Nürnberg - 900 Jahre Stadtplanung

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  • 900 Jahre Stadtplanung Nürnberg

    Das Nürnberg der Vorkriegszeit war eine der schönsten Städte der Welt.

    Dieser lapidaren Feststellung hätten vielleicht manche der damaligen Bewohner widersprochen und auf Mängel, Enge und Überalterung hingewiesen; darauf hingewiesen, dass das ganze Gebiet innerhalb der Stadtmauern eher dem Mittelalter entstammen könnte, als dass es den neuen Idealen einer modernen Architektur des 20. Jahrhunderts entspräche.
    Aber im tiefsten Grunde ihres Herzens waren wohl auch sie, wie alle Nürnberger, stolz auf ihre Stadt.

    Auf das einmalige, türmereiche und burgengekrönte Stadtbild, auf die verschatteten Gässchen und wohnlichen Plätze, auf die alten Brunnen und Höfe, Erker und Madonnen, auf die hunderte Türmchen und tausende alter Häuser, die alle zusammen die deutsche Ausprägung europäischer Kunst und Kultur zum Ausdruck brachten, wie etwa Florenz und Venedig die italienische Variante.*
    Hauptmarkt mit Schönem Brunnen
    Über Jahrhunderte hinweg hegte und pflegte der Rat Nürnbergs das Stadtbild. Von Generation zu Generation passte er durch strenge Vorgaben jede neue Bebauung an die alte, bisher vorhandene an.
    Innerhalb der Stadtmauer drängten und duckten sich über 3500 historisch wertvolle Einzelhäuser, die meisten 500 bis 600 Jahre alt. Windschief und bucklig, erhaben und schön, stolz und bescheiden.
    Handwerkerhäuser, Patrizieranwesen, Wohnhäuser; französischer, italienischer und niederländischer Einfluss. Jedes einzelne stünde heute unter Denkmalschutz. Eine Bauverordnung, die schon im Laufe des 14. Jahrhunderts entstand, sorgte für ein nahezu organisches Stadtkunstwerk, wie es kaum ein zweites in Deutschland gab.

    Über 90% wurden am 2. Januar 45 verbrannt, zerschlagen, zermalmt. In einer Nacht dahingerafft von einem unseligen Krieg der vor drei Generationen begonnen wurde und dessen Folgen wir als Enkel und Urenkel heute noch spüren.
    Der ursprünglichste Teil der Altstadt, die östliche Sebalder Altstadt, brannte bis auf den glühenden Boden herab. Nach dem Krieg glich das Gebiet einem Fußballplatz ohne Rasen, genannt die "Sebalder Steppe". Es gab keinen Feuersturm, im Gegensatz zu Hamburg oder Dresden brannten die 600-jährigen Häuser des alten Stadtteils ganz still und langsam herunter - man könnte glauben fast so, als wollten sie ihren Abschied so lange wie möglich hinauszögern.
    Es gab nur wenige Städte die es damals noch schlimmer traf, einige ähnlich schlimm. Das Gesicht der deutschen Städtelandschaft - nicht nur das Alt-Nürnbergs - wurde durch den zweiten Weltkrieg für immer verändert.
    Viele Reste historischer Substanz wurden im Zuge der hektischen Wiederaufbauphase in den 60-er und 70-er Jahren und im Bestreben Nürnberg wieder zu einem wirtschaftlichen Zentrum zu machen, beseitigt.
    Von schätzungsweise 350 Häusern, die das Inferno der Bombardierungen überstanden, fielen nach dem Krieg nochmals 70 der Spitzhacke zum Opfer.
    Was also tun? Sicherlich kann man das alte Nürnberg, Dresden, Hildesheim, Würzburg, Lübeck, Frankfurt, Potsdam und all die anderen nicht bis ins letzte Detail rekonstruieren. (Das wäre alleine für Nürnberg schon eine Aufgabe, der sich die gesamte Bundesrepublik mehrere Jahrzehnte widmen müsste...). Sie alle sind in Asche und Feuer versunken.

    Giebelhaus, Ebnersgasse
    Aber Annäherungen an die vergangenen Stadtbilder vor dem zweiten Weltkrieg müssen doch möglich sein! Wie in jeder deutschen Stadt gibt es auch in Nürnberg Dutzende von Gebäuden, die uns viel Atmosphäre und "Stadtbild" zurückgeben könnten und die auf einen Aufbau warten. Viele Nürnberger Plätze könnten als "typisch" wiedererstehen und wie gern könnten dafür die quadratischen, grauen und seelenlosen Auswüchse der Nachkriegs-Architektur weichen!

    Es wird Zeit, dass unsere Generation den nächsten Teil der Verantwortung trägt und den Weg des Wiederaufbaus ein gutes Stück weiter beschreitet.
    Mit dem Wiederaufbau der völlig ausradierten Städte hat die Nachkriegsgeneration die ersten Grundlagen geschaffen, uns obliegt es, weiterzugehen.

    Das alte Nürnberg bis zum Januar 1945 – ein städtisches Gesamtkunstwerk
    Blick über das Häusermeer mit den beiden Kirchen Lorenz und Sebald, Fembohaus, 1935
    Einzigartig muss der Blick von der Burgfreiung auf das Gewirr spitzgiebeliger Dächer und Türmchen gewesen sein. Aus diesem Meer ragten die beiden Hauptkirchen St. Lorenz und St. Sebald, heraus.

    Pellerhaus, Innenhof
    Die Romantik prägte das Wort von "des deutschen Reiches Schatzkästlein", das beim Reichtum an Kunstschätzen, der Vielfalt an Bauformen - reichverzierten Höfen, Erkern, Chörlein, Brunnen und Hausfiguren - wohl nicht unberechtigt war. Neben Holz wurde vor allen Dingen Sandstein zum Bau verwendet, der vor der Stadt gebrochen wurde. Durch die strengen Bauvorschriften ergab sich über Jahrhunderte ein einheitliches, aber trotzdem nie monotones Stadtgefüge. Alle Häuser zeigten die Traufseite zur Straße, dabei waren höchstens drei- oder vier Stockwerken zulässig.

    Dürerplatz
    Die oft engen, dem hügeligen Gelände angepassten Straßen waren teilweise platzartig verbreitert, so dass die Stadt als Abfolge verschieden gestalteter Freiräume erlebt wurde.

    Hauptmarkt
    Ein Stadtbild, kaum glaubhaft mehr in seiner Versonnen- und Versponnenheit!

    Kettensteg
    Schon zu Dürers Zeiten (1471-1528 ) war die Stadt in ihrem äußeren Umfang und dem wesentlichen Bestand an historischen Bauten abgeschlossen.
    Was in späteren Zeiten hinzukam, konnte zwar das Bild noch bereichern, aber weder Gesamtform, noch architektonischen Ausdruck entscheidend verändern.
    Die großen städtebaulichen Veränderungen des 19. Jahrhunderts, denen andere Städte unterworfen waren, wirkten sich nur auf wenige isolierte Fleckchen innerhalb der Stadtmauern aus. Noch 1940 war Nürnberg eine Großstadt wie aus einer anderen Zeit.

    Museumsbrücke mit Pegnitzfassaden, links das Viatis-Haus
    1945 hatte Nürnberg innerhalb der Altstadt 90% der historischen Gebäude eingebüßt.
    Alles, was heute vorhanden ist, sind verglichen mit der Vergangenheit, stumme Zeugen, anklagende Reste. Man kann nur bemüht sein, etwas - ein wenig - wiederzugewinnen.

    Nürnberg wurde durch die Zerstörungen in seinen Grundfesten erschüttert aber dennoch nicht ausgelöscht. Das anatomische Gerüst des Stadtkörpers blieb mit seinen Fixpunkten Burg, Kirchen, Kommunalbauten und Befestigungslinien bewahrt und gibt die Möglichkeit zum Wiederaufbau. Wie sehr dieser Wiederaufbau aber noch mit Schmerzen verbunden ist und unwiederbringliche Verluste beinhaltet, sollen nachfolgende Bilder zeigen. Die Aufnahmen sind jeweils aus gleicher/ähnlicher Perspektive erstellt.

    Über den Dürerplatz hinweg von der Sebalduskirche, vor der Zerstörung
    Über den Dürerplatz hinweg von der Sebalduskirche, 2005

    Blick vom Turm der Lorenzkirche in Richtung Burg, vor der Zerstörung
    Blick vom Turm der Lorenzkirche in Richtung Burg, 2005

    Museumsbrücke mit Plobenhofstrasse, 1935, total zerstört
    Museumsbrücke, 2005

    Nassauerhaus mit angrenzendem Gebäudeensemble, 1935, total zerstört
    Nassauerhaus mit angrenzendem Gebäudeensemble, 2005

    Dürerplatz, 1935, total zerstört
    Dürerplatz, 2005

    Bergstrasse, 1935, total zerstört
    Bergstrasse, 2005

    Obstmarkt, 1935, total zerstört
    Obstmarkt, 2005

    Toplerhaus, 1935, total zerstört
    Toplerhaus, 2005

    Viatishaus, 1935, total zerstört
    Viatishaus, 2005

    Theresienplatz, 1935, total zerstört
    Theresienplatz, 2005

    „Was ist das Gesicht dieser Stadt? Man sagt mit einem gewissen Recht, die Mehrzahl der Nürnberger Patrizier- und Bürgerhäuser entstamme in ihrer heutigen Form dem 15. Jahrhundert. (...) Die auffälligste Eigenschaft ihrer Gassen ist die überall gesuchte Blickbegrenzung. Das Auge, das nicht abschweifen kann, verweilt in den nächstliegenden Bezirken, tastet wieder und wieder die vor ihm liegende bewegte Form der Häuserfronten ab und erhält dabei eine ähnliche Beruhigung wie in einem Innenraum. (...) Wenige Schritte ergeben ein neues Bild, es ist, wie wenn man in ein anderes Zimmer der gleichen Wohnung käme... (...)
    Es versteht sich von selbst, das mit Würdigung bedeutender Einzelbauten in einer solchen Stadt nichts gewonnen ist. Gewiss besitzt Nürnberg derer genug, aber sie erhalten alle erst ihren Sinn als Glieder (...) eines gewachsenen Ganzen, das eine unmittelbare Verwirklichung des städtischen Heimatbewussteins im mittelalterlichen Deutschland ist. (...)“
    Friedrich Kriegbaum, 1942
    Quellen/Bildnachweis:
    * Zitat Dr. Erich Mulzer
    KRIEGBAUM, TIETZENTALER; „Nürnberg“; Deutscher Kunstverlag; 1944
    EICHHORN, SCHRAMM, GÖRL; „3x Nürnberg“; Verlag A. Hofmann; 1995
    Bildbestand Altstadtfreunde Nürnberg e.V.

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