Aalen (Galerie)

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    • Aalen (Galerie)


      Aalen

      Aalens Altstadt ist - gemessen an der heutigen Größe der Gesamtstadt - ziemlich klein. Sie besitzt faktisch keine sehenswerten Bauten. Durch die enorme Entwicklung der Ostwürttembergmetropole wird die Altstadt heute großenteils von Nachkriegsgebäuden beherrscht. Diese sind in ihren Proportionen den altstädtischen Maßstäben angepasst, lassen aber den Reiz einer gewachsenen Stadt vermissen. Vereinzelt gibt es noch Altbauten, einige wenige Beispiele zeugen noch vom einstigen Reiz der Reichsstadt. Insbesondere am Rand der Altstadt gibt es diverse Bausünden, allen voran das zwar schon außerhalb der Altstadt, durch seine Lage an deren Südwestecke in diese aber hineinwirkende Rathaus, eine Betonburg im Stil der 60er-Jahre.

      Ich kenne ja nun wirklich viele Städte, wenn auch viele nur oberflächlich. Die oben skizzierte, abgrundtief schlecht ausfallende Bilanz teilt es mit kaum einer anderen mir bekannten Stadt Süddeutschlands. Eine Ausnahme bildet seine Nachbarstadt Heidenheim an der Brenz.

      Eine Besonderheit hat Aalen auch: Fast die gesamte Altstadt ist Fußgängerzone! In welcher Stadt gibt es das sonst noch? Außer im benachbarten Heidenheim, aber da besteht die Altstadt ja fast nur aus einer einzigen Straße.
    • Wir fangen mit unserem Rundgang am östlichen Stadteingang an; das Geschäftshaus am Anfang der Stuttgarter Straße sparen wir uns und stehen nach wenigen Schritten unvermittelt in der Hauptstraße des alten Aalen, die nun in Erinnerung an die Zeit als Freie Reichstadt "Reichsstädter Straße" heißt:

      Bild 4916



      Gleich westlich anschließend schon das unvermeidlich erscheinende Konglomerat aus Bauten unterschiedlicher Entstehungszeiten. Das Haus in der Mitte geht offenbar auf den Anfang des 20. Jhs. zurück und fügt sich unerwartet gut in das historische Stadtbild ein:

      Bild 4917



      Nördlich davon schiebt sich ein voluminöser Bau offenbar aus den 70ern ins Bild. Spätestens jetzt ist auch dem letzten aufgefallen, dass wir in Baden-Württemberg sind, und da sind solche Sachen ja an der Tagesordnung. Also nicht wundern, nur Augen zu und durch.

      Bild 4918



      Ein Stück weiter nördlich haben hier noch zwei ältere Häuser überlebt. Aalens heutige Geschäftshäuser sind grundsätzlich so groß, dass sie die Fläche beider Häuser locker in Anspruch nehmen. Wie lange bleibt diese Situation wohl noch so erhalten?

      Bild 4919



      Zurück zur Reichsstädter Straße, in die andere Richtung der hier querenden Roßstraße. Diese Ansicht ist dem geneigten APH-Leser bereits aus dem Bericht über diesen Neubau bekannt:

      Bild 4877

      Reichsstädter Straße 14, Roßstraße 3
    • Die Straße "An der Stadtkirche" verläuft durch den südöstlichen Teil der Altstadt, der leider vernachlässigt ist. Absolut deprimierend sind Östlicher Stadtgraben und die Rittergasse, wo längst die Brachflächen die Szenerie beherrschen. Besser ist es An der Stadtkirche:

      Bild 4920



      Wir gehen jetzt durch die kurze Helferstraße nach Westen zum Marktplatz. Der Blick zurück:

      Bild 4921


      Ich bin leider nicht mehr sicher, denke aber, dass es nur hier gewesen sein kann: Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, war in der Mitte zwischen diesen beiden noch ein Fachwerkhaus ähnlicher Größe gestanden und mindestens zwei von diesen dreien waren erheblich vernachlässigt. Diese drei sollten abgebrochen werden und an ihrer Stelle ein Neubau des Typs "Glaskasten" entstehen. Das hat schon deutlich gezeigt, welch geringe Aufmerksamkeit, um nicht zu sagen Gleichgültigkeit, den ohnehin dezimierten Resten des historischen Stadtbildes zugekommen ist.

      Letztes Jahr noch wurde daran gedacht, das im Bild hintere Fachwerkhaus abzubrechen und einen Neubau hinzustellen. Das Haus steht auf der Denkmalliste.
    • Schauen wir uns den Marktplatz an, der natürlich auch ordentlich geschunden wurde, aber auch noch wundervolle Fachwerkhäuser besitzt.


      Bild 4922


      Das rosa Haus im Hintergrund mit dem Turm ist das Alte Rathaus. Der Turm nennt sich Spionturm.


      Neben der Einmündung der Helferstraße, aus der wir gerade gekommen sind, steht seit nicht allzu vielen Jahren dieses Gebäude. In einem der Fenster des 2. OGs spiegelt sich der Turm der Stadtkirche.

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      Und gleich daneben dieses Ensemble:

      Bild 4924


      Das Gebäude in der Mitte ein Beispiel für die jüngere BW-Architektur. Und dann natürlich das 60er-Jahre-Viech, wo der Drogeriemarkt drin ist.


      Der Blick zurück:

      Bild 4925
    • Wir wenden uns nun der Westseite des Marktplatzes zu.


      Am südlichen Ende steht das leerstehende Gebäude eines früheren Kaufhauses. Von diesem Gebäude wohl aus den 70er-Jahren habe ich stets eine hohe Meinung gehabt (und habe sie natürlich auch heute noch):

      Bild 4926


      Hier droht jedoch eine erhebliche Verschlechterung: aalen.de/praesentation-projekt…ring-galerie.54004.25.htm. Wie hier wieder deutlich wird, hat man in den 70ern und 80ern noch wesentlich besser gebaut.

      Bild 4927


      Links das Rathaus.


      Nördlich dagegen ein wundervolles Fachwerkhaus:

      Bild 4928



      Bild 4929



      Bild 4930


      In die ansonsten weitgehend ungestörte Zeile schiebt sich der völlig unpassende Neubau der Apotheke. Wollten die damals echt in diesem Stil weitermachen?


      Bild 4931


      Das Eckhaus zur Gmünder Straße dagegen wieder einwandfrei!


      Bild 4932
    • Im nordwestlichen Teil der Altstadt gibt es noch einiges zu sehen.


      Bild 4933


      "Radgasse 15, 17, 19 erbaut 1659 - 62, durchgreifend erneuert 1985 - 87", wie uns die Tafel informiert. Im hinteren Teil der Gebäude haben sich Teile der Stadtmauer erhalten.


      Bild 4934


      Das Haus Aißlinger oder auch "Stadel" gilt als das älteste erhaltene Haus Aalens.
      youtube.com/watch?v=tqfOvrwPpTQ


      Bild 4935


      Hier wird uns aber endgültig klar, dass wir in einer alten Altstadt sind: Schaut Euch mal das großartige Fachwerkhaus an! Aufgrund seiner Lage im engbebauten Häusergeviert kommen seine enorme Höhe und sein hohes Dach schwerlich zur Geltung.


      Ein Kontrastprogramm dagegen in der Beinstraße:

      Bild 4936



      Die gegenüberliegende Seite hat noch ein besseres Straßenbild erhalten können:

      Bild 4937



      Und noch eine dritte Ecke an der Kreuzung von Beinstraße und Mittelbachstraße, die südöstliche:

      Bild 4938


      Irgendwie meine ich, dass das Haus noch sehr neu ist. In Aalens alter Altstadt werden eben immer wieder Gebäude ausgetauscht. Wenn auch bisweilen mal was Gescheites rauskommt, so muss man doch feststellen, dass sich Aalen nach wie vor beständig zum Schlechteren wandelt. Dieses Haus zeigt Ansätze von altstadtgemäßer Formensprache, das war's dann aber auch. Große Freude kommt beim Anblick dieses Neubaus nicht auf. Nur die Dachflächen sind begrüßenswert. Heutzutage muss man aber wohl schon froh sein, wenn es nicht vollständig aus Glas ist... Man beurteile auch die Geschoßhöhe mit Hilfe des Vergleichs mit dem Nachbarhaus.


      Wenige Schritte weiter hat sich diese bemerkenswerte Gruppe zweier Häuser erhalten.Ich halte sie für sehr alt. Wieviele solcher Häuser mögen in all den Jahren undokumentiert untergegangen sein?

      Bild 4939

      Beinstraße 16/1, 16

      Unglücklicherweise stehen die beiden Häuser in Baden-Württemberg. Da haben sie einen schweren Stand.
    • Kommen wir nun zum Spritzenhausplatz. Aber seht selbst.

      Bild 4940


      Die Bebauung der Ostseite, das Modehaus Funk, habe ich auf Anfang der 80er-Jahre geschätzt. Tatsächlich ist es 1983 gebaut worden. Ein typischer Vertreter der BW-Architektur, der in diesem Fall Qualitäten aufwartet, die man bei heutigen Neubauten nicht selten vermisst.


      Eiskalt dagegen und der gegenwärtig insbesondere in Ulm verbreiteten Bauweise entsprechend dagegen dieser Neubau, der wohl erst wenige Jahre alt ist:

      Bild 4941



      Und auf der Westseite des Platzes nochmal richtig BW-Architektur.

      Bild 4942


      Bin ja froh, dass das Bild überhaupt einigermaßen geworden ist. Vorne die Bäume und richtig gegen die Sonne! Ich meine, dass das nördliche (rechte) Haus deutlich älter ist und das südliche sehr neu. Da dürften bis zu 30 Jahre dazwischen sein. Das nördliche schätze ich auf Ende der 70er, das südliche auf 2011. Tatsächlich wurde das nördliche 1978 an der Stelle eines Fachwerkhauses erbaut (Habe ich nicht gut geschätzt? :) ).


      Bild 4943


      Um wieviel mehr Charme hat doch dieses guterhaltene Fachwerkhaus?


      Und schließlich, als letztes Bild, das Bürgerspital von 1702:

      Bild 4944


      Das Haus westlich (links) daneben kennen wir schon, von Bild 4938.


      youtube.com/watch?v=N0aPWB0g7zo
    • Vielen Dank für diese Galerie. Sie zeigt die Probleme baden-württembergischer Altstädte klar auf. Die ganz fiesen Beton-Kästen-Bausünden verurteilen sich selbst. Die gefährlichere Pest sind aber meiner Meinung nach die mehr oder minder angepaßten, bisweilen sogar historisierenden Neubauten. Viel zu häufig werden in Ba-Wü alte Häuser, die unscheinbar oder in schlechtem Zustand sind, als "Schandflecke" abgerissen, was um so leichter durchzusetzen ist, wenn die Neubauten vage historisierend ausfallen und nicht allzu penetrant hervorstechen. In kriegszerstörten Städten wie Ulm habe ich gegen historisierende Bauten nichts einzuwenden, aber in erhaltenen Altstädten sind sie eine Sünde. Aalen besaß freilich, soweit ich das einschätzen kann, keine bedeutende Altstadt. Die Stadt wurde 1634 durch einen Brand weitgehend zerstört und die Nachfolgebebauung fiel ziemlich bescheiden aus. Laut Wikipedia stehen die ältesten Häuser in der Spitalstraße. "Es sind die einzigen Häuser, die den Stadtbrand 1634 überlebt haben. Sie stammen alle aus dem 14. Jahrhundert und sind in den 1970er Jahren renoviert und vom Putz befreit worden, um das Fachwerk der Öffentlichkeit zu präsentieren." Mir ist nicht klar, welche Häuser das sein sollen und die Angabe "14. Jahrhundert" glaube ich auch nicht unbesehen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Tübinger ()

    • Jemand schrieb zu Anfang, Aalen hätte "faktisch keine sehenwerten Bauten", also ich finde das stimmt so nicht. Ist zum Teil ein schönes kleines Städchen mit historischem Flair.

      Allerdings stimmt es schon, dass bei genauerem Hinsehen einige der "angepassten" modernen Gebäude nicht so doll sind, zu plump. Dabei kann man mit ganz simplen modernen Gebäuden - man braucht gar nicht viel Schnickschnack - eine unheimlich gute Altstadt-Wirkung erzielen. Hier sind aber einige Gebäude wirklich noch unter Mittelmaß , das stimmt schon.

      Dennoch ist der alte historische Character der Stadt erkennbar. Zumindest ist hier nichts verloren, die hässlichen Neubauten kann (und wird) man wieder entfernen, nur eine Frage der Zeit.

      Ich sehe grade eben noch, Tübinger hat gesagt
      Die gefährlichere Pest sind aber meiner Meinung nach die mehr oder minder angepaßten, bisweilen sogar historisierenden Neubauten.


      Seh ich genau so, diese Dinger meinte ich auch.
      Wie würden Sie ein schönes Haus definieren? - Kollhoff : Ein schönes Haus ist ein schönes Haus. Es nimmt im Äußeren nicht nur Rücksicht auf die Umgebung, sondern ist dem Gemeinwesen verpflichtet, indem es dank seiner Konventionalität zur räumlichen und atmosphärischen Eigenart des Quartiers beiträgt.

      LobbyControl. Initiative für Transparenz und Demokratie
    • Petersburg schrieb:

      Ich sehe grade eben noch, Tübinger hat gesagt
      Die gefährlichere Pest sind aber meiner Meinung nach die mehr oder minder angepaßten, bisweilen sogar historisierenden Neubauten.

      Seh ich genau so, diese Dinger meinte ich auch.


      Vorsicht, das ist ein Spiel mit dem Feuer. Die Theorie, dass es wohl zu weniger Abrissen so genannter historischer "Schandflecke" käme, wenn die Neubauplanungen bewusst modernistisch und "kontrastreich" ausfallen, müsste erst noch verifiziert werden. Vermutlich wird auch dies bei den meisten Leuten nur ein Achselzucken hervorrufen. Im schlimmsten Fall entstehen großflächige Modernistenkisten, die zum genauen Gegenteil führen. Von mehreren Seiten bedrängen diese die kleinteilige Rest-Altbausubstanz, bis irgendwann Stimmen laut werden, im Zuge von "Flurbereinigungen" auch noch diese letzten, nun "unpassenden" Bestände an "Hutzelhäuschen" wegzuräumen.
    • Heimdall schrieb:

      Vorsicht, das ist ein Spiel mit dem Feuer. Die Theorie, dass es wohl zu weniger Abrissen so genannter historischer "Schandflecke" käme, wenn die Neubauplanungen bewusst modernistisch und "kontrastreich" ausfallen, müsste erst noch verifiziert werden. Vermutlich wird auch dies bei den meisten Leuten nur ein Achselzucken hervorrufen. Im schlimmsten Fall entstehen großflächige Modernistenkisten, die zum genauen Gegenteil führen. Von mehreren Seiten bedrängen diese die kleinteilige Rest-Altbausubstanz, bis irgendwann Stimmen laut werden, im Zuge von "Flurbereinigungen" auch noch diese letzten, nun "unpassenden" Bestände an "Hutzelhäuschen" wegzuräumen.
      Beweisen kann ich meine Meinung nicht, doch mein Eindruck ist so. Die meisten Leute mögen idyllische Altstädte, doch ihr Geschmack ist so ungeschult, daß sie sich auch mit nachgemachter Neuware zufrieden geben, wenn diese einigermaßen nett aussieht. Wenn in meiner Heimatregion ein historischer Bau in einer Altstadt abgerissen werden soll, lese ich neben den üblichen Begründungen (zu klein, schlechter Zustand, zu hohe Sanierungskosten etc.) oft auch das Versprechen, der Neubau werde sich "einfügen", den vorgehenden Bau "zitieren" oder "interpretieren", "das Gesamterscheinungsbild bewahren" usw. Ich kenne auch mehrere Fälle in denen geplante Neubauten nach Widerständen seitens der Verwaltung oder Bevölkerung enger an ihre Umgebung angepaßt wurden. Grobe Bausünden sind, glaube ich, doch schwerer durchzusetzen als gefällige Giebelhäuser.
    • Ein Beispiel aus Reutlingen. Dort soll in der Altstadt eine Shopping-Mall ("K8" genannt) erbaut werden, wofür ca. 10 Häuser abgebrochen werden sollen. Die Stadtverwaltung und die Investoren versprechen: "Es wird stark am Thema Einfügen in die Altstadt gearbeitet." "Wir sind froh, dass wir eine Kleinparzellierung haben, das bietet sich hier an." "Mit dem K 8-Projekt lassen sich laut Stefan Dvorak gleich drei Sanierungsziele verwirklichen: die Stärkung des Einzelhandels sowie der Altstadt als Wohnort und dazu noch eine 'städtebaulich angepasste' Neubebauung." "Die Attraktivität des gesamten Quartiers könne bei einer 'sensiblen Planung' gesteigert werden". "Es ist kleinstrukturiert und schadet dem Einzelhandel in der Altstadt nicht." "Gut sei außerdem, dass mit Wolfgang Riehle ein Reutlinger Architekt beauftragt sei, der mit viel Fingerspitzengefühl an seine Projekte herangehe. 'Er hat ein Händchen für die Stadt' meinte WiR-Rat Jürgen Straub. Und Thomas Ziegler sprach von einer 'seriösen und sensiblen Planung', die den Erhalt gewachsener Strukturen mit neuer Bebauung verbinde."
      All das Gerede entnehme ich einem einzigen Zeitungsartikel.
    • Wenn ich das richtig verstehe, denkst Du, dass es nicht zu besagten Abrissen von sanierungsbedürftigen Altbauten käme, wenn der modernistische Kontrast (z.B. so oder so) nur hart genug gewählt ist. Dabei vertraust Du darauf, dass sich nach Bekanntwerden von Plänen ein Bürgerprotest bildet, der dann dazu führt, dass der Abriss verhindert wird.

      Du vertraust also auf die Empörungsbereitschaft und die Organisationskraft von Bürgerprotesten. Der ästhetische Kontrast verschärfe demnach die Bewusstseinsfindung und den Protest bei der Bürgerschaft. Im Einzelfall magst Du recht haben, doch in der Masse? Zudem stellt sich die Frage, welche Macht eine Bürgerinitiative wirklich hat, und ob deren Elan nach Rückschlägen nicht auch erlahmt. Und das lässt allerdings außer acht, was denn mit dem eventuell erhaltenen Altbau jeweils passieren soll, um den sich ja in den letzten Jahren auch niemand gekümmert hat. Wer hat plötzlich das nötige Geld für eine Sanierung bzw. wem geht hinsichtlich eines rentablen Nutzungskonzepts ein Licht auf, so dass der Altbau plötzlich saniert und wieder genutzt wird? Plötzlich, da die Erkenntnis ja durch den entstehenden Bürgerprotest ausgelöst sein muss, denn man hatte ja im Vorfeld einige Jahre Zeit, selbst auf die Ideen zu kommen.

      Es ist also ein Drahtseilakt, der jede Kompromissbildung und jeden Teilsieg ablehnt zugunsten des Entweder-Oder. Das ist nicht nicht böse gemeint, aber ich gebe zu bedenken, dass schon viele sich in der politischen Arena überschätzt haben und am Ende mit "Null" dastanden. Hat sich die Gegenseite mit dem konsequenten Modernisierung durchgesetzt, kann das sogar, so meine Befürchtung, zu Gewöhnungseffekten führen und spätere, weitere Abrisse eventuell sogar erleichtern.

      P.S.: Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen. Natürlich ziehe ich den Erhalt historischer Bauten dem "historisierenden" Neubau eindeutig vor.
    • Heimdall schrieb:

      Wenn ich das richtig verstehe, denkst Du, dass es nicht zu besagten Abrissen von sanierungsbedürftigen Altbauten käme, wenn der modernistische Kontrast (z.B. so oder so) nur hart genug gewählt ist. Dabei vertraust Du darauf, dass sich nach Bekanntwerden von Plänen ein Bürgerprotest bildet, der dann dazu führt, dass der Abriss verhindert wird.

      So optimistisch bin ich nicht; Abrisse von historischen Bauten wird es immer geben und Bürgerproteste entstehen natürlich nicht automatisch und leider sind Proteste oft erfolglos. Trotzdem glaube ich, daß gefällige Neubauten aus den von mir genannten Gründen tendenziell den Abriß von historischen Bauten erleichtern.

      Heimdall schrieb:

      P.S.: Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen. Natürlich ziehe ich den Erhalt historischer Bauten dem "historisierenden" Neubau eindeutig vor.

      Da sind wir uns in der Tat einig.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Tübinger ()

    • Tübinger schrieb:

      Ein Beispiel aus Reutlingen. Dort soll in der Altstadt eine Shopping-Mall ("K8" genannt) erbaut werden, wofür ca. 10 Häuser abgebrochen werden sollen.

      Bei einer solchen Größenordnung sind sich einfügende Neubauten von vornherein illusorisch. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass in dieser Diskussion unter "angepasster Neubau" etwas anderes verstanden wird als das, woran ich denke. Wirklich angepasste Gebäude sind auf den Bildern dieser Galerie kaum zu entdecken gewesen, nur die Kaufhaus-Galerie macht hier eine bewundernswerte Ausnahme. Dass in Aalen die diversen Spielarten der jüngeren BW-Architektur verstanden werden, aber nicht unbedingt das wirklich angepasste Bauen, sollte nicht verwundern.
    • Zeno schrieb:

      Ich habe den Eindruck gewonnen, dass in dieser Diskussion unter "angepasster Neubau" etwas anderes verstanden wird als das, woran ich denke. Wirklich angepasste Gebäude sind auf den Bildern dieser Galerie kaum zu entdecken gewesen, nur die Kaufhaus-Galerie macht hier eine bewundernswerte Ausnahme. Dass in Aalen die diversen Spielarten der jüngeren BW-Architektur verstanden werden, aber nicht unbedingt das wirklich angepasste Bauen, sollte nicht verwundern.
      Man kann sich natürlich streiten, was man als "angepassten Neubau" gelten lassen will. Ich kann allerdings nicht nachvollziehen, warum die Kaufhaus-Galerie so viel besser sein soll als der übrige Neubaukram in Aalen. Das ist doch auch nur lieblose Investorenarchitektur.
    • Wahrscheinlich seid Ihr, Tübinger und Ursus, hinsichtlich der Erhaltungsqualität von Stadtbildern verwöhnt und lehnt vor diesem Hintergrund vieles als "Investorenarchitektur" ab, ohne es weiter zu unterscheiden. Es ist aber so, dass wir ständig mit neuen Neubaumaßnahmen konfrontiert werden. In der überwiegenden Zahl der Fälle ist dabei etwas absolut Unbrauchbares zu befürchten. Da ist man schon froh, wenn man innerhalb dessen, was als Neubau denkbar ist, etwas besseres bekommt. Oder sind nicht Freudenstadt, Neumarkt in der Oberpfalz und Donauwörth vorbildlich wiederaufgebaut?
    • Neubauten sind mir fast immer ein Greul, wenn für sie historische Bauten geopfert werden. Gute Gestaltung lasse ich bei solchen Neubauten als mildernden Umstand gelten, doch ein Verbrechen wurde dennoch begangen. Es ist richtig, daß wir ständig mit Neubauten konfrontiert werden, aber ich mag das nicht akzeptieren. Wie sie zu verhindern sind, weiß ich leider auch nicht. Es ist ein Jammer. In kriegszerstörten Städten sollen mir historisierende Bauten willkommen sein, sofern die Qualität stimmt. (Mit dem Wiederaufbau von Freudenstadt bin ich übrigens nicht ganz zufrieden; warum wurden dort keine Giebelhäuser errichtet?)
    • Ja, so ist es Zeno. Die von dir genannten Beispiele sind kriegszerstörte Städte. Kein Mensch würde die Zerstörung angesichts des halbwegs akzeptablen Wiederaufbau kleinreden. Übrigens kannst du gespannt auf Tobis irgendwann zu erstellende Galerie über den Wiederaufbau von Linz sein.
      Aber da hat TÜbinger völlig recht: das größte Gift sind diese angepassten Neubauten, die sogar dich mitunter in Verzückung bringen, wie in Landsberg am Lech der Fall. Man kann es drehen und wenden wie man will: letztlich legalisieren sie bzw schaffen Konsens hinsichtlich eines barbarischen Stadtbildfrevels. Sicher ist die Lösung in Landsberg am Lech beim Stadtplatztor ganz gut gelungen, aber das kann uns nicht drüber hinwegtäuschen, dass ein großartiges und einmaliges Ensemble für immer verschwunden ist.
      Und was Landshut betrifft, so ist die Stadt überhaupt die größte Katastrophe, in der soszusagen die Kriegszerstörung nachgeholt worden ist.
      Zu Aalen selbst fällt mir nicht viel ein. Ich würde allen Ernstes dazu raten, die Stadt als Steinbruch bzw FWH-Reservoir für Ulm und uU Stuttgart zu verwenden. Ulm täten ein paar originale FWH in der neuen Mitte sehr gut, daraus ließen sich sehr sinnfällige Ensembles schaffen. Hier in Aalen ist ohne hin Hopfen und Malz verloren, und wahrscheinlich wird hier der Kahlschlag ohnehin weitergehen, da mit der zunehmenden Marginalisierung des Stadtbildes auch die Hemmschwelle für weitere Schandtaten erfahrungsgemaß stark sinkt. Abgesehen davon ist das Stadtbild wirklich unbedeutend. Vielleicht kann man ja eine kleine Insel um das Rathaus lassen. Der Rest soll dorthin, wo tatsächlich an der Reparatur eines bedeutsamen Stadtbildes ernsthaft gearbeitet wird.
      Es soll so sein wie in der Bibel: wer hat, dem wird gegeben, wer nichts hat, dem wird das Wenige, das er hat, auch noch genommen.
      ... dass jeder troglodytischen Lebensart, beruht sie nur fest in sich selbst, etwas schlechthin faszinierendes eignet, überhaupt für solche, die einen Ansatz dazu schon besitzen und mitbringen, der dann nur noch einer gewissen Entwicklung bedarf. (HvD)