Traditionelle Architekten

    • Heinzer schrieb:

      Das sehe ich in diesem Fall tatsächlich anders, ich liebe diese Frühmoderne, ich liebe das Material und die Liebe zum Detail bei der Fassadengestaltung, ich liebe den Kontrast zwischen den geschwungenen und den klar geometrischen Teilen der Fassaden.

      Dann vergleich das mal mit den Originalen. Das dezidär hanwerklich-künstleriche, das eine Säule der Frühmoderne bildet und sich als eine Art Erneuerung von Arts and Crafts/Jugendstil-Postulaten deuten lassen kann, geht diesen gegenwärtigen Klonen ganz und gar ab, m.E.
      Zugegebenermaßen, auch die originäre Frühmoderne, vor allem Schulen der Neuen Sachlichkeit, wurden ihren eigenen Ansprüchen oft nur bedingt gerecht, was aber auch teilweise der Erschließung bauphysikalischen Neulandes und den erst zu machenden Erfahrungen mit den neuen Bauweisen und Materalien geschuldet war.
      "Schönheit wird die Welt retten" - Dostojewski
    • Es ist keine Frage, dass auch bei Forster noch Luft nach oben ist. Ich finde aber das grundsätzliche Bekenntnis zu Schönheit und den gewollten und auch realisierten und nicht nur dahergeblubberten Bezug zur Umgebung mal erfrischend. Hinzu kommt, dass sich das Büro Mühe gibt, das ganze preislich darstellbar zu halten (siehe z.B. hier). Da auch zukünftig in unseren Städten ein großer Bedarf an subventioniertem oder zumindest preislich gebundenem Wohnungsbau besteht und dies bis jetzt und wie in den letzten 50 Jahren meist als Entschuldigung für ästhetischen Schrott herhalten muss, ist eine Qualitätsoffensive in diesem Bereich unbedingt zu begrüßen.

      Mit genug Geld hat jede Architekturepoche qualitativ Ansprechendes geschaffen, sogar die 60er und 70er. Die gegenwärtige Herausforderung besteht imho darin, den gestalterischen Anspruch, den die 20er Jahre Siedlungen und natürlich auch die gründerzeitlichen Stadterweiterungen auch im nicht hochklassigen Bereich hatten, wiederzubeleben, auch für -ich nenne sie jetzt mal- Massenarchitektur.

      Ein schöner Kollhoff im Berliner Südwesten ist ne feine Sache, aber das wird unsere Städte nicht in der Fläche heilen. Wer für 6,50 oder 7€ Kaltmiete/qm Wohnungen bauen und refinanzieren muss, wird sich umgucken, wie schwierig eine qualitativ ansprechende Umsetzung ist angesichts der ganzen Auflagen in Deutschland. Schon deshalb finde ich Forsters Ansatz sehr lobenswert. Er zeigt, dass wir uns nicht begnügen sollten (und müssen) mit der weißen Schlitz-WDVS-Massenware, die die Neubaugebiete vieler Städte weiterhin prägt.

      Ob wir es insgesamt mit einer Trendwende hin zu Qualität in der städtischen Architektur zu tun haben und Forster auf dem Weg dahin nur den ersten oder zweiten Schritt geht oder ob es wieder nur eine kurzlebige Mode ist, bis die Neomoderne eiskalt zurückschlägt, wird die Zeit zeigen. Schon oft gab es Hoffnung, die dann eine um so brutalere Reaktion der Modernisten provoziert hat.
    • Mich überzeugen diese Entwürfe ebenfalls nur sehr bedingt bzw. wenig. Denn es handelt sich um mMn viel zu große, überdimensionierte Baublöcke. Gerade das letzte gezeigte Beispiel ist ein regelrechter Riegel, der schon von der Form her eher an Plattenbauten erinnert. Der verwendete Baustil ist natürlich die "neue Sachlichkeit" aus den 20er Jahren. Diesen sollte man eher als Wegbegleiter zum absoluten Bauhaus-Modernismuswahn sich vorstellen, da er nur gerade Formen und Linien kennt abgesehen manchmal von den Kanten. Wenn schon unbedingt die 20er Jahre, dann würde ich lieber den Expressionismus vorziehen, da dieser wenigsten Mut hat zu mehr Verzierungen und Risaliten, die dann das Gebäude auch besser einteilen nach außen hin.
      Mag sein, dass der Architekt einen Schritt sich von seinen "Kollegen" entfernt in unsere Richtung, aber trotzdem würde ich dies noch lange nicht als "traditionelle Architektur" bezeichnen. Da gehören auch zb. die wirklichen lokalen Baustoffe dazu. Natürlich ist Backstein als Baumittel besonders in Norddeutschland üblich seit dem Mittelalter und dadurch auch mehr als lokal für die Städte der Hanse zb... Aber da dieses Büro aus Frankfurt am Main kommt, beißt sich dieser Backstein eher mit den wirklichen lokalen Materialien dort. Backstein wurden nämlich in FFM wie in ganz Süddeutschland (Ausnahme Altbayern) nur in der Industrialiserung des 19. Jh. und halt in den 20er. Jahren verwendet, da es billiger war. Aber bei Massivbauten hat man in Frankfurt doch eher mit dem schönen rosafarbenen Mainsandstein gebaut, auch bei den meisten gründerzeitlichen Stadthäusern im Bahnhofsviertel zb. Deshalb sind die Baustoffe in den Gebäuden zwar hochwertiger teilweise als die Masse, aber immer noch alles andere als "lokal".

      Und dann noch was zur Kostenfrage: von einem Architekten habe ich mal gehört, dass im Grunde die Fassade heute nur noch ungefähr 10% der Gesamtkosten aufbringt, da die Technik im Inneren und der Rohbau viel teuerer sind als die äußere Haut. Nur wollen die Investoren durch das teure Innere, weil sie die Blöcke als "Rendite" betrachten, nicht noch mehr Geld dazu, auch wenn es nur noch wenig ist, drauflegen, damit das Gebäude angemessen traditionell aussieht. Im Grunde liegt es auch an dieser (geizigen) Gruppe, warum wir so einfältig gestaltete Fassaden in den Städten haben...

      Aber ich habe trotzdem noch die Hoffnung wie Lingster, dass da noch mehr machbar ist und dass es in naher Zukunft zu einer hoffentlich langfristigeren "Reaktion" der traditionellen Architektur kommen wird, da ja bald das Bauhaus 100 Jahre alt wird offiziell. Allein diese Tatsache muss schon den herrschenden Architektenklassen zu denken geben, dass dieser "Baustil" alles andere als "modern" ist...
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    • Ist natürlich letztlich alles Geschmackssache, für großstädtische Situationen haben ich auch nichts gegen große Bauvolumina, zumindest in Nachkriegsbausituationen und -natürlich- nicht in Altstädten. Recht hast Du natürlich mit dem Einwand, dass die Klinkerarchitektur nun in Frankfurt sicher nicht ihre klassische Heimat hat und die Sache mit dem Ortsbezug somit hier entfällt.

      Wie gesagt, für die industriell geprägten alten Großstädte des Westens und Nordens sehe ich hier durchaus einen interessanten Weg, der doch einige Anknüpfungspunkte bietet zu Bestandsgebäuden aus der Zwischenkriegszeit, mit denen ja in der Nachkriegszeit wesentlich besser umgegangen wurde als mit Gründerzeitarchitektur.

      In Bezug auf die Kostenfrage bleibt mir nur, mit einem befreundeten Architekten zu antworten, der meinte, es geht im Baugeschäft die ganze Zeit nur um Geld, die Margen seien knapp und dass da genau diese 5% Mehrpreis für die Fassade eben häufig den Unterschied mache für die Bauherren. Er bedaure das genauso wie wir, aber er müsse ja schließlich auch von irgendetwas leben. Nun kann man das natürlich herrlich als müde Schutzbehauptung entlarven, aber der Weg zu mehr gestalterischer Qualität führt genau deshalb vielleicht über Architekten wie Forster, die es sich erlauben können und sich trauen, zu zeigen, was man alles machen kann mit etwas Mut, auch bei knappem Budget. Ich hoffe sozusagen auf Nachahmereffekte, denn wenn die Dinger erstmal stehen, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie nicht ausstrahlen auf die Umgebung. Auch in der Bremer Überseestadt ist dieser Effekt zu beobachten. Wo bis vor 5 Jahren wirklich nur übelster, fantasieloser Kistenschrott gebaut wurde, entsteht jetzt durchaus so etwas wie ein (bescheidener) Wettbewerb um Qualität, und dazu bedurfte es eben ein paar mutiger Vorreiter. Am Ziel sind wir dort natürlich auch noch nicht (und werden es nie sein), aber mich freut eben auch der Anfang schon sehr. Alles besser als das, was vorher so gebaut wurde.

      Eine Lösung für unsere Altstädte ist all das natürlich nicht, und wohl auch nicht für gründerzeitlich geprägte Gegenden, die gerade in Bremen ja extrem kleinteilig daherkommen.
    • Angesichts des sonstigen Niveaus heutiger "Architekten" halte ich die hier aufkommende Kritik an Stephan Forster für reichlich überzogen.

      Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Das harte Dogma zwischen Modernismus und Klassik löst sich allmählich wieder auf, und diesmal wohl nachhaltiger als in der Postmoderne. Auch das Ornament kommt allmählich zurück, schaut etwa mal bei Vogel Architekten vorbei.

      Zudem verweise ich nochmals darauf: en.wikipedia.org/wiki/New_Classical_architecture

      Und auf die Traditional Architecture Group: traditionalarchitecturegroup.org/new-gallery/

      Und die gewaltige Liste neuklassischer Architekten (Hilfe beim Ausbau erwünscht!): en.wikipedia.org/wiki/User:Hor…_New_Classical_architects
    • Mal ein schwedisches Architekturbüro: SPRIDD AB

      Sie machen zwar auch modernistische Auftragsarchitektur, unter ihren Entwürfen findet man aber auch
      den großartigen skandinavisch-romantistischen Entwurf Sigfridshäll och Byggmästaren für die Universitätsstadt Växjö! Schaut euch das mal an, das ist ein Wahnsinnsensemble.
    • Fachwerkliebhaber schrieb:

      Mag sein, dass der Architekt einen Schritt sich von seinen "Kollegen" entfernt in unsere Richtung, aber trotzdem würde ich dies noch lange nicht als "traditionelle Architektur" bezeichnen. Da gehören auch zb. die wirklichen lokalen Baustoffe dazu. Natürlich ist Backstein als Baumittel besonders in Norddeutschland üblich seit dem Mittelalter und dadurch auch mehr als lokal für die Städte der Hanse zb... Aber da dieses Büro aus Frankfurt am Main kommt, beißt sich dieser Backstein eher mit den wirklichen lokalen Materialien dort. Backstein wurden nämlich in FFM wie in ganz Süddeutschland (Ausnahme Altbayern) nur in der Industrialiserung des 19. Jh. und halt in den 20er. Jahren verwendet, da es billiger war. Aber bei Massivbauten hat man in Frankfurt doch eher mit dem schönen rosafarbenen Mainsandstein gebaut, auch bei den meisten gründerzeitlichen Stadthäusern im Bahnhofsviertel zb. Deshalb sind die Baustoffe in den Gebäuden zwar hochwertiger teilweise als die Masse, aber immer noch alles andere als "lokal".

      An der Einstellung zum "nutzlosen" Ornament kann man in der Regel die Spreu vom Weizen trennen. Da traut sich allerdings auch Forster nicht ran.


      Fachwerkliebhaber schrieb:

      Und dann noch was zur Kostenfrage: von einem Architekten habe ich mal gehört, dass im Grunde die Fassade heute nur noch ungefähr 10% der Gesamtkosten aufbringt, da die Technik im Inneren und der Rohbau viel teuerer sind als die äußere Haut. Nur wollen die Investoren durch das teure Innere, weil sie die Blöcke als "Rendite" betrachten, nicht noch mehr Geld dazu, auch wenn es nur noch wenig ist, drauflegen, damit das Gebäude angemessen traditionell aussieht. Im Grunde liegt es auch an dieser (geizigen) Gruppe, warum wir so einfältig gestaltete Fassaden in den Städten haben...

      Genau genommen liegt es vor allem an dieser Gruppe, weil letztendlich der Bauherr bestimmt, was gebaut wird.

      Wenn irgendein Investor zur Abwechslung mal auf die Idee käme, ein Barockpalais oder eine gotische Kathedrale zu bauen, könnten sich die Architekturideologen an den Universitäten und in den Verbänden auf ihre Betonköpfe stellen, es würde trotzdem gebaut werden müssen.
    • Heinzer schrieb:

      Was haltet Ihr eigentlich von Stefan Forster?
      Reißt mich jetzt alles nicht vom Hocker, ein paar runde Ecken machen auch für mich noch keine Ästhetik aus. Ich persönlich empfinde diese Architektur schlichtweg nur als langweilig.
      Amateure bauten die Arche, Profis die Titanic...
    • Eckhard Mackh von Baukonvention, ist das unser Wangener? 8o

      "Anschluß an gewachsene Gestaltungsweisen ermöglicht organische Lösungen

      Für die Erneuerung des traditionellen Bauens ist die Erkenntnis
      entscheidend, daß Kultur wesentlich konventionell ist. Wenn wir
      Architekten Häuser entwerfen, können wir nur einen Bruchteil der nötigen
      Qualitäten in individuellen Lösungen hervorbringen.

      Wenn wir
      bestehende Systeme der Architektur aufnehmen, nutzen wir dadurch immer
      mehr Erfahrung, als wir in diesen Systemen bewußt entdecken können.
      Wenn wir dann Systeme aufnehmen und ausbauen, die uns umfassend
      ansprechen, haben wir gute Chancen, damit auch wieder umfassend
      anzusprechende Bauten zu schaffen.

      Auf dieser Seite geht es
      einerseits darum Informationen zu diesem Thema zu sammeln und
      andererseits darum, meine Arbeit als Architekt vorzustellen, bei der ich
      diesen Auffassungen folge."

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