Konstanz

    • Zeno schrieb:

      Riegel schrieb:

      Gleich beim Zugang in die innere Altstadt beschert uns ein historistischer Fachwerkbau von etwa 1900 neben dem Schnetztor eine städtebaulich falsche, aber sehr pittoreske Situation.
      Diese Situation empfinde ich seit unvordenklicher Zeit als Kitsch.
      So unterschiedlich sind die Wahrnehmungen. Pittoreske Situationen können im besten Sinne zur Identität eines Ortes beitragen. @Johan schrieb einmal treffend, dass ihm Kitsch lieber sei als Langeweile. Im Falle der Hirschapotheke vor dem Schnetztor möchte ich seinen Worten zustimmen. Wenn ich mir unweit entfernt die brachial- modernistische Überbauung des Stadtgrabens in Form von Bodanstraße 20-26 (immobilien-zeitung.de/profile/…danstrasse_20_26_Konstanz) betrachte, wünschte auch ich mir mehr historisierende Lösungen.

      Was @Riegel als falsche Situation bezeichnet, ist mir nicht ganz klar. Eine Platzsituation erkenne ich darin nicht zwingend, sondern vielmehr eine klassische Ecksituation im Bereich der Wegführung (heutige Bodanstraße) vor dem ehemaligen Stadtgraben. Oder ist explizit die Bebauung des Stadtgrabens in diesem Bereich gemeint? Folgende Darstellungen belegen, dass an dieser Stelle bereits Vorgängergebäude standen:






      Quelle: Truziges Constanz - Tore und Türme einer Freien Reichsstadt


      Jeder, der sich die
      Fähigkeit erhält Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.

      www.archicultura.ch

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    • Riegel schrieb:

      9) Auf das letzte Haus folgt eine platzartige Erweiterung der Hussenstrasse. Ob hier eine jahrhundertealte Baulücke (Hofstatt?) überdauert hat oder ein ersatzloser Abbruch erfolgte, weiss ich nicht. Jedenfalls wartet hier ein weiteres Kleinod wie jenes hinter dem Schnetztor auf. Ursprünglich als "Photographisches = Atelier" genutzt, befindet sich heute ein Blumenladen darin.
      Wenn ich es richtig sehe, lag dort die Pfarrkirche St. Paul bzw. deren Friedhof.
      Siehe z. B.:
      journals.ub.uni-heidelberg.de/…ticle/viewFile/15027/8909
      und
      leo-bw.de/detail-gis/-/Detail/…cher+Städte+II%0AKonstanz
      unter der Nr. 104

      Danke für Deine kurze fotografische Führung und die wie immer fundierten Kommentare. Ich hoffe auf eine baldige Fortsetzung.

    • Sehr interessant! Jetzt ist mir klar, wie man sich die rhein- und seeseitige Befestigung der Stadt vorstellen muss. So weit nach außen geschoben! Vor allem ist bemerkenswert, dass die Mauer demzufolge unmittelbar vor dem Konzilsgebäude an dessen Ostseite verlaufen ist, die heute die Schauseite ist, während ja heute direkt an seiner Westseite die Bahnstrecke verläuft.


      Konstanzer Konzil-Gebäude [Public domain], by selbst (Own work), from Wikimedia Commons
    • @ Zeno:
      Die Situation vom Bahnhof/Hafen entlang dem Konzilsgebäude vorbei bis zur Rheinbrücke ist sehr dispers. Deshalb ist es sehr schwer vorstellbar, wie hier die historische Situation mit Stadtmauer, Seeufer und Insel war. Am besten den Plan mit der eingetragenen Stadtmauer mitnehmen. Fotos unmittelbar bei der Rheinbrücke folgen.



      @ Citoyen:
      Danke für deine Erläuterung und die beiden sehr interessanten Links! Schon dutzende Male bin ich durch die Hieronymusgasse entlang dieser profanierten Kirche vorbeigelaufen und habe sie nie wahrgenommen...



      @ Zeitlos:

      zeitlos schrieb:

      Was @Riegel als falsche Situation bezeichnet, ist mir nicht ganz klar. Eine Platzsituation erkenne ich darin nicht zwingend, sondern vielmehr eine klassische Ecksituation im Bereich der Wegführung (heutige Bodanstraße) vor dem ehemaligen Stadtgraben. Oder ist explizit die Bebauung des Stadtgrabens in diesem Bereich gemeint? Folgende Darstellungen belegen, dass an dieser Stelle bereits Vorgängergebäude standen:
      Die Platzwirkung entsteht, weil hier mehrere breite Strassen aufeinander treffen. Die auf das Schnetztor zulaufende historische Kreuzlinger-Strasse weitet sich schon ein Stück weit weg vor dem Tor zu einer platzartigen breiten Strasse aus. Zudem ist sie reine Fussgängerzone. Die Bodanstrasse, entlang dem ehemaligen Stadtgraben, ist dreispurig, und biegt unmittelbar westlich des Schnetztores ab. Just in dieser kurve biegt eine weitere Strasse, die Döbelestrasse, ein. Zur Situation siehe hier die Vogelschauansicht:
      bing.com/maps?osid=59556f73-8e…le=o&v=2&sV=2&form=S00027

      Dafür kann die Hirschapotheke (der Historismus-Fachwerkbau) nichts. Wie ich nun vermute, steht ihre Rückwand genau auf den Stadtmauerfundamenten. Die Stadtmauer kann übrigens auf der Satelitenaufnahme nach Osten leicht weiterverfolgt werden, leicht schräg zur Bodanstrasse. Ein Stück von ihr ist infolge des Neubaus Bodanstr. 20-26 freigelegt worden (nicht rekonstruiert!).

      Die Situation auf den beiden Bilddokumenten mit den beiden einfachen Bauten unmittelbar neben dem Zwinger ist typisch für viele Vorstädte (die erste Zeichnung ist vor allem wegen ihren Beschriftungen bemerkenswert!). Meist waren es aber Einzelbauten, die eindeutig auf die Zufahrtsstrasse zum Tor gerichtet waren. Ganz sicher waren es aber keine Eckbauten, da die Seite zur Altstadt hin mit dem erhaltenen Torturm geschlossen blieb. Anders sähe es aus, wenn das Tor nicht mehr stünde. Dann sind seitlich oft Eckbauten errichtet worden. In diesem Sinne, weil das Tor eben gerade noch existiert, ist für mich die Hirschapotheke städtebaulich falsch.

      Während im 19. Jahrhundert nach Stadtgrabenzuschüttungen oft Grünanlagen angelegt wurden, enstand in Konstanz die geschlossene Häuserreihe entlang der Bodanstrasse zum Bahnhof hinunter.
    • @Riegel
      Danke für deine Erläuterungen zur Bewertung der Situation.
      Ich denke, es bleibt eine Frage der Interpretation, ob es sich heute (!) vor dem Schnetztor um einen Platz oder doch eher eine Kreuzung mit Eckbebauung handelt.
      Auch bei der spätmittelalterlichen Situation innerhalb der Vorstadt (genannt Stadelhofen) würde ich anhand des Stadtmodells bereits von einem Kreuzungspunkt sprechen, bei welchem das Vorgängergebäude der Hirschapotheke eine Ecke ausbildet.


      Ausschnitt Stadelhofen (Vorstadt) des Stadtmodells Konstanz im Spätmittelalter



      Ausschnitt Stadtkarte Konstanz von 1807 mit gekennzeichneter Kreuzung

      Die historistische Nachfolgebebauung (der Hirschapotheke) mag die ursprüngliche Bebauung und deren Bedeutung übersteigern. Sie besitzt an dieser Stelle jedoch durchaus eine geschichtliche Kontinuität wie sie im Gegensatz dazu z.B. an der Bodanstraße 20-26, einer ehemaligen Brauerei nach Abbruch und heutiger Folgebebauung, nicht gegeben ist.

      Infolge Stadterweiterungen durch Vorstädte, wie sie das Beispiel Stadelhofen zeigt, wurden innerstädtische Stadtgräben an der vormaligen Peripherie des älteren Siedlungskerns nebst ursprünglichen Torwärterhäuschen auf Grund des Flächenbedarfs, des Bevölkerungszuwachs etc. zunehmend bebaut. In diesem Zusammenhang darf beispielhaft an das Haus der Rottweiler Armbrustschützen auf dem Schwarzen Graben von 1569 erinnert werden. Spätestens mit dem endgültigen Verlust der Wehrfunktion mittelalterlicher Festungsanlagen zu Beginn des 19.Jahrhunderts werden solche innerstädtischen Grabenbereichen nach Auffüllung als Bauland freigegeben.
      Die Anlage von Grünanlagen fand hingegen meist vor oder anstelle äußerer Stadtgräben statt. Ein Beispiel dafür ist Villingen, wo die sogenannte Fülle“ abgetragen und durch begrünte Ringanlagen um die Stadtmauer ersetzt wurde.


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    • zeitlos schrieb:

      Ich denke, es bleibt eine Frage der Interpretation, ob es sich heute (!) vor dem Schnetztor um einen Platz oder doch eher eine Kreuzung mit Eckbebauung handelt.
      Ich habe nie geschrieben, dass es sich um einen Platz handelt, sondern nur von einer Platzwirkung. Dass vor Stadttoren schon in spätmittelalterlicher Zeit eine Kreuzung vorhanden ist, ist eigentlich nichts spezielles. Oft begleiteten Strassen die offenen Stadtgräben, um eine Verbindung zwischen den Toren herzustellen (sog. Grabenstrassen, Grabengassen). An solchen wurden oft Gewerbebetriebe angesiedelt, die man innerhalb der Stadtmauern nicht haben wollte. Eine solche Situation konnte entstehen, egal ob die Vorstadt auch in den Stadtbering einverleibt war oder nicht.

      Das (oder die) Vorgängergebäude der Hirsch-Apotheke war aber kein Eckgebäude, sondern ein das Tor flankierendes Gebäude. Mit seinem Eingang war es klar nur auf die das Tor zuführende Strasse ausgerichtet. Seine Seitenfassade war durch einen Garten von der "Grabenstrasse" (heute Bodanstrasse) abgesetzt. Also zwei Elemente, die klar gegen ein Eckgebäude sprechen. Das genau ist doch Architekturtheorie! ;) Die Hirsch-Apotheke wird ihrer Architektur erst gerecht, wenn das Schnetztor nicht mehr stünde.

      Nebenbei:
      Das Stadtmodell ist sehr eigenwillig und faszinierend zugleich, weil es die Stadtbefestigung in einem übertrieben grossem Massstab zeigt. Stadelhofen, also die Vorstadt, wird hier als beinah uneinnehmbare Trutzburg dargestellt.
    • @Riegel: Ich beziehe mich auf diese Aussage:
      1) Gleich beim Zugang in die innere Altstadt beschert uns ein historistischer Fachwerkbau von etwa 1900 neben dem Schnetztor eine städtebaulich falsche, aber sehr pittoreske Situation. Das Gebäude steht teils auf dem zugeschütteten Stadtgraben, teils auf der Feldseite der mittelalterlichen Stadtbefestigung. War früher die Altstadt durch Mauern und Tortürme gegen aussen geschützt und abgeschirmt, tut der Bau so, als wäre hier ein mittelalterlicher Platz. Das reich verzierte Fachwerk und die Türmchen sind der Altstadt von Konstanz fremd.
      Die Stadtbefestigung des Modells ist in der Tat maßstäblich überzogen und wirkt im Falle von Stadelhofen fast wie ein Bollwerk in Richtung Schweiz.

      Das vorgelagerte Gärtchen in Richtung Bodanstraße wurde aber offenbar bereits vor Errichtung der Nachfolgebebauung durch die heutige Hirschapotheke beseitigt, was die folgende kleine Chronologie zur Bebauung an dieser Stelle in Bildern festhält: alt-konstanz.de/Namen/Lohengrin.html

      Ich mag unsere Debatte, Riegel, und ich kann deine Einstufung des Vorgängers als Tor-flankierendes Gebäude durchaus nachvollziehen. Aber dieses Gebäude veränderte sich städtebaulich. Zuerst fiel das Gärtchen zugunsten der erweiterten Grabenstraße, heutige Bodanstraße, und in letzter Konsequenz entstand als Nachfolgebebauung die heutige Hirschapotheke, welche in einer Kontinuität zur Vorgängerbebauung steht und gleichermaßen der veränderten städtebaulichen Situation Rechnung trägt. Jetzt können wir tatsächlich von einem Eckgebäude sprechen, was nicht zuletzt durch den Erker unterstrichen wird.

      Schwierig fand und finde ich in diesem Zusammenhang der architekturtheoretischen Diskussion die Schlussfolgerung "falsch". Sie kann und hat mitunter zum Missverständnis geführt, dass Gebäude entbehrlich seien, zumal wenn sie einer Zeitepoche angehören, der wie dem Historismus, lange Zeit mangelnde Wertschätzung entgegen gebracht wurde. Stadtplaner, Architekten und Investoren zitieren dann solche Aussagen schnell und gern, wenn sie ihren Vorhaben dienlich sind. Deshalb mahne ich zur Vorsicht im Umgang mit solchen Begrifflichkeiten.

      Abschließend möchte ich sagen, dass ich Hirschapotheke und Schnetztor als identitätsstiftende, ja, auch als pittoreske, aber vor allem sich ergänzende, nicht miteinander konkurrierende Einheit erfahre. Und im Wissen um die Geschichte des Ortes sah und sehe ich darin durchaus eine sinnvolle Antwort auf die damalige städtebauliche Veränderung an dieser Stelle.


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    • Königsbau schrieb:

      "Da fehlt schon noch mehr. Die Post war mir offenbar keine Aufnahme wert."

      Da ist er wieder, der verächtliche Blick auf den Historismus. Für manche hier gibt es halt nur Altstadt und sonst nichts.
      Ich sehe aber, weiter oben war sie jemandem offenbar "eine Aufnahme wert". Danke dafür.
      Verächtlich schaue ich höchstens auf das, was seit einigen Jahrzehnten teilweise so gebaut wird. Für den Historismus gilt das auf mich bezogen ganz sicherlich nicht (wenn auch das Interesse daran zugegebenermaßen APH-bedingt in den letzten Jahren zugenommen hat). Man hat halt so seine Vorlieben und das gilt ja wohl für jeden und da sind schon andere Dinge, sei es Fachwerk oder generell das meiste vor 1800 für mich einfach interessanter, speziell seinerzeit 2005 in Konstanz, als die Dia-Fotografiererei doch auch noch ein wenig mehr ins Geld ging als digital heute.
    • Ich mach dann mal wieder mit der Fortsetzung der eigenen Aufnahmen von 2005 in der nördlichen Altstadt weiter.



      Niederburggasse 4

      „Das Gebäude ist seit 1457 belegt; es verkörperte ursprünglich eine Hofstätte mit einer im Süden anschließenden Schmiedewerkstatt- die sog. Rheinschmiede in der Niederburggasse 2
      …Die Dachkonstruktion datiert um 1420. (d)“
      bauforschung-bw.de/objekt/id/3…hnhaus-in-78462-konstanz/



      Konradigasse


      Konradigasse


      Konradigasse 7, Domschule

      „Bei dem untersuchten Gebäude handelt es sich um einen dreigeschossigen, um das Jahr 1351 (d) erbauten Massivbau.“
      bauforschung-bw.de/objekt/id/2…schule-in-78462-konstanz/



      Ehem. Dominikanerinnenkloster, Kirche


      Gerichtsgasse 15, ehem. Blarerscher Domherrenhof, erbaut 1612-20


      Portal vom Domherrenhof

    • Katzgasse 3, ein ganz klein wenig florentinisch

      1424-29 Bau des Gesellschaftshauses "zur Katze"
      http://www.bauforschung-bw.de/objekt/id/100051330312/weitere-seite/2/das-ehemalige-gesellschaftshaus-zur-katz-in-7750-konstanz/


      Katzgasse und Münster



      Der Obermarkt mit der Nr. 1 links, dem Hotel Barbarossa (erste urkundliche Erwähnung 1419) und dem wunderbar bemalten Haus Zum Hohen Hafen


      Wessenbergstraße 1, Haus zum Hohen Hafen

      „…geschmückt mit Wandbildern der Jahrhundertwendezeit, die von Carl von Häberlin für den damaligen Eigentümer Max Rahn ausgeführt wurden. Im Mittelpunkt der Malereien steht die Belehnung des Burggrafen von Nürnberg, Friedrich VI. von Zollern mit der Mark Brandenburg, die König Sigismund im Jahr 1417 auf dem Obermarkt vollzog, sowie der Besuch Wilhelms II. von Preußen im September 1888.“
      Sehenswürdigkeiten in Konstanz


      Obermarkt 1
      Der hübsche Renaissancegiebel stammt von 1601.

      Bauhistorische Analyse zum Renaissancegiebel
      http://www.bauforschung-bw.de/objekt/id/195889872820/weitere-seite/7/wohn-geschaeftshaus-renaissancegiebel-in-78426-konstanz/
    • Markus schrieb:


      Der Obermarkt mit der Nr. 1 links, dem Hotel Barbarossa (erste urkundliche Erwähnung 1419) und dem wunderbar bemalten Haus Zum Hohen Hafen
      Das Hotel Barbarossa (das gelbe Gebäude) wird ein Neubau in Heimatstilformen aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts sein. Für meinen Geschmack ist es viel zu wuchtig. Die Fassade täuscht drei Einzelbauten vor, und der Turm auf dem First erinnert mich an ein Rathaus. Wenn man nur schon die beiden hausbreiten Schleppgauben dunkler streichen würde, wäre etwas gewonnen. Den Obermarkt dominiert aber nach wie vor der Renaissance-Giebel von Nr. 1, obwohl er viel kleiner als der Hotelbau ist.
    • zeitlos schrieb:

      Abschließend möchte ich sagen, dass ich Hirschapotheke und Schnetztor als identitätsstiftende, ja, auch als pittoreske, aber vor allem sich ergänzende, nicht miteinander konkurrierende Einheit erfahre.
      Identitätsstiftend ist für mich (als Nicht-Konstanzer) das Ensemble auf jeden fall auch! Ich verbinde es mit frühen Kindheitserinnerungen, die ich hier mal niederschreibe. Meine Grosseltern wohnten in Kreuzlingen (der Schweizer-Seite Konstanz'), weshalb ich Konstanz schon sehr früh kennenlernte. Enorme Preisunterschiede gab es schon in den 1970er Jahren, weshalb man gerne Samstags einen Abstecher über die Grenze machte... (obwohl die Läden bis in die 1990er Jahre samstags um 13 Uhr schlossen! Es gab lediglich einen "Langen Samstag" pro Monat, an dem die Läden länger offen hatten).

      Zu Fuss resp. mit dem Auto kam man immer durch die Kreuzlinger Strasse, in der es penetrant nach Kanalisation stank. Auf halbem Weg bis zum Schnetztor stand rechterhand eine weiss gestrichene, spitzgieblige Fassade. Auch wenn sich dahinter offensichtlich Rotlicht-Milieu verbarg, erkannte ich schon als kleiner Junge an einem zugemauerten spitzbogigen Fenster in der Seitenwand, dass das einst eine Kirche gewesen sein musste (Jodokuskirche).

      Und plötzlich stand man vor diesem Tor, flankiert von diesem grossen Fachwerkbau. Der Höhepunkt in Konstanz war für mich aber das Spielwarengeschäft Klingeberger gegenüber an der Ecke Kreuzlinger-Strasse/Bodanstrasse (auf Abb. 1 meines Beitrages gerade rechts an den angeschnittenen 1990er Jahre-Neubau anschliessend), da hier die Kibri- und Vollmer-Modellbahnhäuschen nur etwa 2/3 des Preises in der Schweiz kosteten. Nach dem Besuch des Spielwarengeschäftes musste man damals diese schmuddeligste Fussgängerunterführung durchschreiten, um die Altstadt zu erreichen. Nachdem seit Jahren der Verkehr beruhigt worden ist, kann man wieder oberirdisch zum Tor gelangen. Die Kreuzlinger-Strasse ist mittlerweile auch an die Kanalisation angeschlossen, aber die Schaufenster an der ehemaligen Jodokuskirche sind immer noch mit roter Folie beklebt...
    • Riegel schrieb:

      Das Hotel Barbarossa (das gelbe Gebäude) wird ein Neubau in Heimatstilformen aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts sein.
      Im Kern dürfte der Bau doch alt sein:

      "Das "Barbarossa" besteht aus drei Bürgerhäusern: „Zum Kemli“, "Zum Egli“ (früher Visch) und "Zum grünen Gatter“. Das bedeutendste war das Haus "Zum Kemli“, das in einer Urkunde des Konstanzer Domkapitels aus dem
      Jahr 1383 als „neues Haus“ bezeichnet wird. [...] Unmittelbar nach dem Konstanzer Konzil Konzil 1414 -18 wurde das Gebäude des heutigen Barbarossa als Wirtschaft mit Tanzboden erwähnt. [...]
      Danach gab es einige Besitzerwechsel, bis 1520 Hans Schulthaiß auch das Haus „Zum Egli“ oder „Zum kleinen Hecht“ kaufte und somit beide Häuser in einer Hand waren. Man nimmt an, dass um diese Zeit ein Um- oder Neubau stattfand, denn im 1. OG des Hauses „Egli“ befindet sich eine Fenstersäule mit dem Familienwappen der Schulthaiß.[...] 1612/13 wurde von Marx Schulthaiß wieder ein Umbau vorgenommen, das Fassadenbild mit den Fensterformen entstand und ließ die beiden Häuser als Einheit erscheinen.[...]
      1874 erwarb Martin Miehle die Häuser „Zum Kemlin“ und „Zum Egli“ [...] Mit seinem Leitspruch „An historischer Stätte ein wahrhaft gastliches Haus“ baute Martin Miehle das Gasthaus zum Hotel um. Die Arkaden wurden geschlossen, es entstand ein neuer Treppenaufgang und im Hof wurden Anbauten für die notwendigen Nebenräume erstellt. [...] 1905 erwarb sein Sohn Karl noch das Nachbarhaus „Zum grünen Gatter“, die Fassade wurde neu gestaltet und das Hotel noch einmal umgebaut. [...] Die Dachgauben wurden vergrößert, der Aussichtsturm gebaut und das Erdgeschoss mit den Einfahrtstoren verändert. Damit war die äußere Erscheinung des „Hotel Barbarossa“abgeschlossen."

      Quelle (auch mit Ansichten vor dem Umbau von 1905)
    • Rathaus

      Das Rathaus besteht aus dem ehemaligen Zunfthaus der Leinweber an der Kanzleistraße und dem dahinter gelegenen Haus Zum Thurgau.


      Die Fassade zur Kanzleistraße wurde Ende des 16. Jahrhunderts im venezianischen Renaissance-Stil umgestaltet.


      „An der Front finden sich historistische Fresken von 1864, die Szenen und Personen aus der Stadtgeschichte darstellen. In kleinen Medaillons über den Fenstern des ersten Stocks finden sich Porträts von Ambrosius Blarer, Ulrich Zasius, Ignaz Heinrich von Wessenberg und Marie Ellenrieder; ein Bilderfries über den Erdgeschoss-Arkaden zeigt staatstragende Ereignisse: Der Friedensschluss Friedrich Barbarossas mit den Städten der Lombardei (Frieden von Konstanz 1183), den Besuch Friedrich II. (1212), die Belehnung des Hohenzollern Friedrich mit der Mark Brandenburg (1417) sowie den Kampf der protestantischen Stadtbevölkerung gegen die Truppen des katholischen Kaisers Karls V. (1548).“
      Sehenswürdigkeiten in Konstanz





      Das bekannte Renaissance-Rückgebäude
    • Weiter geht es durch die Hussenstraße:


      Erker der Nr. 2


      Nr. 10, zum blauen Sattel


      Nr. 14, Delphin

      „Die dendrochronologische Untersuchung zwei ausgewählter Bohrkerne ergab als Fälldatum die Wintermonate der Jahre 1314/1315 (d). Demnach wird die Errichtung des Gebäudes Anfang des 14. Jhs. datiert.“
      bauforschung-bw.de/objekt/id/1…hnhaus-in-78426-konstanz/

      Zum Inneren der Nr. 14 steht im Dehio: „Reiche Innengestaltung aus verschiedenen Epochen. Räume mit Konstanzer Bühnen, Maßwerk-Bohlendecken, Renaissancemalerei.“

      Wie bei etlichen anderen Häusern hat sich im Inneren einiges erhalten. Der Bildindex gibt dazu generell im übrigen einiges her.


      Bildarchiv Foto Marburg


      Stadtseite vom Schnetztor und Hus-Haus


      Schnetztor und Hirsch-Apotheke. Bei letzterer gefällt mir v.a. das bunte Ecktürmchen.

    • Neugasse



      Rosgartenstraße 3-5, ehem. zwei Häuser, Rosgarten und Schwarzer Widder, Mitte des 19. Jh. vereinigt, heute Museum





      Rosgartenstr. 4, Wolf, die Rokokofassade von 1774.









      Kaufhaus am Hafen

      Selbiges noch 1981:


      Eventuell folgen zu Ostern noch Aufnahmen zum Heiligen Grab im Münster, ansonsten war es das von mir bezüglich der Bilder aus dem Jahr 2005.
    • Gründerzeitbauten (und anderes) in der Altstadt (Teil 2/2)

      Neu



      10) Der Sankt-Stephans-Platz ist kein "mittelalterlicher" geschlossener Platz. Er liegt zwischen der Hussenstrasse und der westlichen Stadtmauer, einem Randgebiet, das seit jeher nicht so geschlossen bebaut war wie die zentrale Altstadt. Seine heutige Gestalt dürfte dem 19. Jahrhundert entstammen. Ursprünglich war das Areal wohl Teil des Stiftes St. Stephan, dessen Kirche an den Platz grenzt. Heute ist er gesäumt mit Bauten unterschiedlichster Stilrichtungen.






      11) An seiner Ostseite steht dieser eigenwillige Gründerzeitbau von kurz vor 1900. Typische Baumeisterarchitektur jener Zeitepoche, sicher kein Glanzstück in Architektur. Die Sandsteinwerkstücke wie Fensterarchitekturen, Simsen etc. seiner Fassaden stammen aus dem Bauteilkatalog und sind motivationslos in die Backsteinfassade eingesetzt.

      Was für Gedanken den Entwerfer bei der Wahl zur Form des Eckgiebels geritten haben, ist mir ein Rätsel. Jedenfalls ist das Haus dadurch unverwechselbar geworden.






      12) Der Eckgiebel übereck betrachtet auf die Seite zur Münzgasse hin.






      13) Der entgegengesetzte Blick schweift zum Hotel Graf Zeppelin an der Münzgasse hinüber. Ein wunderbarer Bau von 1905, der mich an die Frankfurter Rathauserweiterung erinnert. Ob der Stein tatsächlich von Natur aus so dunkel ist oder so gestrichen wurde, kann ich auf der Foto nicht mehr erkennen. Städtebaulich steht der Bau innerhalb des Konglomerats von unterschiedlichsten Bauten ziemlich allein da. Beim niedrigen gelben Nachbarbau links würde es mich nicht wundern, wenn man auch da auf 700-jährige Bausubstanz stossen würde.




      Gehen wir wieder zurück zur Hussenstrasse und auf die andere Seite zur Zollernstrasse.

      Riegel schrieb:

      Markus schrieb:


      Bei den beiden linken Häusern, dem „Weißen Windhund“ und dem „Pfau“ (Zollernstraße 23 und 25) waren die Arkaden früher wie auch beim Hohen Gewölbe offen.
      Das weisse Gebäude, Zollernstr. 27, "zum hohen Gewölbe", gemäss Fassadeninschrift 1377 erbaut, ist ein Neubau von etwa 1975!



      14) Man erkennt in den Flächen der beiden Kreuzgewölbe die Betonschalungsstruktur aus schmalen Holzlatten. "Betongewölbe made in ca. 1975".






      15) Gleich gegenüber (man sieht die beiden Arkadenbogen sich spiegeln) befindet sich in Zollernstr. 14 ein Schuhgeschäft, das in einem fast museal restaurierten Ladenlokal eingerichtet ist. Solche Lokale, meist mit grösserer Raumhöhe und weiss oder grau gestrichenen, urtümlichen Holzbalkendecken trifft man in der ganzen Altstadt immer wieder an.
      >> uwerauhutschuhe.de (mit weiteren Innenansichten)






      16) An der Zollernstrasse 10 steht auch ein historistischer Baukomplex, der weder positiv noch negativ auffällt. Aus architektonischer Sicht kann ich ihm aber nur wenig gute Haare lassen. Ich meinte, irgendwo an der Fassade mal das Baudatum gelesen zu haben, welches um 1900/1905 zu suchen ist.

      Die Traufständigkeit, Kleinteiligkeit und Materialisierung in den typischen Konstanzer Gassen sucht man hier vergeblich. Man erkennt dem Bau auch überhaupt nicht an, ob sich hinter den Fassaden ein Verwaltungs-, Wohn- oder Geschäftsbau verbirgt. Mit den Proportionen hatte der damalige Architekt wohl seine Mühe, denn nur so kann ich mir erklären, weshalb das gesamte Gebäude in der Höhe wie zusammengepresst wirkt.

      Meine Architekturkritik beginnt schon beim schwerfälligen Eckerker, der auf einer Art Konsole sitzt, die durch Abschrägung der Hausecke entstanden ist.






      17) Der Haupteingang wirkt alles andere als einladend; ich käme mir vor, als würde ich ein Gefängnis oder eine Kaserne betreten. Darüber wieder ein Erker, dessen Zierrat ziemlich lieblos zusammenkomponiert ist, inklusive Sahnehäubchen. Zudem wird er an seiner Unterseite vom gesprengten Giebel des Tores regelrecht aufgespiesst. Historische Erker, also solche vor 1800, sind zudem meist in eine Fenstergruppe eingebettet. Hier stimmt aber mit den benachbarten Fenstern überhaupt nichts überein.






      18) Auch bei der Wahl des Steines hat sich der Architekt oder Bauherr vertan. Heimisch ist am Bodensee der bläulich bis grünliche Rorschacher oder St. Margrethener Sandstein.






      19) Nach einem grossen Sprung an Münster und Konzilsgebäude vorbei erreicht man die Rheinbrücke. Sie steht heute weiter östlich als die mittelalterlichen Brücken bis ins 19. Jahrhundert, von denen nie eine baukünstlerisch auffiel. Während bei historischen Brücken meistens die Brückentürme geschleift wurden, ist es in Konstanz gerade umgekehrt, indem der Rheintorturm (13./15. Jh.) heute allein ohne Brücke da steht.

      Zur Orientierung im Bild:
      Von links kommt die Strasse von Bahnhof/Altstadt her und verläuft nach rechts parallel zur Eisenbahn über den Rhein "ganz nach Deutschland" hinüber. Nach hinten geht's am Rheintor vorbei um die Altstadt wieder in die Schweiz zurück.






      20) Rechts von der Brücke hat man einen Blick über den Bodensee der ganzen Länge nach. Theoretisch müsste man Bregenz und Lindau sehen, aber die Erdkrümmung verhindert, dass man bspw. von Lindau her die Spitze des 78 m hohen Konstanzer Münsterturms sehen kann.

      Am nördlichen Bodenseeufer erreicht man die Seestrasse mit der einige Beiträge vorher erwähnten historistischen Gründerzeitbebauung, die als Filmkulisse zu "A dangerous method" diente.






      21) Von der architektonisch anspruchslosen Rheinbrücke aus ein Blick zurück zum Rheintor und weiter hinten zum Pulverturm. Von einst über 20 Stadtbefestigungstürmen existieren nur noch diese zwei, das Schnetztor und ein zu einem Wohnhaus umgebauter Turm.