"Geklonte" Häuser (Galerie)

    • "Geklonte" Häuser (Galerie)

      Vor einiger Zeit habe ich im Bau- und Kunstdenkmälerinventar meiner Heimatstadt Lemgo gelesen, dass das Haus Mittelstraße 56, im Jahre 1556 in einem Übergangsstil zwischen Spätgotik (Portal und Treppengiebel) und Frührenaissance (Rosetten, Kugelaufsätze) für den späteren Bürgermeister (1557-1583) Johann Koch erbaut, ein nahezu völlig gleich aussehendes Gegenstück im etwa 40 km entfernten Paderborn besaß.

      "Besaß" deshalb, weil das Haus Marienplatz 11 in Paderborn, erbaut 1557/58 für den Cordt Koch, der dort von 1546-1582 Bürgermeister war, leider 1945 zerstört wurde. Sicherlich waren die beiden Verwandte, wobei bislang niemand die genauen verwandtschaftlichen Beziehungen der beiden untersucht hat.

      Das Lemgoer Haus Mittelstraße 56 im heutigen Zustand (eigenes Foto), nach einem Umbau 1898, bei dem Erd- und Zwischengeschoss sowie der Speicherstock zu zwei hohen Vollgeschossen zusammengefasst wurden. Die Schaufenster wurden später mehrfach verändert:



      Und nun das Haus Marienplatz 11 in Paderborn, wie es 1899 im Paderborner Band der "Bau- und Kunstdenkmäler" veröffentlicht wurde. Hier war das Zwischengeschoss noch vorhanden, allerdings waren die Erdgeschossfenster ebenso wie die Giebelfenster im 18./19. Jh. verändert worden:



      Dass ursprünglich nicht nur die Giebelformen bis ins Detail identisch waren, sondern auch die Torbögen und Fensteranordnungen in den Untergeschossen, zeigt folgende Rekonstruktionszeichnung des Lemgoer Pendants, die ich auf Grundlage eines Fotos aus der Zeit vor dem Umbau der unteren Geschoss angefertigt habe (der Giebel des Nebenhauses, das es in Paderborn nicht gab, ist frei rekonstruiert):



      Ich finde die Tatsache bemerkenswert, dass bereits im 16. Jahrhundert zwei Häuser nach exakt denselben Plänen gebaut wurden, noch dazu, wo sie 40 km auseinander standen (wär sicher auch mal ein interessantes Rekoprojekt für Paderborn, denn anstelle des Hauses steht bis heute ein eingeschossiges Nachkriegsprovisorium, wenn ich nicht irre).

      Kennt jemand noch weitere Beispiele solcher "geklonten" Häuser, wo vielleicht sogar mehr als zwei Gebäude nach demselben Bauplan errichtet wurden?
    • Re: "Geklonte" Häuser

      Das Danziger Beispiel ist besonders kurios. Als der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III im Jahre 1822 von einer Danziger Bürgerinitiative erfuhr, dass ein besonders kostbares Patrizierhaus in der Brotbänkengasse niedergerissen werden soll, ließ er es kurzerhand abtragen und von Schinkel samt einigen Erweiterungen auf der Berliner Pfaueninsel wiederaufbauen. Seitdem kann es daselbst als Kavaliershaus bewundert werden. Hätte das Haus 1945 noch in Danzig gestanden, wäre es unweigerlich den Flammen zum Opfer gefallen. Beim Wiederaufbau der Stadt kopierten die Polen die Fassade am Originalstandort.
    • Re: "Geklonte" Häuser

      Mir fällt da noch ein besonders hübsches Beispiel ein: Im japanischen Arita wurde eine originalgetreue Kopie des Dresdner Zwingers errichtet - Hintergrund war wohl die Bedeutung beider Orte für die Porzellanherstellung. Auch der Danziger Hauptbahnhof hat sein Pendant in Japan gefunden - eine bessere Möglichkeit, viele Touristen nach Europa zu locken, gibt es wohl nicht. 8)
    • Re: "Geklonte" Häuser

      Dieses wirklich interessante Thema hatten wir vor geraumer Zeit schon in einem anderen Strang, den ich aber nimmermehr finden konnte.

      Ich weiß noch, dass wir auch das Beispiel der Wiener Hofburg im Bereich des Michaelerplatzes dort diskutierten:

      Die Originalpläne für den Standort Wien wurden

      zuerst in Berlin baulich umgesetzt (heute Hofbibliothek)

      und erst

      über hundert Jahre später in Wien gebaut!


      Anm.: OK habe den damaligen Strang soeben wiedergefunden:

      architekturforum.net/viewtopic.php?f=51&t=1594&view=previous
      "Lieber Gott, schütze uns vor Dreck und Schmutz,
      vor Feuer, Krieg und Denkmalschutz!"
    • Re: "Geklonte" Häuser

      Um in dem "Kulturkreis" zu bleiben, auf den sich das erste Beispiel bezieht:

      In Bielefeld gibt/gab es eine Gruppe Renaissance-Giebel, deren Zierformen (Voluten) einander sehr ähnelten.
      Erhalten ist aus dieser Gruppe:
      -Obernstr. 29, 1593 Johann Brunger (Umgesetzt nach Alter Markt 3, links neben dem Battighaus)
      http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/63/Alter-Markt-Bielefeld-2.jpg\r
      upload.wikimedia.org/wikipedia/c ... feld-2.jpg

      Kriegszerstört sind die Giebel Obernstr. 41 (Denker, Abbildung bei Ludorff in Bau-und Kunstdenkmäler von Westfalen) und 1927 abgebrochen wurde Niedernstr. 12 (Merveld, Abbildung daselbst).
      Bildindex gibt nichts her, wenn gewünscht, könnte ich die Bilder noch nachtragen.

      Zu der Gruppe gehört auch der Giebel des Zwerghauses an der Hofseite des Fürstenbergflügels von Schloß Neubaus bei Paderborn.
      Die Zusammengehörigkeit ist besonders auffällig in dem leicht asymmetrisch ausgeführtem First-Obelisk, verglichen mit Obernstr. 41 in Bielefeld.
      http://i381.photobucket.com/albums/oo260/leipziger2/Bild63-1.png\r
      i381.photobucket.com/albums/oo26 ... ld63-1.png

      Als weiteres, kleineres Beispiel, das nicht ganz so ähnlich ist, ist Bielefeld, Welle 61 (Auslucht am Saalbau des Waldhofes) bez. 1585 (Wappen Ledebur/Schenking) zu nennen.
      http://www.bielefeld.de/ftp/bilder/sehenswuerdigkeiten/museen/235-museum-waldhof.jpg\r
      www.bielefeld.de/ftp/bilder/sehe ... aldhof.jpg

      Die Ähnlichkeit ist sicher darauf zurück zu führen, dass hier die gleichen Baumeister/Handwerker beteiligt waren. Von wirklichen "Klonen" würde ich nicht sprechen wollen, ebenso wenig bei dem ursprünglichen Beispiel aus Lemgo/Paderborn.
      Auch für die Bielefelder Beispiele gilt, dass diese sich ursprünglich ähnlicher sahen als heute. Im Laufe der Zeit verschwanden z.T. die kleinen Obelisken auf den Gesimsenden (Obernstr. 29), wurden Fenster verändert (auch Obernstr. 29).
    • Re: "Geklonte" Häuser

      Dieser Themenstrang erheischt geradezu die Erwähnung der Bauwut Friedrichs des Großen. Das Beispiel Michaelertrakt - Berliner Hofbibliothek wurde oben bereits angeführt. Der König hegte eine große Bewunderung für die Bauten Palladios sowie für die römische Barockarchitektur. Dergleichen sollte seine beiden Residenzstädte auch zieren. Somit ließ er sich Stiche von italienischen Bauten schicken und beauftragte seine Architekten, diese in Berlin und Potsdam zu kopieren. Das Alte Rathaus geht auf einen Entwurf Palladios zurück.
      http://de.wikipedia.org/wiki/Altes_Rathaus_(Potsdam\r
      de.wikipedia.org/wiki/Altes_Rathaus_(Potsdam)

      Ein weiteres bekanntes Beispiel war die Fassade der alten Nikolaikirche, für die die Kirche Santa Maria Maggiore in Rom Pate stand. Auch der Barberini Palast am Alten Markt ist der Kopiersucht des erlauchten Monarchen entsprungen. Eine Rekonstruktion des Bauwerks wäre also durchaus nicht ehrenrührig, da es sich bereits bei dem 'Original' um eine Kopie handelte..
      http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bernini_PalazzoBarberini.jpg\r
      commons.wikimedia.org/wiki/File: ... berini.jpg
    • Re: "Geklonte" Häuser

      Habe noch einen Klon ausfindig gemacht: die Gerichtslaube des alten Berliner Rathauses. Der gotische, später barockisierte Backsteinbau fiel wie das gesamte Rathaus 1871 dem Abbruch zum Opfer, um Platz zu schaffen für Waesemanns herrliches Meisterwerk. Allerdings hatte der kleine Anbau ein gnädiges Schicksal: er wurde Wilhelm I zum Geschenk gemacht. Seine allerdurchlauchtigste Majestät höchstderoselbst ließ ihn von Strack im Babelsberger Park in Potsdam wiederaufbauen. Die barocken Veränderungen wurden rückgängig gemacht und dem Bauwerk ein phantasiegotisches Aussehen verpasst.

      http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gerichtslaube.Park.Babelsberg.jpg\r
      commons.wikimedia.org/wiki/File: ... lsberg.jpg

      Um der arg geschundenen Stadt wenigstens in Teilen ein anheimelnderes Antlitz zu geben, entschloss sich die DDR Führung, rings um die Nikolaikirche ein kleines Stadtviertel zu errichten, das neben einigen erhaltenen Häusern auch Klone von kriegszerstörten Bauten enthalten sollte, die im Zweifelsfall vor 1945 ganz woanders standen (z.B. Gasthaus Nussbaum). So besann man sich auch auf die Gerichtslaube des alten Rathauses. Selbige wurde somit (in Plattenbauweise!) einige Meter vom alten Standort entfernt neu errichtet. Äußerlich entspricht sie der barockisierten Version; im Inneren befindet sich ein gut besuchtes Restaurant.

      http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Gerichtslaube_Berlin_Aussen.jpg&filetimestamp=20080519095535\r
      de.wikipedia.org/w/index.php?tit ... 0519095535
    • Re: "Geklonte" Häuser

      In der Potsdamer Kulturlandschaft gibt es noch Einiges in Sachen Kloning zu entdecken; gerade der Babelsberger Park ist ein wahres Eldorado. Hier nun ein weiteres (wenngleich nicht ganz lupenreines) Beispiel für einen Klon: der Flatowturm.
      Wie viele seiner Zeitgenossen hatte der etwas hölzerne Hohenzollernprinz Wilhelm eine Schwäche für das Mittelalter. Besonders in seinem Babelsberger Park sollte ihn soviel wie möglich an die gute, alte Zeit gemahnen - das Beispiel Gerichtslaube wurde bereits genannt. Seinem Schloss diente die englische Tudorarchitektur als Vorbild. Auch der Eschenheimer Turm in der stolzen Reichsstadt Frankfurt erregte sein Interesse. Seine Hoheit beauftragten somit den Architekten Strack damit, eine romantisierende Nachbildung des edlen Bauwerks zu errichten. Namensgeberin war die Domäne Flatow in Westpreußen, aus deren Einnahmen der Bau finanziert wurde. Seit 1856 kann man von selbigem einen herrlichen Blick über das vezauberte Eiland genießen.

      http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Park_Babelsberg_Flatowturm.jpg&filetimestamp=20080326072835\r
      de.wikipedia.org/w/index.php?tit ... 0326072835
      die Kopie

      http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Eschenheimer_Turm_in_the_evening_sun_from_north_west.jpg\r
      de.wikipedia.org/wiki/Datei:Esch ... h_west.jpg
      das Original
    • Re: "Geklonte" Häuser

      (wär sicher auch mal ein interessantes Rekoprojekt für Paderborn, denn anstelle des Hauses steht bis heute ein eingeschossiges Nachkriegsprovisorium, wenn ich nicht irre).


      Sicher. Paderborn braucht noch viele Häuser zu rekonstruieren, dieses ist sicher eines der bedeutenderen Beispiele.

      Das Paderborner Beispiel ist wieder einmal eine Instanz der Regel: in den größeren Städten ging die lokale Bautradition im Krieg unter, in den Kleinstädten blieb sie stehen. Andere Beispiele Emden und Norden, Hildesheim und Einbeck, Braunschweig und Goslar, Lübeck und Lüneburg, Nürnberg und Rothenburg (na ja z.T.), Augsburg und Memmingen, Stuttgart und Eßlingen, Frankfurt am Main und Limburg an der Lahn, Heilbronn und Bad Wimpfen ...

      Die stehengebliebenen Kleinstädte können bauhistorische Informationen liefern für die Rekonstruktion der Großstädte, theoretisch besteht diese Möglichkeit... :schlafen:
      Favorevole alla ricostruzione completa come era e dove era.