Dresden - die Schießgasse

  • Ich bin dafür, daß man sich nach ca. 20 Jahren des Wiederaufbaus am Neumarkt auch mit neuen und vielleicht etwas ungewohnten Perspektiven beschäftigen darf. Die Grenzen des Neumarkts waren vor 20 Jahren gesetzt und sind nicht beliebig erweiterbar. Die Anzahl neuer Fassaden, die dort nun noch hinzukommen werden, ist überschaubar; und was auch immer in Zukunft in der noch verbleibenden Lebenszeit noch zum jetzigen Bestand hinzukommen wird - es wird wie zwischen den Jahren 1950 bis 1990 quantitativ vermutlich nicht besonders zahlreich sein.

  • Was mich hier im aph so stört (Sorry) ist immer wieder das Verweisen auf den Städtebau, egal für welches Gebäude. Und genau damit wird dann argumentiert, wenn man ein historisches Gebäude völlig aus seinem alten Zusammenhang herausreißt und irgendwo hinstellt? M. E. haben viele hier gar nicht die historische und kunsthistorische Tiefendimension der Bauten begriffen, die z. B. das Berliner Schloss hatte, das eben nicht nur eine schöne, reich dekorierte Baumasse am Ende der Linden darstellte (manchmal, so fürchte ich, wären viele auch mit einem rekonstruierten Gründerzeit-Kaufhaus an der Stelle zufrieden gewesen, nach dem Motto "Hatte sogar noch mehr Schnörkel als das Schloss")


    Das Gebäude - richtig wäre ohnehin "die Fassade" - stellt man nicht "irgendwo" hin, sondern z.B. 50 oder 100 Meter weiter. "Historische und kunsthistorische Tiefendimension" bei irgendwelchen letztlich denn doch mässig bedeutenden Wohngebäuden, das ist mir zu aufgeblasen. Ich kann mit dieser chronischen Bedenkenträgerei nichts anfangen, um es vorsichtig zu formulieren. Es ist ja nun nicht so, daß die Dresdner Altstadt mit wild kombinierten Häuserzeilen dreireihig umzingelt werden soll. Vier, fünf Fassadenrekos oder von mir aus auch "Annäherungen" plus Ergänzungsbauten mit Kita und ´Sozialgedöns´, davon geht die Welt nicht unter.

  • Ich kann mit dieser chronischen Bedenkenträgerei nichts anfangen, um es vorsichtig zu formulieren.

    Zumal diese Bedenkenträgerei ja auch dann als Argument vorgebracht wird, wenn vorher die modernistischen Seilschaften eine mögliche Reko am Originalstandort verhindert haben. Solche Bedenken verbieten sich m.E. immer von selbst, wenn vorher durch Böswilligkeit eine Reko an originaler Stelle verhindert wurde, wie etwa jetzt beim Oppenheim geschehen.

  • Eben. Warum soll man Stadtzerstörer in Genugtuung gewinnen lassen? Damit sind wir nie gut beraten.

    Und es gibt diverse gute Beispiele für Ensembles mit translozierten Bauten, in Hannover etwa Teile der Altstadt und in Berlin teils im Nikolaiviertel und am Märkischen Ufer. Dresden hat noch viele Kandidaten zu bieten. Die man auch so bauen könnte, dass man sie wieder an den originalen Standort versetzen kann, wenn dieser wieder frei wird. Solche Gedankenspiele sind völlig legitim, interessant und in einem Forum sowieso angebracht. Nichts davon hat in der Gegenwart irgendeine Konsequenz und das ist okay so.

    Was mich hier im aph so stört (sorry) ist immer wieder das Verweisen auf den Städtebau

    Im Stadtbild-Forum stört dich das Verweisen auf's Stadtbild? Interessant. smile:)

  • Das Palais Brühl auf der Schießgasse 10 in Dresden entstand in den Jahren 1712 bis 1715 durch den Umbau eines älteren Gebäudes. Es war ein repräsentatives Bauwerk mit schmuckvoller Außenfront.

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    Quelle: Wikipedia

    Fassade des Palais Brühl, Foto vor 1885

    Von 1747 bis 1762 gehörte es dem sächsischen Minister Heinrich von Brühl, der es jedoch nie bewohnte. Es wurde wahrscheinlich vor dem Siebenjährigen Krieg von dessen Schwiegersohn Georg August Minsczecki (1715–1778) mit seiner Familie bewohnt. Von 1816 bis 1830 nutzte der Geselligkeitsverein „Harmonie“ das Gebäude. Der Verein ließ einen von Gottlob Friedrich Thormeyer entworfenen Saal einbauen.

    Im Jahre 1886 wurde das Palais Brühl auf der Schießgasse beim Durchbruch der König-Johann-Straße abgerissen. Sein ehemaliger Standort liegt im Bereich der heutigen östlichen Wilsdruffer Straße zwischen dem Pirnaischen Platz und dem Altmarkt.

    Quelle: altesdresden.de

  • Klasse! Also der Bau wäre für mich eines der absoluten Highlights am ganzen Neumarkt-Projekt, locker direkt in den Top 5 aller Häuser.
    Das kann man gern um einige Meter versetzt wiederaufbauen mE. <3
    Sowas hat man durchaus ja schon in der Gründerzeit im Zuge solcher Straßendurchbrüche gemacht, wenn besonders bedeutende Bauten "im Weg" standen.

  • Also der Bau wäre für mich eines der absoluten Highlights am ganzen Neumarkt-Projekt, locker direkt in den Top 5 aller Häuser.
    Das kann man gern um einige Meter versetzt wiederaufbauen mE.

    Der stand auf dem Grundstück des heutigen Polizeipräsidiums. Das ist ja nun wirklich absurd, das als Wiederaufbaukandidaten zu fordern. Man kann sich an den Fassaden orientieren, das ja. Aber mehr auch nicht. Eine moderne Adaption etwa der schwungvollen Fensterverdachungen wäre denkbar und wünschenswert. Was würde zb ein Tobias Nöfer mit so einer Vorlage anfangen? Aber eine Kopie dieser Brühlfassaden lehne ich ebenfalls ab, weil sie eben, wie schon erwähnt, die Aufbauleistung des Neumarktes leicht konterkarieren kann.

  • Nein, es stand nicht auf dem Grundstück des heutigen Polizeigebäudes, sondern schon auf der gegenüberliegenden Seite in der Schießgasse, aber weiter südlich Richtung Altmarkt. Es war der Point de Vue am Ende der Moritzsstrasse.

    Vergesst es. Das wird nicht wiederkommen. Es ist seit 1885 (!) weg.

  • Puristisch gesehen hat Erbse hier vollkommen recht. Das Hotel de Saxe war auch seit 1888 weg; und niemand ist hier bisher auf die Idee gekommen, hinter die Jahreszahl 1888 ein ( ! ) zu setzen. Wenn man den Gedanken unter diesen Vorzeichen weiterführt - wen hätte hier die Jahreszahl 1885 zu kümmern, wieso sollte das, was unter der Jahreszahl 1888 ging, unter der Jahreszahl 1885 nicht gehen? Absurd... Die Stuckaturen der Rampischen Straße 1 waren sogar viel länger weg; und um noch einmal das Wort puristisch zu verwenden, konnte das, was jetzt in der Rampischen Straße 1 vorhanden ist, deswegen nicht "wieder"-kehren, da es dort in dieser Form nicht vorhanden war. Dort eine Zeitspanne von 130 Jahren zu bemühen, ist in dem einen bestimmten Fall wenig hilfreich. Zugegebenermaßen war im Schloß auch so manches bereits 1885 deutlich länger weg.

    Auf die nebensächlichen Detailfragen, seit welchem Zeitpunkt die Wiedererrichtung des Gewandhauses und der Wache herumspukten und seit wann vor 1885 die beiden Gebäude verschwunden waren, muß man unseren Wiederauferstandenen nicht erst hinweisen. Seit wann war am Regimentshaus nochmal das Belvederchen weg?

  • Hier übrigens das Gebäude auf altesdresden.de - links unten "Stadtplan 1870" wählen, um den Standort zu sehen.

    Kannst du das vlt mal mit einem Screenshot zeigen? Auf dem Stadtplan von 1870 ist das Gebäude nicht eindeutig eingezeichnet und unter Hausnummer 10 (was sie ja wohl mal war?) findet man das Gebäude bzw die Fotos dort leider auch nicht.

  • Und? Es wurden doch bei mehreren Fassaden am Neumarkt auch die barockeren Fassungen gewählt, die im 19. Jh. bereits lange getilgt waren. So wie nun auch das Narrenhäusl angelehnt an die Ursprungsfassung kommt

    Na jaaaaa..... Die Bauten standen prinzipiell aber noch bis zum 13. Februar 1945. Und die Veränderungen betrafen nur kleinere Bestandteile wie etwa Erdgeschoss oder Dachaufbauten (Schornsteine)

    Und beim Narrenhäusel war ich auch nicht für die Barockfassung

  • Was ist das nun wirklich für ein Unterschied, ob es 1945 oder irgendwann vorher verloren ging? Eine Kontinuität besteht so oder so nicht, 1945 ist auch schon bald 80 Jahre her. Es wäre sogar eine Art wünschenswerter Akt der Emanzipation Dresdens von der Assoziation mit dem 13. 2. 45. Endlich mal eine Reko, die nicht mit dem Beigeschmack dieser Katastrophe versehen ist. Es geht darum, ein Kunstwerk wiedererstehen zu lassen. Und natürlich kann man gerade solche Bauten, die im kollektiven Gedächtnis schon längst nicht mehr bestehen, translozieren. Es gibt einfach kein vernünftiges Argument dagegen. Natürlich wird man so etwas nicht auf den NM oder auf einen klar umrissenen und historisch überlieferten Platz stellen, ebenso nicht in die Schlossstraße, aber in einem vernünftigen neu zu schaffenden Umfeld à la Magdeburger Prämonstratenserberg. Dieses Palais wird Pöppelmann zugeschrieben. Wieviel Palaisfassaden von Pöppelmann haben wir noch? Wen tut genau was weh, wenn statt irgendeinem 08/15 Bau ein Objekt mit dieser Fassade errichtet werden würde?

    Ich weiß, es ist momentan so gut wie unmöglich. Aber warum nicht Bewusstsein schaffen? Warum so etwas gleich theoretisch in Grund und Boden verdammen?

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Wenn man den Wurm nicht an den Haken nimmt und ins Wasser wirft, kann ja auch kein Fisch anbeißen.

    Die Idee gefällt mir eigentlich immer besser. Und die Größe des Gebäudes eröffnet gute Nutzungsmöglichkeiten, z.B. für die Außenstelle einer Behörde.

  • Ich muss sagen, dass mir die Idee auch immer besser gefällt, v. a. weil an der Schießgasse eine Großfassade ins Ensemble passen würde (Polizeipräsidium, Landhaus, Kurländer Palais, Zeughaus).

    Es wäre jedenfalls eine Möglichkeit, eine unpassende und beliebige Bebauung an der wichtigen Ecke zur Landhausstraße von vornherein zu verhindern, denn bebaut wird die Fläche wohl ohnehin irgendwann. Wenn an der Ecke zur Landhausstraße noch der Thormeyer-Kopfbau mit Terrasse wiederkäme, wäre das ein adäquater Abschluss des Neumarkt-Gebiets zum Ring hin.

    Ich werde mal versuchen, das in meinem 3D-Modell zu visualisieren …

  • Städtebaulich könnte aber dagegen sprechen, dass die Schießgasse ja an ihrer östlichen Länge nicht durchgängig bebaut werden soll, sondern es eine breite Straße vom Portikus des Polizeigebäudes nach Osten geben soll. Weiß nicht, ob ein transloziertes altes Palais Brühl da noch Platz hätte.

  • Das könnte sich gerade so ausgehen. Man muss aber dann an den Schmalseiten früher nicht existente Fassaden bzw. Fenster planen.

    Nach Süden / Richtung Osten könnte man vielleicht an die Alte Post (früher Landhausstraße 13) denken, die wäre dann auch nur (geschätzt) 50 Meter vom alten Bauplatz entfernt.