Fortgewischt sind alle überflüssigen Zutaten

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  • So lautet der Titel einer lesenswerten Abhandlung über die Kriegszerstörungen deutscher Städte am Beispiel Hamburg von Jörn Düwel und Niels Gutschow, die hier erhältlich ist.


    Hier wird wieder einmal herausgearbeitet, wie sehr die an sich schon gigantischen Zerstörungen durch alliierte Bomberflotten ins Unfassbare ausgeweitet wurden durch eine schon im Nazideutschland vorherrschende und nach 1945 gefestigte Bewusstseinslage in der deutschen Bevölkerung und zumal in Planerkreisen, wonach dieser Krieg  als ein letztlich willkommener Vernichtungsschlag gegen die alte Stadt mit ihren Fehlentwicklungen und eine Freisetzung des Neuen zu werten war. Die Deutschen hatten sich nicht nur „anästhesiert“ (W. G. Sebald) gegen den Anblick der Trümmerlandschaften, in tieferer Seelenlage wurde dieser Schicksalseingriff in die deutsche Stadtkultur sogar begrüßt, und umso bedenkenloser wurden die stehengebliebenen Torsi und Erinnerungen an die gewesene Stadt in einem gewaltigen Aufräumakt beseitigt.


    Mag auch die trotzige, vom „Führer“ vorgegebene Zuversicht („die zerstörten Städte werden schöner als zuvor wiedererstehen“) weithin eine Schutzhaltung gewesen sein, um gegenüber dem Ausmaß der Vernichtung nicht den Verstand zu verlieren –  die Lektüre dieses Buchs macht doch deutlich, dass das Schicksal der deutschen Stadt im 20. Jh. durch drei Faktoren bestimmt war: 1. durch die Vernichtungsorgie der alliierten Bomberverbände, 2. durch den nationalsozialistischen Impuls, anstelle der als überholt angesehenen „chaotischen“ Stadtgebilde einer dekadenten Großstadtzivilisation aus der Kraft der „Volksgemeinschaft“ heraus eine „planvolle klare Ordnung“, einen „zellenförmigen Aufbau der Stadt in bewusster Anlehnung an die politische Gliederung unseres Volkes“ zu errichten, und 3. durch den nach 1945 aufkommenden Geschichtshass, das Bedürfnis, möglichst alle materiellen Anknüpfungspunkte an das Gestern aus dem Blick zu bekommen und sich statt dessen auf die funktional ausgerichtete Modernität des verkehrsorientierten Stadtbaus zu konzentrieren.


    (Philoik.)

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