Die Zukunft der deutschen Städte

Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

  • Manch einer von uns mag sich dem Wahn hingegeben haben, mit den Pionierleistungen eines rekonstruierenden Stadtbaus in Dresden, Frankfurt/M. und Potsdam würde ein Damm brechen und landauf landab würden nun Lokalpolitiker, Journalisten und selbst Architekten in neuer Unbefangenheit darüber nachsinnen, wie deutsche Städte ihr weithin erbärmliches Erscheinungsbild durch Wiedergewinnung historischer Strukturen aufwerten können, um im Kontext des so viel beschworenen Europa eine halbwegs erträgliche Figur abzugeben.


    Aber so weit sind wir noch lange nicht. Im Bereich der Baukultur lassen deutsche Kulturwächter gerne Europa Europa sein, und seine „Werte“, in diesem Falle die baukulturellen, werden mit Achselzucken übergangen. Was zählt, ist die nationale Geschichte der Wiederaufbauzeit mit ihrer so typisch deutschen Notdurftarchitektur, die es unbedingt für alle Zeiten zu bewahren gilt. Überall in deutschen Städten, wo die in Beton gegossene Bescheidenheit und Selbstverleugnung jener Jahre allmählich das bautechnische und ästhetische Verfallsdatum überschritten hat, beschwören Architekten, Denkmalpfleger und Feuilletonisten den einzigartigen dokumentarischen Wert jener gebauten Zeugen eines Geschichtsmoments der wiedererstandenen Demokratie und verteidigen sie verbissen gegenüber allen Bestrebungen, die Baugeschichte nach internationalen Qualitätsmaßstäben fortzuschreiben.


    Dieser Geist des Konservierens einer kurzen und im gesamtgeschichtlichen Kontext so belanglosen wie glanzlosen Phase der Baugeschichte macht z.Zt. wieder einmal in Nürnberg von sich reden,  wo bekanntlich nach einigen Wiederaufbauleistungen der Nachkriegszeit die Schäbigkeit der Trivialmoderne als zeitgemäße adäquate Fortschreibung des kriegszerstörten Nürnberg gewertet wurde und wird.  Da beißt keine Maus einen Faden ab. Da können die Nürnberger Altstadtfreunde mit unglaublichem finanziellen und ideellen Einsatz den Innenhof des berühmten Pellerhauses wiederhergestellt haben; ihr Vorschlag, auch die Straßenfassade dieses Baudenkmals in den Originalzustand zu versetzen, wird von den tonangebenden Kreisen dieser Stadt rüde abgeschmettert. Bezeichnend ist auch die Äußerung des BDA-Vorsitzenden Andreas Emminger, das heutige (in den fünfziger Jahren neugestaltete und denkmalgeschützte) Pellerhaus komme „auf erstaunlich gelassene Weise mit der Potemkinschen Steintapete des Innenhofs zurecht“


    Ein halbes Jahrtausend bestand die wohl großartigste Altstadt Deutschlands;  andere Städte konnten ihr kostbares Erscheinungsbild vielleicht dreihundert Jahre bewahren bis zur Vernichtung im Zweiten Weltkrieg, manche vorbildlich gestalteten Stadtteile  bestanden nicht länger als vierzig Jahre, ehe der Absturz in die architektonische Nichtigkeit erfolgte, aus der bis heute keine Auferstehung sich abzeichnet. Wie aber werden sich die nächsten Jahrhunderte für die deutschen Städte gestalten? Eine Konservierung der Nachkriegs-Trivialmoderne auf unabsehbare Zeit hinaus ist unvorstellbar, ebenso unvorstellbar aber ist eine Überformung nach dem Modell Dubai. Es gibt für deutsche Städte nur die Option der behutsamen Wiederannäherung an die Stadtbauidee,  aus der ihre Ursprungsgestalt erwachsen ist. Das werden auch die Nürnberger Baugewaltigen irgendwann begriffen haben, und wenn dazu noch ein Generationswechsel vonnöten ist. Die von Dresden, Frankfurt und Potsdam vorgegebene Richtung ist in der Tat alternativlos, Schritt für Schritt wird sie das Baugeschehen revolutionieren, und auch das Verfahren des Rekonstruierens wird sich zunehmend als unumgänglich erweisen.


    (Philoik.)

    4.994 mal gelesen