Also ich fasse zusammen- es gibt vereinzelt Dächer + 100 Jahre. Die meisten davon auf Kirchen, Schlössern oder Ähnlichem, weniger auf regulären Wohngebäuden. Aus Kosten- und Gewährleistungsgründen werden Dächer eher als Ganzes erneuert, weniger flickenhaft repariert. Das führt schlussendlich zu dem Bild wie es heute ist, ein Wildwuchs an Dachformen und Baumaterial in einer Vielzahl an Farben. Am Ende sehen jene Stadtbilder in Summe sehr wahrscheinlich weniger harmonisch und damit unruhig aus. Selbst hier im Forum, wo einige Architekturenthusiasten zueinander finden, wird das Thema Dach- und Dacheindeckung etwas stiefmütterlich aufgegriffen, offenbar ist vielen die Wirkung von Dächern nicht oder noch nicht bewusst.
Die Herangehensweise zur Instandhaltung scheint im deutschsprachigen Raum sehr divers, wahrscheinlich hat jede Kommune und jeder Landkreis eigene Vorstellungen zum Schutze des kulturellen Erbes, der Denkmalschutz an sich ist Ländersache in Deutschland. Es gibt zwar historische Ziegel aus Abbrüchen aber vor allem kommen neu hergestellte Fabrikziegel zum Einsatz mit wenig Varianz hinsichtlich der Beschaffenheit. Ich gehe davon aus, das historische Ziegel nur mit Zurückhaltung nachproduziert werden, also Handstrich + Ringofen.
Mündener in Bad Windsheim steht ein Ziegelofen des frühen 15. Jahrhunderts, der für den kontinuierlichen Betrieb ausgelegt war.
Bist du dir sicher? Hier steht nämlich, dass der Brennofen aus Scheinfeld eine kurzlebige Konstruktion war, dann kann ja von kontinuierlichem Betrieb keine Rede sein (?):
Ziegelbrennofen aus Scheinfeld - Fränkisches Freilandmuseum Bad Windsheim
Das Chordach der Dominikanerkirche in Krems sowie das alte Dach des Pfründehauses sehen schon schick aus, so wie sich das gehört. Wegen der Nutzung werden Dächer auf Kirchen wahrscheinlich eher alt als auf Wohnhäusern. Aber das Pfründehaus scheint ja dann zu beweisen- die Haltbarkeit eines Daches kann 100 Jahre übersteigen, wenn man davon ausgeht, dass diese Dachdeckung die originale Deckung ist von 1410 (?!).
tegula Ein interessanter Beitrag auf deiner Website. Ich weiß von Dach-Datierungen leider auch recht wenig bis gar nichts aber es gibt sicher technische Möglichkeiten genau das zu tun, wenn erforderlich. Vielleicht stolperst du ja früher oder später mal über ein altes Dach.
Ein kleiner Exkurs- Wie sieht das denn aus mit den Kupferdächern der Kirchen in Lübeck- sofern nicht 1942 zerbombt, sollten die doch auch ein ordentliches Alter aufweisen. Sind die Kupferdächer die ursprünglichen Dächer oder "nachgerüstet"? Rein optisch passen sich die oxidierten Cu-Dächer allerdings auch deutlich besser ein als Fabrik-Ziegel.
Riegel Ich habe mir mal das Waaghaus angesehen:
Sieht für mich gut erhalten aus, allerdings, wenn du sagst, es handelt sich um das originale Dach-Material von 1585, hätte ich jetzt ehrlich gesagt mehr Urtümlichkeit erwartet. In anderen Worten, die +500 Jahre würde ich hier nicht vermuten.
Das, was du da bzgl. der Herstellergarantie schreibst, sollte doch eigentlich vom Denkmalschutz gedeckelt sein? Der Denkmalschutz sollte sich doch für den Erhalt der Dächer ebenso wie für den Erhalt des Gebäudes als Ganzes einsetzen? Es wäre doch ein Unding wenn ein 500 Jahre altes Haus aus privater Hand unterhalten wird und aus Kostengründen die alte Substanz ersetzt wird. Wers finanziell nicht stemmen kann, sollte dann vielleicht nicht in so einem Haus wohnen? In England gehen zum Beispiel viele alte Gebäude in die Obhut des National Trust und werden von diesem Unterhalten:
Was alte Dachziegel betrifft gibt es darauf spezialisierte Händler, die kaufen sicher alte Bestände aus dem Abbruch auf. Was ist der Grund für das dunkle Anlaufen von künstlich altpatinierten-Dachziegeln?
Ich finde auf jeden Fall bewundernswert, dass man sich in St. Gallen bzw. in der Schweiz mit der Thematik auseinander zu setzen scheint, ich glaube in Deutschland hinken wir da etwas hinterher. Obgleich ich dann wieder nicht verstehe, dass man einen einheitlichen rotton der Dächer vorzieht. Stelle mir das vor wie in Nördlingen. Sind es denn dann Ringofen-Handstrich-Ziegel oder Tunnelofen-Stangenware-Fabrikziegel?
Du schreibst, ein solches Dach habe nach 15-20 Jahren bereits eine angenehme Patina. Ich bezweifle das ehrlich gesagt. Ich stütze mich dabei auf das, was ich ringsum um mich sehe, ohne zu wissen wie alt die Dächer sind aber mit dem bleibenden Eindruck verschwindender alter Dächer.
thommystyle™ ich habe das Video gesehen. Ein einzelner Ziegel wirkt natürlich ganz anders als ein vollständiges heterogenes Dach mit hier und da vielleicht noch ein bisschen Moos und bei dem der Dachfirst vielleicht schon ein bisschen durchhängt
Franka Ich gehe davon aus, dass auch historische Dachziegel entsprechend versintert sind oder waren. Denn was du schreibst macht Sinn, wären die Ziegel plötzlich derart porös oder wasserdurchlassend, würden die Ziegel bei frost ratz-fatz reißen und zerspringen (habe ich noch nie gesehen).
Majorhantines du wirst recht haben. Die schönsten Dächer werden die nach und nach Reparierten sein, nicht jene, die in einem Wisch komplett erneuert werden. Repariert werden sicher die wenigsten Dächer und dann sicher auch nicht mehr mit entsprechendem Material.
Bleibt also weiterhin die Frage, warum ein Dach nach 100 Jahren erneuert werden sollte. Wahrscheinlich handelt es sich dann mehr um ein funktionelles Altern des Dachs als um ein konstruktives Altern.
Hier ein paar schöne alte Beispiel-Dächer:



















