Richtungsweisendes aus Berlin



Es gehörte ja eine Zeitlang in deutschen Intellektuellenkreisen zum guten Ton, das Wiederaufbaugeschehen in Berlin nach der Wende mit Kritik und Häme zu überziehen, selbst wenn man damit international renomierte Architekten wie Renzo Piano oder Helmut Jahn abwatschte. Selbst die Nazi-Keule wurde zuweilen aus dem Arsenal geholt, um Hans Stimmann zu zeigen, was von den Ergebnissen seiner “kritischen Rekonstruktion” zu halten sei. Dabei übersah man geflissentlich, dass dieser zweite Berliner Wiederaufbau um Längen besser geriet als alles, was vierzig Nachkriegsjahre lang in deutschen Städten in West und Ost geleistet worden war.

Aber das ist Schnee von gestern. Resümieren wir heute, was bisher im “neuen Berlin” geschaffen wurde, so ist unübersehbar, dass alles Qualitätsstreben fortwährend an die Grenzen stößt, welche die gängige asketische Moderne unerbittlich vorhält. Es erweist sich stets aufs neue, dass diese Architekturrichtung lediglich dazu taugt, in einem historisch geprägten Umfeld hier und da einen Überraschungsakzent zu setzen, niemals aber dazu, ein ganzes Stadtquartier mit ästhetischer Substanz zu füllen. Selbst ambitionierte Nachkriegsinnenstädte wie die von Düsseldorf bezeugen die Dürftigkeit und Blutleere ausnahmlos modernen Bauens.

Wenn irgendwo in Deutschland, dann ist am ehesten in Berlin der Impuls zu beobachten, bei der Bebauung ausgedehnter Brachflächen endlich die Grenzen der kargen Moderne zu durchstoßen. Zumal die Flächen des ehemaligen Mauerstreifens südlich des Spittelmarkts entwickeln sich nach und nach zu einem Demonstrationsquartier für innerstädtisches Bauen, das dem Bedürfnis des Menschen, sich in einem visuell anregenden städtischen Umfeld zu beheimaten, Rechnung trägt. Nach Fertigstellung des Projekts “Wohnen am Spittelmarkt” nach Entwürfen der noch wenig bekannten Architekten Claus Neumann, Gregor Fuchshuber und Bernd Faskel (Foto oben) sind weitere Wohnbauten von Stephan Höhne, Marc Kocher und den Brüdern Patzschke zu erwarten. Es darf mit Durchbrüchen zu neuen Dimensionen von Stadtbaukultur gerechnet werden.



Bildquelle: Architekturbüro Patzschke u. Partner/LAGRANDE Management GmbH

(Philoik.)

Comments 4

  • Tolle Verbindung von alter mit moderner Architektur! Wenngleich die alten Gründerzeithäuser natürlich schöner sind, sind solche Häußer klassisch, edel und dennoch modern.

  • Diese Entwürfe sind mir schon aus dem DAF bekannt. Von dieser Sorte sind in Berlin derzeit noch einige mehr in Planung. Doch bei der immensen Größe der Stadt, ist das leider nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Diese Bauweise muss endlich zum Normalfall werden. Hier ist noch ein gutes Beispiel aus Leipzig. http://www.leipzig.de/imperia/…cht_katharinenstrasse.jpg

  • schöne Entwürfe! Ist ja auch paradox gewesen, dass viele in einem Altbau wohnen wollten, aber sich niemand getraut hat, die Vorteile eines Altbaus zu übernehmen und etwas "ähnliches" neu zu schaffen!

  • Sehr guter Artikel, man kann nur auf eine schnelle Wende weg von dem nüchternen, kopflastigen Moderne hoffen, damit nicht noch mehr verschandelt wird.