Nürnberg - Rekonstruktion des Pellerhauses

  • Daß Nürnberg nicht Kulturhauptstadt wird, sondern Chemnitz, läßt die Chance wahrscheinlich wachsen, daß es doch noch gelingen wird, die Pellerhausfassade bzw. das ganze Pellerhaus zu rekonstruieren. Die Veranstaltung 'Kulturhauptstadt' wäre wohl rekonstruktionsfeindlich gesinnt gewesen, und es hätte so politischen Druck gegeben für eine kurzfristige Sanierung des heutigen modernen Vorderbaus.

  • Eine Denkmalwissenschaftlerin im Interview für die Süddeutsche:


    "Der Verlust eines Renaissance-Juwels namens Pellerhaus gilt bei machen Nürnbergern weiterhin als eine offene Wunde. Nach dem Krieg wurde mit einem Architekturwettbewerb entschieden, dass man dort etwas bauen muss, was an den historischen Platz passt - aber etwas komplett Neues ist. Was im Ergebnis sehr gelungen ist, wie man sagen muss. Diese Gebäude ist ein Symbol dafür, wie groß die Bandbreite der Ideen für den Wiederaufbau in Nürnberg war. Gäbe es nur Bauwerke wie die Burg oder das Heilig-Geist-Spital, würde das Nürnberg erheblich ärmer machen."


    "Trotzdem flammt immer wieder die Debatte auf, ob der Renaissance-Vorgängerbau komplett rekonstruiert werden soll.

    Das lehne ich natürlich ab - und zwar als Architektin und als Denkmalpflegerin. Das heutige Pellerhaus ist einfach ein sehr schönes Gebäude, um das es schade wäre."

  • Was kann man auch von einer modernistischen Architektin, die auch noch dazu "Denkmalschützerin" ist, denn anderes erwarten. Diese Leute sind doch zumeist stur wie ein Panzer. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt. Vielleicht darf ich doch noch eines Tages das, wie weiland Phönix aus der Asche, in alter Schönheit wieder auferstandene Renaissance Juwel Pellerhaus bewundern.

  • Kein Mensch hat sich für das Nachkriegs-Pellerhaus interessiert. Erst als ein Wiederaufbau ins Gespräch kam entdeckten die Architekten und Denkmalpfleger ihre Liebe zu dem belanglosen Gebäude. Verlogen und durchschaubar, weil es diesen Leuten gar nicht um den Erhalt wertvoller Bausubstanz geht, sondern einzig um die Verhinderung einer Rekonstruktion, die für die Nürnberger zum Initialerlebnis werden könnte.

  • Weil Nürnbergs bedeutende Sehenswürdigkeiten ja vor allem im Stil der Moderne errichtet worden sind. Das neue Pellerhaus, die Parkhäuser und die Einkaufshäuser sind ja schließlich in jedem Reiseführer als ein Muss eingetragen. Die Kaiserburg wird da nur so nebenbei erwähnt. Gott sei Dank ist alles so schön modern in Nürnberg. Wäre Nürnberg wie Bamberg, wo die Altstadt langweilig und viel zu homogen ist, würde niemand mehr die Stadt besuchen. Kein Wunder, dass keiner Bamberg besucht. Es gibt ja nicht mal Postkarten die als Motiv das Heilig Geist Spital oder das alte Bamberger Rathaus zeigen. Alles völlig banal und einfallslos. Die haben ja nicht mal ein Flachdach...

    Sarkasmus aus.

    Hat die Schönheit eine Chance-Dieter Wieland

  • Pellerhaus und Toplerhaus, da hat man in Nürnberg beim Wiederaufbau leider versagt.

    Der Nürnberger Wiederaufbau hat komplett versagt und überhaupt nichts Ansprechendes zustandegebracht. Die Nichtwiedererrichtung des Toplerhauses als Totalverlust in einer völlig zerstörten Umgebung, die letztlich peripher gelegen war, ist da noch die geringste Verfehlung. Die wirklich schweren Sünden liegen im zentralen Bereich, wo das Stadtbild mit relativ einfachen Mitteln noch zu retten gewesen wäre.


    Beim Pellerhaus ist vor allem die Lobhudelei hinsichtlich dieses Platzhalters enervierend. Was daran gelungen oder auch nur halbwegs ansprechend sein sollte, verschließt sich meinem Auge. Es ist einfach nur eine monströse Geschmacklosigkeit, nicht einmal richtig modern, sondern wie eine bizarre Entstellung eines nicht einmal nach Nürnberg, sondern viel eher nach Süd- oder Osteuropa passenden Stils.


    Das neue Pellerhaus, die Parkhäuser und die Einkaufshäuser sind ja schließlich in jedem Reiseführer als ein Muss eingetragen

    Nicht zu vergessen das Neue Rathaus, ein ganz besonderes Schmuckstück, das glücklicherweise diesen langweiligen altväterischen Bau substituiert:

    Bildergebnis für nürnberg hauptmarkt vor dem krieg

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Danke, diese Schönheit hatte ich ganz vergessen. Der Hauptmarkt hat seine Bekanntheit ja schließlich auch von diesem Bau und den anderen Nachkriegsgebäuden, die die perfekte Kulisse für den Christkindlesmarkt bilden, im Gegensatz zum schönen Brunnen und der Frauenkirche.

    Hat die Schönheit eine Chance-Dieter Wieland

  • Ihrer Aussage nach wären ja auch die meisten Städte Italiens, ärmer an Architekturschätzen als z. B. Essen. Ich frage mich wirklich wie man als Denkmalpfleger so fehl am Platz sein kann.

    Hat die Schönheit eine Chance-Dieter Wieland

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    Sie hat halt offensichtlich eine Vorliebe für die Denkmale der Nachkriegs- und Wiederaufbauzeit. Da ist nur die Frage, welches Denkmal wertvoller ist.


    Ich persönlich finde ja, daß ein Denkmal mit zunehmendem Alter immer wertvoller wird. Selbst wenn es rekonstruiert ist. Denn allein die überlieferte historische Idee und Bauweise sagt schon viel aus über die Entstehung der Stadt.


    Das "Mayersche Pellerhaus" kann ich aber irgendwie nicht als Denkmal anerkennen. Es hat, außer dem erhaltenen Erdgeschoss, keine Besonderheit vorzuweisen. Es blockiert nur den Raum für die Rekonstruktion.


    Was ich schon mal vorgeschlagen hatte, ist die Translozierung des Mayerhauses. Dann können es die Modernisten eben an einem anderen Ort bewundern.

  • Dieses Interview ist so verlogen und leider auch dumm, wie man es sich kaum denken kann. Die Adenauer-Ära habe die Städte verschandelt und nicht der Bombenkrieg. Das sei eben der moderne Zeitgeist gewesen. Regensburg habe die Zeichen der Zeit eben nicht erkannt, deswegen sehe die Stadt noch so rückständig aus. Man könne am Stadtbild nicht ablesen, wo die Zerstörung am Größten war. Das sei alles Legende. Nur: Jeder auch nur halbwegs historisch gebildete Mensch, wird ihr da widersprechen. Ich kann nach spätestens zehn Minuten an der Bebauung ablesen, wo die Bomben am schlimmsten gewütet haben. Und nach kurzer Recherche wird es auch jedesmal bestätigt. Ihrer Logik nach wäre ich bereits tausenden „Legenden“ auf den Leim gegangen.


    Ihre Aussage hinsichtlich der Kaiserburg und des Heilig-Geist-Spitals ist dann nur noch kindisch und ich frage mich danach, worauf sich ihre Expertise stützt. Sie suggeriert, dass die Kaiserburg die Regel sei und modernistischer Kompost die Ausnahme (das war eben der Spirit von Adenauer, der sich ‚hie und da’ niederschlug). Als hätte Nürnberg eine geschlossene Altstadt, wegen einer Burg, die gnädigerweise nicht ebenso behandelt wurde wie das Pellerhaus, das Grolandhaus oder das Toplerhaus. Von diversen gotischen Großbauten im Zentrum mal ganz abgesehen, die ebenso zerlegt wurden.


    Hier hätte man nachhaken und fragen sollen „abseits der Weißgerbergasse und Teilen des Ölbergs: nennen Sie bitte eine einzige weitere geschlossene historische Bebauung“. Aber der Interviewer war so unkritisch wie seine gesamte Zeitung und dementsprechend kuschelte er sich wohlig in die von ihm erhofften Antworten dieser „Architektin“ ein, sodass sie sich am Ende gegenseitig nur noch die gewünschten Stichworte hin- und her flüsterten.


    Als sie, um ihre Expertise zu stützen (bei den meisten wäre sie ironischerweise genau dadurch widerlegt), betont, dass sie immerhin als „Architektin“ spreche, wenn sie das Meisterwerk „Nachkriegs-Pellerhaus“ als schützenswert erachtet, war klar was ihre Triebfeder ist: die Minderwertigkeitskomplexe moderner Architekten, die nichts können, aber dieses Nichtkönnen so lange blumig zerreden, bis es die Zuhörer genügend langweilt, um -wie ein genervter Vater dem Genöle des Kindes am Ende nachgibt- zu sagen: dann bau halt mal, aber verschone mich mit den Rechtfertigungen für deinen Mangel an Talent.


    Nur so lässt sich auch ihre Begeisterung für Kassel (!) erklären. Eine „interessante“ Stadt, die einen wunderbar eigenen Weg nach dem Kriege ging (etwa so eigen, wie Stuttgart, Köln, Frankfurt, Hamburg, Hildesheim oder Heilbronn, um nur einige Perlen zu nennen). Am Ende ist die Ablehnung der Nachkriegsarchitektur aber eine „Generationenfrage“. Nach 70 Jahren ändert sich eben der Geschmack, wie eben beim Jugendstil. Diese „Argumentation“ setzt aber voraus, dass die Verhunzung der deutschen Städte in den vergangenen 70 Jahren irgendjemandem „gefallen“ hätte. Als hätten die architektonischen Feinschmecker der Republik Egon Eiermanns Gedächtniskirche oder Kletts Rathaus für Baedeker-würdig erachtet und damit geprahlt.


    Dass Madame den Jugendstil als gleichwertig zu der „Ästhetik“ der Nachkriegsstädten sieht, sagt eigentlich alles aus, was man zu ihrer ‚Expertise‘ wissen muss. Dass solche tumben Mensch:innen, deren eigener ästhetischer Kompass offensichtlich ebenso im Bombenhagel unterging, die neuen Wortführer:innen in Architekturfragen sind, ist nur noch traurig. Es findet sich nicht ein einziges Argument, das sich sachlich nachvollziehen ließe, jede Antwort resultiert aus ihrem „Bauchgefühl“:


    Qualität Jugendstil=Qualität Nachkriegsarchitektur

    Kassel=Beispiel gelungenen und einmaligen Wiederaufbaus

    Kaiserburg=geschlossene Nürnberger Altstadt

    Heterogene Nachkriegs-Stadtbilder=Adenauer

    Kriegszerstörungen=Legende

    Ästhetische Bewertung deutscher Nachkriegsarchitektur=eine Generationenfrage


    Immerhin kann man ihr dadurch nicht unterstellen, dass sie in ihrer Freizeit zu viel liest und angelesene Argumente wiederholt. Das ganze Interview liest sich als Bankrotterklärung der modernen Architektenzunft, das nur eines zum Ziel hat: die eigene Fantasie- und Talentlosigkeit anhand der geschundensten deutschen Städte zu rechtfertigen.

  • Letztlich ist die aktuelle Rekonstruktionsbewegung auch nur eine Gegenbewegung zu eben der im Interview sichtbaren Haltung einiger "Experten". Das alles steht ja in einem gesellschaftlichen Zusammenhang. Wäre die moderne Architektur glücklichmachender, dann würde man viel weniger über Rekonstruktionen diskutieren. Vielleicht sollte im Architekturstudium mehr Psychologie als Basis für mehr Kunst gelehrt werden, und erst danach Inhalte wie Konstruktionslehre, Gropius usw.

  • Zu viele Menschen im Denkmalbetrieb wie Frau Enss mit ihrer Haltung statt wissenschaftlicher Expertise sind das Problem, nicht etwa die scharfe Kritik an diesen Personen und ihrer Motivation. Dieser entscheidende Punkt in der Kritik an der staatlichen Denkmalpflege wird in der Debatte hier im Forum aber leider auch immer wieder relativiert und negiert mit dem Ergebnis, dass sich nichts ändern kann, solange solche Köpfe tonangebend sind und Gehör finden.

  • Zu viele Menschen im Denkmalbetrieb wie Frau Enss mit ihrer Haltung statt wissenschaftlicher Expertise sind das Problem, nicht etwa die scharfe Kritik an diesen Personen und ihrer Motivation. Dieser entscheidende Punkt in der Kritik an der staatlichen Denkmalpflege wird in der Debatte hier im Forum aber leider auch immer wieder relativiert und negiert mit dem Ergebnis, dass sich nichts ändern kann, solange solche Köpfe tonangebend sind und Gehör finden.

    Sicher überzeugt man im Diskurs dann schon eher mit Argumenten wie diesem:

    Die heutige Architekten (die Generation nach 1960) sind total unfähig, ihres Versagen in D. ist sichtbar und erdruckend.....

    Der Nachkriegsbau ist zwar aus den Fünfziger Jahren und der Architekt auch vor 1960 geboren. Aber egal, Hauptsache mal was kritisiert.

  • Auf der Vereinsseite ist im Blog ein Leserbrief von Dr. Pablo de la Riestra abgedruckt, der eine Antwort auf dieses Interview darstellt.