasse 3, 1. bis 3. Obergeschoss. Versuch zu einem Bauetappenplan der Fassade.

  • Vor der Analyse des 2. und 3. Obergeschosses folgt ein Hinweis auf zwei Umbaudaten:

    - In den Nürnberger Altstadtberichten 2023 gibt es ab S. 42 einen Bericht von Michael Taschner über 'Die historischen Pultdachhäuser der Nürnberger Altstadt'. Darin kommt auch Obere Krämersgasse 3 mit seinem Pultdach vor (S. 60). Gemäss einer Dendrodatierung ist das 3. Obergeschoss 1621 aufgestockt worden und es soll K-Fachwerk aufweisen.
    - Auf der weiter oben bereits verlinkten Webseite der Altstadtfreunde heisst es, dass nach 1525 ein Umbau erfolgte und auch ein dritter Stock eingefügt geworden sei.

    Das Datum 1525 kann ich mangels genauerer Kenntnisse hier noch keiner Bauphase zuordnen.


    Nb IMG 2867[1] bearbeitet noricumObere Krämersgasse 3, 2. und 3. Obergeschoss. (Bild: noricum)

    Das 2. Obergeschoss zeigt von der Schwelle bis zum Rähm ein ungestörtes, einheitliches Fachwerkbild. Zwei Wandfelder werden durch eingezapfte, 2/3-geschosshohe Fussstreben ausgesteift. Ausschliesslich mit solchen Streben ausgesteiftes Fachwerk kommt zeitgleich mit dem K-Fachwerk vor. Im Rahmen von zwei Beiträgen (Der Wandel von der X-Verstrebung zur K-Verstrebung und Bauten mit eingezapften K-Streben) benannte ich diese Form der Verstrebung "einfachere Ausführung einer K-Verstrebung nur mit einer Fussstrebe", also ohne Kopfstrebe. Auch wenn der Begriff nicht gerade wissenschaftlich tönt, möchte ich damit die Gleichzeitigkeit mit dem K-Strebenfachwerk andeuten. K-Streben kommen hauptsächlich im 16. und 17. Jahrhundert vor, konnten sich aber in konstruktivem Fachwerk bis ins 19. Jahrhundert halten.

    Bemerkenswert ist die horizontale Lage der beiden Brustriegel und des Rähms darüber, obwohl die Schwelle schräg liegt. Wie wir bereits bei der Beschreibung des 1. Obergeschosses gesehen haben, wurden das Rähm des 1. Obergeschosses und die darüber liegende Schwelle ersetzt und mussten wegen der schräg liegenden Bohlen/Balkendecke auch wieder schräg eingebaut werden. Hier wurde also in einem Zug ein ganzes Wandfeld 'auf neuer schräger Basis' erneuert. Eine Gleichzeitigkeit mit den Veränderungen am 1. Obergeschoss nehme ich deshalb an. Die Balkenlage darüber ist wohl wieder jene des Kernbaus von 1454, die in der Höhe leicht korrigiert wurde.

    Kommen die Ziegel raus und werden durch Lehmausfachungen ersetzt, oder verschwindet alles wieder unter Putz?

    Auch die Gefachausmauerungen am 1. und 2. Obergeschoss haben einen identischen Charakter und sind wohl zeitgleich mit der beschriebenen Fachwerkauswechslung entstanden. Sie sind deshalb unbedingt zu erhalten! Lehmausfachungen sind typisch für Fachwerkbauten aus dem 15. Jahrhundert und dürften im Verlauf des 16. Jahrhunderts Ziegelausfachungen gewichen sein.

    Das 3. Obergeschoss sieht bezüglich des Fachwerks und den Ausmauerungen wieder heterogener aus. Gemäss einer Dendrodatierung wurde dieses Geschoss 1621 aufgestockt, also noch zu einer Zeit, als Sichtfachwerk noch üblich war. Von diesem zeugt an der Fassade nur noch die linke Hälfte der Schwelle mit ihrem rötlichen Farbschimmer. Das Fachwerk über ihr zeigt keine Farbreste und ist demnach rein konstruktives Fachwerk. Die einseitige Brüstungsstrebe spricht für das späte 18. und ganze 19. Jahrhundert. Die rechte Fassadenhälfte fällt durch eine Dunkelfärbung der Balken und dem Fehlen von Beilhieben zur Aufrauhung der Balkenoberflächen auf. Dieses Wandfeld wurde demnach einmal ersetzt, nachdem die Fassade bereits verputzt war. Ab 1900 setzte sich aufgenagelte Dachpappe als Trennschicht anstelle von aufgerauhten Balkenoberflächen als Putzträger durch (als Folge des Wechsels von Kalkverputz zu Zementverputz). Ob diese Reparatur kriegsbedingt war, weiss ich nicht. Das in den Altstadtberichten erwähnte K-Fachwerk wird sich im Innern oder an der Rückseite befinden.

    Im Bauetappenplan ist das zweite Obergeschoss somit gleich wie die Reparaturen am 1. Obergeschoss rot eingefärbt. Die beiden Bauetappen am 3. Obergeschoss erhielten eigene Farben:

    Obere Krämersgasse 3 Bauetappen
    Obere Krämersgasse 3, 1. bis 3. Obergeschoss. Bauetappenplan der Fassade.

  • Was auch für die Sichtbarkeit des Fachwerks in der Umbauphase des 16./17. Jahrhunderts spricht: Man hat die Fußstreben offenbar bewusst so platziert, dass sie das ältere Strebenmuster des Eckbaus fortsetzen. Anders kann ich mir zumindest nicht erklären, wieso man die rechte Fußstrebe so platziert hat, dass der Zapfen am oberen Ende genau an der Blattsasse der Vorgängerstrebe ankommt, was ja technisch ausgesprochen ungünstig ist.

  • Nein, das war keine bewusste Absicht aus optischen Gründen, das war einfach eine logische Folge.

    Das Nürnberger Fachwerk empfinde ich als ziemlich dogmatisch, was die Variabilität von 'Balkenmustern' angeht, zumindest mal vom 15. bis 17. Jahrhundert. Das sieht man nur schon in den beiden Links, die ich im vorangehenden Beitrag angegeben habe. Zusätzlich lohnt sich auch noch ein Blick auf den Beitrag Vorläufige Zusammenfassung, wo ich die Entwicklung des Fachwerks in Nürnberg bezüglich Verstrebungen für diese Zeitspanne festgehalten habe. Auch die klare Unterscheidungsmöglichkeit von Wandfeldern vor Stuben oder normalen Räumen ist dort in einer Zeichnungsabfolge festgehalten.

    Man kann dann feststellen, dass die angeblatteten und eingezapften Fussstreben fast ausnahmslos etwa 2/3-geschosshoch sind. Egal ob es angeblattete lange Fussbänder, eingezapfte K-Streben oder die 'einfachere Variante von eingezapften K-Streben ohne Kopfstreben' sind. Eine Ausnahme machen da die X-Streben, die beinah geschosshohe Fussstreben besitzen. Der Kreuzungspunkt mit den kürzeren Kopfstreben liegt dann aber auch wieder auf 2/3 der Geschosshöhe. :wink:

  • Dazu kommt noch eine Bauetappe mit der Versteinerung des Erdgeschosses

    Heißt das, das EG war ursprünglich auch Fachwerk und wurde später durch massive Wände ersetzt?

    Dazu habe ich ein paar Fragen:

    Wurde für sowas großflächig gleich zB. eine ganze EG-Wand entfernt und dann die oberen Stockwerke mit (provisorische) Ständern im EG abgestützt, analog dazu, wie man es heute mit Bausprießen macht? Oder hat man dafür kleinteilig die bestehenden Ständer nach und nach heraus genommen und jeweils Stück für Stück untermauert?

    Ist so eine nachträgliche Versteinerung des EGs eine übliche Baugeschichte für ein FWH mit steinernem Erdgeschoss oder ist das eher die Ausnahme?

    Wurden dann dafür gewöhnlich nur die Außenwände durch Mauerwerk ersetzt oder betraf sowas auch die Innenwände des EGs?

    Danke schonmal im Vorraus! :smile:

  • Riegel du hast nicht geantwortet was du machst bzw. warum du dich so intensief mit der Materie auseinandersetzt?

    Ich muss sagen, ich habe Probleme zu folgen, auch wenn ichs mehrfach lese. Nichtsdestotrotz will ich trotzdem einige unsortierte Fragen in den Raum werfen- ich hoffe auf möglichst viele Antworten:

    Gegen das Quadrat tendierende Fensteröffnungen dieser Grösse und ohne Mittelpfosten sind in Nürnberg im 16. und 17. Jh.

    Das bezeugen welche Nachweise? Andere Bauten aus derselben Zeit? Müsste man nicht Kreuzstockfenster oder ähnliches erwarten- zumal errichtet im 15JH?

    Handelt es sich hierbei um alemannisches Fachwerk? Oder Fränkisch?

    Wieso verputzt man ein mit Backstein ausgemauertes Fachwerkhaus? Sind die Backsteine original oder an die Stelle von Staken/Lehm getreten?

    **Lese gerade dass es sich um einen Umbau hand

    Am 1. Obergeschoss erkennt man beim Wandfeld mit dem linken und mittleren Fenster eine weitere Bohlenstube. Die sorgfältig ausgeflickten Blattsasse von zwei breiten Fussbändern und links das erhalten gebliebene Blatt eines breiten Kopfbandes zeugen davon

    Ist eine Bohlenstube nicht ein von Innen mit Bohlen ausgekleideter Raum? Wie erkennt man denn dann von außen anhand von Blattsassen ob innen eine Bohlenstube ist oder nicht?

    Bemerkenswert ist der waagrechte Einbau der Fenstersimsen

    Warum? Hätten sich die Fensterbretter mit der Schwelle neigen müssen?

    Warum gibt es bei so einem alten Haus keinerlei Vorkragungen?

    Bemerkenswert ist die horizontale Lage der beiden Brustriegel und des Rähms darüber, obwohl die Schwelle schräg liegt.

    Vielleicht später eingepasst?

    Lehmausfachungen sind typisch für Fachwerkbauten aus dem 15. Jahrhundert und dürften im Verlauf des 16. Jahrhunderts Ziegelausfachungen gewichen sein.

    Flächendeckend oder auf NRB bezogen?

    Das Fachwerk über ihr zeigt keine Farbreste und ist demnach rein konstruktives Fachwerk.

    + Es ist dünner und sehr einfach.

    e rechte Fassadenhälfte fällt durch eine Dunkelfärbung der Balken und dem Fehlen von Beilhieben zur Aufrauhung der Balkenoberflächen auf. Dieses Wandfeld wurde demnach einmal ersetzt, nachdem die Fassade bereits verputzt war. Ab 1900 setzte sich aufgenagelte Dachpappe als Trennschicht anstelle von aufgerauhten Balkenoberflächen als Putzträger durch (als Folge des Wechsels von Kalkverputz zu Zementverputz).

    Wieso wurden eigentlich die Balken immer behauen? In England war es m.E. gebräuchlich, Latten auf das FW zu Nageln um dann den Putz anzubringen- gibts das bei uns nicht?

    :lehrer:

  • Heißt das, das EG war ursprünglich auch Fachwerk und wurde später durch massive Wände ersetzt?
    [...]
    Wurde für sowas großflächig gleich zB. eine ganze EG-Wand entfernt und dann die oberen Stockwerke mit (provisorische) Ständern im EG abgestützt, analog dazu, wie man es heute mit Bausprießen macht? Oder hat man dafür kleinteilig die bestehenden Ständer nach und nach heraus genommen und jeweils Stück für Stück untermauert?

    Ja, das Erdgeschoss war ursprünglich auch aus Fachwerk, siehe die Skizze von mir sechs Beiträge weiter oben. Für den Ersatz der Aussenwände hat man die alte Wand etappenweise entfernt und Stück für Stück wieder hochgemauert. Heute kann man alles in einem Guss machen, weil man grosse Eisenträger schnell zur Hand hat. Kellerfundamente werden jedoch heute noch etappenweise unterfangen, siehe z. B. hier. Ein Ersatz der Innenwände durch Mauerwerk war nicht zwingend und fand nur selten statt, zum Beispiel wenn nachträglich ein Gewölbe eingebaut werden musste.


    ich hoffe auf möglichst viele Antworten:

    Das sind gar viele Fragen, die aber auch den Fachwerkbau allgemein betreffen.

    Gegen das Quadrat tendierende Einzelfenster ist jetzt Nürnberg-spezifisch. Für diesen Zeitraum erwartete man eigentlich eher Reihen- und Zwillingsfenster, so wie ich es in meinem Avatar links vor über zehn Jahren gezeichnet hatte, was sich aber als falsch erwies. Wenn man sich mit der historischen Bauweise in Nürnberg beschäftigt, bringt man genügend Beispiele von quadratischen Einzelfenstern zusammen - auch bei Steinbauten - , welche das belegen.

    Das Nürnberger Fachwerk hat sich aus dem alemannischen / oberdeutschen Fachwerk heraus entwickelt.

    Wie man Bohlenstuben erkennt: Dazu muss man zuerst wissen, dass Bohlen keine Innenverkleidung darstellen, sondern ein Ausfachungsmaterial von Fachwerk. Dazu werden die Bohlen von oben in die Nuten der Ständer eingeschoben. Dadurch gibt es aber keinen Platz mehr für die Streben. Normalerweise haben die Streben den vollen Wandquerschnitt und können daher in der Ansicht entsprechend schlank sein. Wenn jetzt Bohlen vorhanden sind, kann man die Streben nur an der Aussenseite anbringen, und nicht im Wandquerschnitt selber. Die Bohlenaussenseite tritt gegenüber den Ständeroberflächen zwischen 3 und 8 cm zurück. Nur innerhalb dieses Masses können Bänder angebracht werden. Weil es sich dabei nur noch um (dicke) Bretter handeln kann, wird der Strebenquerschnitt geschwächt. Als Ausgleich dazu macht man die Streben resp. Bänder einfach breiter. an den sehr breiten, aber kurzen Fussbänder erkennt man die Bohlenstuben, auch wenn durch Umbauten keine Bohlen mehr vorhanden sind.

    Schräg liegende Schwellen: Wenn eine Schwelle schräg liegt, darf man annehmen, dass sie sich mit der Zeit einseitig gesenkt hat, und damit auch die ganze Wand darüber. So müssten auch die Fenstersimsen schräg geworden sein. Dies ist hier aber nicht der Fall. Also sind entweder die Fenstersimsen einmal begradigt worden, was man dann aber bei Flicken in den Mauerfüllungen sehen müsste. Die Mauerfüllungen bei Obere Krämersgasse 3 sind aber ungestört und zeigen keine Veränderungen. Also muss die Schwelle schräg eingebaut und angepasst worden sein und die darüberliegende Wand dann wieder waagrecht. Den Grund, weshalb die Schwelle des 2. Obergeschosses schräg liegt, habe ich im Beitrag über das 1. Obergeschoss geschrieben.

    Du müsstest wirklich mal ein Haus, das ich aufwändig beschrieben und mit Plänen untermauert habe, durchackern. Es ist das Haus Am Ölberg 1, das hier zu finden ist. Allerdings rekonstruierte ich dort die Fensteröffnungen des 2. Obergeschosses falsch (gleicher Fehler wie in meinem Avatar).

  • Riegel jetzt hast du immernoch nicht gesagt, was dein Hintergrund ist und wieso du dich so intensief mit der Materie beschäftigst. Und auch nicht warum man nun den Backstein verputzt.

    Bei deinem Avatar und sowie bei einigen anderen alten Gebäuden auch, sind die Fensteröffnungen zwischen Brust- und Sturzriegel eingelassen, wobei zwischen Sturzriegel und Rähm immernoch ein Stück Lufst ist. Bei dem Haus in der Krämergasse, bildet der Rähm zeitgleich den Sturzriegel. Das sieht "ein bisschen komisch" aus für mein Auge- vielleicht dachte ich auch deshalb, die Fenster wirken groß bzw. "moderner".

    Zum Thema Bohlenstube steht auf Wikipedia etwas anderes Bohlenstube

    Das macht für mich als Laien auch absolut Sinn, wenn man davon ausgeht, das man eine Luftschicht zur Isolation zwischen Außen- und Innenwand der Bohlenstube haben möchte. Wenn ich nur eine Lage Bretter habe, dann kann ich doch genausogut das Fachwerk so lassen wie es ist und keine Bohlen einsetzen?

    Wenn eine Schwelle schräg liegt, darf man annehmen, dass sie sich mit der Zeit einseitig gesenkt hat, und damit auch die ganze Wand darüber. So müssten auch die Fenstersimsen schräg geworden sein. Dies ist hier aber nicht der Fall. Also sind entweder die Fenstersimsen einmal begradigt worden, was man dann aber bei Flicken in den Mauerfüllungen sehen müsste.

    Müsste sich in dem Fall nicht auch das Rähm des Erdgeschosses verzogen haben? Dieses wirkt relativ gerade. Warum ist bei dem untere, geflickten Teil des Bundpfostens kein Farbanstrich zu sehen, bei dem oberen Teil ohne Blattsass schon? Ist der Pfosten verrottet, deswegen die Setzung?

    Warum ist die Balkenlage im Erdgeschoss so massiv, im 1 OG hingegen nicht? Hier kann man ja fast schon von Brettern sprechen.

    Und warum liegen die Pfosten per Geschoss nicht direkt übereinander sondern versetzt?

    :lehrer:

  • was du machst bzw. warum du dich so intensief mit der Materie auseinandersetzt?

    Ich betreibe seit meiner Gymnasialzeit Bauforschung, genau gesagt seit 1980. Damals war Bauforschung in der Denkmalpflege noch praktisch unbekannt und nicht institutionalisiert wie in der Archäologie. Mittlerweile ist sie Teil meines Berufs geworden. Nebst den St. Galler Fachwerkbauten beschäftige ich mich so intensiv mit Nürnberg, weil es einfach eine tolle Altstadt hat und weil die Quellenlage von erhältlichem Bildmaterial und Fachberichten gross ist. Ganz spannend ist für mich der Vergleich der Fachwerkentwicklung in beiden Städten, die in St. Gallen um einiges komplizierter ist, obwohl die Stadt viel kleiner ist. Beide Städte liegen ja im oberdeutschen / alemannischen Fachwerkgebiet, wobei in Nürnberg zusätzlich andere Einflüsse gespielt haben müssen (fränkischer Einfluss) als im rein alemannischen Fachwerkbau.

    Bei deinem Avatar und sowie bei einigen anderen alten Gebäuden auch, sind die Fensteröffnungen zwischen Brust- und Sturzriegel eingelassen, wobei zwischen Sturzriegel und Rähm immernoch ein Stück Lufst ist. Bei dem Haus in der Krämergasse, bildet der Rähm zeitgleich den Sturzriegel. Das sieht "ein bisschen komisch" aus für mein Auge

    Typisch 'alemannisch' ist eben die Einbindung der Fensteröffnungen zwischen einen Brust- und Sturzriegel. Wenn die Geschosshöhen niedrig sind (wie bei Obere Krämersgasse 3), übernimmt der Rähm gleichzeitig die Fenstersturzfunktion, womit der Sturzriegel weggelassen werden kann. In Nürnberg aber wurden schon im 15. Jahrhundert die Fensterpfosten bis zum Rähm hinauf geführt und der Sturzriegel dazwischen eingespannt, was eben nicht 'typisch alemannisch' ist.

    Zum Thema Bohlenstube steht auf Wikipedia etwas anderes Bohlenstube.

    Einleitend zum erwähnten Artikel steht geschrieben, dass er nicht mit ausreichend Belegen untermauert sei. Da müssten eigentlich schon die Alarmglocken läuten. :wink: Er behandelt zudem nur die Bohlenstuben in Steinbauten und erwähnt auch die Umgebindehäuser. Bei beiden Bauformen sind die Bohlenstuben in die eigentliche Hauskonstruktion eingefügt. Sie sind selber nicht Bestandteil der Konstruktion, wie das bei Fachwerkbauten der Fall ist (bildhaft ausgedrückt: in ein bestehendes Gebäude eine Holzkiste hineingestellt). Der Grossteil von Bohlenstuben befindet sich in Fachwerkbauten und sind Bestandteil von deren Konstruktion.

    Müsste sich in dem Fall nicht auch das Rähm des Erdgeschosses verzogen haben?

    Das hat es sich auch in Form einer starken Durchbiegung. Der Ständer darüber senkte sich dadurch mit, und die rechten Enden des darüber liegenden Rähms und Schwelle umso mehr. Alle diese Verformungen kumulieren sich nach oben, insbesondere durch die wechselnden Positionen der Ständer, die eben beim alemannischen Fachwerkbau oft nicht übereinander stehen. Dies ist eine Eigenheit im alemannischen Fachwerkbau, die ich noch nicht ganz verstanden habe. Möglicherweise hat es mit der Optimierung der Statik zu tun (Auskragungen gegen sich durchbiegende Deckenbalkenlagen, Gerberträger bei Schwellen und Rähme). Die weiten Ständerabstände sind sicher ein Nachteil im alemannischen Fachwerkbau - im Gegensatz zum norddeutschem, französischem und englischem Fachwerk mit seinen engmaschigen Ständergerüsten.

    Zudem ist mein Aufnahmeplan wie erwähnt nicht massstabsgetreu gezeichnet, da er aus der Entzerrung von zwei Fotos entstanden ist. Die Baukonstruktion und die Baugeschichte können auf dieser Basis erklärt werden, nicht aber die Verformungen. Bei der Entzerrung von Fassadenfotos muss man immer die dritte Dimension im Auge behalten, also die Verformungen und Ausbauchungen von Fassaden in Richtung des Fotografen. Beim Entzerren wird die dritte Dimension verstärkt, wodurch scheinbare Setzungen innerhalb der Fassade entstehen können, die in Wirklichkeit aber nur Ausbauchungen und windschiefe Fassadenpartien sind.

    Warum ist die Balkenlage im Erdgeschoss so massiv, im 1 OG hingegen nicht? Hier kann man ja fast schon von Brettern sprechen.

    Die Balkenlagen von Obere Krämersgasse 3 und Untere Krämersgasse 18 sind vom Erdgeschoss bis zum Dachstuhl etwa gleich bemessen. Man sieht nur nicht überall den vollen Balkenquerschnitt, da sie mit den Rähme und Schwellen verkämmt sind. Oft wurden beim Verputzen der Fassaden überstehende Balkenvorstösse abgesägt, wobei der geschwächte Balkenquerschnitt im Bereich der Verkämmung sichtbar wurde.

    Im 1. Obergeschoss liegt ja eine Bohlen/Balkendecke, die eine zierlichere Decke als die restlichen Balkendecken darstellt. Die Breite der Balken stimmt mit jenen der restlichen Decken überein, in der Höhe aber konnten sie reduziert werden, das sie in der Anzahl verdoppelt sind. Die Balkenenden bei Obere Krämersgasse 3 sind mit dem Rähm und der Schwelle verkämmt, sodass nur etwa 2/3 der Balkenquerschnitte sichtbar sind.

  • Rekonstruktionsversuch:

    Nun habe ich mich an eine Rekonstruktion des Kernbaus herangewagt, auch wenn viele Details wie Fensterformen und Verstrebung am 2. Obergeschoss nicht bekannt sind. Da der Kernbau mit jenem von Untere Krämersgasse 18 ursprünglich eine bauliche Einheit bildete, kann man die Unbekannten von dort her ableiten, da bei Nr. 18 noch sehr Vieles original erhalten ist.

    Vom Erdgeschoss zeugen nur noch das Rähm mit seinen Blattsassen von sehr langen Kopfbändern. Lange Kopfbänder machen nur dann einen Sinn, wenn keine Fussbänder vorhanden sind. Deshalb nehme ich ein schwellenloses Erdgeschoss an. Lange Kopfbänder beeinträchtigen auch die Anlage von Türen und Fensteröffnungen. Gerade bei Nr. 3 vermute ich schon eine ursprüngliche Türöffnung beim heutigen Hauseingang. Dies geht aus der Lage des Kopfbandsasses hervor: von links her zwei schlankere, gegenläufige Blattsasse, zwischen denen sich wohl ein Fenster befand. Gleich darauf folgt ein weiteres, breites Blattsass. Dieser kleine Abstand könnte durch die Tür verursacht worden sein. Die gleiche Abfolge von Blattsassen besteht auch an der Westseite von Untere Krämersgasse 18 (siehe letztes Bild in diesem Beitrag). Das Gassenniveau lag im 15. Jahrhundert wohl tiefer.

    Am 1. Obergeschoss nehme ich aufgrund von Analogien einen Fenstererker im Bereich der ursprünglich kleineren Stube an, auch wenn es keine baulichen Hinweise dazu gibt. Die nachgewiesenen Kopfbänder werden durch ihn verdeckt und sind deshalb nur schwach eingezeichnet.

    Das 2. Obergeschoss ergänzte ich entsprechend der drei Wandfelder bei Nr. 18. Wegen der Breite des Feldes zeichnete ich ein Brüstungspföstchen, auch wenn solche am 2. Obergeschoss von Nr. 18 nicht vorkommen.


    Obere Krämersgasse 3 Rekonstruktionx
    Obere Krämersgasse 3 und rechts angeschnitten Untere Krämersgasse 18, Rekonstruktionsversuch im Urzustand von 1454 mit Fachwerk-Erdgeschoss und zwei Obergeschossen. Farblos die 1477 aufgestockten Geschosse von Untere Krämersgasse 18.

  • Obere Krämersgasse 3 und Untere Krämersgasse 18 im Zustand nach 1477

    In diesem Beitrag werde ich vor allem die Statik des Kernbaus betrachten.

    Nun habe ich die Rekonstruktionsansicht von Obere Krämersgasse 3 mit der entzerrten Ansicht der Nordfassade von Untere Krämersgasse 18 aus diesem Beitrag zusammengefügt. Beide hatten ja einen gemeinsamen, dreigeschossigen Kernbau, von dem jedes Geschoss in vier unterschiedlich breite Räume unterteilt war. Seine Erdgeschosspfosten standen wahrscheinlich ohne Schwelle direkt auf Steinfundamenten und waren mit langen Kopfbändern ausgesteift. Die Obergeschosse waren mit angeblatteten Fuss- und Kopfbügen verstrebt. Das 1. Obergeschoss besass an beiden Enden Bohlenstuben. Das Dach war ein gegen die Obere Krämersgasse hin abfallendes Pultdach.

    Die nicht mehr vorhandenen ursprünglichen Pfosten und Streben am Erd- und 1. Obergeschoss von Nr. 18 sind rot eingetragen:

    Untere Krämersgasse 18 Obere Krämersgasse 3
    Dreigeschossiger Kernbau von 1454 und Aufstockung von 1477.

    Die Trennung in zwei Liegenschaften muss nicht im Zusammenhang mit der Aufstockung erfolgt sein. Sie kann auch viel später stattgefunden haben. Gründe für eine Aufstockung von nur drei Vierteln des Hausgrundrisses kann es mehrere gegeben haben: nachbarrechtliche oder auch bautechnische, indem eine Aufstockung des ganzen Hauses ein sehr hohes Satteldach zur Folge gehabt hätte (einen Grund für eine Drehung des Daches um neunzig Grad muss es bei der Aufstockung ja gegeben haben).

    Bemerkenswert ist nun die Statik des Fachwerkgerüsts. Das linke Feld des Erdgeschosses ist mit einen zusätzlichen Pfosten (nur mit einem Kopfband) versehen, der vom Wandfeld wohl eine Türöffnung abtrennt. Der Pfosten ist also nicht Teil des Hausgerüsts, sondern dient nur einer Unterteilung eines Wandfelds. Zugleich trägt er aber die Ecke der Bohlenstube darüber, die kleiner als der darunterliegende Raum ist. Das 'Stapeln' von unterschiedlich breiten Räumen übereinander ist ein Merkmal des alemannischen Fachwerkbaus, und zugleich auch einer seiner Schwachpunkte, wie man gleich sieht.

    Über dem dritten Erdgeschosspfosten von links steht also keine Querwand mit Pfosten. Die Last von oben wird also auf den zweiten Erdgeschosspfosten abgeleitet.

    Der linke Raum im 2. Obergeschoss ist wieder grösser als die Bohlenstube darunter. Der zweite Pfosten des 2. Obergeschosses liegt also über dem zweiten Wandfeld im 1. Obergeschoss. Man bemerkt es jetzt im Plan leicht, dass das zweite Wandfeld im 1. Obergeschoss förmlich zusammengedrückt wurde (markiert mit grünen Pfeilen). Zusätzlich kam dann 1477 noch die Last der Aufstockung hinzu, die just mit der linken Ecke über diese Schwachstelle zu liegen kam. Genau in dieser problematischen Zone wurde das Haus dann auch noch in zwei Liegenschaften aufgeteilt.

    Das zusammengedrückte Wandfeld muss also repariert worden sein, weshalb es jetzt nur noch zwei eingezapfte Fussbänder anstelle von angeblatteten Fussbändern aufweist. Zudem wurde der durchgehende Brustriegel abermals durch einen solchen ersetzt (fehlende Aussparungen für die ehemaligen Fussbänder). Die Ausbauchung sehe ich nicht als Folge der Last nur des 2. Obergeschosses an, sondern als Folge der Aufstockung. Das Nicht-Einbauen eines geschosshohen Pfostens am Schwachpunkt sehe ich weiter als Indiz dafür, dass das Haus bei der Reparatur des Wandfelds noch nicht geteilt war. Bis heute besteht hier noch kein durchgehender Pfosten, obwohl hier die Gebäudegrenze liegt!

  • In diesem Beitrag werde ich vor allem die Statik des Kernbaus betrachten

    Ich hatte jetzt irgendwie einen Standsicherheitsnachweis erwartet :D Sind denn die Pfosten, Bänder etc. in der Tiefe genauso angeordnet wie an der Fassade zu sehen ist? Wenn sich hinter den Wandfeldern im inneren noch ein tragender Pfosten befindet geht die Theorie des Zusammendrückens nicht zwangsweise auf.

    :lehrer:

  • Ja, die Struktur der Fassade findet sich im Normalfall auch im Innern und an der Rückseite wieder. Das funktioniert sogar bei verschobenen Viereck- und sogar trapezoiden Grundrissen. Du solltest wirklich mal den Teil 2 zu Am Ölberg 1 lesen, wo ich so eine Fachwerkstruktur anhand von Ansichten, Schnitten und Grundrissen erläuterte.

  • Obere Krämersgasse 1


    Obere Krämersgasse 1 ist ein kleines, dreigeschossiges Hinterhaus von Burgstr. 19. Vom Vorderhaus ist es durch einen Hof getrennt und gegen Westen mit Nr. 3 zusammengebaut. Bemerkenswerterweise steht es zwischen zwei historischen Brandmauern. Während das massive Vorderhaus mit halbem Blendarkadengiebel (siehe diesen Beitrag) im 2. Weltkrieg unterging, überdauerte das Hinterhaus bis heute. Es besteht aus einem gemauerten Erdgeschoss, zwei Obergeschossen aus Fachwerk und einem Pultdach.

    obere kraemersgasse burgstrasse 19 15.09.2009 3230
    Obere Krämersgasse 1 im September 2009.

    Eintrag in der Bayerischen Denkmalliste:

    [...] zugehörig Handwerkerhaus, dreigeschossiger Traufseitbau mit Pultdach, Erdgeschoss massiv verputzt, Obergeschosse Fachwerk, dendro.dat. 1387, Veränderung der Nordfassade dendro.dat. 1822; rückwärtig in der Oberen Krämersgasse.

    1387 ist natürlich ein sensationell hohes Alter für ein immer noch existierendes Fachwerkgebäude. Doch stammt die heutige Fassade auch noch aus dieser Zeit? Offensichtlich wurde das 1. Obergeschoss stark umgebaut und mit klassizistischen Fensteröffnungen versehen, was wohl mit dem erwähnten Dendrodatum 1822 zusammenhängt.

    Nun gibt es noch ein Gemälde von 1641, welches das Hinterhaus ziemlich exakt wiedergibt:

    Burgstr. 19 1641
    Burgstr. 19 und rechts das Hinterhaus an der Oberen Krämersgasse. Zeichnung von 1641 im Stadtarchiv.

    Es ist bemerkenswert, dass das Haus schon damals zwei Brandmauern aufwies, was sich mit dem heutigen Bestand deckt! War es vielleicht als Lagerhaus genutzt worden und zum besseren Schutz der gelagerten Güter mit zwei Brandmauern versehen worden? Mindestens das 1. Obergeschoss sieht aber vielmehr nach einem Wohnraum aus.

    Nun folgt wieder eine Analyse nach Geschossen:

    Erdgeschoss
    Dieses weist heute zwei rundbogige Öffnungen mit Gewändeprofilen auf, wie sie vom 16. bis 18. Jahrhundert üblich waren. 1641 bestanden offenbar nur kleine Lüftungsöffnungen. Entscheidend ist nun die Mauerschwelle, auf der die Erdgeschossbalkenlage aufliegt. Während Fachwerkerdgeschosse aus dem 15. Jahrhundert wegen der weiten Pfostenabstände jeweils sehr kräftige Rähme aufweisen, ist hier nur eine dünne Mauerschwelle vorhanden. Bei einem Ersatz des Fachwerks durch Mauerwerk beliess man im Allgemeinen die originalen Rähme, da der Einbau einer neuen, schlankeren Mauerschwelle nur schwer zu bewerkstelligen war und keinen Vorteil bot. Ich gehe deshalb davon aus, dass das Erdgeschoss gleich alt wie die Fachwerkgeschosse darüber ist. Es ist auch denkbar, dass die Erdgeschosswand beim Bau des Hauses 1387 bereits als Hofmauer bestand.

    Für die Betrachtung der beiden Obergeschosse habe ich die Fassadenansicht entzerrt und zur besseren Sichtbarmachung der Balkenoberflächen aufgehellt:

    Obere Krämersgasse 1 entzerrt hell
    Obere Krämersgasse 1, entzerrte Ansicht der beiden Obergeschosse.

    1. Obergeschoss
    - In der Schwelle und in beiden Eckpfosten fallen die Blattsasse von angeblatteten Fussbändern auf. Diese wurden infolge der Fensterteilung von 1822 entfernt. Aufgrund ihres normalen Querschnitts bestanden wohl schon ursprünglich keine Bohlen, die breitere Fussbänder zur Folge gehabt hätten.
    - Oben fallen an beiden Fassadenkanten die Blattsasse doppelter Kopfbänder auf. Solche kommen in Nürnberg nur noch an Bergstr. 10 von 1407 vor.
    - Während die Schwelle gerade ist, hängt der Rähm durch. Es muss also einmal zu einer Stauchung der Wand gekommen sein.
    - Darüber liegt eine enggelegte Balkendecke, was auf einen beheizbaren Raum hinweist.
    - Die Ansicht von 1641 zeigt keine Bänder, dafür aber zwei Reihenfenster. Die enggelegte Balkendecke fehlt.

    2. Obergeschoss
    - Das 2. Obergeschoss zeigt keine wesentliche Änderungen am Fachwerk.
    - Verstrebt wird es einzig durch eine angeblattetes langes Fussband.
    - Die Pfosten und Stürze der beiden äusseren Fenster weisen einen Falz zur Aufnahme von Fensterläden auf. Ihre Kloben sind anhand der Löcher in den linken Fensterpfosten nachzuweisen. Infolge Haussetzung links ist das rechte Fenster nachträglich auf die gleiche Höhe wie das linke Fenster tiefergesetzt worden.
    - Das mittlere Fenster ist nachträglich ausgebrochen worden. Anstelle eines Fensterpfostens und eines Sturzriegels zeigt es nur ein Gewände aus Brettern.
    - Das Balkenbild stimmt mit Ausnahme der Verstrebung und des mittleren Fensters mit der Ansicht von 1641 überein.

    Historische, vorfotografische Ansichten zeigen jeweils nur selten das balkengerechte Fachwerkbild einer Fassade und dürfen nicht 'wörtlich' analysiert werden. Oft kann wenigstens aber auf den 'Fachwerkstil' geschlossen werden. Die Ansicht von 1641 stimmt aber erstaunlich weit mit den Befunden überein.


    Rekonstruktion:

    Beim 1. Obergeschoss stellt sich die Frage, ob hier ursprünglich überhaupt ein Fenstererker bestand. Solche kommen nicht nur vor Bohlenstuben vor, sondern auch an ausgemauerten Fachwerkgebäuden bis ins 16. Jahrhundert. Die Ansicht von 1641 gibt keine Hinweise darauf. Aufgrund des stark durchhängenden Rähms und der gerade liegenden Schwelle gehe ich aber davon aus, dass hier schon ursprünglich keine tragenden Fensterpfosten bestanden. Bei einem Fenstererker lägen die Pfosten in der Erkerebene und nicht in der Ebene der tragenden Aussenwand, was einen Durchhang ermöglichen würde. Ohne Untersuchung am Bauwerk selber kann die Frage nach einem Fenstererker aber nicht schlüssig beantwortet werden.

    Wichtig ist noch der Hinweis auf die Konstruktion der Fensterstürze an Bergstr. 10, wo die ursprünglichen Sturzriegel sehr wahrscheinlich zwischen die Eck- und Bundständer eingespannt waren. In Nürnberg war es im Gegensatz zum alemannischen Fachwerkbau üblich, die Fensterstürze zwischen die Fensterpfosten einzuzapfen. Es ist möglich, dass in Nürnberg ein Wandel in der Konstruktion der Fensteröffnungen um 1400 stattfand. Für die Rekonstruktion zeichnete ich nun einen Fenstererker, bei dem die doppelten Kopfbänder verdeckt werden.

    Am 2. Obergeschoss ist nur das mittlere Fenster geschlossen und das rechte Fenster wieder höher gelegt worden.

    So gewinnt man eine Vorstellung des Aussehens der Fassade nach deren Erstellung 1387, mit dem am Anfang bereits geschriebenen Vorbehalt, dass sie nie vollumfänglich ersetzt worden ist. Auch die Gleichzeitigkeit des 2. Obergeschosses ist durch eine reine Fassadenbetrachtung nicht belegbar.


    Obere Krämersgasse 1 Rekonstruktion
    Obere Krämersgasse 1, Rekonstruktionsversuch im Zustand von 1387.