Weggebombte Geschichte

Was wir in zahllosen deutschen Städten beklagen, die weggebombte und abgeräumte Baugeschichte, das tritt uns auf einer bestimmten deutschen Insel erst recht mit brutaler Konsequenz entgegen. Da gibt es kein Wegsehen, kein Ausweichen in glimpflicher davongekommene Stadtteile, keinen Trost in heimeligen Bauerndörfern und Kulturlandschaften des Umlands.

Passend zur vorherrschenden sommerlichen Reisestimmung macht uns Herr Dr. Jan Heller auf die Insel Helgoland aufmerksam, auf der in den nächsten Jahren eine umfassende Erneuerung des in die Jahre gekommenen Baubestands ansteht. Bekanntlich wurde auf dieser Insel nach den Schrecknissen des Krieges eine komplette Ortschaft nach den Leitvorstellungen einfältigster 50er-Jahre-Moderne aufgebaut und bis heute konserviert. Nichts Historisches findet sich hier dokumentiert außer dem Zeitgeschmack der Fünfziger Jahre, so als ob die Insel erst in jenen Nachkriegsjahren besiedelt worden wäre. Ausgelöschte Geschichte, um nicht zu sagen: verfälschte Geschichte!

Herr Heller schreibt: “S.g.D.u.H., ich möchte sie aufmerksam machen auf einen Ort, der per Ensembleschutz gebaute Nachkriegsscheußlichkeit konserviert: Helgoland. Nichts ist von alter Inselherrlichkeit, nicht einmal ansatzweise, überlegt worden zu rekonstruieren. Bürgerhäuser aus viktorianischer Zeit, der Gouverneurssitz der Briten, alte Hafenspelunken, lediglich der alte Flakturm hat überlebt.

Ich habe mich höflich an die Stadtverwaltung gewendet, mit der Bitte, dass beim Inselumbau und geplanten Modernisierungen auch historische Rekonstruktionen in Betracht gezogen werden. Sie bedankten sich freundlich für meinen Vorschlag. Vielleicht lässt sich über die Website S.D. sanfter Druck ausüben, damit Helgoland nicht nur Landschaft pur bietet, sondern auch Architektur.

Positives Beispiel zu gelungenen Hafenumbauten der letzten Zeit bietet die Gosch-Initiative in List auf Sylt mit neuer Markt-Halle-Romantik. Das ist auch in Helgoland möglich, und nachdem der Verhinderer Botter nicht mehr im Bürgermeisteramt steht, auch nicht mehr unwahrscheinlich.”

Gehört es nicht zu den von der Denkmalpflege gehüteten Gemeinplätzen, dass möglichst alle Phasen einer Siedlngsentwicklung im Gebäudebestand dokumentiert sein sollten? Und wie enthusiastisch würden die Heerscharen von Touristen etwa auf rekonstruierte viktorianische Bauten ansprechen, welche von der britischen Epoche der Insel künden?

Mischen wir uns ein! Mehr dazu: Wikipedia-Artikel 

(Philoik.)

Comments 3

  • Bitte nicht so ernst nehmen. Der Hinweis auf viktorianische Bauten erklärt sich aus der Tatsache, dass solche in Deutschland natürlich außerordentlich selten sind und bei der latenten Anglophilie vieler Deutscher als umso lohnendere Rekonstruktionsobjekte gelten können. Davon abgesehen - britische Erinnerungen in Helgolands Erscheinungsbild sind ohnehin nicht zu übersehen.

  • Eine lobenswerte Initiative, aber ich verstehe den einseitigen Fokus auf den "Britischen Stil" nicht. Helgoland war - so sagen sie selbst- weitaus mehr...

    • Der Fokus liegt nicht auf dem "Britischen Stil" sondern auf einer architektonischen 3.Chance für Helgoland nach der 1. Zerstörung durch Bombardierung und "Bombodrom", und 2. Zerstörung durch Wiederaufbau mit starrem Beharren auf die architektonischen "Leistungen" der 50er und 60er Jahre des letzten Jahrhunderts, ohne die Baugeschichte der Insel Helgoland in den Jahrhunderten zuvor zu beachten.