Bayern und das 19. Jahrhundert

    • Bayern und das 19. Jahrhundert


      Bild 2012

      Neumarkt i.d. OPf., Bahnhofstraße


      Bayern ist ein Land, das mehr guterhaltene Stadtbilder besitzt als viele andere Länder. Und es besitzt wertvolle Einzeldenkmäler aller Epochen - von der römischen Kaiserzeit bis heute. Kein Wunder, dass sich die Bayern intensiv mit ihrem historischen Erbe identifizieren.

      Wenn es aber um die Bauten des 19. Jahrhunderts geht, dann nimmt der Bayer eine völlig gegensätzliche Haltung ein: Während man auf die Jahrhunderte von der Römerzeit bis zur Barockzeit ungemein stolz ist, scheint die frühe Industrialisierung mit ihren gesellschaftlichen und städtebaulichen Umformungen nie stattgefunden zu haben. Jedenfalls wird die industrielle Epoche im Bewusstsein des traditionsbewussten Bayern ausgeblendet, kurzum: man will davon nichts wissen.

      Dass die Oberpfalz das Ruhrgebiet des Mittelalters war und daraus das Industriedenkmal der Maxhütte hervorgegangen ist, dass die erste Personeneisenbahn Deutschlands in Nürnberg losfuhr, dass München, Nürnberg und Augsburg Zeugnisse der frühen Industrialisierung besitzen - das alles findet keinen nennenswerten Niederschlag im Willen, die Erinnerung an diese Zeugnisse des Werdens des heutigen Bayern zu bewahren.

      Bayern ist sozusagen in der Barockzeit stehengeblieben. Was noch vom 19. Jahrhundert übriggeblieben ist, stört den bayerischen Sinn für Schönheit, und da ist der Bayer sehr empfindlich. Irgendwelche Gründerzeitbauten haben schlechte Karten und insgeheim wünscht sich der wahre Bayer, all die verlotterten Klinkerbauten endlich loszuwerden, damit die Glanzwerke der früheren Zeiten umso heller erstrahlen können.

      Ein hochrangiges Industriedenkmal ist die in den 90er-Jahren stillgelegte Maxhütte in Sulzbach-Rosenberg. Das Schicksal der baulichen Anlagen dürfte den meisten Bayern unbekannt, um nicht zu sagen gleichgültig sein. Man will mit Stahlwerken und Hochöfen nichts mehr zu tun haben und ist insgeheim froh, die Erinnerung daran auch aus dem Stadt- und Landschaftsbild getilgt zu wissen. Dementsprechend verläuft die Berichterstattung über die Zukunft der Maxhütte: man redet nicht darüber.

      Schließlich ist Bayern das Land der Lebensfreude und des weiß-blauen Himmels und nicht der Arbeit und der Industrieschornsteine.

      Geradezu paradox muss erscheinen, dass eines der weltweit bekanntesten und meistbesuchten Bauwerke Deutschlands ein in Bayern stehendes Bauwerk des 19. Jahrhunderts ist: Schloss Neuschwanstein. Die Erklärung für diesen Widerspruch aber ist schnell gefunden: Das ist ja unser sagenhaftes Märchenschloss und kein Fabrikbau. Es gehört der Neuromanik an und spannt damit einen Bogen über die Jahrhunderte in die Welt des Mittelalters. Während woanders die Industrialisierung in vollem Gange war, träumte man in Bayern von vergangenen Zeiten und der Kini baute seine Traumschlösser.

      Zur weiteren Vertiefung:
      Bayern im Zerrspiegel der bayerischen Denkmalpflege
    • Re: Bayern und das 19. Jahrhundert

      "Zeno" schrieb:

      [...], dass die erste Personeneisenbahn Deutschlands in der bayerischen Gemeinde Gostenhof bei Nürnberg losfuhr, [...]

      Gostenhof wurde schon 10 Jahre vor der Eröffnung der ersten deutschen Eisenbahn nach Nürnberg eingemeindet.

      Edit: Über die Eingemeindung scheint gar keine völlige Klarheit zu herrschen. Auch im Stadtlexikon werden zwei unterschiedliche Jahre genannt (aber alle beide Jahre waren noch vor 1835).
      Prof. Dr. Hermann Rusam nennt im Artikel Gostenhof 1825, Dr. Walter Bauernfeind im Artikel Burgfrieden 1818. Aber im Artikel Eingemeindungen ist von einer ersten Eingemeindungswelle im Jahr 1825 die Rede und die Karte zu den Eingemeindungen weist für Gostenhof auch 1825 aus.

      Zum Thema selbst: Es stimmt, daß Industriekultur bei uns nicht viel zählt. Aber beispielsweise die Ludwigseisenbahn ist hier ein schwieriger Fall. Daß zwischen Nürnberg und Fürth die erste deutsche Eisenbahn verkehrte weiß hier jeder, aber es gibt schlicht und einfach schon seit vielen Jahrzehnten keine baulichen Relikte mehr, die man noch schützen könnte. Die ersten Bahnhöfe in Nürnberg und Fürth wurden noch im 19. Jahrhundert durch Neubauten ersetzt und diese wiederum im 3. Reich (Fürth) und in der frühen Wiederaufbauphase 1951 (Nürnberg) abgerissen. Auch das wohl früheste noch existierende Bauwerk der Nürnberg-Fürther Eisenbahngeschichte, der inzwischen leider zwischen Bahn- und U-Bahn-Trasse sehr ungünstig gelegene Lokschuppen von 1860 in Fürth war ein Bauwerk der Staatsbahn; nichtsdestotrotz ist sein Verfall ein Jammer, was aber wohl auch zu einem nicht unwesentlichen Teil an der Deutschen Bahn liegt.
      Neben der Ludwigsbahn dürften auch die meisten anderen Relikte der Frühindustrialisierung in Nürnberg schon seit vielen Jahrzehnten verschwunden sein; beispielsweise wurde die Klettsche Fabrik schon kurz vor der Jahrhunderwende in die Südstadt verlagert (kurz vor oder nach der Fusion mit einem Augsburger Mitbewerber zur MAN) und das ursprüngliche Areal bei Wöhrd gleich anschließend teilweise überbaut und teilweise in einen Park umgestaltet.
    • Re: Bayern und das 19. Jahrhundert

      Ja, danke, Norimbergus, das mit Gostenhof habe ich wohl vor diversen Jahren mal verwechselt. :peinlich:

      Früher habe ich mal gedacht, Nürnberg und Fürth wären auf die einstige gemeinsame Eisenbahn und die Nachbarschaft generell unheimlich stolz. Dabei verhält es sich genau umgekehrt: Die Nachbarstädte zeigen der jeweils anderen ihre hässlichste Seite (sugarraybanister.de/wp-content…_muggenhof_faultuerme.jpg) und mögen sich nicht. Das liegt aber nicht zuletzt daran, dass das alte graue Fürth ein Ergebnis des 19. Jahrhunderts ist und voller rußschwarzer Gründerzeithäuser.

      Der Lokschuppen Karolinenstraße 91: Datei:Lokschuppen2.jpg – Wikipedia

      In Nürnberg gibt es ja ein Museum Industriekultur. Das Wort "Industriekultur" ist für bayerische Ohren bereits eine Provokation, vereinigt es doch völlig Gegensätzliches und Widersprüchliches. Als guter Bayer weiß man man mit so einer zweifelhaften Kultstätte daher nichts anzufangen. Infolgedessen besteht auch nicht die Gefahr, dort gesehen zu werden, als ob man der Frühzeit der Industriezeit nachtrauern würde.

      Bilder von der reizvollen Industriestadt Nürnberg gibt's hier:
      Sugar Ray Banister » Nürnberg ist hässlich, das kann aber ganz schön sein
    • Re: Bayern und das 19. Jahrhundert

      Noch kurz ein Nachtrag zur Jahreszahl der Eingemeindung:

      Zitat aus Gerhard Pfeiffer, Das Nürnberger Gemeindebevollmächtigtenkolleg 1818 - 1919 (Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg, Bd 65 (1978), S. 360/361)
      Schon am 5. Dezember 1818 schlossen Magistrat und Gemeindebevollmächtigtenkolleg gemeinsam einen Eingemeindungsvertrag mit Gostenhof und Wöhrd, der - auf den Bereich des Burgfriedens erweitert - nach langem Zögern 1825 die kgl. Bestätigung und damit Rechtsgültigkeit fand.
    • Exemplarisch hat man sich das Schaittachtal ausgesucht, aber in Bayern sind hunderte von kleinen Bahnhöfen (siehe auch Strecke Regensburg - Nürnberg) aus dem 19. Jh. vom Verfall oder vom Abriss bedroht:

      Bahnhöfe im Schnaittachtal

      Auf der Strecke geblieben

      Viele historische Bahnhofsgebäude sind bedroht, weil sie nicht mehr gebraucht werden. Im Schnaittachtal im Nürnberger Land sollen nun zwei Bahnhöfe vor dem Verfall gerettet werden - sie stehen unter Denkmalschutz.
      br.de/fernsehen/bayerisches-fe…m-schnaittachtal-100.html

      Wenn man den Bürgermeister hört, kommt einem das kalte Grausen...

      (wenn der Moderator einen geeigneteren Strang kennt, möge er es bitte dorthin verschieben)
      Die Moderne verleugnet ihre Herkunft, weil sie fürchtet, die Auseinandersetzung mit ihr könnte sie überfordern - oder ihr gar ihre eigene Banalität vor Augen führen. — Dr. Melanie Möller
    • Zeno schrieb:

      Was noch vom 19. Jahrhundert übriggeblieben ist, stört den bayerischen Sinn für Schönheit, und da ist der Bayer sehr empfindlich
      Ohne 19. Jahrhundert wäre von München aber nicht mehr viel übrig:

      Das wäre ein München ohne Maximilianstraße, Ludwigstraße, Prinzregentenstraße, Karolinenplatz, Königsplatz mit diversen stadtbildprägenden Bauten, Maximilianeum, selbst das Oktoberfest müßte ohne Bavaria auskommen cheers:)
      „Preste atenção, o mundo é um moinho, vai triturar teus sonhos, tão mesquinho, vai reduzir as ilusões a pó“ (Cartola)