Nürnberg - Nachkriegsprovisorien

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    Zumindest von einem Haus glaube ich gelesen zu haben, daß es schon vor Jahren von den Altstadtfreunden erworben wurde (ich lege aber nicht meine Hand dafür ins Feuer, daß das mit meiner Erinnerung hier nicht trügt), und dabei handelt es sich auch um einen Stumpf, ähnlich wie in der Theatergasse: Geiersberg 13


    Ich habe das von Geiersberg 13 auch schon mal gelesen, ich weiß aber nicht mehr wo. Es müßte dieses Haus sein, wenn es nicht mehrere Stümpfe am Geiersberg gibt.


    Insgesamt dürfte die Zahl der Restaurierungen und Teilrekonstruktionen in Nürnberg der Zahl der vorgenommenen Rekonstruktionen in [lexicon='Frankfurt am Main'][/lexicon] ziemlich gleich sein. Da die Altstadtfreunde so viel machen, ist es verständlich, daß sie sich selbst keine Gesamtrekonstruktionen z. B. am Hauptmarkt vornehmen können. Nicht verständlich ist aber ihre ideologisch eingegebene Mißbilligung von Rekonstruktionen überhaupt. Denn diese sind für jeden einsichtlich die ideale ergänzung ihrer Arbeit und brauchen nicht auf Kosten der Altstadtfreunde-Projekte zu gehen, da von anderen finanziert.
    Natürlich würde die öffentliche Begeisterung für die Altstadt, und also auch für die Altstadtfreunde, durch einigen Rekonstruktionen stark zunehmen.


    Es bleibt sehr zu hoffen, daß sich irgendwer den Stumpf in der Theatergasse mal annehmen wird; der heutige Zustand ist sehr unbefriedigend. Aber auch die Gefahr von Abbruch+modernistischer Neubau lauert natürlich dort.

    VBI DOLOR IBI VIGILES

  • Quote from "Brandmauer"

    Nicht verständlich ist aber ihre ideologisch eingegebene Mißbilligung von Rekonstruktionen überhaupt.


    Eine solche gibt aber bei den Altstadtfreunden auch gar nicht. Die Vorsitzende scheint - jedenfalls nach den Äußerungen, die man so mitbekommt - eher gegen Rekos zu sein, aber auch das wohl nicht fanatisch oder durch eine durchdachte Ideologie motiviert, denn immerhin ist das Pellerhof-Projekt, wenn auch nur eine Teil-Reko, ein Projekt der Altstadtfreunde. (wenn auch die Vorsitzende da zum Jagen getragen werden musste ... )
    Zudem ist das m.E. eher ihre Privatmeinung; diese Privatmeinung mag z.Zt. dazu führen, daß es jedenfalls keinen Einsatz der AF für Rekonstruktionen gibt. Aber das heißt weder, daß die AF dagegen wären, noch das die Mehrheit der Mitglieder und der Funktionsträger so denken würde. Erst recht heißt es nicht, daß es da irgendeine offizielle Linie der AF gäbe.


    Das Problem ist eher, daß Rekonstruktion in den Köpfen der meisten Nürnberger incl. der meisten Mitglieder der Altstadtfreunde, noch nicht richtig als Thema angekommen ist und sie dementsprechend schlicht (noch) gar keine Meinung dazu haben.
    Und nebenbei bemerkt gab es für die AF bislang ja auch so genug zu tun!

  • Ich habe zu wenig Ahnung von den Gegebenheiten, aber dennoch zwei Überlegungen:


    1. Arbeiten die Altstadtfreunde eigentlich rentabel? Ich meine, was machen sie mit den erworbenen Immobilien? Ist es nicht lohnend, solche Immobilien aufzubauen, um aus ihnen dann Profit für folgende Projekte zu ziehen? Also, man baut auf und errichtet damit Mietwohnungen und Ladengeschäfte in Innenstadtlage, aus denen man Mieteinnahmen zieht. Oder man verkauft Mehrfamilienhäuser dann als Eigentumswohnungen. So arbeiten doch erfolgreiche Immobilienunternehmen.


    2. Und wie wäre es, wenn die Altstadtfreunde die Halbruinen erwerben und dann einen Investor suchen, der die Parzellen kauft, mit der vertraglichen Verpflichtung, originalgetreu zu rekonstruieren. Es müßte doch Interessenten an solchen, teils attraktiv gelegenen Grundstücken geben. Eventuell könnten die Altstadtfreunde auch einen kleinen Gewinn aus dem Verkauf ziehen.


    Wie gesagt, nur zwei Ideen.

  • Was die Rentabilitaet der Arbeit der Altstadtfreunde betrifft, Heimdall, darf ich Dich auf Riegels erstklassige Photoreportage von der Wiederherstellung und Sanierung des Hauses Weißgerbergasse 10 hinweisen (ich nehme an, dass dieses das auf der letzten Seite von Norimbergus erwaehnte Dr.-Erich-Mulzer-Haus ist). Nach der Fertigstellung hat der Verein offenbar sein Hauptquartier im Erdgeschoss aufgeschlagen. Darueber sind Wohnungen, die ihm sicherlich regelmaessige Mieteinnahmen einbringen.

  • Quote

    Ist es nicht lohnend, solche Immobilien aufzubauen, um aus ihnen dann Profit für folgende Projekte zu ziehen? Also, man baut auf und errichtet damit Mietwohnungen und Ladengeschäfte in Innenstadtlage, aus denen man Mieteinnahmen zieht


    Das machen die Altstadtfreunde m.W. schon seit ihrer Gründung. Man muss allerdings dazu sagen, daß sie eine sehr soziale, sehr moderate Mietpreispolitik haben, die vermutlich gerade mal die laufenden Kosten deckt. Viel für neue Projekte ist da wohl nicht rauszuholen.
    Dazu muss man allerdings auch wissen, daß die Nürnberger Innenstadt (also der Bereich der ehem. Nürnberger Altstadt) nicht gerade ein Gebiet ist, in dem hohe Mieteinnahmen zu erzielen wären (bislang?)
    Die teuren Wohnungen liegen in Nürnberg nordwestlich (St. Johannis mit seiner Mischung aus Gründerzeit und kleineren "Restbeständen" des 18. Jhdt.) nördlich (Villenviertel des 19. Jhdt. oberhalb der Burg und Stadtteil Thon) und ganz weit nordöstlich der Altstadt (Villenviertel Erlenstegen). Die "Altstadt" ist dagegen eher mittelgünstige bis billige Wohngegend.

  • Mir hat die Sache keine Ruhe gelassen, weshalb ich ein bißchen bestöbert habe und bezüglich Geiersberg 13 auf eine Quelle gestoßen bin, die besagt, daß ich teilweise Recht (Eigentümer), teilweise aber auch nicht Recht (Stumpf eines historischen Gebäudes) hatte.


    Zitat aus
    Nürnberger Altstadtberichte Nr. 24 (1999), Tätigkeitsbericht der Altstadtfreunde für das Jahr 1998, S. 6/7:
    Schon vorher hatten wir am 2. März von einer langjährigen Altstadtfreundin das 60m^2 große Eckgrundstück Geiersberg 13 notariell geschenkt bekommen. Es ist mit einem einstöckigen Nachkriegsprovisorium ohne Wert überbaut, liegt aber in einem Spannungsfeld zwischen mehreren historischen und von den Altstadtfreunden bereits denkmalpflegerisch aufgewerteten Häusern. Auf längere Sicht stellt sich hier eine ungewöhnliche Neubauaufgabe, die wir zwar nicht selbst lösen möchten, deren Gestaltung aber fest in unserer Hand bleiben sollte.



    zu 1.
    Daß die Altstadtfreunde ihre Objekte nicht leerstehen lassen, sondern vermieten (mit Ausnahme der selbst genutzten Räumlichkeiten der Geschäftsstelle in der Weißgerbergasse 10 und der Scheune in der Zirkelschmiedsgasse), ist selbstverständlich und wurde ja bereits von anderen erwähnt.
    Häuser wieder zu verkaufen und den Erlös in neue Projekte zu stecken wäre natürlich eine naheliegende Sache. Soweit ich mich erinnern kann hat es diese Überlegung natürlich auch bei den Altstadtfreunden gegeben, aber davon wurde abgesehen, da es sich aus steuerrechtlichen Gründen nicht gelohnt hätte. Ich weiß nicht mehr wann und wo ich das gelesen habe - möglicherweise in einem Altstadtbericht - und ich glaube, daß das damals auch nicht ausführlicher erläutert wurde, aber ich kann mir schon vorstellen, daß es Probleme gibt, wenn ein gemeinnütziger Verein Objekte, die mit steuerlich absetzbaren Spenden und teilweise auch mit Zuschüssen der öffentlichen Hand errichtet oder eben umfassend saniert und damit erst wieder nutzbar gemacht wurden, veräußert. Ich gehe davon aus, daß man sich hier von kompetenter Stelle hat beraten lassen und aus gutem Grund diese Option verworfen hat.


    zu 2.
    Diese Variante wurde schon ab und zu gewählt - zwar nicht für Rekonstruktionen, aber für das traditionelle Arbeitsgebiet der Altstadtfreunde, nämlich für umfassende Sanierungen heruntergekommener denkmalgeschützter Gebäude. So war die erste Rettungsaktion, mit der die Altstadtfreunde groß und einflußreich wurden, die Rettung der Häuser am Unschlittplatz. Diese wurden aber nicht durch die Altstadtfreunde selbst saniert, sondern nur aufgekauft und an sanierungswillige Investoren weiterveräußert. Erst gegen Ende der 70er hat man die ersten kompletten Haussanierungen in Eigenregie durchgeführt (vorher nur Maßnahmen an Häusern anderer Eigentümer, damals vor allem Fachwerkfreilegungen).
    Der letzte mir bekannte Fall eines Weiterverkaufs an einen privaten Sanierer ist das Haus Winklerstraße 13: 1991 Notkauf durch die Altstadtfreunde, 1996 Weiterveräußerung, 2000 Abschluß der Sanierungsarbeiten.
    Der Grund dafür, daß die meisten Häuser in Eigenregie saniert werden, dürfte einfach darin zu suchen sein, daß es wenige Personen gibt, die willens sind, erhebliche Beträge in ein Haus zu stecken, aus dem man dann vergleichsweise geringe Mieteinnahmen erwirtschaftet. Wenn man sein Geld in Bundesschatzbriefen anlegt, dann dürfte noch eine höhere Rendite rausschauen. Und derjenige, der etwas (oder auch etwas mehr) Geld zur Rettung von Denkmälern erübrigen kann und möchte, der spendet es halt lieber und hat damit nicht die ganze Arbeit und leider häufig eben auch Ärger mit Architekt, Denkmalschutzamt, Handwerkern usw. am Hals - da ist es bequemer, wenn sich die Altstadtfreunde darum kümmern. Menschen, die zum einen enthusiastisch genug sind, zum anderen aber auch über die entprechenden finanziellen Mittel verfügen, so eine Sanierung selbst durchzuführen, sind halt sehr rar gesät.

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    Es ist mit einem einstöckigen Nachkriegsprovisorium ohne Wert überbaut,


    Ich glaube diesen Halbsatz nicht, dh, dass demnach keinerlei historische Substanz vorliegt. Dieses "Provisorium" überträfe ja an Qualität und demnach auch architektonischen Wert die gesamte Nürnberger Nachkriegsarchitektur.
    Warum sollte man gerade hier so erfolgreich auf Nachahmung eines Torsos der alten Bebauung bestanden haben?

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Der im Bereich der Treppe sichtbare Kellersockel ist bestimmt noch historisch, hingegen würde ich beim "Erdgeschoss" auf Wiederaufbau tippen. Die Indizien dazu sind:
    - keinerlei Unregelmässigkeiten im Mauerwerk (Ecke genau im Lot, keine Ausbuchtungen in den Flächen)
    - die Fenster sitzen alle exakt auf derselben Höhe und sind gleich gross
    - die Seitenwand ist gegenüber dem Sockelmauerwerk mit einem Rücksprung aufgemauert, was bei einem Altbau so nicht vorkommen würde.


    Beim Nachbarhaus Geiersberg 15 tippe ich ebenfalls auf einen Neubau über historischem Erdgeschoss, wobei der Dacherker gemäss Homepage der Altstadtfreunde Nürnberg durch diese realisiert worden ist. Ebenso stand bis vor 25 Jahren auch Geiersberg 17 (im Bild von Norimbergus auf der vorhergehenden Seite das Fachwerkhaus rechts) als dreigeschossiger Stumpf da, und erhielt durch die Altstadtfreunde(!) sein Dach zurück.

    Quote from "Norimbergus"

    Geiersberg 13

  • Hallo,


    durch die berühmte Googlesuche bin ich hier gelandet und freue mich vielleicht etwas zu dem Thema beitragen zu können?
    In dem Haus Geiersberg 15 wohnte wohl um 1900 mein Urgroßvater:


    leider habe ich kein genaueres Datum von der Aufnahme.


    Schönen Abend


    Klaus