Lübeck - Neubauten im Gründerviertel

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    • Wo 1975 der Flächenabriss bevorstand (und dank UNESCO-Eintrag abgewendet wurde), droht heute die Banalisierung

      Pfälzer Bub schrieb:

      Langsam ist es zum resignieren. Die ach-so-toll-globalisierte-versocialnetworkte-modern-hippe-möchtegern-ökologisch-grün-verantwortungsvoll-konsumierende Gesellschaft hat wirklich jeden Bezug zu ihrer Umwelt verloren. Wie kann man solche Allerweltsklötzchen in eine der wertvollsten Städte Deutschlands setzen und eine "kritische" Reko oder zumindest entsprechende Baumaterialen nicht mal in Betracht ziehen?


      Vielleicht lässt sich das auch als gewiss gut proportioniertes, doch wiederum beliebiges und langweiliges Füllmaterial bezeichnen.
      Das grenzt schon an Verleugnung reichhaltiger Geschichte, einen anspruchslosen, doch ortstypisch verklinkerten Bau durch éinen nur geringfügig ansprechenderen, doch völlig ortsUNtypischen Bau zu ersetzen.
    • Weitere Anmerkungen zum Studentenwohnheim, da hier offenbar falsche Eindrücke entstehen:

      Man kann es auf den Fotos schlecht sehen, aber es handelt sich sehr wohl im eine Klinkerfassade. Es sind sogar rote Klinker wie man in der Bauphase oder an inzwischen abgeplatzten Stellen wieder sehen konnte/kann. Diese wurden fein säuberlich gemauert, dann aber mit einer dünnen Schicht Schlämme überdeckt und hell gestrichen. Wie ich andernorts schon schrieb, ein ortstypisches Vorgehen, da die Lübecker Profanbauten ursprünglich zum größten Teil nicht backsteinsichtig waren. Durch die dünne Schicht ist die Steinstruktur aber noch zu erkennen.
      Außerdem ist die Fassade sehr wohl in mehrere Abschnitte unterteilt, insbesondere durch leichten Höhenversatz der einzelnen Teile - der Geländetopografie folgend. Das war es aber auch schon an positivem. Das alles wird zunichte gemacht durch das einfach zu große Bauvolumen (Durchbau des ganzen Blocks, Zusammenfassung mehrer Parzellen pro Straße). Es hätte schon geholfen, wenn man die einzelnen Fassadenabschnitte farblich unterschiedlich gefasst hätte. Dann noch Satteldächer, und das Teil wäre einigermaßen erträglich gewesen. Aber so...

      Es ist sehr schade, dass das Gebäude ein paar Jahre zu früh kam. Mit der heutigen Parzellenplanung für das Gründerviertel wäre es bestimmt anders geworden.


      Übrigens droht schon wieder das nächst Ungemach am Rande des Gründerviertels: Die Stadt hat kürzlich das Grundstück des ehemaligen Stadthauses (gelegen zwischen Marienwerkhaus, Peek & Cloppenburg, Markt und Schüsselbuden verkauft. Und zwar an - jetzt haltet euch fest: Die Billig-Hotelkette Motel One.
      Es sollen auf ca. 900 m^2 Grundfläche 114 Zimmer entstehen. Was das wieder für ein Klotz wird, kann man sich ja denken. Zumal ein Billiganbieter bestimmt nich groß in die Architektur investieren wird. Entwürfe gibt es zwar noch nicht, aber wenn ich schon wieder "Staffelgeschoss" lese, dreht sich mir der Magen um. :sad:
      Lûbeke, aller Stêden schône, van rîken Êren dragestu de Krône. (Ernst Deecke, Lübische Geschichten und Sagen, 1852)
    • 6 - Freier Blick auf das Studentenwohnheim von 2006. Deutlich sichtbar
      die in Form und Farbe unpassende Dachlandschaft, sowie die Einnahme der
      gesamten Blocktiefe. Glücklicherweise ist dieser Anblick nur tempörär
      bis zur Neubebauung von Fisch- und Alfstraße.
      Wer sagt denn, daß die Neubebauung von Fisch- und Alfstraße nicht mindestens ebenso schlimm aussehen wird? Oder gibt es etwa schon Entwürfe / Visualisierungen?
    • Neußer schrieb:

      Wer sagt denn, daß die Neubebauung von Fisch- und Alfstraße nicht mindestens ebenso schlimm aussehen wird? Oder gibt es etwa schon Entwürfe / Visualisierungen?

      Nein, es gibt noch keine Entwürfe. Aber immerhin werden nicht mehr so große monotone Baukörper entstehen, da die Parzellen einzeln im historischen Zuschnitt vergeben werden sollen.
      Das Studentenwohnheim dagegen belegt 5 historische Parzellen (2 an Alf- und 3 an der Fischstraße).
      Lûbeke, aller Stêden schône, van rîken Êren dragestu de Krône. (Ernst Deecke, Lübische Geschichten und Sagen, 1852)
    • Der Herzog schrieb:

      Die Lübecker haben den Bezug zu ihrer einstigen Größe und zu ihrer Kultur verloren.
      Hier gehören Giebel hin !


      Tja, scheint so. Jedenfalls ist alles an Neubauten, was ich so in den letzten Posts serviert bekommen habe, so sehr unterste Kanone, dass es mich abschreckt, nach Lübeck zu reisen. Klar, es gibt immer noch viel historische Bausubstanz dort. Aber zu dieser kommt ja nichts wertvolles mehr hinzu. Die Kurve ist also auf Abstieg gedreht. Solche hässlichen Kisten kann ich jedenfalls überall sehen.
    • Hier übrigens noch Links mit weiteren Infos:

      Offizielle Seite der Hansestadt Lübeck zu den Ausgrabungen im Gründungsviertel
      Das Gründungsviertel als "Welterbe des Monats"
      Ausführliche Ergebnisdarstellung der "Gründungswerkstatt"

      Zum letzten Link: Eine frühzeitige Bürgerbeteiligung ist ja sehr schön - zumal die in Lübeck nicht so oft vorkommt. Aber wenn man den Leuten außer den Parzellen keine Vorgaben macht und auch Rekonstruktionen von vornherein kein Thema sind, kann sowas schon merkwürdige Blüten treiben. Ein oder zwei Gruppen haben ja ganz brauchbare Ansätze geliefert, aber die anderen freuen sich nur über die interessante Wohnlage direkt in der Altstadt und scheren sich einen Dreck um die Historie und wollen Tiefgaragen, Balkone und Dachterrassen/Flachdächer. Wahrscheinlich haben viele von ihnen auch einfach keine Ahnung von der Geschichte des Ortes und wollen nur einfach ein Haus oder eine Wohnung in guter Lage, so dass man ihnen nicht einmal einen großen Vorwurf machen kann. :unsure:
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    • Das Grabungszelt wechselte gestern die Straßenseite:
      hl-live.de/aktuell/textstart.php?id=84591
      Mit Galerie aktueller Bilder als Video. Damit sind zwischen Braun- und Fischstraße die archäologischen Grabungen abgeschlossen, so dass das Areal für eine Bebauung frei wäre. Neuigkeiten in dieser Hinsicht gibt es aber immer noch nicht.

      Ich laufe da fast täglich durch. Diese große leere Fläche über drei Straßen hinweg mitten in der sonst so eng bebauten Altstadt ist wirklich beeindruckend und bedrückend zugleich. Man kann sich nun ansatzweise vorstellen wie es nach dem Krieg ausgesehen hat. Ohne die Turmhelme und Dächer der Kirchen muss es aber noch schlimmer gewesen sein.

      Bitte beachtet die dummen Kommentare unter dem verlinkten Artikel nicht - die sind in Lübeck so üblich. :kopfwand:
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    • War gerade in Lübeck - herrliche Stadt obwohl einige Nachkriegsbauten schon ziemlich stören. Das neue Gabler-Haus gegenüber der Marienkirche ist jetzt im Bau und bekommt wie erwartet eine etwas unruhige Fassade. Die Fassade besteht aus hellen Backsteinen, die ganz gut aussehen. Das Dach scheint Gott sei Dank rot gedeckt zu werden und wird sich Perfekt einfügen. Zur Strasse hin bekommt das Haus eine Auskragung, die an dem Vorgängerbau errinnert. Alles im Allen weit besser als das Wohnheim nebenan.
      Unsere große Aufmerksamkeit für die Belange des Denkmalschutzes ist bekannt, aber weder ökonomisch noch kulturhistorisch lässt es sich vertreten, aus jedem alten Gebäude ein Museum zu machen. E. Honecker
    • Fotos und Bericht kommen in Kürze. Ich warte noch, bis die Gerüste weg sind - standen gestern noch. Es laufen im Moment die restlichen Dachdeckerarbeiten und im EG ist die Fensterfront auch noch nicht drin. Die lassen sich ziemlich viel Zeit. Sobald die Gerüste weg sind, mache ich Fotos.
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    • Die Gerüste stehen leider immer noch - so langsam wie die den ganze Bau hochgezogen haben (fast 2 jahre für ein relativ kleines Bauvorhaben), kann das auch noch 2-3 Wochen dauern, schätze ich.
      Gerade habe ich bei HL-Live aber einen ganz aktuellen Artikel zu den weiteren Planungen gefunden:
      hl-live.de/aktuell/textstart.php?id=87759

      Hört sich erstmal positiv an:
      - Die Straßen sollen ihre alte Breite zurückerhalten
      - Die Häuser sollen giebelständig auf den alten Parzellen entstehen
      - Durch die Giebelständigkeit werden wohl "zwangsweise" Satteldächer enstehen
      - Die Grundstücke werden einzeln vergeben, wodurch Individualität und kleine Bauvolumina entstehen
      - Die Straßen werden wieder gepflastert

      Wenn man genauer nachdenkt, fallen einem aber die folgenden negativen Punkte ein:
      - Rekonstruktionen werden mit keinem Wort erwähnt, und die wird es wohl auch nicht geben
      - Es besteht immer noch die Gefahr modernistischer Entwürfe, wenn nicht genauere Vorgaben spezifiziert werden
      - Die Tiefgarage ist unschön - wo soll die Einfahrt hin, Reste mittelalterlicher Grundmauern werden weggebaggert
      - "Pflasterung wie Hüxstraße" kann (und wird wahrscheinlich) bedeuten, dass das größtenteils noch vorhandene historische Kopfsteinpflaster durch geschnittenes, also glattes, steriles Granitpflaster ersetzt wird. Das ist zwar fußgänger- auto- und fahrradfreundlicher, büßt aber deutlich an Altstadtflair ein.
      - NIcht zuletzt ist der Zeithorizont bis 2020 viel zu lang, insbesondere, wenn man bedenkt, dass sich die meisten Bauprojekte um weitere Jahre verzögern.

      Die erwähnten Pläne habe ich noch nirgends gefunden. Auf irgendwelche Visualisierungen wird man mit Sicherheit noch einige Zeit warten müssen, wenn nicht vor Mitte 2015 mit dem Bau begonnen wird (ich denke, es wird dann wohl eher 2016 werden).
      Lûbeke, aller Stêden schône, van rîken Êren dragestu de Krône. (Ernst Deecke, Lübische Geschichten und Sagen, 1852)
    • Hier noch ein Artikel, diesmal aus den Lübecker Nachrichten:
      ln-online.de/Lokales/Luebeck/N…artier-im-Gruenderviertel

      "Es soll wieder so werden wie früher" macht große Hoffnungen. Es heißt aber leider nicht, dass irgendwelche Rekonstruktionen kommen werden.
      Positiv aber immerhin die giebelständige Bebauung in "Kubatur der alten Kaufmannshäuser". Auch Seitenflügel wie bei den historischen Häusern sollen entstehen, diese aber leider historisch unkorrekt ohne Satteldächer.
      Und einen Fassadenwettbewerb soll es für jedes Grundstück geben. Das hört sich an wie in Frankfurt - und was da teilweise für Dinger gewonnen haben, wissen wir ja. Aber es gab dort ja auch gute Entwürfe, also hoffen wir mal das beste. Es ist ja in Lübeck immerhin schon ein Fortschritt, dass man VOR den Planungen an die Öffentlichkeit geht. Bisher wurden die Bürger meist vor vollendete Tatsachen gestellt. Offenbar sind die Verantwortlichen tatsächlich lernfähig.

      P.S.: Auf dem (von der Marienkirche aus aufgenommenen) Foto in dem Artikel sieht man im Vordergrund das noch leere Grundstück des inzwischen fast fertigen Ulrich-Gabler-Hauses mit den historischen Kellerresten, über das ich hier demnächst berichten werde; dahinter das Studentenwohnheim und dahinter und weiter links die beiden abgerissenen Berufsschulen, deren Grundstücke Gegenstand dieses Artikels sind. Der 60er-Jahre-Block auf der rechten Seite zwischen Alf- und Mengstraße bleibt mit seiner altstadt-negierenden Kammstruktur leider bestehen. Vielleicht geht man den ja nach Abschluss der Neubebauung auch noch an - schön wär´s. Oben rechts der Mitte ist die noch erhaltene untere Mengstraße zu erkennen.
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    • Auch eine andere Tageszeitung, die SHZ berichtet heute über das Gründerviertel. Hinsichtlich der Fassaden-Gestaltung wird der Bausenator zitiert:
      „Alles wird sich am historischen Kontext orientieren, aber es wird kein Disneyland geben“, (...). Will heißen: Die Häuser bekommen Giebel und maximal zwei Geschosse. Während Dachformen und Fensterstrukturen vorgegeben sind, sind bei Materialien und Farben noch Gestaltungsmöglichkeiten offen – sofern der Gestaltungsrat der Stadt auch zustimmt, somit auch realisierbar.

      Dass mögliche Rekonstruktionen von alten hanseatischen Kaufmanns-Häusern de facto von dem Herrn Bausenator von vornherein in die "Disneyland"-, also Kitsch-Kategorie eingeordnet werden finde ich schonmal ziemlich ignorant und borniert (was soll er wohl sonst mir "Disney" meinen?...). Zudem soll ein Gestaltungsrat (Wächterrat) über die Fassadengestaltung wachen; es bleibt daher zu hoffen dass dieser Wächterrat nicht nur aus der üblichen Architekten- und Modernisten-Lobby zusammengesetzt sein wird. Aber allzu viel Geschmack und Verstand sollte man da wohl nicht voraussetzen ... :crying:
      Da es leider wohl keine Rekonstruktionen im einst schönsten Lübecker Kaufmannsviertel geben wird bleibt zu hoffen, dass die Neubauten wenigstens einigermaßen ästhetisch ansprechend und Altstadt-kompatibel gebaut werden, wie hier in Stralsund:

      Neubauprojekt in Stralsund (Quelle: Strang "Stralsund", Beitrag 30)

      HIER der Link zur SHZ >> shz.de/lokales/luebeck/luebeck…kriegszeit-id4174101.html :zeitung:
    • ...wenigstens einigermaßen ästhetisch ansprechend und Altstadt-kompatibel gebaut werden, wie hier in Stralsund


      Dass es so kommt wie in Stralsund liegt nahe. Es ist der aktuell typische Mainstream für Altstädte, die auf 'modern' machen wollen.
      Ich empfinde diese Architektur weder als Altstadt-kompatibel noch ästhetisch ansprechend, sondern unpassend und langweilig.


      Jeder, der sich die
      Fähigkeit erhält Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.

      www.archicultura.ch

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von zeitlos ()

    • Vielen Dank für den Link, kannte ich noch garnicht. Besonders interessant das Bild mit dem aktuellen Modell des Planungsstands:
      shz.de/artikelbildstrecke/4174101/1
      Sieht ja an sich schonmal sehr vielversprechend aus. Leider sieht man da auch den sehr störenden Studendenheim-Kasten, den man sich so kurz vor der Neuplanung des Viertels wirklich hätte sparen können.
      Und unklar ist wohl auch noch die Situation an den Querstraßen - die Baublöcken scheinen dort irgendwie ins Leere zu laufen und offen zu sein. Die Situation könnte man nur lösen, indem man auch die unteren beiden 60er-Jahre-Blöcke an der Untertrave abreißen und neu bebauen würde. Aber da hier im Gegensatz zu den Schulen sehr viele Eigentümer vorhanden sind, wird das wohl nichts werden.

      Tja - Bausenator Boden - das ist so eine Sache für sich. Der Mann hat weder Ahnung noch eine eigene Meinung. Vor einiger Zeit hieß es noch, er stehe dem Thema Rekonstruktionen völlig neutral gegenüber. Inzwischen scheint er sich von der Architektenschaft beschwatzen lassen zu haben. Die haben ihm dann wohl die Mär vom Disneyland eingeredet. Schade, dass in Lübeck seit dem Ende der "Ära" Knüppel/Stimmann immer wieder solche Leute das Sagen haben.
      Lûbeke, aller Stêden schône, van rîken Êren dragestu de Krône. (Ernst Deecke, Lübische Geschichten und Sagen, 1852)
    • Hallo allerseits!
      So, jetzt ist es endlich soweit. Die Gerüste des Ulrich-Gabler-Hauses sind vor ein paar Tagen endlich gefallen und ich habe die erste Gelegenheit genutzt, bei Helligkeit Fotos zu machen. Leider war es heute sehr nebelig und kalt. Man konnte von unten kaum die Wetterhähne der Marienkirchtürme sehen.
      Der Bau war extrem langwierig und hat nun knappe 2 Jahre gedauert – im Februar 2012 begannen die Gründungsarbeiten. Das hat sicherlich zum Teil damit zu tun, dass es kein Haus von der Stange ist, sondern eine Maßanfertigung für dieses Grundstück und diesen Kontext, andererseits hat die Baufirma aber auch sehr merkwürdig gearbeitet. Ich habe täglich per Webcam zugesehen, und die haben da Verschalungen in größerem Umgang bis zu dreimal gebaut oder bereits gemauerte Wände wieder eingerissen, Fensteröffnungen versetzt und so weiter und so fort. Hinzu kam natürlich auch ein sehr langer Winter.
      Wie auch immer – nun ist es ja fast fertig. Es fehlen aber noch ein paar Fenster, die Glasfassade im Erdgeschoss und gut die Hälfte des Innenausbaus.

      So, nun zu den Fotos:
      Wir nähern uns von der unteren Alfstraße aus:


      Abb.1: Blick von der Alfstraße, Ecke Gerade Querstraße, vorne rechts das Studentenwohnheim, erkennbar an der unpassenden Dachlandschaft


      Abb. 2: Ansicht weiter oben in der Alfstraße


      Abb.3: Noch etwas weiter oben


      Abb. 4: Teilfassade 1


      Abb. 5: Teilfassade 2


      Abb. 6: Teilfassade 3


      Abb. 7: Teilfassade 4


      Abb.8: Teilfassade 5


      Abb.9: Ecke Schüsselbuden/Alfstraße


      Abb. 10: Desgl. Mit Blick in die Alfstraße


      Abb.11: Fassade Schüsselbuden


      Abb.12: Blick in den Schüsselbuden, links Westwerk der Marienkirche. Vor dem Krieg stand zwischen Kirche und Straße statt der Bäume noch eine Reihe zweigeschossiger Häuschen (Buden)


      Abb. 13: „Rückseite“ zur neuen Querstraße


      Abb.14: Detail Dachlandschaft – in Vordergrund das Studentenwohnheim, rechts oben Marienkirche


      Abb.15: Marienkirche mit Gabler-Haus (rechts über dem Bus)


      Abb. 16: Desgl. nochmal näher

      Und zu guter Letzt habe ich noch zwei Gegenüberstellungen alt/neu gebastelt:

      Abb.17: Situation Alfstraße


      Abb. 18: Situation Schüsselbuden


      Ergänzend möchte ich natürlich auch noch meinen Senf zu diesem Bauvorhaben dazugeben – wird wohl etwas länger:

      Mit dem Urlich-Gabler-Haus wurde eine seit dem Krieg unbebaute Bombenlücke am Rand des Gründerviertels an der Ecke Schüsselbuden/Alfstraße geschlossen. Bis 1942 standen hier am Schüsselbuden zwei barocke Giebelhäuser, an der Alfstraße ein Ensemble aus einem Traufenhaus mit vorkragendem Obergeschoss und 3 weiteren Häusern aus Renaissance, Barock und Klassizismus. Die Häuser waren unter ihren barocken Überformungen im Kern deutlich älter. An der Straßenecke befand sich zudem einer der ältesten Keller Lübecks. Bereits in den 80er Jahren fanden hier Ausgrabungen statt, da ein Hotel errichtet werden sollte. Dieser Plan zerschlug sich aber (aus heutiger Sicht zum Glück, da das ein ziemlicher Klotz werden sollte). Seitdem lagen die ausgegrabenen Kellermauern notdürftig geschützt offen und das Grundstück verwilderte nach einer kurzen Zwischennutzung durch eine Bank (meine ich mich zu erinnern) in mobilen Containern.

      Vor einigen Jahren kaufte dann die Lübecker Ulrich-Gabler-Stiftung das Grundstück, um u.a. Werkstätten, einen Laden und ein Cafe einzurichten, die durch behinderte Menschen betrieben werden sollen. Dieser Gebäudeteil ist im Innern noch nicht fertiggestellt. In den unteren Teil an der Alfstraße ist bereits eine Ermittlungsgruppe der Polizei als Mieter eingezogen.


      Zum Bau selbst:

      Für den Entwurf des Gebäudes wurde meines Wissens ein beschränkter Architektenwettbewerb ausgelobt, bei dem der Entwurf des Büros Konermann/Siegmund gewann. Der ursprüngliche Entwurf ist noch auf deren Seite zu sehen. Er wurde glücklicherweise noch erheblich überarbeitet und dabei deutlich verbessert – und das wohl hauptsächlich durch Empfehlungen des Gestaltungsbeirats.

      Aufgrund des sandigen Untergrundes war eine Pfahlgründung erforderlich, die wegen der Nähe zur Marienkirche besonders behutsam vorgenommen werden musste. Ein Teil der ausgegrabenen Kellermauern an der Straßenecke wurde erhalten und in das Gebäude integriert. Dabei ging aber leider eine ganze Menge Substanz durch Türdurchbrüche und Angleichungen im Straßenbereich verloren. Wenn es von Interesse ist, kann ich nachsehen, ob ich noch Fotos aus dieser frühen Bauphase finde. Um die Kellermauern auch für Passanten von außen sichtbar zu lassen, hat man sich (leider) dafür entschieden, im EG einen Teil als Glasfassade auszuführen (dies wurde vom Gestaltungsbeirat bemängelt, aber nicht geändert. Es wird aber auch durch diese Fenster kaum möglich sein, die historischen Kellermauern zu sehen, da die EG-Decke bis fast an die Fenster herangeführt wurde.
      Der Baukörper lehnt sich an die Vorkriegsbebauung an und nimmt die alte Kubatur und Fassadenabfolge in etwa auf (2 Giebel zum Schüsselbuden, das Traufenhaus mit vorkragenden OGs und nachfolgend 3 weitere Giebel, davon der dritte etwas zurückspringend. Zudem wird auch die alte Dachlandschaft in Form und Farbe zitiert. Sämtliche Fassaden wurden einheitlich mit hellen Ziegelsteinen verklinkert, die Dächer bekamen rotbraune flache Dachziegel.


      Was ist gut und was schlecht?

      Positiv ist natürlich vor allem das schon erwähnte Aufgreifen der historischen Kubatur, Fassadenabfolge und Dachlandschaft mit steiler Dachneigung zu erwähnen. Dieses lässt den Bau weit weniger störend wirken als die unbeholfenen 60er-Jahre-Fassaden der näheren Umgebung (teilweise auf den Bildern zu sehen). Ich könnte mich sogar dazu hinreißen lassen zu sagen, dass dieser Bau vergleichsweise altstadtverträglich ist.

      Allerdings gibt es natürlich diverse Minuspunkte, die umso ärgerlicher sind als dass man sie mit geringen Modifikationen deutliche hätte abmildern können. Man sieht einfach, dass die Architekten sich zwar bemüht haben, altstadtkonform zu bauen, aber in letzter Konsequenz doch viele lübeck-typischen Einzelheiten entweder nicht kannten oder aber wissentlich ignoriert haben.

      Im Einzelnen wären folgende Minuspunkte zu nennen:
      - Fenster: Die Fenster sind zwar hochformatig und vertikal geteilt, aber an den Straßenfassaden leider durchgängig bodentief (wir sind modern!) und in allen OGs gleich groß. Im EG an der Alfstraße sind die Fenster sogar kleiner als in den OGs. Typisch für Lübeck und insbesondere das Gründerviertel sind aber hohe Dielenfenster im EG und immer kleiner werdende Fenster bis hin zu kleinen Ladeluken, je höher man nach oben kommt.
      Auf der Rückseite des Komplexes an der Neuen Querstraße (siehe Abb. 13) ist die Anordnung der Fenster zwar indiskutabel, aber hier gibt es erstaunlicherweise auch andere Fenstergrößen: Größere dreiflügelige und kleinere in den OGs. Hier kann man erahnen wie gut eine solche Größenstaffelung den Vorderfassaden getan hätte. Sehr schade. Immerhin öffnen sich die Fenster wie in Lübeck üblich nach außen und liegen nur wenig vertieft fast plan mit dem Außenmauerwerk. Im EG ist man hiervon allerdings leider abgerückt.

      - Trennung in Einzelfassaden: Der Architekt war bemüht, den alten Fassadenablauf der vormals 7 Einzelfassaden zu zitieren, es gibt 5 Giebel und 2 Traufseiten. Diese Bemühungen wurden aber leider durch diverse Negativpunkte stark gestört:
      1) Es gibt für 7 Fassadenteile nur 3 Eingänge (1 Schüsselbuden, 2 Alfstraße)– auf der Schüsselbudenseite liegt der Eingang sogar mittig zwischen den beiden Giebeln, wordurch die beiden Giebel unten zu einer Einheit zusammengefasst werden. Lübeck-typisch wäre ein Eingang pro Fassade.
      2) Die Regenfallrohre liegen – der aktuellen Mode gehorchend – leider unter dem Verblendmauerwerk, so dass die lübeck-typische Trennung in einzelne Fassaden auch hierdurch entfällt. Was macht man bloß, wenn so ein Rohr mal undicht wird?
      3) Der komplette Baukörper ist einheitlich verblendet. Typisch für das Gründerviertel wäre aber verschiedene Materialien (Stein, Putz) und vor allem verschiedene Farben gewesen.
      4) Die drei Fenster rechts in Teilfassade 2 (Abb.6) gehören eigentlich zu den Räumen von Teilfassade 2 (Abb.5). Durch diese fassadenübergreifende Befensterung wird der Einzelfassaden-Eindruck erheblich gestört.

      - Weitere Minuspunkte:
      1) Die Dachfarbe ist genau richtig gewählt, aber leider wurden statt lübeck-typischer gewölbter Dachziegel flache, schindelartige Ziegel verwendet, die man eher in südlicheren Gegenden antrifft. Die Dachflächen verlieren dadurch leider deutlich an Plastizität und wirken wie auch ansonsten der ganze Bau sehr steril. Hoffen wir mal, dass das Material wenigstens alterungsfähig ist.
      2) Die verwendeten Klinkersteine sind sehr kleinformatig. Lübeck-typisch sind Backsteine im sehr großen „Klosterformat“. Die hier verwendeten Steine sind höchstens halb so groß.
      3) Die Klinkersteine haben eine sehr ähnliche Farbe wie die Schlämme des Studentenwohnheims. Es entsteht dadurch der Eindruck eines noch größeren Blocks, da keine wirkliche Trennung wahrzunehmen ist.
      4) Die Regenrinnen liegen in den Dachflächen merkwürdigerweise zwei Schindelreihen über der Traufe. Das hat zur Folge, dass das Regenwasser der unteren beiden Schindelreihen ja auch irgendwie abgeleitet werden muss. Dafür gibt es an den Traufen jeweils U-Profile, die über die Fassade herausragen. Es handelt sich hier zwar um vergleichsweise geringe Wassermengen, aber diese werden offensichtlich über die U-Profile einfach auf die Fassaden geleitet und laufen außen herunter. Ich möchte nicht wissen, wie die Fassaden hier in einigen Jahren aussehen werden. So einen Blödsinn habe ich noch nie gesehen.
      5) Die relativ sinnlose großflächige Verglasung im EG wirkt sehr störend auf die Proportionen und Harmonie des Gebäudes. Da insbesondere auch die Straßenecke verglast ist, schein der Bau darüber im Nichts zu schweben. Unschön. Diesen architektonischen Schnickschnack hätte man sich sparen können.
      6) Die schwarzen Schornsteine wirken auf der rotbraunen Dachfläche sehr störend. Hätte man hier nicht die Dachfarbe wählen oder die Schornsteine auch noch verklinkern können?

      So, ich glaube, das reicht jetzt aber wirklich mal. Habe bestimmt noch was vergessen, aber ich will euch nicht langweilen.

      Fazit also meines Erachtens: Trotzt den vielen Einzelmängel ein insgesamt akzeptabler Bau – insbesondere, wenn man sieht, was uns erspart geblieben ist, wenn man die Konkurrenzentwürfe sieht:

      Ich denke, das ist im Moment das Maximum dessen, was man in Lübeck erwarten kann. Hoffen wir mal, dass es im Gründerviertel mindestens so weitergeht und hoffentlich noch viel besser.


      Historische Bilder gemeinfrei, aktuelle Bilder von mir.
      Lûbeke, aller Stêden schône, van rîken Êren dragestu de Krône. (Ernst Deecke, Lübische Geschichten und Sagen, 1852)
    • Ups, ich habe in dem langen Beitrag noch ein paar Links vergessen:
      - Erstentwurf Konermann/Siegmund
      - Konkurrenzentwurf Heske/Hochgürtel/Lohse
      - Konkurrenzentwurf Schenk/Waiblinger

      Es gab noch einen, der offenbar nicht mehr im Netz ist. War auch ein schlimmer Bunker im Stil der späten 70er / frühen 80er.
      Da ist der Kelch nochmal an uns vorübergegangen.
      Lûbeke, aller Stêden schône, van rîken Êren dragestu de Krône. (Ernst Deecke, Lübische Geschichten und Sagen, 1852)
    • Vielen Dank für deinen ausführlichen Beitrag, frank1204. Man ist wirklich hin- und hergerissen, wenn man sieht, was die letzten Jahre in Lübeck im Altstadtbereich gebaut wurde, sind die jetzigen Neubauten in Relation betrachtet ein gewisser Schritt nach vorne. Alleine das Einhalten einer Giebelständigkeit und vernünftige Dächer, selbst wenn sie durch Lichtschlitze so entstellt sind wie hier, sind ja eine ganz andere Hausnummer als der Trash, den man dort bisher vorfand und vorfindet (v. a. Mengstraße) und in Gewerbeviertel-Manier ohne jeden Respekt für Fluchtlinien einfach zwischen die Reste der Altbebauung gesetzt wurde.

      Andererseits darf man halt auch nicht die Vorkriegsbilder anschauen respektive bedenken, was für Chancen da mal wieder verschwendet wurden. Selbst bei der offenbar in Lübeck nicht durchsetzbaren Rekonstruktion wäre hier eine Gestaltungssatzung bitter nötig, die etwa ordentliche Fenster oder das von dir angesprochene Absetzen von Einzelbauten durch unterschiedliche Materialwahl vorschreibt. Auch die Anordnung der Fenster ist einfach unter aller Kanone. Der Drill an den Architekturschulen muss echt einer nordkoreanischen Gehirnwäsche gleichen, dass man danach dann so autistisch ist, einfach ein (hier zu sehendes) Bürohochhaus-Raster in eine Altstadthaus-Kubatur zu klatschen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von RMA II. ()

    • Auch von mir vielen Dank für den ausführlichen Bericht.

      Ich halte die Neubauten für sehr gelungen, gerade weil mich dieser Stil (der ganz zaghaft ja auch anderwo immer mal gebaut wird) sehr an die gelungenen Beispiele der 50er-Jahre-Architektur erinnert. Auch die durchgehend gleich großen vertikal ausgerichteten Fensteröffnungen stören mich überhaupt nicht. Wie katastrophal dagegen das benachbarte kaum ältere Studentenwohnheim, welches optisch gerade mal zwischen 5 und 10 Jahren alt sein dürfte.

      Wenn man modern bauen will (was man ja nicht muss), dann stellt das Gebaute für mich sogar so etwas wie das Maximum des Möglichen dar, die einzige Alternative wäre aus meiner Sicht die möglichst originalgetreue Rekonstruktion der Vorkriegsbauten. Alles dazwischen würde in ein zwangsläufig misslungenes "Gewollt und nicht gekonnt"-Mischmasch münden.

      Auch wenn mir durchaus klar ist, dass eine solche Meinung hier wohl in der Minderheit ist, muss sie doch raus, und sei es nur, um eine reelle Diskussion in Gang zu bringen oder mich eines Besseren belehren zu lassen :wink: .