Wismar - Wiederaufbau des Gotischen Viertels

  • Ja, aber was hilft die Alte Schule ohne St. Marien? Ein Sandkorn in der Wüstenei!

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Die mittelalterlichen Wandmalereien in St. Georgen werden saniert:


    „Die Freiheitsliebe ist bei den Deutschen nicht entwickelt“ (Madame de Stael)

  • Neuer Rundgang durch das Gotische Viertel


    Bei meinem letzten Besuch in Wismar habe ich im Rahmen einer Führung den Turm der Marienkirche erklommen und dabei interessante Details erfahren.

    Demnach würde ein Wiederaufbau des Marien-Kirchenschiffs grob kalkuliert etwa 80 Millionen Euro kosten, also etwa das doppelte der Kosten für den Wiederaufbau der benachbarten Georgenkirche (wiederaufgebaut 1990-2010).

    Aber: Selbst wenn man das nötige Geld zusammen bekäme und einen sinnvollen Verwendungszweck für die Kirche fände, würde ein Wiederaufbau wohl am heutigen Baurecht scheitern. Es war zu erfahren, dass für ein neu hochgezogenes Kirchenschiff die noch vorhandenen mittelalterlichen Fundamente und Pfeilerreste als Basis nicht mehr genehmigungsfähig wären (ob sie noch tragfähig wären ist eine andere Frage, die man vermutlich nicht so eindeutig beantworten kann). Der Bau von 'modernen' und baurechtskonformen Fundamenten ist aber ausgeschlossen, weil dafür die als Bodendenkmal geschützten mittelalterlichen Fundamente beseitigt werden müssten. Und das wäre natürlich kaum ernsthaft vertretbar. Von daher werden die von der SED 1960 geschaffenen Tatsachen leider wohl noch lange Bestand haben. Immerhin wird das in seinem Grundriss als „Marienforum“ wiederhergestellte Kirchenschiff stetig weiter ergänzt, inzwischen sind die wenigen noch erhaltenen Grabplatten wieder aufgestellt worden (die meisten Grabplatten wurden 1960 mit Baggern aus dem Boden gerissen und sind zerstört / verschollen).


    Auch wenn es also wenig Neues zu berichten gibt sei uns ein kleiner Rundgang gegönnt (weitere Bilder siehe Beitrag 280 f. )


    Schon vom Hafen aus ist das Gotische Viertel eindrucksvoll präsent:

    Wobei der containerartige Aufbau auf dem Turm von St. Georgen alles andere als gelungen ist:

    Die Lübsche Straße war im Mittelalter die zentrale Eingangpforte nach Wismar, hier überragt alles der Turm von St. Marien:

    Nähern wir uns den beiden Giganten:

    Und erklimmen zunächst den Turm von St. Marien:

    Das Gewölbe eines der Turmseitenschiffe, nach 1990 wiederhergestellt:

    Raumeindrücke aus dem Turm und der Glockenstube:

    „Die Freiheitsliebe ist bei den Deutschen nicht entwickelt“ (Madame de Stael)

  • Vom Turm aus sind das o.g. "Marienforum" als auch der Marktplatz eindrucksvoll zu sehen:

    Zudem schweift der Blick auf die nördliche Altstadt und St. Nikolai:

    und von halber Höhe auch auf St. Georgen:

    wieder unten angekommen kann man die Ausstellungen in den Turmkapellen ansehen (nach 1990 mit grauen Wänden geschlossen und wieder eingewölbt):

    und die kümmerlichen Reste der benachbarten "Alten Schule" betrachten:

    weiter geht es nun in das "Marienforum":

    „Die Freiheitsliebe ist bei den Deutschen nicht entwickelt“ (Madame de Stael)

  • Das Archidiakonat, der Marienturm und St. Georgen:

    Weiter geht es nun (vorbei am Fürstenhof) nach St. Georgen:

    zunächst ein paar Raumeindrücke aus erhöhter Perspektive:

    „Die Freiheitsliebe ist bei den Deutschen nicht entwickelt“ (Madame de Stael)

  • weitere Raumeindrücke aus St. Georgen (1990 sah es hier übrigens so aus )

    Der Drache, mit dem der Namenspatron hier kämpft sieht nicht sonderlich gefährlich aus:

    Weiter geht es nun per Lift auf die Aussichtsplattform von St. Georgen, die allerdings in der Höhe dem Marienturm nicht annähernd das Wasser reichen kann. Auch hier hat man einen erhabenen Blick auf die nördliche Altstadt und St. Nikolai:

    auch der Blick nach Süden ist schön:

    wenig gelungen ist der containerartige Aufbau auf dem Turmstumpf:

    „Die Freiheitsliebe ist bei den Deutschen nicht entwickelt“ (Madame de Stael)

  • Als Bonusbilder gibt es noch ein paar Eindrücke von St. Nikolai. Zwar liegt diese in der nördlichen Altstadt und somit nicht im Gotischen Viertel, da St. Nikolai aber ziemlich baugleich mit der zerstörten Marienkirche ist fungieren die folgenden Bilder hier als "Ersatz-Marienkirche" :wink:

    Und zu guter Letzt die drei roten Giganten Wismars in ihrem heutigen Zustand im Modell:

    „Die Freiheitsliebe ist bei den Deutschen nicht entwickelt“ (Madame de Stael)

  • Bei meinem letzten Besuch in Wismar habe ich im Rahmen einer Führung den Turm der Marienkirche erklommen und dabei interessante Details erfahren.

    Demnach würde ein Wiederaufbau des Marien-Kirchenschiffs grob kalkuliert etwa 80 Millionen Euro kosten, also etwa das doppelte der Kosten für den Wiederaufbau der benachbarten Georgenkirche (wiederaufgebaut 1990-2010).

    Aber: Selbst wenn man das nötige Geld zusammen bekäme und einen sinnvollen Verwendungszweck für die Kirche fände, würde ein Wiederaufbau wohl am heutigen Baurecht scheitern. Es war zu erfahren, dass für ein neu hochgezogenes Kirchenschiff die noch vorhandenen mittelalterlichen Fundamente und Pfeilerreste als Basis nicht mehr genehmigungsfähig wären (ob sie noch tragfähig wären ist eine andere Frage, die man vermutlich nicht so eindeutig beantworten kann). Der Bau von 'modernen' und baurechtskonformen Fundamenten ist aber ausgeschlossen, weil dafür die als Bodendenkmal geschützten mittelalterlichen Fundamente beseitigt werden müssten. Und das wäre natürlich kaum ernsthaft vertretbar.

    Vielen Dank für die vielen schönen aktuellen Bilder! Ich wollte auch immer schon mal wieder hingefahren sein (ist ja von Lübeck aus fast "um die Ecke"), habe es aber irgendwie noch nicht geschafft.


    Danke auch für die Infos zu St. Marien. Mich wundert allerdings, dass es nun heißt, man dürfe auf den bestehenden Fundamenten nicht weiter aufbauen (selbst wenn sie tragfähig wären). Bisher las ich immer, dass die angefangenen bis zu 2m hohen Grundmauern nach und nach weiter aufgemauert werden könnten, wenn das Geld da sei. Es hieß sogar in einer Veröffentlichung (weiß jetzt nicht mehr genau wo), dass es mittelfristig sogar erforderlich sei, die ersten ein oder zwei Joche des Kirchenschiffs wiederaufzubauen, um den Turm langfristig zu stützen.


    Aber selbst wenn die alten Fundamente nicht verwendet werden könnten oder dürften - wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Dass man die historischen Fundamente sicher nicht herausreißt, versteht sich wohl von selbst. Man könnte aber beidseits dieser Bohrpfähle einbringen und diese oberhalb der alten Fundamente und knapp unter Bodenniveau zusammenführen und die neuen Mauern auf den dadurch entstehenden Traversen gründen (leider müsste dann allerdings das bisher Aufgemauerte wieder abgerissen werden). Hier in Lübeck wurden bei der Kunsthalle St. Annen Bohrpfähle von oben mittig sogar durch die noch vorhandenen Pfeilerreste der Kirchenruine gebohrt und diese damit wieder tragfähig gemacht. Letzteres Vorgehen bedeutet allerdings einen nicht unerheblichen, aber immerhin nicht sichtbaren Verlust originaler Substanz.



    Noch etwas zu diesem Bild:

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    Was hat man denn da für einen fetten schwarzen Balken mitten in das grandiose Kirchenschiff gezimmert? Der stört und schmälert die Raumwirkung ungemein. Und auch auf den hinteren Balken wurde noch irgendwas dunkles aufgebracht. Die Leute haben doch immer wieder irgendwelche dummen Ideen, um schöne Dinge zu verhunzen. Das ärgert mich jetzt gerade extrem! :wuetenspringen:


    Hier zum Vergleich ein fast gleiches eigenes Bild vom 22.07.2014 - da gab es nur zwei relativ unauffällige und auch farblich passende Holzbalken:


    Foto von mir

    Lûbeke, aller Stêden schône, van rîken Êren dragestu de Krône. (Johann Broling, Lübecker Kaufmann und Ratsherr, um 1450)

  • Hallo Frank, kurz zu deinen Fragen:


    In Bezug auf St. Marien weiß ich natürlich nicht ob die Aussagen des Kirchenführers hinsichtlich der Fundamente hundertprozentig stimmig waren. Aber ich kann mir durchaus vorstellen dass das Vorgebrachte genauso bei den verantwortlichen der Stadt diskutiert worden ist und die bestehenden Fundamente und Pfeilerstümpfe vielleicht tatsächlich nicht so ganz unproblematisch sind, vor allem nicht Bezug auf das heutige Baurecht. Ich gebe dir aber vollkommen recht dass hier in Zukunft technisch kreative Lösungen gefragt sind.


    Die hässlichen und zu monströsen Querbalken in St. Georgen beinhalten m.W. abrollbare, akustische Raumteiler, die vor allem bei Konzerten abgerollt werden, hier im Bild.

    „Die Freiheitsliebe ist bei den Deutschen nicht entwickelt“ (Madame de Stael)

  • Quote from Frank1204

    Danke auch für die Infos zu St. Marien. Mich wundert allerdings, dass es nun heißt, man dürfe auf den bestehenden Fundamenten nicht weiter aufbauen (selbst wenn sie tragfähig wären). (-...) Aber selbst wenn die alten Fundamente nicht verwendet werden könnten oder dürften - wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

    Vollkommen richtig. Die Dresdner Frauenkirche mit ihrer 13.000 t (!!) schweren Sandsteinkuppel ruht heute wieder auf nichts anderem als auf den historischen Fundamenten George Bährs von 1726. Diese waren in den 1930er Jahren durch Beton ertüchtigt worden und waren tipp-topp in Ordung. Nichtsdestotrotz hat man sie sich vorm Wiederaufbau durch Aufgrabungen aber genau angeschaut.

    Des Weiteren glaube ich aber auch, dass man eine Ausnahmegenehmigung hatte.

    Ich empfehle den Wismarern Kontakt zu Eberhadt Burger. Der dürfte das wissen.


    Wo ein Wille (und Geld ist), da ist auch ein Weg!