• Wer kennt ihn nicht, den hässlichen Alten Markt von Magdeburg. Oder die fürchterliche Lange Straße in Rostock: https://de.wikipedia.org/wiki/Lange_Str…angeStrasse.jpg Besonders schlimm auch die Kranichstraße in Nordhausen: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nord…stra%C3%9Fe.jpg

    Man könnte noch einige Straßenzüge in Neubrandenburg daneben stellen. In der Tat hat die DDR in den 50er in einigen Städten versucht, in Anlehnung an den sozialistischen Klassizismus, Stadträume zu gestalten, die durchaus Qualität hatten. Dieses Programm wurde aber bereits nach kurzer Zeit eingestellt. Prägender für die Städte wurde dann der Wiederaufbau der 60er, 70er und 80er mit ihren Plattenbauten, die selbst vor Altstädten nicht haltmachten. Und ein Phänomen, das man aus dem Westen so in dieser Eigenart nicht kennt: Ruinen- und Brachlandschaften bis in die Wendezeit. Prägnante Beispiele: der Neumarkt in Dresden oder Holz- und Fischmarkt in Halberstadt.

    Wer ernsthaft versucht, den Städtebau in der DDR über denjenigen in der BRD zu heben, der verklärt da einiges. Auf beiden Seiten hatten Stadtbilder zu leiden, mit unterschiedlicher Ausprägung.

  • Wer ernsthaft versucht, den Städtebau in der DDR über denjenigen in der BRD zu heben, der verklärt da einiges.

    Ich geb zu, auch dazu zu neigen. Tut mir leid, es ist irgendwie instinktiv. Das, was man hasst, hasst man dann am meisten, wenn man damit hinreichend oft konfrontiert ist.

    Wenn man es hart auf hart kommen lässt, müsste man folgende Beispiele heranziehen:

    Markt in Chemnitz (vor der Neugestaltung nach der Wende)

    Marktplatz in Merseburg

    Neumarkt in Dresden (vor der Wende).

    Dabei muss war das Dresdner Beispiel wohl als Provisorium gemeint. Chemnitz und Merseburg waren hingegen bewusste offene Lösungen, wie auch der Markt in Jena. Vgl auch Rostock oder Weimar.

    Ganz grundsätzlich unterscheiden sich diese Beispiele zB von Stuttgart. Ein unbestreitbarer Pluspunkt liegt in der Möglichkeit der Reparatur. Wenn man in Stuttgart nur irgendeine Zeile ausgelassen hätte, könnte man heute über eine zitathafte Reko diskutieren.

    Es ist die Kollision des Bestehens des alten Grundrisses, der nach wie vor gewisse Ansprüche stellt, mit der neuen Realität. Das war in der DDR einfach nicht so drastisch. Dazu ließ die gewollte Lückenhaftigkeit die erhaltenen Solitäre besser hervortreten.

    Aber... wahrscheinlich neige ich halt da wirklich zum Verklären.

  • Man darf halt nicht vergessen, dass unsere Ansprüche an Stadtplätze nicht unbedingt die der Allgemeinheit sind, so schade das auch sein mag... es ging und geht vielen Leuten leider nicht darum, einen Platz oder eine Innenstadt vorrangig nach ästhetischen Kriterien zu gestalten, sondern hauptsächlich nach pragmatischen und wirtschaftlichen. Gerade in der Zeit nach dem Krieg, als man den Blick nach vorne richtete und die Vergangenheit soweit wie möglich hinter sich lassen wollte (dieser Fortschrittsglaube dürfte im übrigen auch unabhängig vom Krieg die Mentalität vieler um die Jahrhundertwende geborener Deutscher gewesen sein), war vielerorts kein großer Respekt für das alte bauliche Erbe vorhanden und so konzipierte man die Stadt eben nach modernen Gesichtspunkten und Moden. Im Osten war wahrscheinlich kaum Geld für einen sofortigen kompletten Aufbau vorhanden, weswegen vieles brach lag. Wenn man Geld gehabt hätte, hätte man aber sicher ähnliche Fehler begangen wie im Westen, ich denke, da braucht man sich keinen Illusionen hinzugeben.
    Heute ist es für Ostdeutschland sicher von Vorteil, dass man die Zeiten des Wirtschaftswunders nicht mitgemacht hat und somit heute einiges umsichtiger und schöner wiederhergestellt werden kann.
    Dass es aber nur in Ostdeutschland schöne Plätze geben soll, ist aber totaler Unsinn, es gibt sehr viele schöne Plätze in Westdeutschland, gerade in Mittel- und Kleinstädten.

    "Napoleon ist tot - aber Beethoven lebt."

    Bruno Walter

  • Das Abdriften in Baupolitik der DDR, die Hinweise auf andernorts stattgefundene Fehlentwicklungen; wo sie auch immer geschehen sind, ändert nun erst einmal nichts daran, daß die Einsicht über die mannigfaltigen Fehler der Stuttgarter Wiederaufbaupolitik von dort kommen müßte und in ersten Ansätzen aufzuzeigen wäre, wie man eine Verbesserung erreichen könnte. Im Widerspruch dazu ergibt sich wieder einmal die Frage, von woher das Wort der Abstimmung mit den Füßen herkommt - von nix wirds nicht kommen.

  • Nur zu Info: diese helle Riegel ist ein Brunnen. Sollte am Anfang so aussehen:

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    Bis man sich entscheid, weniger Baümer anzubringen, die in "mobilen" Kästchen weggerollt werden wenn man Platz schaffen soll, hier die korrigierte Visualisierung:

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  • Es ist nicht Jammern auf hohem Niveau, sondern Genießen auf niedrigem Niveau: Dieser Platz ist angesichts der unzähligen Betonbunker drumherum eine Wohltat, weil er noch eine gewisse Anmutung eines Marktplatzes hat. Die ganze Gegend als Altstadt wahrzunehmen, ist schon ungeheuer schwer. Wenn man sich hier im historischen Mittelpunkt der großen Stadt fühlt, dann auch bloß, weil man es weiß und sich das zugehörige Gefühl eingeredet hat. Ist mir beim ersten Besuch Stuttgarts schon so gegangen. Sowas wie eine Aufenthaltsqualität habe ich auf diesem Platz bis heute nicht entdeckt. Ein Mords Rathaus, in der Ostecke der Konsumbunker der Oberschichtmetropole und als einzige historische Anmutung die Nordost- und vor allem die Nordwestseite, weil deren Häuser nicht ganz so groß und klotzförmig wie die der Umgebung sind. Lieber war mir ja seit jeher die Hirschstraße. Sie ist auch attraktiver als ihre Namensschwester in Ulm.

    Wenn man weiß, wie Württemberg tickt, dann ist einem klar, warum seine Hauptstadt so ausschaut, wie sie ausschaut. Und wenn man weiß, wie Stuttgart ausschaut, dann muss man feststellen, dass es den Marktplatz hat, der zu dieser Stadt passt.

  • In meinen Augen böte sich eine langfristige Neubebauung im historisierenden Stil wie um dem Hans-im-Glück-Brunnen an (hier müsste man den Vorkriegszustand allerdings auch wiederherstellen). Dafür bräuchte es aber wohl Enteignungen, denn man wohl kaum alle Eigentümer von Abriss und Neubau überzeugen, und Umsatzeinbußen müsste man wohl auch kompensieren. Insofern ist eine Neubebauung wohl nahezu ausgeschlossen.

  • In den 60er Jahren war der Marktplatz ein einziger Parkplatz.

    In den 30ern offenbar auch schon.
    df_hauptkatalog_0503527.jpg
    Bildquelle: Johannes Mühler via Deutsche Fotothek, gemeinfrei

    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Zeno die Bayern ruhen sich aber auch nur auf ihren Lorbeeren aus. Was in den letzten Jahren in München gebaut wurde ist kein bisschen besser als in Stuttgart. Das sage ich ganz neutral. Der Marienplatz hat das Glück, dass dort das historische Rathaus erhalten blieb. Nur sehr selten ist auf Fotos die gegenüberliegende Seite zu sehen, das wird seinen Grund haben.

    PS: Der Nürnberger Hauptmarkt ist ja nun auch nicht gerade ein Gesamtkunstwerk. Was wäre er erst ohne die Frauenkirche?

    Mantikor das ist mir natürlich bekannt. Stuttgart war halt schon immer Autostadt. Aber es muss ja nicht überall präsent sein. :smile:

    In dubio pro reko

    Der größte Feind der Ideologie ist die Realität

  • Der Nachkriegs-Marktplatz sieht insbesondere sehr kleinstädtisch und provinziell aus. Und ja, läge die Stadt in Polen, so hätte man vermutlich den Platz rekonstruiert.

  • Hinzu kommt die Sache mit den Rathaus. Die Hauptfassade wurde abgerissen, um dieses grosse Ding zu errichten, aber die hinteren Fassaden vom historischen Gebaüde wurden teilweise noch erhalten. So eine art umgedrehten Humboldt-Forum.

    Rathaus-stuttgart-hinten.jpg

    Rathaus%20Stuttgart.JPG

  • Die Ost-West-Thematik bitte hier weiterdiskutieren:

    Weingeist
    March 6, 2025 at 9:35 AM

    What you teach people to do is admirable, but what you teach them to believe is foolish.

    Mongkut