Hof

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    • Hier entwickelt sich wieder einmal eine erbitterte Gründerzeit-versus-Vorgründerzeit-Diskussion, wobei man die Architektur der ersten Hälfte und der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts m. E. miteinander gar nicht vergleichen kann. Alles von 1780 bis 1918 unter einen Hut zu stecken ist so, wie Gotik und Renaissance in einem Kapitel zu behandeln. Wäre Hof 1890 abgebrannt und dann in stilreinem Späthistorismus wieder errichtet worden, würde ich der zenoiden Kritik wohl zustimmen. Nicht dass ich etwas gegen die späte Gründerzeit hätte, ganz im Gegenteil, aber für mich gehören Viertel mit solcher Architektur außerhalb der Altstadt, dort schätze ich sie sehr. Wenn man aber im gesamten Zentrum keine Gebäude vor der Mitte des 19. Jahrhunderts findet, wie z. B. im Ruhrgebiet, entsteht ein fades Stadtbild. Nur perfekter Historismus, prunkvolle Paläste, keine Unregelmäßigkeiten... da fehlt doch etwas.

      Die Hofer Altstadt würde ich aber keineswegs so bewerten. Biedermeierarchitektur ist doch ein Übergangsstil zwischen den vorgründerzeitlichen Stilen und der protzigen Architektur der Zeit um 1900, aus einer Zeit gesellschaftlichen Wandels. Sie hat aber noch eine große Menge des vorhistoristischen Charmes behalten und zählt für mich auch noch gänzlich zu dieser vorperfektionistischen Epoche. Das sieht man doch auch am Hofer Stadtbild! Die Gebäude mögen zwar schlicht sein und Fassaden haben, die schon an die folgenden Stile erinnern, aber sie sind alles andere als protzig, nehmen Rücksicht aufeinander, erzeugen äußerst lebendige Ensembles, sind in den Details unterschiedlich und sind doch einheitlich... Genau das was eine vorgründerzeitliche Altstadt ausmacht.

      Und noch mein subjektiver Eindruck: Mir gefällt die Stadt (zumindest auf den Bildern, dort war ich ja leider noch nicht) sehr gut, ich mag die Biedermeierarchitektur, auch wenn sie stellenweise etwas fad ist. Aber es entstehen doch großartige Straßenbilder. Außerdem ist mir der dortige regionale Stil seltsam vertraut - schlichte Häuser unter steilen Schopfwalmdächern, bunte Zeilen traufständiger Häuser... Das ist doch der Böhmerwald-und-Ausläufer-Stil, bei mir daheim sieht es mancherorts auch etwas ähnlich aus.
    • -Tobias- schrieb:

      Hier entwickelt sich wieder einmal eine erbitterte Gründerzeit-versus-Vorgründerzeit-Diskussion

      Genau so eine Diskussion wollte ich vermeiden. Wie gesagt, ich mag sie nicht, kann aber (wenn auch gegen jedes Gefühl und nur rein verstandesmäßig) verstehen, dass man sie mag, wenn man in ihr aufgewachsen ist uns sie einem vertraut ist. Auf den künstlerischen Wert kommt es insofern nicht an, als es darum geht, den den Menschen vertrauten Lebensraum zu erhalten. Wenn wir nur auf das Künsterische abstellen, geht Ostoberfranken, einschließlich der prägnanten Häuser des Fichtelgebirges, ziemlich leer aus. Das darf es nicht sein!

      -Tobias- schrieb:

      Die Hofer Altstadt

      Du meinst die Altstadt intra muros, die in Hof "Neustadt" heißt, biedermeierzeitlich geprägt ist (wie wie jetzt gelernt haben) und von der (Straße, die) Altstadt (heißt,) zu unterscheiden ist.

      Johan schrieb:

      Die Altstadt sollte doch Fussgangerzone werden

      Dito. Die Altstadt, also die Straße extra muros zwischen Neustadt und der Marienkirche, ist Fußgängerzone. Die Ludwigstraße, die Hauptstraße der Neustadt (die intra muros war und die Du meinst), ist nicht Fußgängerzone. Sie würde das aber nötig haben. Der Verkehr ist schon arg.
    • Oha, die Diskussion hier hat sich ja deutlich belebt. Das freut mich schon mal sehr!
      Auf den künstlerischen Wert kommt es insofern nicht an, als es darum
      geht, den den Menschen vertrauten Lebensraum zu erhalten. Wenn wir nur
      auf das Künsterische abstellen, geht Ostoberfranken, einschließlich der
      prägnanten Häuser des Fichtelgebirges, ziemlich leer aus. Das darf es
      nicht sein!
      Obwohl mich die Idee eines "Kunst"ansatzes im Hinblick auf die profane Baukultur immer noch etwas wundert (danach wäre wohl nur die Kategorie Fembohaus erhaltenswert?), kann ich damit schon eher leben. Es geht doch darum, dass unsere Städte insgesamt ein möglichst authentisches Bild bewahren. Und das sehe ich weniger in den von uns allen hochgeschätzten Musterdenkmalstädten gefährdet, sondern in der Provinz, wo man entspannt mal ganze Straßenzüge verfallen läßt, "kernsaniert" oder gleich einem neuen Einkaufszentrum opfert.

      Aber zurück zur Hofer Stadtgeschichte, da kann ich am meisten beisteuern:

      Hier mal Bilder vom alten Erscheinungsbild (d.h. bis 1902) der oben erwähnten Theaterstraße (Blick auf dem ersten Bild von der Klosterstraße aus für Ortskundige). Die Klosterkirche aus dem 13. Jahrhundert musste sozusagen als frühe neuzeitliche Bausünde dem Neubau einer Schule und des (damaligen) Gerichts weichen:








      Die Theaterstraße war also innerhalb der Biedermeier-Neustadt schon immer eine Ausnahmeerscheinung. Vom aktuellen, seit 1902 unveränderten, Zustand hab ich leider kein Bild da.

      Hier eine Aufnahme vom abgerissenen Sudhaus der Deininger-Braurei. Zugegebenermaßen nicht gerade die Schokoladenseite. Die Brauerei war aber im Gegensatz zum Zentralkauf ein authentischen Zeugnis der Wirtschaftsgeschichte Hofs:



      [Ich sehe gerade, dass die Bilder etwas klein geraten sind. Ich probier das demnächst nochmal]

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Leleupi ()

    • Danke für die Bilder und ein verspätetes Willkommen am Forum, Leulupi!
      Gibt es eigentlich - abgesehen von den Kirchen - noch nennenswerte vorbiedermeierliche Substanz in Hof? Bei dem Brand kann ja nicht alles zerstört worden sein, ich nehme an, man hat seit der frühen Neuzeit in Stein gebaut, also müsste es ja noch im Kern erhaltene Häuser geben. Oder war hier vor der Industrialisierung doch eher die Holzbauweise verbreitet?
      Nur von der nördlichen Vorstadt habe ich ein Foto mit einem offensichtlich älterem Haus gefunden.
      Auch die Stadtmauer muss doch zumindest irgendwo noch in Häuser integriert erhalten sein...?
    • Stadtmauerreste gibt es also doch noch. Auf der Denkmalliste habe ich beim Überfliegen aber auch nicht wirklich viel Vorbiedermeierliches gefunden, und wenn, dann barock. Aber das gibt´s doch nicht! Es kann doch nicht eine ganze Stadt komplett neu erbaut worden sein, über den mittelalterlichen Parzellen!

      So ein Gebäude muss doch einen Kern haben, der älter als das 18. Jahrhundert ist, eine derartige geknickte Fassade gibt es doch in der Barockzeit gar nicht. de.wikipedia.org/wiki/Liste_de…arolinenstra%C3%9Fe16.JPG
    • Für die Neustadt git:
      "Bis auf einen schmalen Streifen im Südwesten um das Schloss und um die Klöster wird im September 1823 die Stadt durch Feuer erneut vernichtet. Die Anwesen brennen nieder, bis auf die gewölbten Ergeschosszonen und wenige, massiv gebaute Wohnhäuser. (...)" (Boedecker/Schulz "Hof - Denkmalwerte im Stadtumbau" (2008)).

      Der "schmale Streifen" ist vor allem die Theaterstraße. Die Klosterkirche musste wie gesagt 1902 der Neustädter Schule und dem Gerichtsneubau weichen. Ebenso weitgehend die Klöster selbst (Clarissen- und Franziskanerkloster). Vom Clarissenkloster ist ein Flügel erhalten, der heute Bestandteil einer Seniorenwohnanlage ist. Das Dach kann man auf Anfrage bei der Diakonie besichtigen, hab ich aber noch nicht gemacht.

      Ein wichtiges Gebäude in der unteren Theaterstaße ist das alte Gymnasium, heute Zeichen- und Musiksaal des Jean-Paul-Gymnasiums (vgl. auch de.wikipedia.org/wiki/Jean-Paul-Gymnasium_Hof). Dazu heißt es bei Boedecker/Schulz: "1546 wird das heute noch existierende Gymnasium in Gebäuden des Franziskanerklosters gegründet: einzigartig im Oberbergischen Fürstentum. Die moderne Lehreinrichtung wird mit Büchern aus der Wunsiedler Druckerei Pfelschmidt versorgt (...). Das Gymnasium erhält 1746 ein Ziegeldach".

      Das sog. Schloss, eine kleine Adelsburg der Vögte von Weida (Wappen: Goldener Löwe auf schwarzem Grund, vgl. Rathaus!) aus dem 13. Jahrhundert, ist bereits 1743 abgebrannt. Den letzten Rest, ein kleines Turmmäuerchen, kann am in oberen Theaterstraße Ecke Longoliusplatz noch "bestaunen".

      Darüber hinaus ist in der unteren Ludwigstraße noch das Püttnersche Stadtpalais interessant. Das ist auf den Bildern von Markus das gelbe Gebäude. Laut Denkmalverzeichnis zwischen 1802-1808 errichtet "zum Maxplatz spitzbogiger Torbogen mit Felderung". Heute ist das Gebäude innen zerstört und steht seit mehreren Jahren bereits leer.

      Außerhalb der Neustadt vor allem der St. Lorenz-Hügel mit dem Inkurabel als Siechenhaus und das Hospitalgelände. Außerdem sind die mehrterassigen Stadtgärten auf der der Saale zugewandten Seite der Häuserzeile Ludwigstraße interessant, die entlang der Stadtmauer angelegt wurden - sieht man von der Fischergasse aus deutlich. Ansonsten gibt es verstreut ein paar älter anmutende Häuser, aber kein prägendes Ensemble. Teile der inneren Vorstadt, also die Häuser um das Hospital rum, könnten auch älter sein. Da bin ich mir aber nicht sicher.

      Hier mal 2 Pläne von Boedecker/Schulz, die die Stadtentwicklung gut veranschaulichen:

      1. Ausgangspunkt: Stadtbrand 1823 mit Altstadt südlich und Neustadt (rot) nördlich:

      stadtbild-deutschland.org/foru…411b07e1bca44e82954a70f50

      2. Das boomende Hof um die Jahrhundertwende bereits mit Bahnhofsviertel südlich (rot):

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Leleupi ()

    • Leleupi schrieb:

      Insgesamt verfügt Hof aber auch heute noch über eine vergleichsweise sehr gut erhaltene historische Bausubstanz, wie ich finde. Hierzu muss man wissen, dass Hof eine Stadt des 19. Jahrhunderts ist.

      Leleupi schrieb:

      Highlight ist aus meiner Sicht aber tatsächlich die Neustadt als geschlossenes Biedermeierensemble.

      Deine Beiträge, Leleupi, haben meine Haltung Hof gegenüber revolutioniert. Zu Unrecht habe ich alles, was im 19. Jahrhundert entstanden ist, geringgeschätzt. Ich bin zwar begeistert von den großartigen Schöpfungen des Historismus und der Gründerzeit, aber halt auch nur von denen, die in Augsburg stehen. Ansonsten assoziiere ich "19. Jahrhundert" mit verdreckten, rußig schwarzen Fassaden in Glasscherbenvierteln. Nicht im Bewusstsein waren mir die Schöpfungen von vor 1880. Die Bauweise dieser Zeit prägt aber eine große Zahl ostbayerischer Kleinstädte, das ist ja unübersehbar. Diese Stadtbilder sind vielleicht von einer gewissen rehauischen Ruhe und einer schnaittenbacherischen Gleichförmigkeit, aber sie sind doch auch wertvoll als die typische Gestaltungsform der Städte im Osten Bayerns, wie ja auch zum Beispiel von Wunsiedel und Marktredwitz.

      Hof als die größte Stadt unter ihnen besitzt mit seiner Neustadt offenbar ein einwandfreies Ensemble. Zu dumm, dass ich bisher nicht erkannt habe, welchen Wert es hat. Durch übermäßige Kälte und Dauerregen war mein Blick in und für Hof auch stets getrübt.