Architektur des Historismus - differenziert betrachtet

    • Es geht bei all diesem schlicht und ergreifend darum, was ist (große) Kunst und was Kitsch?

      Es ist doch im Grunde dasselbe wie die Frage, was denn nun der Unterschied ist zwischen der Mona Lisa Da Vincis und den mehr oder weniger schönen Ölporträts, die auf den Plätzen der weltweiten Touristenszentren verkauft werden.
      Wer diesen Unterschied kennt und wahrnimmt, der weiß auch, warum Ottobeuren große Baukunst und das Dresdner Schörkelhaus Kitsch ist bzw.war.

      Große (alte) Kunst zeichnet immer eine Haltung aus, die über sich selbst hinausweist. Man sagt auch "eine Sache hat Stil, sie hat Haltung".

      Das geht schon mit dem - zunächst schnökellos (!) konzipierten - Grundkonzept dieser Bauten los, wo zu jener Zeit (alöso im Barock) die Architekten hochgenial gleich mehrere Teilräume miteinander zur Durchdringung kommen ließen. Da muss selbst ein Experte 5-6 mal hinschauen um das zu erkennen und nachvollziehen zu können. GENIAL ist das.
      Weiter im Text: Die "Schnörkel" in Ottobeuren sind ja bekanntlich Rokokodekorationen. Diese entstammen alle - mehr oder weniger über das Hochbarock und die Renaissance vermittelt - aus der römischen Antike und sind circa hundert Millionen Mal abgewandelt und verändert worden, haben sich evolutionär auseinander entwickelt. Aber man weiß und verspürt noch, wo das Ganze herkommt.
      Und diese fantastische Inszenierung, in der Raumform, Plastik, Stuck und Malerei so vollkommen ineinander übergehen, nennt man nun Gesamtkunstwerk.
      Und bei diesem Gesamtkunstwerk, genannt Ottobeuren, dient nun alles einer Haltung und Aussage, nämlich dem ewigen Lob Gottes, der hier, quasi kraft seiner "Wassersuppe" alle Elemente in Bewegung versetzt und zum Tönen bringt. Der (illusionistisch gemalte) Himmel geht oben an der Decke auf und die gemalten oder stuckierten Heiligen und die Märtyrer und die Engel und die Putten und alles was dazugehört, machen dabei mit..... Herrlich!

      Man muss so etwas, rein privatgeschmacklich betrachtet, nicht mögen und ich gebe zu, ich mag das schlichte, aber in keinster Weise weniger geniale protestantische Barock in Sachsen und Preußen viel mehr (deshalb lebe ich ja auch soooo gerne hier...).
      Aber Ottobeuren ist halt vollkommen unstrittig und nachweisbar große, große Baukunst und der Dresdner Schnörkelbau war eben nur ein wild aus dem Versatzkasten zusammengeschustertes "Irgendetwas" hintercdem keinerlei aussage oder Haltung stand.
      Es gibt eine mehr oder weniger schöne Geschichte aus dem 19. Jh. aus Wien. Dort spottete man nach der Vollendung des eben auch nicht gerade gelungenen Opernhauses am Ring: "Der Sicardsburg und van der Nüll [= die Namen der beiden Architekten], die haben beide keinen Styl [mit "ü"], ob Griechsich, Römisch, Renaissance, es ist bei ihnen alles oans". Dieser Satz sagt eigentlich alles aus, worum es hier geht. Leider brachte sich von Sicardsburg daraufhin um...

      [Nebenbemerkung zu Preußen: Ich habe heute Nachmittag viel über Schlüter und sein Konzept des Berliner Schlosses gelesen: Ja, auch dieses Bauwerk war und ist Weltarchitektur allerhöchsten Ranges, das abzureißen ein Verbrechen war und das man nun glücklicherweise rekonstruiert. Aber es war halt eben auch nicht nur ein schöner großer Schnörkelkasten, dessen einzige Bedeutung in der städtebaulichen lag (die hatte es natürlich auch), damit die Linden an ihrem Ende geschlossen waren].

      Vielleicht sollte ich langsam doch mal anfangen, Vorlesungen zu halten.
      Zack und schon ein Fehler: Van der Nüll hat sich "umbroacht" - nicht der Sicardsburg. Der starb dann aber kurz danach, ein Jahr nach Eröffnung der Oper. Da lob ich mir doch mein Dresden, das hatte "SEMPER FORTUNA" :engel:
      Hannover ist eine mittelmäßige Stadt, aber dort sind viele, die sich große Mühe geben, etwas Besonderes daraus zu machen.
      Dresden ist eine besondere Stadt, aber hier sind leider viele, die alles versuchen, etwas Mittelmäßiges daraus zu machen (M. Roth)
    • Wir reden aneinander vorbei. Du argumentierst (völlig legitimerweise) vom kunsttheoretischen Standpunkt aus, ich vom Stand des vorbehaltlosen Schönheitsempfindens.
      Oder einfacher gesagt: Ich kann ein Ölgemälde vom Antiquariat jederzeit einem mit Millionen Euro versichertem Bildnis aus dem Louvre vorziehen, auch wenn mir völlig klar ist wie beide Werke sich in ihrer Bedeutung zueinander verhalten. Genauso kann ich ein Gründerzeitgebäude ästhetisch für gelungener halten als einen Barockbau, wenn ich mich mal völlig frei mache vom Gedanken über deren jeweiligen historisch-kulturellen Rang, von Originalität und Zitat. Ich plädiere nicht dafür, Letzteres außer Acht zu lassen, sondern Ersteres auch in die eigene Bewertung einfließen zu lassen. Mehr will ich gar nicht zum Ausdruck bringen.

      Ich behaupte: Wer sich dabei ertappt, Architektur nur nach ihrer baulichen Ursprungszeit und ihrer damit verbundenen Wertsteigerung zu beurteilen, hat schon mal was falsch gemacht.
      In dubio pro reko

      Früher war nicht alles besser, aber die Architektur schon.

      Dieser Beitrag wurde bereits 7 mal editiert, zuletzt von Königsbau ()

    • Weil mir das gerade noch einfällt: Wir haben hier in Stuttgart zahlreiche Kirchen aus unterschiedlichen Epochen. Zum einen die Stiftskirche aus dem 15. Jahrhundert, die Johanneskirche (meisterhafte Neogotik), oder die Markuskirche im schönsten Jugendstil. Es fiele mir schwer, hier eine Rangliste der architektonischen Güte zu erstellen, alle drei Beispiele werden von mir aufs Höchste verehrt, obwohl mir klar ist das die Stiftskirche aufgrund ihres Alters den höchsten materiellen Wert besitzt. Das ist für mich ein Aspekt, aber nicht der entscheidende.
      In dubio pro reko

      Früher war nicht alles besser, aber die Architektur schon.

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Königsbau ()

    • Königsbau schrieb:

      Ich behaupte: Wer sich dabei ertappt, Architektur nur nach ihrer baulichen Ursprungszeit und ihrer damit verbundenen Wertsteigerung zu beurteilen, hat schon mal was falsch gemacht.

      Königsbau schrieb:

      obwohl mir klar ist das die Stiftskirche aufgrund ihres Alters den höchsten materiellen Wert besitzt.
      Das ist natürlich auch eine m.E. fragwürdige Haltung, die in deutschen bildungsbürgerlichen Kreisen immer eine große Rolle gespielt hat, nach dem Motto "Je älter, desto wertvoller", weshalb beim Wiederaufbau nach dem WK II romanische und gotische Kirchen die besten Karten hatten. Auch ich halte Bauwerke des beginnenden 20. Jh. oft für unterbewertet und lege an Bauwerke gerne meine eigene Wertschätzungsskala an, für die das Alter unerheblich ist. Was aber nicht unerheblich ist, ist das kunsthistorische Hintergrundwissen, das Wissen um die geistigen Antriebe des baumeisterlichen Schaffens, um das Wechselspiel zwischen der Beibehaltung einer traditionellen Formen-Grammatik und schöpferischen Neuerungen, das Vergleichen zwischen regionalen Varianten eines Stils. Es ist eben so, dass durch gründliche Beschäftigung mit einem Bauwerk oftmals sich die Wertschätzung desselben modifiziert, zumeist aber vertieft. Beeindruckung weckt Interesse, Interesse führt zu gründlicher Auseinandersetzung, gründliche Auseinandersetzung schafft Liebe.zum Bauwerk.
    • Volle Zustimmung, da sind wir uns einig.

      Nachdem die Diskussion jetzt ausgiebig geführt wurde, könnten wir vielleicht wieder das eigentliche Thema aufgreifen, und vielleicht nicht allein auf Berlin beschränken? Aktuell würde mich z.B. Düsseldorf interessieren, da hab ich schon ein paar Bildvergleiche gesehen die mich ziemlich erschüttert haben.
      In dubio pro reko

      Früher war nicht alles besser, aber die Architektur schon.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Königsbau ()

    • Beiträge wie die von Oktavian sind praktisch ebenso dogmatisch wie jene der Modernisten.
      Gerade diese Geringschätzung des Historismus -ob nun mehrfach negiert oder nicht- ist es, die auch Rekonstruktionen und generell historisierendes Bauen heute so unwahrscheinlich erschwert.

      Schluss mit der Hetze gegen historistische Bauwerke! Wenn sie einem nicht gefallen, möge man im Sinne der Stadtbild-Sache das eben nüchtern äußern, aber keine Behauptungen über angeblich fehlende künstlerische Qualitäten anstellen.
      Mein Mecklenburg, Heimat, geliebte. Vorpommern schlägt als zweites Herz in meiner Brust.
    • erbse schrieb:

      Gerade diese Geringschätzung des Historismus -ob nun mehrfach negiert oder nicht- ist es, die auch Rekonstruktionen und generell historisierendes Bauen heute so unwahrscheinlich erschwert.
      Ich erspare mir hier jeden Kommentar. Einfach nur peinlich deine Realitätsklitterung.
      Hannover ist eine mittelmäßige Stadt, aber dort sind viele, die sich große Mühe geben, etwas Besonderes daraus zu machen.
      Dresden ist eine besondere Stadt, aber hier sind leider viele, die alles versuchen, etwas Mittelmäßiges daraus zu machen (M. Roth)
    • Wieso Realitätsklitterung? Die Aussage ist durchaus zutreffend, auch wenn sie manchem hier nicht passt. Schließlich ist das heutige traditionelle Bauen nichts anderes als neuer Historismus, und der wird gerne verächtlich gemacht. Dem Historismus der Jahrhundertwende räumt man heute immerhin eine Existenzberechtigung ein, echte Zuneigung wirst du aber in den üblichen Fachkreisen kaum finden. Gegen diese dogmatische Geringschätzung sollten wir bei Stadtbild Deutschland eigentlich eintreten, anstatt sie zusätzlich zu befördern.
      In dubio pro reko

      Früher war nicht alles besser, aber die Architektur schon.

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von Königsbau ()

    • ^ Genau so. Die Fachleute und Kunsthistoriker, auch hier im Forum, die schon qua Ausbildung den Historismus "geringschätzen lernten" (was sie sicher nie täten, wären sie einfach nur allgemeinbildend aufgewachsen), machen die Etablierung einer neuen klassischen Architektur nur umso schwerer. Denn diese kann und muss auch historisierend, ja historistisch sein.

      Wer den Historismus zu Kitsch erklärt, erklärt für die Fachwelt und den unbedarften Zuhörer/Leser auch die neue klassische Architektur und sämtliche Rekonstruktionen suggestiv zu Kitsch. Und verunglimpft letztlich einen Großteil der bestehenden klassischen Architektur Europas und der Restwelt, die wir oft nur durch Glück über das verheerende 20. Jahrhundert hinwegretten konnten.
      Mein Mecklenburg, Heimat, geliebte. Vorpommern schlägt als zweites Herz in meiner Brust.
    • Eine wirklich hochinteressante Diskussion! Ich kann beide Seiten verstehen. Früher war ich eher auf der Seite von Oktavian und aldilette, die den späten Historsmus kritisieren, weil er überladen ist, die Proportionen teilweise ignoriert, doch auch weil er viel zu häufig existiert, quasi Massenware im Vergleich zu den "Originalen" aus der Gotik, der Renaissance und dem Barock. Auch das Argument der "Stilwiederholung" bzw. die sinnlose Nachahmung, das alles oder auch die Experimentierfreudigkeit, die manchmal in die Hose gehen kann, oder auch die von Kaoru mal genannte Argumentation, dass die Gründerzeit die Architektur innerhalb Deutschlands (bzw teilweise sogar dem deutschsprachigen Raum siehe das niederdeutsche Neofachwerk in der Schweiz) das sind alles ziemlich handfeste Thesen. Deshalb habe ich früher auch nicht so den Historismus beachtet, als ich neue Städte besucht habe: ich fokussierte mich ausschließlich auf den mittelalterlichen Stadtkern und dann noch die Barockerweiterung falls vorhanden. Alles Andere hat mich nicht so interessiert.
      Heute wiederrum sehe ich das Ganze etwas anders: beeinflusst vorallem durch dieses Forum, wo ja der Historismus ein idR. hohes Ansehen genießt! Der Gründerzeitstil nämlich hat für die damalige Zeit (Industrialiserung, Bevölkerungsexplosion, etc... ) doch Bemerkenswertes hervorgebracht. Bemerkenswert deshalb, weil diese neuen Rahmenbedingungen auch ein anderes Bauen verlangten: für die vielen neu hinzugekommenen Menschenmassen musste man auch entsprechend viel neue "Wohnkasernen" errichten! Man hätte es mit den damaligen industrielleren Mitteln sich auch einfacher machen können und sich nicht die Mühe der Details, der Verzierung, der vielen Erker, Balkons, Türmchen, Giebel usw. machen sollen. Man hätte auch direkt in den rein funktionalen, vorgefertigten, ja eigentlich industriellen Bauhausstil übergehen können um diese Herausforderungen zu bewältigen. Und seien wir doch mal ehrlich: wenn es den Historismus so nicht gegeben hätte, dann wären manche quasi neu gebauten Städte wie Wuppertal, Wiesbaden, Leipzig oder viele Kieze in Berlin nicht in dieser Form existent. Es gäbe auch nicht die Bauwerke, ohne die Deutschland man sich quasi heute nicht mehr vorstellen kann wie zum Bsp das Reichstagsgebäude in Berlin oder Schloss Neuschwanstein, die zu wahren Symbolen aufgestiegen sind. Heute würde ich auch besonders interessante Gründerzeitmetropolen wie Wiesbaden oder Leipzig besuchen, weil es eine besondere Atmosphäre dort gibt, die man in den "mittelalterlichen Städten" nicht findet: die breiten Boulevards mit mehrstöckigen Gebäuden, die die unterschiedlichsten Formen, Ornamente und Stile aufweisen und teilweise auch Steinsorten wie in der Metzer Neustadt und trotzdem eine harmonische Einheit bilden, ein Ganzes das ein Konzept hat, das allein schon an den symetrischen Straßenverläufen zu sehen ist die regelrechte "Muster" wie zb in Berlin-Wilmersdorf, wo die Kirchen einen Mittelpunkt in den symetrisch gebauten Vierteln haben und wo es auch Grünanlagen gibt ab und zu.
      Gute historistische Architektur ist mir teilweise sogar mehr wert als "schlechte" historische, originale Architektur: man kann dies gut vergleichen mit dem Wert eines Buches: wenn es einen prachtvollen Einband hat, viele schöne Illustrationen im Inneren vorzeigt und einen ästhetischen Aufbau besitzt, aber "erst" hundert Jahre alt ist würde ich dieses Buch einem alten 600 jährigen, aber ansonsten sehr schlichten und schlecht erhaltenen, verdreckten Buch vorziehen. Natürlich würde der "Fachmann" das 600 Jahre alte Buch bevorzugen, doch ich finde, dass das Alter nicht unbedingt entscheidend ist. Gewisse reiche Leute zb. investieren ja auch nur in alte Bücher, weil sie einen höheren "materielleren" Wert haben als die etwas neuren 100 jährigen als "Finanzanlage". Und ansonsten interessieren sich diese Leute überhaupt nicht für diese alten Bücher, sie sehen in denen nur den wirtschaftlichen Nutzen.
      Um zur Facebookseite des Ortsverbandes Saarbrücken zu gelangen klickt mich !
    • Lieber Oktavian, wer wie ich und ich denke Erbse auch, aus dem völlig kriegszerstörten und dem nackten Mond gleichenden, Neubrandenburg kommt, der hat entweder zum Modernismus gefunden oder versucht so wie ich jedes noch so kleine Fitzelchen Verzierung zu retten, zu verstehen und nachzumachen.
      Erst die Leere bringt das Bedürfnis nach dem Alten hervor. Mein Avator ist Neorenaissance, nüchtern streng und schön und jedes Profil von mir auf den entstuckten Bau wieder draufgezogen, deins ist Barock - ein liebedienernder Höfling vor dem grossen Meister.

      Genug gespottet, gehe mal einfach in dich und stelle dir vor Du würdest auf dem Mond ein Gründerzeitgebäude sehen....
    • Gerade vorweg: ich positioniere mich eher auf die Seite von Oktavian (und alle andern, die den Historismus kritisch beäugen).

      Man kann doch den Stellenwert des Historismus innerhalb der Architekturgeschichte nicht so allgemein diskutieren. Mir ist aufgefallen, dass hier vor allem die historistischen Bauten aus Wilhelministischer Zeit für Gesprächsstoff sorgen. Bauten aus dem frühen Historismus und Jugendstil standen im Forum eigentlich nie zur Debatte.

      Mir schwebte schon seit geraumer Zeit vor, einen Strang über "Übertriebene Historismus-Bauten" oder "Schlechte Historismus-Bauten" zu eröffnen. Allein fehlte mir die Zeit dazu, weil ich noch einige andere Projekte im APH-Forum am laufen habe. Gerade der Kaiserpalast in Dresden gefällt mir sehr, auch wenn ich ihn architektonisch für nicht sehr wertvoll halte. Proportionen und ein gesundes Mass an Gliederung und Dekor suche ich vergebens. Darin besteht doch ein Widerspruch in meiner Haltung, und hierauf habe ich noch keine Antwort gefunden.

      Gleich geht es mir mit der zeitgenössischen Architektur. Ich habe mein Architekturstudium im Übergang von der Postmoderne zur Würfel/Raster/Strichcode-Architektur absolviert. Es gibt viele moderne Bauten, die ich architektonisch sehr gut finde, aber ästhetisch schlecht, grauenvoll bis "verboten".

      Ich verglich bisher den Niedergang des Historismus mit der katholischen Kirche im 15. und 16. Jahrhundert: mit Inquisition (freilich vor dem 15. Jh.), übertriebener Heiligenverehrung, Kirchenbau und Ausschmückung musste doch irgendwann eine Gegenreaktion kommen. Nur so kann ich mir die Reformation und das Zurückbesinnen auf das Karge erklären. Hat sich der Historismus nicht in ähnlicher Weise sein eigenes Grab geschaufelt? Dieser übertriebene Dekor musste doch irgendwann eine 180°-Kehrtwende als Antwort erhalten! Das kenne ich bei früheren Stilen nicht, ausser beim Barock/Rokoko. Wie bin ich doch froh, dass unsere Klosterkirche/Kathedrale in St. Gallen nicht in der Hochblüte des Rokoko entstanden ist, sondern erst im ausgehenden Rokoko, wo bereits der Klassizismus spürbar ist.

      Dazu kommt, wie Fachwerkliebhaber es schon erwähnt hat, dass zur Zeit des Historismus die Bevölkerungszahl explodierte, weshalb auch Massenware geschaffen werden musste. Ich denke aber, dass hier nicht die unzähligen Mietskasernen verschriehen werden, sondern eben dominante Bauten wie Kirchen, öffentlichen Bauten und sonstwelche markanten Privat- und Geschäftsbauten.

      Neben dem Kaiserpalast in Dresden könnten wir auch das Zentraltheater in Dresden mal diskutieren, für mich ein grauenhafter Bau... In einem speziellen Strang zur Thematik könnten einzelne Bauten mal "auseinander genommen" werden. So kommen wir dem Wesen der guten und schlechten Seiten des Historismus vielleicht näher. Den Historismus verachte ich keineswegs, bin ich doch in einer Stadt aufgewachsen (und möchte dort auch meinen Lebensabend verbringen), die nebst einer barocken Kathedrale und gotischer Altstadt geprägt ist vom Historismus. Freilich fallen bei uns aber vorwiegend Jugendstil- und Neubarockbauten darunter.


      Zentraltheater in Dresden (Bildquelle: bildindex.de)

      Die spinnen, die D....
    • Dieser "grauenhafte Bau" wäre heute eines der beliebtesten Fotomotive Dresdens, wenn es ihn noch gäbe. Freilich muss man bedenken, das wären ja nur Touris die allesamt keine ästhetische Bildung besitzen. Wie gut dass wir hier es besser wissen.
      (Wer die Ironie findet darf sie behalten)
      In dubio pro reko

      Früher war nicht alles besser, aber die Architektur schon.
    • Riegel schrieb:

      und Ausschmückung musste doch irgendwann eine Gegenreaktion kommen. Nur so kann ich mir die Reformation und das Zurückbesinnen auf das Karge erklären. Hat sich der Historismus nicht in ähnlicher Weise sein eigenes Grab geschaufelt? Dieser übertriebene Dekor musste doch irgendwann eine 180°-Kehrtwende als Antwort erhalten!
      ...und genau deshalb ist es m.E. besonders wichtig das Dogma gegen den Historismus und seinen wie auch immer gearteten Auswüchsen, die Ablehnung und Verächtlichmachung dieser Bauepoche durch z.B. extreme Einzelbeispiele zu überwinden. Gelingt die Überwindung des Negativdogmas und die Akzeptanz als kulturhistorisch wertvolle, gleichrangige Bauepoche, so kann ich mir danach auch die Überwindung der "Moderne" nebst seinen Verirrungen vorstellen und der Weg für eine verträglichere, schönere Architektur wäre frei. Dem Historismus kann man also ruhig eine Art Schlüsselfunktion in der Auseinandersetzung um schöne Architektur zubilligen.
      Labor omnia vincit
      (Vergil)
    • Königsbau schrieb:

      Schließlich ist das heutige traditionelle Bauen nichts anderes als neuer Historismus, und der wird gerne verächtlich gemacht.
      Dem möchte ich widersprechen. Echten Historismus gibt es heute nicht. Alles traditionelle, "neuklassische" Bauen kann allenfalls als historisierend bezeichnet werden, ist also letztlich eine Spielart der Moderne, die mit historischen Elementen abstrahierend, also reflektierend gemäß zeitgenössischer Bewusstseinshaltung umgeht. Es ist wichtig, diesen Unterschied zu beachten, denn ein exaktes Übernehmen historischer Stilelemente, mit dem der Historismus des 19. Jh's experimentierte, gilt heute als ausgeschlossen und wird zumindest in Europa auch nirgends angestrebt. Nein, traditionelles Bauen ist durchaus zeitgemäß, ja eine Spielart der Moderne; entscheidend ist nicht, wieviele eine Fassade gliedernde Elemente sich der Architekt erlaubt, sondern das Bewusstsein für angemessene Proportionen, für die Ausstrahlung der Materialien und Farben, vor allem für die Aussagekraft der Formelemente. Zu dieser Offenheit muss sich das zeitgenössische Bauen hinentwickeln. Wenn es dagegen in seiner minimalistischen Engstirnigkeit verharrt, wird es sich architektonisch totlaufen.
    • Königsbau schrieb:

      Dieser "grauenhafte Bau" wäre heute eines der beliebtesten Fotomotive Dresdens, wenn es ihn noch gäbe. Freilich muss man bedenken, das wären ja nur Touris die allesamt keine ästhetische Bildung besitzen. Wie gut dass wir hier es besser wissen.
      (Wer die Ironie findet darf sie behalten)
      Ja, schon, weil aus dem Straßenverlauf schreiend herausragend. Man würde es crazy finden und als Hintergrund für zahllose selfies nutzen, vor allem bei Russen und Chinesen wäre es beliebt, je nach Mentalität, aber bei uns nüchternen Deutschen, Nordeuropäern, würde es heißen, oh mann, wie überladen, so was von pompös. Wie schnell etwas pompös genannt wird, das für meine Sehschulung noch lange nicht solche Beurteilung verdient, erlebte ich neulich auf einem Bildervortrag einer Frau, die den Pilgerweg nach Santiago abgewandert ist. Bei fast jedem größeren Altstadthaus, das Richtung Palais oder Kloster ging hieß es pompös. Und wer die nordspanische Stadtarchitektur kennt, wird sich wundern ob dieser Bezeichnung. Die Sehwelten sind eben unterschiedlich. Bei dem Dresdner Beispiel fehlen ja einem dann die Worte, wenn pompös so voreilig angewendet wird

      Schade ist es dennoch, das das Theater fehlt, wäre heute schon ein Renner. Sozusagen Omas Spitzendeckchen im 3D-Druckerverfahrren in die Fassade gehängt. Bis zum drittten Geschoß geht das ja noch, aber was dann kommt,... völlig aus dem Rahmen überproportionierte Büste unter Baldachin. Da aber alles so aus den Rahmen fällt und der Architekt wohl meinte damit Rokoko-Bewegtheit nachschöpfen zu können und das auch extrem überzogen konsequent durchzieht ist es in sich schon wieder stimmig und eine eigene Spielart des Historismus. Eigentlich nicht vergleichbar mit Bauten , die dem klassischen Formgefühl folgen. Eine eigene Kategorie von Bauten ist das, denen man nur gerecht werden kann, wenn man sie unter ihresgleichen miteinander betrachtet.
    • "denn ein exaktes Übernehmen historischer Stilelemente, mit dem der Historismus des 19. Jh's experimentierte, gilt heute als ausgeschlossen und wird zumindest in Europa auch nirgends angestrebt."

      Stimmt nicht ganz, es sei denn du machst den Brexit und schließt Großbritannien aus. Denn von Quinlan Terry z.B. hast du schon mal was gehört, vermute ich. Wäre derartiges nichts für den europäischen Kontinent?

      Für mich ist z.B. das Hotel Adlon ein Gebäude des Historismus, genauer gesagt eines Neohistorismus (dies ist keine Erfindung von mir, den Begriff gibt es).
      deu.archinform.net/stich/769.htm#Neohistorismus
      Historistisch ist hier weniger die formgetreue Nachahmung als das Zitat, die stilistische Verbeugung vor früheren Epochen. Und selbst die Moderne ist nicht frei davon, ist denn ein Bungalow im Bauhaus-Stil nicht auch angewandter Historismus?

      Aber das soll hier keine Wortklauberei werden, ich habe verstanden was du zum Ausdruck bringen wolltest. Dass man heutzutage Neubauten, die ohne zeitgenössische Einschränkungen historische Stilelemente aufweisen, mit der Lupe suchen muss. Ich finde das auch gar nicht so sehr erstrebenswert, viel aufregender sind andere Beispiele, die Moderne und Klassik gleichermaßen zu ihrem Recht kommen lassen. Der Architekt Tobias Nöfer ist ein Meister auf diesem Gebiet.
      In dubio pro reko

      Früher war nicht alles besser, aber die Architektur schon.

      Dieser Beitrag wurde bereits 14 mal editiert, zuletzt von Königsbau ()

    • Riegel schrieb:

      Neben dem Kaiserpalast in Dresden könnten wir auch das Zentraltheater in Dresden mal diskutieren, für mich ein grauenhafter Bau...
      NEIN, nein und nochmals nein: Das Zentraltheater in der Waisenhausstraße war absolut toll (also die überlieferte Fassade. Wie es innen aussah, weiß ich leider nicht - ich glaube, da ist nichts überliefert). Allein dieser geniale obere Abschluss!

      Der Bau hatte einfach Qualität, weil er aus einem Guß, "sichselbstähnlich" war und in einfach genialer Weise mit den "theatralischen" Stilelementen - vor allem des Dresdner Zwingers - hier verrückterweise eben an einem Theaterbau verwandte. Eben nicht einfach nur prachtvoll und überladen, sondern genial, durchdacht und überlegt gestaltet. Da steht was dahinter! Das ist tolle Baukunst - auch des Historismus (NB.: Das Zentraltheater war von Lossow und Viehweger, einem sehr anerkannten Büro, und tendierte schon Richtung Jugendstil)
      Dieser wirklich ganz tolle Bau hätte niemals abgerissen werden dürfen. Die Fassade stand größtenteils noch und hätte wiederverwendet werden können.
      Ich hoffe, ich habe jetzt bewiesen, dass ich nichts gegen Baukunst des Historismus habe.Aber es geht um Qualität!

      (P.S.: Das Innere ist doch zumindest mit einer Postkartenaufnahme belegt - herrliches Neorokoko dort drin - auch sehr passend!)
      Hannover ist eine mittelmäßige Stadt, aber dort sind viele, die sich große Mühe geben, etwas Besonderes daraus zu machen.
      Dresden ist eine besondere Stadt, aber hier sind leider viele, die alles versuchen, etwas Mittelmäßiges daraus zu machen (M. Roth)
    • Königsbau schrieb:

      Stimmt nicht ganz, es sei denn du machst den Brexit und schließt Großbritannien aus.
      Aber gerade dort ist es nur einen Tropfen auf dem heißen Stein, denn in Großbritannien gibt es überhaupt fast keine richtig tolle Städte (mehr). Auf dem Kontinent gibt es aber, trotz Weltkriege und Abrisswahn im 20. Jahrhundert, immer noch sehr viel zu Bestaunen. Auch in DE, nur nicht mehr in allen Städten mit >250.000 Einwohnern. Es ist also kein Zufall, dass es gerade hier in NL überhaupt (fast) keine Rekobewegung gibt, da unsere wertvollsten Altstädte (fast) alle (mehr oder weniger) das 20. Jahrhundert überstanden haben, und heute auch gut saniert sind. Was neue historisierende Bauten betrifft ist die Situation hier aber doch eine etwas andere, aber das eigentlich nur auf dem (teilweise verschandelten) Land, und nicht so sehr in den Städten.