Altes Tokio

  • Auf folgender Seite sind interessante, colorierte Bilder von Japans Hauptstadt Tokyo (ursprünglicher Name "Edo") zu sehen. Im übrigen wurde diese Stadt bereits vor dem 2.Weltkrieg durch einen Brand - ausgelöst durch ein Erdbeben - in den 1920er Jahren zu einem großen Teil zerstört.


    http://www.oldtokyo.com


    Als Appetitanreger ein paar Bilder:



    Kasumigaseki-Distrikt



    Marunouchi-Distrikt







    Gruß,
    mozart

  • Interessant, ich dachte, die meisten japanischen Städte bzw. deren Gebäude wären vor dem 2. WK zu großen Teilen aus Holz gewesen?! Zumindest in einer Doku über Hiroshima wurde etwas in der Art behauptet. Oder waren nur Regierungsgebäude und Häuser der oberen Bevölkerungsschicht massiv gebaut?

  • War Japan etwa auch mal eine brit. Kolonie? Nee, oder? Manches sieht beinah so aus. Hätte ich nicht mit gerechnet. Trotzdem schön.

  • Nee, britische Kolonie war Japan nie. Aber Japan orientierte sich, im Gegensatz zu den anderen asiatischen Staaten (außer britische Kolonien), ab der Hälfte des 19. Jahrhunderts stark an Europa. Europäische Gepflogenheiten, europäische Bauwerke usw. galten als schick. Deshalb schlug man - vermutlich - auch in der Architektur zunehmend einen europäischen Kurs ein, weshalb die von Mozart gezeigten Bilder auch aus London stammen könnten.


    Und die Begeisterung der Japaner für Europa, deren Liebe zu unserer Kultur, hält ja bekanntermaßen bis heute an :zwinkern:


    Übrigens danke für den Link, sehr interessant...

  • Was gibt es denn überhaupt noch vom alten Tokio? Damals schien sie ja wirklich ganz nett zu sein, wenn auch kein Vergleich zu Paris oder Rom... heute ist die Stadt ja wirklich nur noch öde...

    Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
    Karl Kraus (1874-1936)

  • Die Erklärung: Japan besitzt eine Jahrhunderte alte Tradition in der Übernahme von Kultur und Wissen anderer Völker. Beispielsweise schon etwa im 6.Jhd passten die Japaner ihre politischen Strukturen dem militärisch und kulturell hochhaus überlegenen China an, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Vieles weitere wurde im Verlauf der Jahrhunderte von den Chinesen übernommen (u.a. die Schriftzeichen, den Buddhismus).


    Bis ins 19. Jahrhundert hinein schottete sich Japan allerdings vom Westen ab, einzig die Niederlande waren als Handelspartner anerkannt. Im Jahre 1853 erzwangen die Amerikaner die Öffnung des Landes, indem sie Kriegsschiffe in den Hafen von Edo (Tokyo) schickten.


    Der neuen Situation entgegneten die Japaner wiederum mit Anpassung, was sich eben auch in der Architektur dieser Zeit wiederspiegelt. Die Bezirke Ginza und Marunouchi wurden beispielsweise im Jahre 1872 durch ein Erdbeben zerstört und augenscheinlich nach westlichem Vorbild wieder aufgebaut. Ebenso enstanden nach dem großen Erdbeben von 1923 viele westlich geprägte Gebäude.


    Meines Wissens nach gab es davor aber immer noch eine Menge Wohnsiedlungen aus Holzhäusern. Ich hatte auch mal eine Fotografie mit einem einem Meer aus Holzäusern gesehen. Ich schaue mal, ob ich sie wiederfinde.


    Gruß,
    mozart

  • Quote from "Mozart"

    ... dem militärisch und kulturell hochhaus überlegenen China ...


    Haha, gibs zu, Du bist ein verkappter Hochausbefürworter! :zwinkern: :gg:
    Danke für die Aufklärung!

  • Letztlich sind diese kulturellen Übernahmen eine ganz normale Erscheinung (man denke nur an den Einfluß der griechischen/römischen Kultur auf Europa) und nicht auf Japan beschränkt - der Buddhismus kam ja beispielsweise erst aus Indien nach China.


    Überhaupt wird meines Erachtens der Einfluß Indiens auf Asien unterschätzt - viele asiatische Länder verwenden indische Brahmi-Schriftsysteme (Myanmar, Thailand, Laos, Kambodscha u.a.), praktizieren indische Religionen und Rituale, verwenden (alt-)indische Namen und haben einen großen Teil ihres Wortschatzes aus Pali oder Sanskrit (und nicht etwa aus dem Chinesischen) entliehen.


    Dies aber nur als kleine Randbemerkung ohne direkten Themenbezug.

  • Aber die Kopie des europäischen Geschmacks des späten 19. Jahrhunderts ist doch ganz außerdordentlich exakt. Das kann man doch glatt mit Europa verwechseln.
    Ich würde das nicht mit europäischem Bauen vergelichen. Natürlich hat man sich schon in der Romanik, erst recht natürlich zur Zeit des Klassizismus oder des Historismus auf griechisch-römische Vorbilder bezogen, aber es gab dabei doch immer eine deutliche stilistische Weiterentwicklung (wenn man einmal von Peilichkeiten wie den Tempel-Imitaten der Neuen Wache in Berlin oder dem Wiener Parlamentsgebäude).
    Und es gibt noch einen Unterschied: Zwischen der Epoche gotischer Sakralarchitektur (12. bis 15. Jahrhundert) und der deutlichen Imittaion dieser Architektur durch die Neugotik im 19. Jahrhundert liegen immerhin 400-600 Jahre.
    In Japan hat man offenbar fast zeitgleich eine Architektur von der anderen Seite des Globus kopiert, Aber was konnte ein Japaner mit dem Barocken im Neobarock überhaupt anfangen, ohne in seiner Stadt je ein barockes Gebäude gesehen zu haben??

  • Japan war niemals eine Kolonie von einem europäischen Land, im Gegenteil, Japan hatte selbst Kolonien in der Südsee.


    Die Bilder erstaunen mich auch sehr.

  • Quote

    wenn man einmal von Peilichkeiten wie den Tempel-Imitaten der Neuen Wache in Berlin oder dem Wiener Parlamentsgebäude



    Schinkes Neue Wache als Peinlichkeit bezeichnet zu sehen ist mir ziemlich peinlich :schockiert:

  • Quote

    Aber was konnte ein Japaner mit dem Barocken im Neobarock überhaupt anfangen, ohne in seiner Stadt je ein barockes Gebäude gesehen zu haben??


    Vielleicht es einfach schön finden? :augenrollen:

    Eine der vorzüglichsten Eigenschaften von Gebäuden ist historische Tiefe.
    Die Quelle aller Geschichte ist Tradition. (Schiller)
    Eine Stadt muss ihren Bürgern gefallen, nicht den Architekten.

  • Irgendwie sehr kaiserlich-deutsch das Ganze ! Soweit ich weiß, gab es ja mal enge Kontakte zwischen Kaiser und Kaiser. Aber das die japaner gleich auch die Architektur übernahmen... 8) Mich würde noch die wirklich historische Bebauung Tokyo interessieren - also die Häuser der Bürger.

  • shit, und das alles im krieg zerstoert worden( und das ist noch'ne understatement)
    ok, die amerikaner haben die sache in pearl harbour ja nicht angefangen, abert trotzdem schade um die alte architektur ( und natuerlich auch um al die menschen die zerbombt worden sind!! :weinen:
    uerbigens dachte ich auch das fast alles aus holz gebaut war???

  • Quote from "Mozart"

    Gerade eben auf Youtube gefunden: Tokyo im Jahre 1935


    Interessantes Farbvideo von Tokyo ! Besten Dank.
    Möglicherweise liegt diese neue Bebauung ja an den vielen Erdbeben,
    denn 1894 und besonders 1923 gab es dort richtig starke ! :zwinkern:
    siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Großes_Kanto-Erdbeben
    Bei wikipedia gibts übrigens noch ein Bild aus dem Jahre 1865:

    public domain von http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Panorama_of_Edo.jpg\r
    de.wikipedia.org/wiki/Bild:Panorama_of_Edo.jpg

  • Yanaka ist einer der letzten Stadtteile Tokios in dem noch flächendeckend alte Holzhäuser stehen. Dieser Stadtteil wurde nicht im Feuersturm verwüstet, es gilt aber dem enorm hohen Investitionsdruck der in Japan herrscht, zu trotzen.


    https://thomasgittel.files.wor…13/09/p1290451-yanaka.jpg


    http://www.wattention.com/wp-c…loads/2010/12/MG_6124.jpg


    http://www.urbancapture.com/wp…-District-Tokyo-Japan.jpg

    "Schönheit wird die Welt retten" - Dostojewski

    Edited 3 times, last by Kaoru ().

  • na ja, schön und gut, das heißt eigentlich eben nicht schön, denn schön ist eigentlich anders...

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • na ja, schön und gut, das heißt eigentlich eben nicht schön, denn schön ist eigentlich anders...


    Ja, leider ist der überwiegende Teil der Häuser durch unpassende Anbauten verhunzt, es ist eben nicht nur ein deutsches oder europäisches Problem.
    Ich denke mit überschaubarem Aufwand ließe sich dieser Stadtteil deutlich herausputzen. Er war schon im Vorkriegs-Tokyo nur höchstdurchschnittlich, aber ist er doch eine der letzten Überbleibsel des alten Tokios, darum müßte er besser gepflegt werden...


    aber sicher, sicher, Japan ist weit weg...und sich hier über japanische Baukultur zu echauffieren, wo die wenigsten sich hier (meine Wenigkeit mit eingeschlossen) intensiv mit beschäftigt haben und noch weniger, die je dort waren, ist natürlich genauso befremdlich (wie zugleich interessant) wie Japanern und Amerikanern bei einer Unterhaltung über Pforzheim zuzuhören...

    "Schönheit wird die Welt retten" - Dostojewski

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