Das Dresdner Schloss

    • BautzenFan schrieb:

      Ich hoffe, es gilt Punkt 1, denn anderenfalls kommen die Rosetten NICHT wieder (weil sie nicht zur Raumgestaltung von 1767 gehören).
      Das wäre in der Tat schade, da der Stuck m.E. qualitativ recht hochwertig war, falls er aus dem 19. Jh. stammt, soweit sich das von den Bildern beurteilen lässt.
      Ich dachte auch eine zeitlang, das die Gestaltung der Englischen Treppe ein Original des Barock/Rokoko wäre und war doch recht überrascht als BautzenFan dann erwähnte, dass die Gestaltung aus dem Umbau Ende des 19. Jh stammt.
      Die Moderne verleugnet ihre Herkunft, weil sie fürchtet, die Auseinandersetzung mit ihr könnte sie überfordern - oder ihr gar ihre eigene Banalität vor Augen führen. — Dr. Melanie Möller
    • Allerliebste BautzenFan,

      hier ist das Foto, auf das sich Andreas bezog. Und bezüglich der gründerzeitlichen Stuckbereicherungen, so gab es sie in beiden Schlössern - in Moritzburg und in der Residenz!

      Die Rosetten im EPS sind eindeutig Altbestand, wurden damals bei der Veränderung wieder neu angebracht und kommen deshalb wieder :P
      Den Thron rechts hinten soll es an dieser Stelle aber nicht mehr geben, stattdessen war dort ein Fensterspiegel angebracht, der auch wieder dorthin kommen soll.
      (aus: Hans-Ulrich Lehmann: Hermann Krone - die Photographien: Werkverzeichnis. München/Berlin 2008)

      Nach dem Kupferstichwerk von 1719 sollten in allen Paraderäumen ursprünglich Deckengemälde kommen, aber dafür reichte damals aber für August weder die Zeit noch das Geld und so unterblieben sie.
      Ich muss mich übrigens korrigieren: Offenbar sollen lt. Deiner jetzt gepostetten Visu wohl doch keine Vergoldungen in den beiden Vorzimmern kommen. Schade eigentlich, aber vielleicht korrigiert man sich ja noch, es ist ja noch nicht zu spät. Und es war ja kein heute Lebender mehr dabei, der das Gegenteil belegen könnte... :rolleyes:
      Hannover ist eine mittelmäßige Stadt, aber dort sind viele, die sich große Mühe geben, etwas Besonderes daraus zu machen.
      Dresden ist eine besondere Stadt, aber hier sind leider viele, die alles versuchen, etwas Mittelmäßiges daraus zu machen (M. Roth)
    • Vor einiger Zeit war hier im Forum die Rekonstruktion der textilen Wandbespannungen im 1. Vorzimmer der Paradesuite thematisiert worden. Den Auftrag für die Wiederherstellung hatte die altehrwürdige spanische Teppichmanufaktur *Real Fábrica de Tapices* erhalten. Diese Firma hat nun einen hochinteressanten Videobeitrag ins Netz gestellt, in dem chronologisch der Herstellungsprozess dargestellt wird. Zur gedanklichen Auffrischung hier noch einmal die Visualisierung des Raumes (von Oktavian gepostet): Klick

      Und auch das hier sollte man sich vor dem Anschauen des Videos in Erinnerung rufen:

      Frankfurter Rundschau schrieb:

      Der Auftrag aus Dresden war eine Herausforderung für die Königliche Teppichmanufaktur, die seit Ende des 19. Jahrhunderts in einem eher unscheinbaren Neomudéjarbau in der Nähe der Madrider Altstadt untergebracht ist. „Seit vielen, vielen Jahren ist nicht mehr in so feiner Qualität gearbeitet worden“, sagt Pilar Felguera. Die Kettfäden aus Leinen, in die sie die farbigen Schussfäden aus Seide, Gold, Silber und Wolle am Hochwebstuhl hineinwirkte, lagen etwa um ein Drittel dichter beieinander als bei gewöhnlichen Wandteppichen. Was eine Präzisionsarbeit ohnegleichen erforderte.
      Fädchen um Fädchen baute Felguera gemeinsam mit einem Kollegen das Bild auf, täglich wuchs es gerade mal um ein oder zwei Zentimeter. „Allein für die goldene Krone habe ich zwei Monate gebraucht“, sagt Felguera.
      Quelle: http://www.fr.de/panorama/spanien-faedchen-um-faedchen-a-306449
      Nun aber zumVideo (etwa 10 min lang). Spätestens ab 6:10 gehe ich auf die Knie: :anbeten:

      Das sind keine Handwerker (nichts gegen Handwerker) - das sind Künstler.

      Der Link zum Video: Klick
    • Laut dem verlinkten Artikel:
      "Der Karton basiert auf einer der (im Krakauer Czartoryski-Museum) erhaltenen Originaltapisserien"

      So weit ich das verstanden habe, sind die jetzt hergestellten Tapisserien den wohl doch verbrannten Vorbildern anhand von parallelen Beispielen (wie dem aus Krakau) nachempfunden.

      Dieses Video ist ja einfach fantastisch. Es ist Kunst und Handwerk, eben Kunsthandwerk, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich bin sehr froh, dass Dresden und Sachsen dazu beitragen können, diese Kunst zu erhalten. Klar, wie in dem Zeitungsartikel geschrieben - das "braucht" niemand. Aber die Welt wäre ein bisschen ärmer, wenn es das nicht gäbe.

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    • Ich habe den betreffenden Textpassus aus dem Video mal abgepinselt (falls jemand hier mit guten Spanischkenntnissen aufwarten kann und freundlicherweise genau übersetzt):

      Tapiz original tejido en la manufactura de Jaques Nermot en 1734.
      Destruido durante el bombardeo del palacio de Dresde en 1945.
      Reproducción: Fabricada en un telar de alto lizo de la Real Fábrica de Tapices Madrid, según cartón inspirado en ejemplares similares del museo Czartoryski Krakau de Polonia.

      Der zweite Satz ist ja relativ einfach zu übersetzen: zerstört bei der Bombardierung des Dresdner Schlosses im Jahr 1945 - und das bezieht sich offensichtlich auf die Formulierung im voran stehenden ersten Satz: also auf den originalen Webteppich aus der Manufaktur von Jaques Nermot.

      Ich bin mir aber nicht sicher, ob diese Bildteppiche von Nermot 1945 überhaupt noch existiert haben. Das 1. Vorzimmer (zeitweilig auch 1. Kaffeesalon genannt) war seit etwa 1760 (1760 - dies eine Info von Oktavian) mit den so genannten *chinesischen Banden* geschmückt. Hier Vorkriegsfotos: Klick Klick

      Wenn die Wirkteppiche mit den blumenumrankten Säulen tatsächlich 1945 in Dresden verbrannt sind, dann an einem anderen Ort. Vielleicht in einem Depot? Denn dass sie sich am 13. Februar 1945 im Schloss befunden haben sollen, halte ich für relativ unwahrscheinlich. Ich habe noch nie gehört, dass nach 1760 ein anderer Raum im Schloss damit ausgestattet war, und mir wäre auch völlig neu, dass es im 20. Jahrhundert im Schloss (vor der Zerstörung) in relevantem Umfang Lagerkapazitäten für ein Ausstattungsdepot gegeben haben soll.

      Aber an eine Angabe will ich gern noch einmal erinnern, weil die so schön zum Video passt (offizielle SIB-Angabe aus einer Ausschreibungsinformation):

      Erstes Vorzimmer Bildwirkerei
      Endgültiger Gesamtauftragswert:
      Wert: 1 165 867,20 EUR

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von BautzenFan () aus folgendem Grund: Gerade gesehen: Meine "Übersetzung" war nicht exakt. Es heißt nicht *zerstört bei der Bombardierung von Dresden im Jahr 1945" sondern "zerstört bei der Bombardierung des Dresdner Schlosses im Jahr 1945". Habe es korrigiert.

    • Kaiserpalast schrieb:

      Wurden die Originale nicht abgenommen […] und sind tatsächlich verbrannt ? Das heißt die arbeiten anhand von Farbfotografien ?

      Manometer schrieb:

      Nein die Originale gibt's noch, nur arg in Mitleidenschaft gezogen, oder BautzenFan?
      Ich habe nochmal recherchiert und bin fündig geworden. Vom November 2013 bis Februar 2014 hatte die Rüstkammer (SKD) in Zusammenarbeit mit dem SIB eine Sonderausstellung im Schloss ausgerichtet; Titel: *Paradetextilien Augusts des Starken – Die Originale und ihre fadengenaue Rekonstruktion*. Dazu erschien ein detaillierter Ausstellungsführer mit gleichem Titel (nachfolgend von mir bei Quellenangaben von Zitaten als L1 bezeichnet). Zum diesbezüglich im Jahr 2013 erreichten Erkenntnisstand muss man wissen, dass die fundierten wissenschaftlich-fachlichen Vorbereitungsarbeiten für die Rekonstruktion der Paradetextilien(einschließlich erster Ausführungsarbeiten) schon einige Jahre vorher begonnen hatten – so etwa ab 2010).
      Zum 1. Vorzimmer wird nun Folgendes ausgeführt (Quelle L1, Kapitel: Die Bildwirkerei für das Erste Vorzimmer):

      Das textile Einrichtungsprogramm im Ersten Vorzimmer wurde 1719 durch „12 gewundene, reich mit Silber und Gold auf bunter Seyde durchwürckte Seulen“ dominiert. Damit waren 12 Wirkteppiche (Tapisserien) in Form einer Säule (Serie: colonnes torses) beschrieben, die vor 1769 durch andere ersetzt wurden [Anm.: mit „andere“ sind die *chinesischen Bande* gemeint. Sie schmückten das 1. Vorzimmer bis zur Bombennacht im Februar 1945.] Zum Verbleib der Säulenstücke gibt es leider keine Überlieferung.

      Meine Vermutung, dass die originalen Bildteppiche aus dem 1. Vorzimmer (aus dem Einrichtungsprogramm von 1719) 1945 gar nicht mehr existiert haben (und demzufolge in der Dresdner Bombennacht auch nicht verbrannt sein können), scheint sich also zu bestätigen. Okay, steht nicht ganz eindeutig da, aber ich interpretiere den letzten Satz im voran stehenden Zitat so: Die originalen Säulenstücke sind offenbar den Weg ungezählter anderer Ausstattungsteile in den Jahrhunderten der Schlossexistenz gegangen: Verschlissen, unansehnlich – auch „unmodern“ geworden und wahrscheinlich irgendwann „entsorgt“.

      Was aber nun als Grundlage für die Rekonstruktion nehmen, wenn die Originale nicht mehr vorhanden sind? Die Lösung hieß: wissenschaftlich begründeter Analogieschluss, nachfolgend in stichwortartiger Wiedergabe aus L1 (kein genaues Zitat):
      - Die Herstellung der Originale von 1719 wird der Berliner Teppichwerkstatt des Jean Barraband d. J. zugeschrieben.
      - August III. (Sohn Augusts des Starken und sein Nachfolger als polnischer König und sächsischer Kurfürst) hatte 1734 eine weitere Serie *colonnes torses* in Auftrag gegeben. Man nimmt an, dass dies anlässlich seines Regierungsantritts erfolgte – August der Starke war ja bekanntlich 1733 gestorben. Aus dieser Serie haben sich 2 Säulen im Czartoryski-Museum in Krakau erhalten. Sie sind von dem berühmten Teppichweber Jaques Nermot signiert.
      - Die wissenschaftliche Recherche belegte, dass sowohl den 1734 von Nermot geschaffenen Säulenstücken als auch denen der Serie von Barraband d. J. derselbe Entwurf des Landschafts- und Blumenmalers Gayot Dubuisson zu Grunde liegt. Deshalb konnte man davon ausgehen, dass in der Komposition und dem Anordnungsschema eine Übereinstimmung vorliegt.

      Einer der Originalteppiche aus Krakau ist in dem kürzlich verlinkten Video von 1:05 bis 1:26 zu sehen (zuerst wird ein kleineres Gesamtbild gezeigt, dann fährt die Kamera den Wirkteppich in Großaufnahme von oben nach unten ab) – man beachte das Motiv im Kapitell der Säule (Reiter) und die Anzahl (nämlich 6) der Windungen der Blumenranke. Hier noch einmal der Link: Klick

      Das weitere Vorbereitungsprocedere wird in L1 wie folgt beschrieben (wörtliches Zitat):

      Für den Webkarton wurde die Originalsäule [Anm.: also die aus Krakau, hergestellt 1734 in der Werkstatt von Jaques Nermot] zunächst im Maßstab von 1:1 fotografisch erfasst und anschließend bildkünstlerisch bearbeitet. Entsprechend der überlieferten Bildvorlagen von 1719 waren Veränderungen in der Höhe des Schaftes sowie im Kapitellmotiv erforderlich. So wurden die Windungen der Nermot-Säule von sechs auf fünf reduziert. Das sich daraus ergebende Maß stimmte mit der für das Erste Vorzimmer errechneten Höhe der ursprünglichen Tapisseriesäule nahezu überein. Im Kapitell wurden die heraldischen Elemente durch eine bekrönte Kartusche mit den Initialen des Königs ersetzt, so wie es der Gestaltung auf den grafischen Bildquellen von 1719 zu entnehmen ist.

      Für die bildliche Gestaltung des Säulenkapitells hatte man ebenfalls analoge Objekte zu Grunde gelegt (das ist also gleichfalls nicht „frei erfunden“).
      Im Video ist die modifizierte Version des Teppichs mehrfach zu sehen (das, was nun hergestellt wird). Zum Beispiel ab 8:46 für einige Sekunden. Man zähle wieder die Windungen (es sind fünf statt sechs) und beachte die Kapitellgestaltung im Vergleich mit dem Krakauer Stück.
      Abschließend zum Thema *Bildwirkerei für das Erste Vorzimmer* möchte ich unbedingt noch anmerken, dass die Arbeit der spanischen Teppichweber in L1 in höchsten Tönen gelobt wird (2013 war ja bereits ein erstes Exemplar fertig). Das qualitative Ergebnis muss wirklich exquisit sein (im Urteil der involvierten Textilexperten).


      Nun noch 2 weitere Informationen zu anderen Räumen, die der Quelle L1 zu entnehmen sind.
      Die „Königliche statua“ (Krönungsornat von August dem Starken, getragen 1697 bei der Krönung im Krakauer Wawel) wird im kleineren der beiden Bilderkabinette ausgestellt werden. Dorthin gelangt man direkt, wenn man durch die Tür rechts vom Thronsessel im Audienzgemach schreitet – eine inhaltlich sehr stimmige Abfolge. Die Königliche statua war übrigens seit dem Krieg noch nie dauerhaft in eine Ausstellung integriert. Die weitaus meisten werden sie also zum ersten Mal in natura sehen. Hier 2 Abbildungen aus neuerer Zeit: Klick Klick

      george-orwell schrieb:

      Mir ist aufgefallen, dass zu einem für mich ganz wichtigen Raum bis jetzt Garnichts gesagt wurde: Zum Eckparadesaal
      Weder im Flyer der SKD noch jetzt bei den Ausschreibungen wird darübergesprochen, insbesondere welche Nutzung er erfährt (kommt vielleicht doch noch ein Thron zurück)!
      Dazu findet sich in L1 folgende Information (wörtliches Zitat):

      Im Ecktafelgemach werden in Vitrinen ausgesuchte Teile des Tafelsilbers des 18. Jahrhunderts ausgestellt.

      Ganz offenbar verwendet man hier ganz bewusst die Bezeichnung *Ecktafelgemach* - denn genau das war die Funktion dieses Raumes in der Barockzeit. Die museale Präsentation von Tafelsilber ist wohl eine Reminiszenz an diese Nutzung. Als Thronsaal fungierte der Eckparadesaal erst im späten 19. Jahrhundert – u. a. als zeremonieller Hauptraum bei der Eröffnung der Landtage durch den sächsischen König. Soll heißen – ein Thron wird hier vermutlich nicht aufgestellt werden, denn das rekonstruktive Ziel basiert ja auf dem Zustand während der Barockzeit.
      Abschließend noch ein bemerkenswertes Statement von Holger Krause (einem der leitenden Mitarbeiter des SIB);
      Quelle: L1.

      Holger Krause schrieb:

      Beim Wiederaufbau des Schlosses stellt die Rekonstruktion von Innenräumen keinesfalls die Regel dar. Der Anteil von historischen [Anm.: hier können eigentlich nur die nicht ausgebrannten 5 Räume des Grünen Gewölbes gemeint sein] oder rekonstruierten Raumfassungen in allen öffentlichen Flächen des Schlosses wird nicht mal ein Fünftel betragen [Anm.: na immerhin]. […]
      Das überlieferte kulturelle Erbe verpflichtet uns, das teilweise erhaltene Ensemble und die geborgene Substanz nicht aufzugeben, um einen endgültigen Verlust zu verhindern. Die Wiederbelebung durch Vervollständigungen ist in diesem Fall besonders überzeugend.
      Die Einstellung der sächsischen Denkmalpfleger zu Rekonstruktionen ist ja bekanntlich sehr aufgeschlossen. Aber auch der SIB liegt erfreulicherweise auf gleicher Wellenlänge, wie das obige Zitat wieder einmal belegt. Über die besondere Positionierung der sächsischen Fachleute hatte Dankwart Guratzsch (Journalist der WELT) mal einen lesenswerten Artikel verfasst, den ich hier nochmals zitieren möchte.

      Dr. Dankwart Guratzsch schrieb:

      Die Außenansicht der Denkmalpflege
      publiziert in: „Mitteilungen des Landesamtes für Denkmalpflege Sachsen“,Jahrbuch 2005

      …Gibt es überhaupt eine typisch „sächsische“ Denkmalpflege? Ich behaupte, dass gerade das jüngste große Ereignis in dieser Stadt [Anm.: es war eine Rede gehalten in Dresden] – die Weihe der Frauenkirche – dies auf überwältigende Weise belegt. Die archäologische Rekonstruktion wäre mit diesem Anspruch, in diesem Geist, in dieser künstlerischen Vollkommenheit an keinem zweiten Ort in Deutschland möglich gewesen. Ich erinnere mich sehr genau der großen Wiedervereinigungskonferenz der deutschen Denkmalpfleger in Potsdam 1991, wo sich die sächsischen Denkmalpfleger erstmals vor Fachkollegen zu diesem alle bisherigen Maßstäbe sprengenden Vorhaben bekannten. Es lag eine knisterndeSpannung in der Luft, denn das Vorhaben, ein Bauwerk solcher Größe und Prominenz gänzlich aus Trümmern wiedererstehen zu lassen, schien alle Grundsätze einer verantwortungsvollen Denkmalpflege, wie sie in Westdeutschland zumindest gepredigt worden waren, aus den Angeln zu heben.

      Doch es passierte etwas Unvorhergesehenes. Das anfängliche ungläubige Staunen über eine derartige Provokation – es wich während der Tagung zuerst einem respektvollen Interesse, ehe es in stillschweigende Zustimmung umschlug. Eine Resolution gegen Rekonstruktionen musste in letzter Minute abgeändert, die Erwähnung der Frauenkirche aus dem Text herausgestrichen werden [Anm.: ich vermute, es war ursprünglich eine Negativ-Erwähnung dieses Vorhabens angedacht]. Zum ersten Mal nach Jahrzehnten der Mundtotmachung war es der sächsischen Denkmalpflege gelungen, sich nicht nur überregional Gehör zu verschaffen,sondern eine neue Position zu markieren. Der Regensburger KunstwissenschaftlerJörg Traeger erkannte darin mehr als nur einen Tageserfolg, nämlich eine„Veränderung des Denkmalbegriffes“ überhaupt.

      Diese selbstbewusste Positionierung konnte nur gelingen, weil die Denkmalpflege Sachsens unter den deutschen Ländern ihre eigene große Tradition hat, die – das ist das Wunder – in der Nachkriegszeit nicht abgebrochen ist, sondern unter Hans Nadler und seinen Kollegen kraftvoll weitergeführt und entwickelt worden ist. In Sachsen ist es der Altertumsverein gewesen, der schon 1825 dieDenkmalpflege als ein öffentliches Anliegen – man wird sagen können –„erfunden“ hat. Und es war das sächsische Königshaus, das bereits 1830 in der Gestalt des Prinzen Johann einen Gesetzentwurf „gegen die willkürlicheZerstörung und Entfernung von Monumenten“ vorlegte. Hierher nach Dresden wurde im Jahr 1900 der erste deutsche Denkmaltag überhaupt einberufen. Und hier wurdejener Denkmalbegriff entwickelt, der bis heute in Sachsen maßgebend gebliebenist und der über die dogmatisch verengte Sicht eines Georg Dehio hinausweist –ein Denkmalbegriff, der den Erlebniswert der Monumente einschließt und sie nicht nur als tote Dokumente abgelebter Zeiten versteht.

      …Ich erinnere mich an den Wiederaufbau der Semperoper, bei deren Innenausgestaltung mit Analogieschlüssen gearbeitet wurde. Dem Mut zu dieser Handlungsweise ist es zu danken, dass hier ein Werk entstand, von dem meine Zeitung 1991 schreiben konnte, dass auch noch sechs Jahre nach Fertigstellung 250.000 Anmeldungen für Besichtigungen vorlägen, so dass die Führungen auf drei Jahre im Voraus ausgebucht seien. Die fast gleichzeitig unter hohem Spendenaufkommen und nur unter erheblichen öffentlichen Druck wieder aufgebaute Frankfurter Alte Oper, die innen modern gestaltet worden ist, wollte zu diesem Zeitpunkt schon lange niemand mehr besichtigen. Soviel zum Erlebniswert.

      Diese freiheitliche Auffassung vom Umgang mit Monumenten hat die sächsischeDenkmalpflege bei ihrem Wiederaufbauwerk Taten ins Auge fassen lassen, die auch„Interpretationen“ und „Inszenierungen“ zuließen, vor denen andere wegen der fehlenden dokumentarischen Basis zurückgeschreckt wären. Ohne diese Auffassung von Denkmal wäre das unglaubliche Wiederaufbauwerk in der Ära Nadler, das Dresden seine berühmte Stadtsilhouette zurückgegeben hat, nicht möglich gewesen.

      Es wäre nicht möglich gewesen, die kühne Konzeption zum Wiederaufbau des Schlosses als Palladium Sachsens zu entwickeln, die ja ebenfalls mit den Sgraffitomalereien, dem Riesensaal und der Schützkapelle Vorhaben eingeschlossen hat, die in höchstem Grade spekulativ erscheinen mussten. Leider ist vieles davon zumindest vorerst aufgegeben worden. Aber eine Umkehr, einen Verzicht auf den eigenen Weg der sächsischen Denkmalpflege wird es nicht geben.

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    • Das Ziel aller Rekomaßnahmen am und im Dresdner Schloss ist es, einen in den jeweiligen Teilen möglichst authentischen Originalitätzustand (wieder)erstehen zu lassen.

      Im Großen Schloßhof heißt dies Reko des Zustandes vor dem Schlossbrand von 1701, um damit gemeinsam mit den erhaltengebliebenen steinernen Renaissanceteilen (Giebel, Treppentürme) die Sgraffiten wieder erbebbar zu machen. In der Folge wird man konsequenterweise jedoch auch die Freskierung am Altan wiederherstellen müssen, was einen Riesenaufwand bedeutet, v. a. an vorhergehender Grundlagenuntersuchung (deshalb auch so kostenaufwendig und nicht - wie FinMin Unland jüngst formulierte - "weil heute niemand mehr die Freskotechnik beherrscht" - was natürlich Unsinn ist).

      Bei den Paraderäumen im 2. OG hieß es "Fürstenhochzeit von 1719" als Fixdatum und zu diesem Zeitpuinkt gab es eben die Chinesischen Banden im ersten Vorzimmer noch nicht. Stattdessen werden die "Gewundenen Säulen" sehr kostenaufwendig und natürlich auch meisterhaft, wie wir in dem Filmbeitrag sahen, rekonstruiert. In der Folge wird dies aber auch nach sich ziehen, dass auch die barocken Leuchter ebenso wie auch der Thronbaldachin - beides war vor 1945 schon lange nicht mehr da - nach Analogien wiederhergestellt werden. Auch hier entfallen die Gestaltungen des 19. Jhs. (z. B. der Leuchter).

      Ich finde ja alles durchaus sehr schön und beeindruckend, was jetzt am Schloss geschieht, aber wie sinnvoll oder nicht eine solche Vorgehensweise ist, bei der alle Bestandteile des Schlosses "schöner denn je" werden, die es aber gleichzeitig so nie gegeben hat, sei dahingestellt und das müssen andere, fähigere Köpfe entscheiden als ich.

      Warum sich aber die gleichen Dresdner Denkmalpfleger (bis heute) so entschieden gegen Rekonstruktionen am Dresdner Neumarkt aussprachen, wo man mit Hilfe von Hunderten erhaltener Pläne, Aufmaße und Zeichnungen, aber v. a. auch mittels hochauflösender Großplattenaufnahmen sowie Architekturfragmenten eine - anders als im Schloss - bis 1945 weitgehend original (!) erhaltene Bebauung rekonstruieren wollte und dies nun auch tut, leuchtet mir bis heute nicht ein.

      Vielleicht ging es einigen ja auch nur ums Rechthabenwollen.
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    • Oktavian schrieb:

      Warum sich aber die gleichen Dresdner Denkmalpfleger (bis heute) so entschieden gegen Rekonstruktionen am Dresdner Neumarkt aussprachen, wo man mit Hilfe von Hunderten erhaltener Pläne, Aufmaße und Zeichnungen, aber v. a. auch mittels hochauflösender Großplattenaufnahmen sowie Architekturfragmenten eine - anders als im Schloss - bis 1945 weitgehend original (!) erhaltene Bebauung rekonstruieren wollte und dies nun auch tut, leuchtet mir bis heute nicht ein.
      Diesen Satz habe ich jetzt dreimal gelesen, aber ich kann dem Gedanken immer noch nicht folgen. Wer hat sich wann gegen was ausgesprochen, und wer rekonstruiert auf welcher Grundlage nun was?
    • Oktavian schrieb:

      Warum sich aber die gleichen Dresdner Denkmalpfleger (bis heute) so entschieden gegen Rekonstruktionen am Dresdner Neumarkt aussprachen...
      Mit Verlaub, Oktavian, aber diese Formulierung erscheint mir nicht korrekt - es geht nicht um DIE Dresdner Denkmalpfleger, Du meinst ja sicher die diesbezügliche Positionierung von Glaser (wobei ich die auch nicht nachvollziehen kann, wenn man bedenkt wie Glaser beim Schloss argumentiert und agiert hat).
      Aber wie gesagt, eine Allgemeingültigkeit für DIE Dresdner Denkmalpfleger besitzt diese Position von Glaser m.E. nicht. Nehmen wir mal zum Beispiel Prof. Magirius. Ich erinnere an seine Denkschrift "George Bährs Frauenkirche als Mitte der Bürgerstadt Dresden". Kernaussage des Aufsatzes: Das Juwel Frauenkirche braucht seine Fassung wieder. Untermauert wird dies mit den auch von Dir angerissenen Argumenten: es besteht für meisten Häuser eine hervorragende Dokumentation, viele Keller sind noch erhalten (zum Zeitpunkt, als der Artikel geschrieben wurde), es existieren Spolien. Magirius geht auch darauf ein, dass man angemessene Grundrisslösungen finden muss (also nicht Beschränkung auf die Rekonstruktion der Fassaden).
      Und es sei auch an das Leitbautenkonzept für den Neumarkt-Bereich erinnert, kreiert vom Dresdner Denkmalpflegeinstitut (federführend von Nadler). Auch darauf geht Magirius in dem genannten Aufsatz ein.
      Hier kann man den Artikel nachlesen: Klick
    • BautzenFan, du hast ja Recht. Ich will (dir und uns) ja auch nicht den Wiederaufbau des Schlosses madig machen.

      Aber ich meine neben G. schon noch eine andere Person in hohen Rang und Würden - nicht Magirius.
      Magirius ist alt und sein Einfluss ist heute in DD - mit Verlaub - nicht mehr so erheblich.
      G. hingegen sitzt hingegen überall nach wie vor in wichtigen entscheidenden Beratungspositionen und schwingt dort die entscheidenden Reden (siehe seine Präsenz an Ostern beim SZ-Interview mit der GK)

      Vielleicht bin ich ja auch nur verbittert darüber, wie alles gekommen ist.
      Hannover ist eine mittelmäßige Stadt, aber dort sind viele, die sich große Mühe geben, etwas Besonderes daraus zu machen.
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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Oktavian ()

    • Glaser wird bald bzw in absehbarer Zeit nicht mehr sein, aber wer wird dann nachfolgen? Wer wird dann als "die letzte Instanz" in diversen denkmalpflegerischen Fragen in Dresden herangezogen werden? Glaser ist in einer gewissen Weise ein selbstverliebter Selbstdarsteller, aber genau dadurch und weil er auch ungefragt seinen Senft zB zum Neumarkt hinzugibt, scheint er in der Denkmalpflege omnipräsent zu sein.

      Kann es sein, dass wenn man Glaser zum 1. Gesicht in der GHND gemacht hätte, wir heute viellecht nur Rekonstruktionen am Neumarkt erleben könnten und womöglich auch den Abriss den Kulturbalastmonsters erlebt hätten? Die Geschichte der Menschheit ist vor allem eine Geschichte der der Kränkungen! Wenn es viele historische Kränkungen nicht gegeben hätte, dann hätte Sir WC nicht...
      "Lieber Gott, schütze uns vor Dreck und Schmutz,
      vor Feuer, Krieg und Denkmalschutz!"
    • Exilwiener schrieb:

      Kann es sein, dass wenn man Glaser zum 1. Gesicht in der GHND gemacht hätte, wir heute viellecht nur Rekonstruktionen am Neumarkt erleben könnten und womöglich auch den Abriss den Kulturbalastmonsters erlebt hätten? Die Geschichte der Menschheit ist vor allem eine Geschichte der der Kränkungen!
      Seien wir doch ehrlich. Viel von dem Engagement, dass man als sogenanter "Ehernamtlicher" leistet, ist dann doch auch immer etwas Egoshow.
      Natürlich ist bei vielen ein Grundinteresse vorhanden am entsprechenden Thema, aber sind wirklich alle Kommunalpolitiker in Stadt und Land engagiert, weil es um die Themen geht? Wohl eher nicht. Und so sehr ich oktavians fachliche Expertise schätze, so ist auch da immer viel Ego dabei. Das ist ja auch gar nicht weiter schlimm, aber zum Ego gehört dann auch eben, dass man im Sturm steht, was übringens auch viele könne, was mir dann doch wieder Respekt abnötigt.

      Aber wir sollten eben davon abkommen, dass da nur Idealisten sitzen. Oft ist, wie Exilwiener es andeutete, weniger das Fachliche entscheidend, ob Projekte gelingen oder nicht sondern wie die beteiligten Leute miteinander zurecht kommen und ob man dem Ego des jeweils anderen genug Raum zum Leben lässt.
      Ich kenne die Anfangszeit der Gründung der GHND zu wenig, aber sicher wäre es in der Nachbetrachtung besser gewesen, man hätte zumindest den ein oder anderen, der heute die ganzen Probleme macht, irgendwie einbinden können. Aber seis drum, jetzt ist das alles sowieso Geschichte.

      Ich finde es nur eben immer interessant, wie viele Leute sich als an der Sache orientierte Kämpfer für eine gerechte Sache verkaufen, denen es in Wirklichkeit aber nur um eins geht, nämlich sich selber, die eigene Darstellung etc. Exemplarisch sei hier die Initiative der Neudenker in Potsdam erwähnt. Das ist ein Donald Trump Komplex im kleien. Hauptsache man stehht in der Zeitung. Ich kann diesem Selbstdarstellungkult nichts abgewinnen.
      APH - am Puls der Zeit
    • Wissen.de schrieb:

      Und so sehr ich oktavians fachliche Expertise schätze, so ist auch da immer viel Ego dabei.
      Bei deinen Auslassungen, liebster Wissen.de kann man nur noch sagen: "Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie da schreiben".

      Jemand, der wie du mich hier jahrelang via PN nach Neumarkt- und GHND-Interna ausgefragt hat, und dabei ganz offensichtlich nicht die zwei Eier in der Hose hatte, auch nur seine seine Identität preiszugeben (du erinnerst dich? Ich brach draufhin die Ausfragerei ab) muss MIR hier rein gar nichts über Einsatz, Mut, Bürgerengagement und angeblichen Egoismus predigen.

      JETZT habe ich hier endlich einmal meinem Ego gefrönt und stelle hiermit meine Tätigkeit bei aph ein.
      Hannover ist eine mittelmäßige Stadt, aber dort sind viele, die sich große Mühe geben, etwas Besonderes daraus zu machen.
      Dresden ist eine besondere Stadt, aber hier sind leider viele, die alles versuchen, etwas Mittelmäßiges daraus zu machen (M. Roth)
    • Das Wahnsinns-Engagement von Oktavian, bei dem ganz bewusst große berufliche Nachteile in Kauf genommen wurden, als Ego-Show abzuwatschen, ist schon starker Tobak (gaaaanz höflich ausgedrückt).

      Lieber Stefan,
      jetzt begebe ich mich auch einmal auf den Ego-Trip: Wer soll denn in Zukunft (zum Beispiel) Beiträge hier im Schloss-Strang fachlich korrigieren, ergänzen oder mit analogem kunsthistorischen Hintergrund bestätigen? Wir brauchen Dich!
    • Ich möchte zu dem Thema gar nichts mehr sagen, ich finde einfach nur, dass oktavian sich die letzten Monate einfach völlig unter Wert verkauft, wenn man ständig jammert. In jedem zweiten Beitrag steht mittlerweile wie ungerecht er sich vom Leben behandelt fühlt, wie schlimm doch alles ist. Das mag ja sein, ist sehr bedauerlich und tut mir für ihn persönlich auch leid, aber es hat in einem Forum nichts zu suchen, weil es auf Dauer einfach so wirkt als wolle man Mitleid und Aufmerksamkeit. Und das finde ich tut seiner Reputation nicht gut, daher mein Einwurf.

      Ich wünschte mir, oktavian würde einfach wieder viel stärker seine Expertise in den Vordergrund stellen und weniger den Kram drum herum. Und das sage ich, weil auch ich seine Fachkenntnisse extrem schätze!
      APH - am Puls der Zeit