Bremen - St. Ansgarii (1243-1944)

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      Frage zur Bibelfestigkeit

      An der Innenseite der Südwand des mittleren Jochs des Südschiffes der Kirche befand sich - das Fenster umrahmend - ein fünfteiliger Freskenzyklus von ca. 1478 zu Szenen des Alten Testaments. Dargestellt waren:

      (links- d.h. östlich - vom Fenster:)
      1. Empfang der Gesetzestafeln durch Mose
      2. Tanz um das goldene Kalb
      3. David und Goliath

      (rechts - d.h. westlich - vom Fenster:)
      4. ??
      5. Tod Absaloms

      Wie man sieht, ist das vierte Bild bisher nicht 'entschlüsselt' worden. Deshalb hoffe ich auf die Mithilfe von bibelfesten Ikonographen hier im Forum.
      Sind hier eventuell der Prophet Samuel (links, durch markante Kopfbedeckung gekennzeichnet) mit David (Mitte) und dessen Vater Isai (rechts) dargestellt ? David trägt hier weder Schleuder noch Harfe, sondern offenbar ein Buch ??
      Oder handelt es sich bei den Abgebildeten um Samuel, David und (rechts) König Saul ?
      Aufgrund der Stellung zwischen der Goliath-Geschichte (Bild 3) und dem Tode des Davidssohnes Absalom (Bild 5) müßte ja eigentlich auch auf Bild 4 ein 'davidisches' Thema gewählt worden sein. Aber vielleicht muß das ja nicht stimmen ?!

      Man sieht, ich bin etwas ratlos...

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      Die Kultreform von König Josias

      (2.Kön 22+23)

      Was hält das Forum von folgender Deutung ?

      Das Bild gehört nicht in den Kontext der Davidsgeschichten, sondern ist im Zusammenhang mit dem links vom Fenster - auf gleicher Höhe - dargestellten Abfall des Volkes Israel von Gottes Geboten in Form des Tanzes um das goldene Kalb zu sehen.
      Auf dem Bild wird eine Epsisode aus der Kultreform des Königs Josias thematisiert, in welcher der im Tempel eingerissene Synkretismus (also ein erneuter Abfall von JAHWE) nach der Auffindung des Gesetzbuches Gottes daselbst, beendet wird.

      Mit anderen Worten: Könnte auf dem Fresko der Hohepriester Hilkija (links) zu sehen sein, welcher das im Tempel gefundene Gesetzbuch Gottes vom Staatsschreiber Schaphan (Mitte) zu König Josia (rechts) tragen läßt ?



      Eine englischsprachige filmische Adaption des Themas:

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      Also ich bin alles andere als bibelfest und habe auch nur wenig Ahnung von Ikonografie, daher entschuldigt, falls mein Einfall vollkommen an den Haaren vorbei gezogen ist, aber ich verbinde mit David drei Ereignisse:

      1. Davids Kampf gegen Goliath
      2. Davids Sünde, als er die Frau eines anderen nahm und ihren Mann in den Tod schickte
      3. Davids beinahe Sturz durch seinen Sohn Absalom, der daraufhin zu Tode kommt.

      1 und 3 sind ja identifiziert und zugewiesen. Falls das Bild also eine Szene aus dem Leben von David zeigt, könnte das fragliche Bild etwas vom zweiten Stichpunkt darstellen?

      Vielleicht:
      David wird ja für seine Sünde unter anderem damit bestraft, dass nicht er, sondern sein Sohn und Nachfolger Salomon den Jerusalemer Tempel erbauen darf. Vielleicht stellt die Szene dies dar. Das Buch wäre dann ein Stein, der den Bau des Tempels symbolisiert und der Steinträger wäre Salomo und die Person rechts König David.
      98% of everything that is built and designed today is pure shit. There's no sense of design, no respect for humanity or for anything else. Frank Gehry
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      Lieber Lingster,

      vielen Dank für Ihren Vorschlag, der auch Einiges für sich hat !

      Andererseits würde mein Deutungsversuch ein in sich schlüssiges Konzept des gesamten Zyklus enthalten:

      A. Erste Ebene
      1. Gott gibt sein Gesetz (Mose am Sinai) 2. Das Volk fällt vom Gesetz ab (Goldenes Kalb / und Jahrhunderte später Synkretismus) 3. Gottes Gesetz wird wieder hergestellt (Reinigung des Tempels von Baalsstatuen und Ascheren nach Auffindung des Gesetzbuches = Kultreform des Josias).

      B. Zweite Ebene
      4. Gott hilft den Gesetzestreuen, auch wenn sie schwach zu sein scheinen (David gegen Goliath).
      5. Gott straft die Gesetzesbrecher, auch wenn diese mächtig sind (Brudermörder und Rebell gegen den Vater: Absalom).

      Das ca. 1478 gemalte Motiv der Tempelreinigung bekäme - wenn es sich hier verifizieren lassen könnte - vor dem Hintergrund der Tatsache, daß St. Ansgarii am 9. November 1522 der Ausgangspunkt der Bremer Reformation werden sollte, als nämlich der Luther-Freund und Augustiner-Eremit Heinrich von Zütphen hier die erste protestantische Predigt hielt, eine geradezu prophetische Note...

      Die Auffindung des Gesetzbuches im Tempel sozusagen als Präfiguration des reformatorischen Wahlspruches:

      "Sola Scriptura".
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      Teile dieses Freskenzyklus sind noch heute erhalten. Sie wurden beim endgültigen Abbruch der Ruine 1959 mit einer tragenden Beschichtung versehen und mit Steinsägen vom Mauerwerk getrennt. Hierzu ein Bericht des Denkmalpflegers von 1992:

      brema.suub.uni-bremen.de/perio…7?query=Fresken%20Ansgari

      Mindestens zwei Fresken sind gegenwärtig im Foyer der neuen Kirche an der Holler Allee dauerhaft aufgestellt - wenn auch in keinem sonderlich guten Zustand.

      Gerd Dettmann, der die Fresken 1934 noch 'in situ' beschreiben konnte, hatte übrigens für das hier in Rede stehende Bild ebenfalls keine Erklärung: Er benennt zwar die einzelnen Elemente, bezeichnet es dann aber kursorisch als eine insgesamt 'unverständliche Szene' (Dettmann, Gerd: Die Ansgariikirche zu Bremen. Bremen, 1934: Verlag Franz Leuwer, S.39). Nun, ich denke, wir habe da heute etwas 'Licht ins Dunkel' gebracht...
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      Überlegungen zur vorreformatorischen Funktion der Freskenzyklen

      Die seit ihrer Freilegung im 19. Jahrhundert – trotz der textile Wandbespannungen imitierenden, sehr gelungenen historistischen Umrahmung – etwas verloren wirkenden Freskenzyklen an der Nord- bzw. Südwand der Halle von St. Ansgarii, dürften sehr wahrscheinlich die Rudimente von zwei ehemals fein abgestimmten Ensembles gewesen sein, welche jeweils das von den Fresken gerahmte Fenster (das der Südseite wurde später bis auf halbe Höhe zugemauert – wegen des Anbaus des ‚Zwei-Giebel-Hauses’), sowie den unterhalb des letzteren stehenden Altar umfassten. Altäre und Fenster gingen im Verlauf der ersten (lutherischen) und zweiten (calvinistsichen) Reformation verloren, die Fresken wurden weiß übertüncht.

      Von den am Vorabend der Reformation in St. Ansgarii vorhandenen, namentlich bekannten 24 Altären, hat nur die Lage der beiden Hauptaltäre als gesetzt zu gelten: Der für die Gottesmutter Maria stand im Hohen Chor im Osten, derjenige für Johnnes den Täufer im Turmjoch im Westen – passender Weise also Nahe am Eingang. Von den übrigen 22 Altären haben nur der Ansgarius-Altar und der Heilig Kreuz Altar eine inhaltliche Beziehung zu den beiden Zyklen. Der Bezug des den Kirchenpatron feiernden Altars zum an der Nordwand der Halle befindlichen Zyklus mit Szenen aus der Lebensbeschreibung Ansgars (aus der Feder seines Nachfolgers Rimbert) der sog. ‚Vita Anskarii’ liegt auf der Hand. Der Bezug des Heilig Kreuz Altars zu den alttestamentlichen Szenen an der Südwand ergibt sich, wenn man die Fresken als Sinnbild für die Glaubenstreue des Alten Bundes deutet, der die durch Jesus am Kreuz besiegelte Glaubenstreue des Neuen Bundes gegenübergestellt wird.

      Hinsichtlich der Fenstermotive kämen für die Nordwand eine großformatige Figur von Ansgar in Betracht und für die Südwand die den alten mit dem neuen Bund verbindende ‚Wurzel Jesse’.

      Eigentlich wären für diese den Erlöser und den Kirchenpatron memorierenden Ensembles die beiden Endpunkte des Querhauses – die nach Ost- und Westchor ehrenvollsten Standorte - prädestiniert gewesen. Da diese aber durch Südportal und – im Norden – durch einen verbauenden Strebepfeiler ungeeignet waren, hat man sich dann sowohl 1438 beim Nord-, als auch 1478 beim Süd-Zyklus für das jeweils westlich benachbarte Joch entschieden, was auch den Vorteil hatte, daß dadurch die Mittelachse der Halle in Nord-Süd-Richtung betont werden konnte.

      Dies sind alles vorläufige Überlegungen. Ich lasse mich gerne von verehrten Forumsfreunden korrigieren…

      Anbei noch einige Veranschaulichungen:

      Schema


      Blick vom Hohen Chor nach Westen (Ansgar und AT-Zyklus jeweils markiert)


      Blick von der Empore im nördlichen Querhaus diagonal durch die Kirche nach Südwesten (AT-Zyklus markiert)
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      Nachdem hier nun schon Einiges über den Freskenzyklus zum Alten Testament geschrieben worden ist, aber bisher von diesem lediglich das 'Josia-Bild' im Detail gezeigt wurde, dachte ich es wäre angebracht, nun auch die übrigen Teile des Zyklus hier vorzustellen:

      Schema des Zyklus an der Südwand:


      Die Hälfte östlich des Fensters


      Die Hälfte westlich des Fensters


      Die 10 Gebote


      Der Tanz um das Goldene Kalb


      David und Goliath


      Der Tod Absaloms


      Der deutlich erkennbare alttestamentliche Zyklus in der Ruine


      Der (zum Schutz / zur Präparation) abgedeckte Zyklus