Subtile architektonische Grenzüberschreitungen in Leipzig

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  • Ist es der genius loci der „Hauptstadt des deutschen Historismus“ (so – allerdings mit einem Fragezeichen versehen – wurde Leipzig im Jahr der Wiedervereinigung von dem Kunstwissenschaftler Wolfgang Hocquél tituliert), der anscheinend bislang nur in dieser Stadt unspektakuläre, aber dennoch bemerkenswerte Überschreitungen der ungeschriebenen Gesetze deutscher Nachkriegsarchitektur erlaubt, Grenzüberschreitungen, von denen zu hoffen ist, dass sie heilend, lockernd, bereichernd auf die gesamte deutsche Baupraxis ausstrahlen werden?

    Als im letzten Jahr in der Leipziger Kongresshalle der große Saal als Jugendstilsaal rekonstruiert wurde (eine Pioniertat im Umgang mit dem Jugendstil, der nur die frühere Rekonstruktion der Münchner Kammerspiele an die Seite zu stellen ist), erwies sich, dass dieser Geist des spielerischen Durchbrechens von Tabuschranken auch den Umgang mit der „Moderne“ erreicht hat. Eben diese Kongresshalle wurde durch zwei Neubauten ergänzt, den Telemannsaal und den Palmensaal (ein Restaurant), bei denen eine streng konstruktivistische Konzeption ins Ornamentale metamorphosiert. Inspiriert von den Fensterformen des älteren Weißen Saals, ersannen die sonst mit gängigen funktionalistischen Konzepten brillierenden Architekten des Büros HPP eine Struktur aus enggestellten Betonstreben an den Außenwänden, die sich nach oben hin schließlich verzweigen und durchdringen, so dass ein die Gebäude umschließender gotisierender Fries entsteht, ein Schmuckelement, das von außen wie von innen (durch die Verglasung hindurch) eine teils heitere, teils fast monumentale Anmutung bewirkt.

    Eine weitere Grenzüberschreitung kündigt sich in der Innenstadt am Burgplatz an. Wenn hier Christoph Kohl, der Schwiegersohn und geistige Erbe des großen Rob Krier tatsächlich zum Zuge kommt, werden wir erstmals wieder eine Geschäftshausfront erleben, die nicht nur einen innerstädtischen Platz schließt, sondern diesem auch ein Gesicht zuwendet, eine die übrigen Fassaden übersteigende, reicher gestaltete und streng symmetrische Platzfront, die – man höre und staune – erstmals wieder durch Skulpturen geschmückt sein wird. Was in dem sogenannten „Katharinum“ in der Katharinenstraße (gleichfalls von Krier/Kohl) noch etwas experimentell wirkt, dürfte hier zur Reife geführt sein: eine Platzfassade unserer Zeit, die endlich wieder dem Stadtbürger zugewandt ist, ihn ernst nimmt, sein Daseinsgefühl bereichert und überhöht, ohne das Selbstdarstellungsbedürfnis des Bauherrn zu vernachlässigen. Drücken wir die Daumen, dass dieser Entwurf ohne Abstriche verwirklicht wird!

    (Philoik.)

    Links mit Fotos: hier und hier

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