Ein Brief, der zu Herzen geht

Wir alle kennen das: in Deutschland kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als hätte sich der gesamte Stand der Bauschaffenden, die Phalanx aus Bauträgern, Planungsbeamten, Denkmalpflegern, Architekten und Kritikern fest verschworen, ihren Landsleuten auch nicht den leisesten Anflug von Formenlust, Lebensfeier und Daseinskultur zu gönnen. Was aber mögen die Hintergründe sein, die geheimen Antriebe, den Menschen eine quasi pietistische Weltverneinung, einen mönchischen Asketismus aufs Auge zu drücken? Was verbirgt sich hinter dem moralisierenden Ernst, der alle Freude am Verspielten, Ausgeschmückten, Kunstvollen als infantil, spießig und gestrig abtut? Ist das ganze womöglich nichts anderes als eine verschleiernde Ideologie, die einerseits das Unvermögen des heutigen Architektenstandes, andererseits das profitable Bauen auf niedrigstem gestalterischen Niveau verbrämen soll?

Das Leiden der Deutschen an der Trostlosigkeit der meisten deutschen Städte vollzieht sich kaum bewusst, auf jeden Fall sprachlos. Umso kostbarer sind die Ausnahmen, etwa das Schreiben, das unser Verein dieser Tage von Frau N.-M. Meyenberg aus Hamburg-Ottensen zugeschickt bekam. Nehmen wir ihn als weiteren Ansporn, durch unser Denken, Reden und Tun eine Baukultur in Deutschland heraufzuführen, mit der sich Zukunft gestalten lässt:

Liebes Stadtbild Deutschland e.V.,

ich bin von Eurem Anliegen begeistert. Es ist wie nach Hause kommen. Ich habe fast zehn Jahre in Kiel gewohnt und die Architektur ist der Hauptgrund, weshalb ich weggezogen bin. Ich kann so nicht leben. Im Sommer kann man wegen der schönen Lage an der Förde darüber hinwegsehen, aber im Winter ist das Stadtbild grau in grau, deprimierend und beklemmend.

Kiel hat im Zweiten Weltkrieg seine Seele verloren. Und die Verantwortlichen lernen (noch) nicht dazu. Ich habe das Gefühl, jeder Neubau versucht den Nachkriegsbrutalismus noch an Hässlichkeit zu übertreffen und möglichst viel Beton zu verwenden. Nach dem Krieg, als es einfach nur darum ging, zu überleben, war das entschuldbar. Heute nicht. Und das macht mich traurig, weil Kiel früher so schön war. In Münster haben sie es besser gemacht.

Für mich spiegelt diese Nachkriegsarchitektur eine seelische Erstarrung wieder. Und jetzt, wo Bücher wie “Wir Kinder der Kriegskinder” einen Heilungsprozess in der Gesellschaft in Gang bringen, finden wir vielleicht auch wieder zu Innenstädten zurück, die leben. Wie innen so außen.

Damit meine ich keine toskanischen Villen in Deutschland (die nach meinem persönlichen Empfinden genauso wenig hierhin passen wie ein norddeutsches Reetdachhaus in die Toskana), sondern dass die alte, über Jahrhunderte gewachsene, authentische Architektur wiederaufgebaut wird – in Harmonie mit der Landschaft. Wenn zehn Toparchitekturbüros fünf Jahre lang an futuristischen Architekturinnovationen arbeiten, dann streichelt das vielleicht kurzfristig ein paar Egos und man gewinnt ein paar Preise. Aber das ist nichts von Dauer – verglichen mit der Seele, die alte Architektur hat. Denn das sind nun mal unsere Wurzeln, egal ob wiederaufgebaut oder seit Jahrhunderten unversehrt. Das Frankfurter Projekt und der Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden machen Mut.

Das sind wahre Friedensprojekte:

http://www.frauenkirche-dresden.de/alansmith.html

Wie schön wäre es, wenn wir eines Tages gemeinsam die Schönheit unserer alten Städte wiederbeleben würden – in Coventry, in Kiel, anderswo. Dann fallen die alten Grenzen nicht nur auf dem Papier. Ich glaube daran.

1000 Grüße und Danke***

Natasha-Maria Meyenberg

(Philoik.)





Comments 4

  • Kleine Anmerkung des Webmasters:


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  • Ein Brief der zu Herzen geht - das stimmt, ich habe ihn mir ausgedruckt. Danke an Admin!

  • Ein sehr rührender Brief. Wenn ich dann die Zeilen von Lucas Graf lese, ist die Misere perfekt. Es wird immer klarer. Von den "Alten" ist keine Revolution diesbezüglich zu erwarten. Die muss entgegen aller ideologischen Widerstände aus einer klar und selbstständig denkenden und fühlenden Jugend kommen.

  • Die mangelte Gestaltung in der heutigen Architektur ist nicht nur eine Frage des Wollens, sondern auch eine Frage des Könnens. Während meines gesamten Architekturstudiums habe ich so gut wie nichts über traditionelle Architektur gelernt. Als wenn die Geschichte der Architektur erst mit dem Bauhaus begonnen hätte. Das Wissen über deutsche Altstädte, Architektur und Städtebau vor 1933 usw. habe ich mir über die Jahre selbst angeeignet.


    Ich sehe die Wurzel des Problems schon in der Ausbildung der Architekten an deutschen Hochschulen. Hier wird doch immer noch das gleiche gelehrt wie damals in den 80-er Jahren.