Rosenheim, der Gillitzerblock

Gillitzer-Block

In den Jahren 1894 – 97 ließ der Unternehmer Thomas Gillitzer am südwestlichen Rand der Rosenheimer Altstadt zwischen Münchner Straße, Prinzregentenstraße und Herzog-Heinrich-Straße (heute Gillitzerstraße) als Initialzündung gründerzeitlicher Stadterweiterung einen Häuserblock errichten: 15 vierstöckige Wohn– und Geschäftshäuser und ein Nobelhotel nebst Badebereich in Neorenaissance– und Neobarockformen nach Plänen des Münchner Architekten Karl Stöhr.

1957 begannen Umbau– und Modernisierungsmaßnahmen durch den Karstadt-Konzern an der Südecke des Blocks, Ende der 60er Jahre Abriss und Neubau an dieser Stelle, in den 70er Jahren dann auch an der Prinzregentenstraße zugunsten eines Einkaufszentrums. Bürgerinitiativen erreichten, dass die weitere Expansion von Karstadt unter Erhaltung der Fassaden erfolgte. 1999 wurde die repräsentative östliche Blockecke für den Neubau eines Modehauses abgebrochen, die Gründerzeitfassade jedoch aufgrund des überwältigenden Votums der Bürgerschaft rekonstruiert – ein bislang in Deutschland einmaliger Vorgang!

Stadtarchiv Rosenheim

(Philoik.)

Comments 4

  • Welch eine Üppigkeit, welch eine Schönheit strahlen doch die Bauwerke des Historismus aus !
    Jede deutsche Ortschaft, die solche Kostbarkeiten in ihren Mauern bewahren durfte, kann sich
    glücklich schätzen !
    Zeitgenössische Architekten vermögen leider in der übergroßen Mehrheit nicht, Identität zu stiften.
    Ihre gruseligen Allerweltskuben verschandeln unsere Städte im Übermaß. Man sehe sich doch nur einmal gewisse Einkaufszentren an, die geradezu nach der Spitzhacke schreien.
    Europaweit werden derartige, impertinente Verhunzungen der Stadtbilder nur in Deutschland geduldet. Vertreter des Bauhausstils, der sich inzwischen längst überlebt hat, werden von unsensiblen Stadtverwaltungen auch noch hofiert. Ein Skandal. - Schön, dass die Rosenheimer Bürgerschaft Geschmack, Mut und Durchsetzungsvermögen gezeigt hat. Ein Beispiel, welches in Deutschland endlich Schule machen sollte.

  • Sehr geehrter Herr Müller,
    akzeptieren sie es, daß sie mit ihrem Urteil über das Gebäude einer Minderheit angehören. Die Mehrheit der Rosenheimer wollte es wiederaufgebaut sehen. Und auch ich erfreue mich an all der ornamentalen Fassadenpracht, die sie als schwülstig und überholt bezeichnen. Ich liebe derartige Gründerzeitgebäude, je mehr ich mich mit ihnen beschäftige. Vielleicht habe ich einfach das Glück, daß mein Blick nicht durch die akademische Modernistenbrille getrübt ist und ich mich nicht in sauertöpfischer Stilkunde ergehen muss um gestalterische Makel zu entdecken, sondern mich an solchen verschwenderisch schönen Bauten ganz einfach erfreuen kann.

  • Ich stimme voll zu:
    der scheussliche Geschmack der damaligen Generation, und d.i. die Generation des zweiten Kaiserreiches, macht mich in der Tat sprachlos!
    Dieses Gebäude ist in seiner Gestalt für mein Empfinden in etwa so prall wie der letzte deutsche Kaiser, und so überholt wie das Kaiserreich selbst! Da sind wirklich sämtliche Register gezogen worden, vom Balkon über Quadersockel bis Erker und Kuppelchen samt Pilaster in Kolossalordnung, das ganze in einer schwülstigen Art kombiniert, dass ich es eher bedauere, daß eine solche Fassade den zweiten Weltkrieg überdauerte und je erhalten wurde. Völlig lächerlich zudem , daß sich dahinter heute ein Kaufhaus verbirgt!
    Es mag sein, dass solche Gebäude auf den ersten Blick überwältigen, dass sie manchem als steinerne Zeugen eines auf uns gekommenen wahren "römischen" Architekturgeschmacks erscheinen. Um so mehr man sich mit dem Haus beschäftigt, umso mehr muss man es ablehnen.
    Solche Gebäude stehen in Deutschland nach wie vor in einer Masse wie Gleichheit wie Albernheit, daß selbst in Generationen noch genügend Anschaungsmaterial vorhanden sein dürfte.


    Wenn schon, empfehle ich, sich in Rosenheim und Umgebung mehr mit dem historischen Inn- Salzach- Stil so mancher Häuser - wenn auch oft überarbeitet - auseinander zu setzen, denn hier dürfte wirklich das Erbe der wenn auch schlichten Baukunst in unseren Bereich zu suchen sein. Und übrigens führt auch von diesem Inn-Salzach-Stil, mit den einfachen verputzen Fassaden und den kaum sichtbaren Grabendächern weit mehr ein Weg zur moderenen Architektur mit den viel geschmähten Flachdächern!

  • Es macht mich immer wieder völlig sprachlos, welch scheußlichen Geschmack die damalige Generation regelmäßig bewiesen hat. Unfassbar diese erhaltenen Schmuckstücke, ohne Not, durch architektonische Grausamkeiten zu ersetzen. Diese Zeit war einfach nur krank!