Denkmalschutz in der Kritik

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    • Zerstörte & Abgebrochen wertvollen Bauten

      @ Philon.

      Meine Schätzungen sind das in mindestens 20 Grosstädte mehrere tausend (2000-3000) künstlerisch oder historisch wertvollen Bauten vom Krieg zerstört worden sind und in Grosstädte (Berlin, Hamburg, Dresden, Magdeburg und Königsberg) weit mehr (durchschnittlich 30-35.000 Bauten in Berlin; 15-20.000 in Hamburg, 10.000 in Dresden bis 5.000 Bauten in Magdeburg und Königsberg).
      Kommen noch 40 andere weniger betroffen Grosstädte, 90 Kleinstädte und 100-200 Dörfer.
      Also zusammen ungefähr 250.000 Bauten in das ganze ehemalige Reichsgebiet. Hauptopfer (unbestritten): "Berlin" und zweiten "Opfer" auch unbestritten: "Dresden". Darunter auffallend wenig Fabriken, die den Krieg meistens sehr gut überstanden hattten (weil sie meistens in die Aussenbezirke der Städten lokalisiert sind und die Bomben meistens in oder rund der Mitte geworfen wurden).

      Nach dem krieg sind aber auch hunderttausende Gebäuden wieder (teilweise) repariert, instandgesetzt usw. Kirchen, Schlösser und öffentliche Gebäuden wurden so viel wie möglich wieder aufgebaut. Neo-zuführungen wurden dabei NICHT rekonstruiert.
      Reko's (wie am Neumarkt in Dresden) blieben äusserst selten!!!

      Es ist immer behauptet das nach dem Krieg mehr abgebrochen wurde dann im Krieg. Also 300.000 kann doch stimmen.

      Dann sind also 550.000 wertvollen Bauten "verschwunden" und mindestens das doppelte oder dreifache ist "vereinfacht, abgestuckt, modernisiert, verstümelt usw".

      Das dies alles auch stimmt: die Bilder von Berlin der 50-er Jahren lassen neben Ruinen doch viel mehr historische Substanz sehen dann die heutige Bilder mit überwiegend Neubauten oder modernisierten Altbauten.

      Rob
    • Offenbar ist der Drang vieler Deutscher nach Sauberkeit und Ordnung unerbittlich. Anders als in Italien oder Frankreich, wo eine Wand auch mal fleckig, ein Pfeiler mal rissig sein darf, muss hierzulande das Alte aussehen wie gerade errichtet,


      Das ist übrigens auch ein Punkt, den ich schon oft kritisiert habe. Gerade diese "Übersanierungen", bei denen alle Spuren, die eine jahrhundertelange Geschichte am Material hinterlassen hat, beseitigt werden und ein 600 Jahre altes Haus am Ende dann aussieht, als wäre es erst sechs Tage alt, sind auch eine Form der Geschichtszerstörung.
    • meiner meinung nach liegt ein problem der gegenwärtigen misere in der überdehnung des denkmalsbegriffes, der zu dessen schleichender aushöhlung (und somit auch des damit verbundenen schutzgedankens) geführt hat. wenn so ziemlich alles irgendwie etwas "besonderes" sein soll, verstellt diese denkmalschwemme nicht nur den blick auf die tatsächlichen unikate, sondern lässt diese zudem in der allgemeinen statistik untergehen - und manchmal dann auch in der realität. denn um wirklich alle diese baudenkmäler retten zu können, fehlt es ja eh (wie dies in den artikeln auch anklang) an investoren oder fördergeldern oder nutzern oder allem davon. welche gebäude dann wirklich erhalten und wahrhaft denkmalgerecht saniert - oder eben abgerissen - werden, hängt dann oft von anderen faktoren ab, als von der qualität und bedeutung der bauwerke. denn dafür kann eine dermassen aufgeblähte denkmalliste kaum noch anhaltspunkte liefern.
      da sowieso nicht alles von dem, was (zumindest im osten) flächendeckend unter denkmalschutz gestellt wurde, erhalten werden kann, würde eine konzentration auf klasse statt der fixierung auf masse zwar auch nicht mehr gebäude retten - aber vielleicht die meisten der wertvollsten unter ihnen.
    • "rakete" schrieb:

      denn um wirklich alle diese baudenkmäler retten zu können, fehlt es ja eh (wie dies in den artikeln auch anklang) an investoren oder fördergeldern oder nutzern oder allem davon.


      Hier sind wir beim Kern der deutschen Denkmalmisere. Warum ist es denn so schwierig Investoren und Nutzer für Baudenkmäler zu finden?
      Weil wir ein Mentalitätsproblem im Hinblick auf alte Bausubstanz haben. Und das gilt für weite Teile der Bevölkerung, man darf den Schwarzen Peter nicht nur der Politik und/oder dem Denkmalschutz zuschieben.
      Es gibt hierzulande einen manchmal fast zwanghaften Drang "modern" sein zu wollen bzw. zu müssen. Zeitgemäß und modern zu sein, gilt etwas. Wer seine Neigung zu traditioneller Ästhetik bekundet, wird schnell als ewigggestrig, sentimental-romantisch, als hoffnungsloser Kitschonkel stigmatisiert.
      Alte Häuser werden nicht als bewahrenswertes Kulturgut, als Wert an sich gesehen. Historisches wird mit "museal" gleichgesetzt. "Wir wollen doch nicht einem Museum leben", wird denjenigen, die Altzes erhalten wollen oft entgegengeschleudert.
      In Deutschland haben Gebäude eine Funktion zu erfüllen und der Erhalt von alter Bausubstanz wird hierzulande allenfalls im Hinblick auf die touristische Verwertbarkeit akzeptiert (auch Altes muss in diesem Sinne funktionieren).
      In anderen Ländern (Italien, Frankreich) haben wir es mit einer anderen Mentalität zu tun. Der Stolz in einer schönen, alten Stadt leben zu dürfen verbietet es dort in der Regel Altbauten straßenzugweise einfach wegzureißen oder grausam zu verschandeln.
      Man muss hierzulande einen Mentalitätswandel anstoßen und das sollte bereits in der Schule beginnen. Kinder sollten viel stärker Zugang zum baulichen Erbe ihrer Städte, ihrer Region, ihres Landes erhalten.
      In Italien (auch in Frankreich) erlebe ich immer Horden von Schulklassen, die durch Altstädte udn Museen geführt werden- in Bamberg, Regensburg, Görlitz, Postdam, Heidelberg, Dresden, Meißen, Rothenburg usw. ist mir so etwas noch nie aufgefallen.
    • In anderen Ländern (Italien, Frankreich) haben wir es mit einer anderen Mentalität zu tun. Der Stolz in einer schönen, alten Stadt leben zu dürfen verbietet es dort in der Regel Altbauten straßenzugweise einfach wegzureißen oder grausam zu verschandeln.

      Ich kann dieser Schwarz-weiß-Malerei nicht so viel abgewinnen. Sicher gibt es, bedingt durch die fehlenden zerstörungen, in anderen Europäischen Ländern mehr Altbausubstanz, dennoch glaube ich, dass gerade dort der Denkmalschutz einen schwereren Stand hat und dort wird schon eher mal was weggerissen ohne Reue, nach dem Motto: wir haben doch genug. Und neugebautes ist dort auch zum Haareraufen!
    • dennoch glaube ich, dass gerade dort der Denkmalschutz einen schwereren Stand hat und dort wird schon eher mal was weggerissen ohne Reue, nach dem Motto: wir haben doch genug.


      teilweise sind die denkmalschutzbestimmungen wesentlich rigider, zum anderen besteht in der regel ein allgemeiner konsens, dass bauliche veränderungen stilgerecht zu erfolgen haben und ohnehin niemand käme auf die idee, das erscheinungsbild mit stilwidrigen elementen zu verändern. Allein für diese Grundeinsicht ist hierzulande ein strenger Denkmalschutz erforderlich, was dann andererseits von vielen als so etwas wie eine geschmackliche Freiheitsberaubung empfunden wird.
      Als Kaufinteressent einer Wohnung in einem Fachwerkhaus aus dem 18. Jhdt. musste ich mir minutenlange Schimpfkanonaden des Eigentümers anhören, weil ihm das Denkmalamt auferlegt hatte, im Zuge der Hausrenovierung Fensterläden am Haus (wieder) anzubringen.
    • Also, in dieser Vereinfachung halte ich diese Aussagen auch nicht für korrekt - egal ob Frankreich oder Italien, in beiden Ländern gibt es viele Beispiele für nun wirklich sehr unpassende Neubauten mitten in eigentlich erhaltenen Altstädten (und leider auch viele Beispiele für kompletten Verfall an sich erhaltener Bausubstanz, insbesondere in Italien).

      Zudem sind zerstörte Städte in Italien oft noch wesentlich schlechter aufgebaut worden als in Deutschland, man denke mal an Livorno oder Pescara.

      Mal zwei Beispiele - Blick von der Mole in Turin (eine der reichsten Städte Europas!):

      Unpassendes Bürogebäude, riesiger Parkplatz und Brachfläche



      Komplett verfallenes Gebäude, in der Mitte schon abgerissen und als Parkplatz genutzt, daneben wieder ein Betonklotz



      Und das nicht irgendwo, sondern mitten im Zentrum... wobei Turin noch wesentlich besser aussieht als Mailand.
    • Das Turiner universitätviertel ist für seine hässlichkeit berüchtigt, pescara. livorno und viele andere städt sind alles andere als eine augenweide, die italienischen peripherien sind grausam. Aber alles in allem handelt es sich hierbei m.E. um Ausnahmen von der Regel. Grundsätzlich ist der Umgang mit historischer Bausubstanz und der ästhetische Ansatz ein anderer.
    • Spontan fällt mir noch Triest ein - einige sehr schöne Plätze im Zentrum, aber schon wenige Gehminuten entfernt Verfall und äußerst unpassende Neubauten (teilweise direkt neben und zwischen alter Bausubstanz platziert). Zu Triest wollte ich sowieso noch eine Galerie anlegen, die Fotos kann ich dann gleich mal hochladen.
    • Ich weiß gar nicht was ihr gegen Mailand habt... natürlich hat diese Stadt viele häßliche Ecken, doch insgesamt ist Mailand noch wesentlich schöner als viele guterhaltene deutsche Großstädte. Man kann den häßlichen Ecken auch aus dem Weg gehen.
      Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
      Karl Kraus (1874-1936)
    • Naja... irgendwie kann ich's schon verstehen, so haben sie endlich wieder Ruhe im Dorf.
      War auch kein typischer Bau des Dritten Reiches sondern vermutlich eine schöne Gründerzeitvilla. Davon werden leider immer wieder welche abgerissen.
      Gibt es überhaupt noch irgendwelche Wohnhäuser von Nazi-Größen? Auf dem Obersalzberg haben sie ja vor ein paar Jahren auch mal Großreinemachen gemacht. Statt Platterhof gibt's jetzt ein Wellness-Hotel. Geschichte verdunkeln statt aufarbeiten... ist ja viel einfacher.

      ... für den oben verlinkten Fall hätte ich aber irgendwie auch keine andere Lösung gewusst.
      Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
      Karl Kraus (1874-1936)
    • Stammtisch zwischen Disneyland und Ignoranz
      Ratlose Denkmalpflege: Keine Perspektiven auf dem Deutschen Historikertag in Regensburg


      Inklusive Bartetzko und Disneyland (Herz, was willst du mehr...):

      Das Phänomen ist reichlich bekannt. Wie der Moderator, Dieter Bartetzko, Denkmalschutz- und Architektur-Spezialist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, zur allseitigen Tröstung verkündete, seien 68 Prozent der Deutschen für Erhalt und Sanierung alter Bausubstanz. Politiker in Sonntagsreden dito. Doch wenn es konkret wird, setzt man sich hemdsärmelig über alle hehren Eide hinweg.
      Professor Achim Hubel, Universität Bamberg, geißelte die gerichtliche Durchsetzung des Bürgerentscheids zum Bau der Dresdner Waldschlösschenbrücke mitten im Weltkulturerbe Dresdner Elbtal als „grauenhaftes Monster“ und als „Disney-Land“ den Mix aus Rekonstruktion und Neubauten auf dem Dresdner Neumarkt obendrein.
      Eine der vorzüglichsten Eigenschaften von Gebäuden ist historische Tiefe.
      Die Quelle aller Geschichte ist Tradition. (Schiller)
      Eine Stadt muss ihren Bürgern gefallen, nicht den Architekten.
    • "Antiquitus" schrieb:

      Stammtisch zwischen Disneyland und Ignoranz
      Ratlose Denkmalpflege: Keine Perspektiven auf dem Deutschen Historikertag in Regensburg


      Inklusive Bartetzko und Disneyland (Herz, was willst du mehr...):

      Das Phänomen ist reichlich bekannt. Wie der Moderator, Dieter Bartetzko, Denkmalschutz- und Architektur-Spezialist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, zur allseitigen Tröstung verkündete, seien 68 Prozent der Deutschen für Erhalt und Sanierung alter Bausubstanz. Politiker in Sonntagsreden dito. Doch wenn es konkret wird, setzt man sich hemdsärmelig über alle hehren Eide hinweg.
      Professor Achim Hubel, Universität Bamberg, geißelte die gerichtliche Durchsetzung des Bürgerentscheids zum Bau der Dresdner Waldschlösschenbrücke mitten im Weltkulturerbe Dresdner Elbtal als „grauenhaftes Monster“ und als „Disney-Land“ den Mix aus Rekonstruktion und Neubauten auf dem Dresdner Neumarkt obendrein.


      Der Artikel ist aber ingesamt so kritisch, wie man es sich von vielen anderen Zeitungen einmal wünschen würde. Unter anderem wird erwähnt, dass zeitgenössische Bauten in historischen Ensembles von der Bevölkerung strikt abgelehnt werden. Sowas habe ich selten mal so wahr formuliert gelesen.
    • Hochschulen reagieren erstmals...

      Aktuell im Seminarangebot der Fakultät für Architektur und Stadtplanung
      der Universität Stuttgart findet sich zur Thematik ein Seminar mit dem Titel:"Rekonstruktionsfieber":

      img401.imageshack.us/img401/8673/rekofiebergp1.jpg


      Jeder, der sich die
      Fähigkeit erhält Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.

      www.archicultura.ch

    • Auch wenn es vermutlich hauptsächlich gegen Rekos gehen wird, ist das ein Schritt in die richtige Richtung, denn es wird darüber geredet. Hoffentlich verbreitert sich die Diskussion noch und der nicht mehr zeitgemäße Denkmalschutz denkt über die eine oder andere Verbesserung nach.
      Schon erstaunlich, dass es scheint, es hätte 60 Jahre gebraucht, um den deutschen Sonderfall zu erkennen, den kein Dehio vorhersehen konnte. Hoffentlich erkennt man dies auch und rechnet nicht wieder Pflege von Originalsubstanz und Rekos gegeneinander auf, wo doch beide im Kern unabhängig nebeneinander stehen als zwei verschiedene Leistungen, welche unsere Gesellschaft erbringen muss.
      Eine der vorzüglichsten Eigenschaften von Gebäuden ist historische Tiefe.
      Die Quelle aller Geschichte ist Tradition. (Schiller)
      Eine Stadt muss ihren Bürgern gefallen, nicht den Architekten.
    • @Antiquitus

      Ich werde das Seminar besuchen und berichten.

      Besonders interessiert mich die Haltung der Professorin,
      jener, der ich seinerzeit im Rahmen eines weiteren Seminars
      das Brunnenprojekt in Villingen zur Ausarbeitung vorgeschlagen
      hatte. Sie lehnte damals tendenziell Rekonstruktionen ab,
      zumindestmit dem Hinweis, dass sie sich eine solche allenfalls
      vorstellen könne, sofern noch Orignalsubstanz vorhanden wäre.
      Sie lehnte eine Rekonstruktion anhand von Bildmaterial ab und
      machte deutlich, dass sie meine Arbeit NICHT bewerten werde,
      wenn ich nicht zusätzlich einen neuen "zeitgemäßen = modernistischen" Entwurf liefern würde.
      Das Thema der Seminararbeit sollte aber die Rekonstruktion und nicht
      der Neuentwurf eines Brunnens heißen. :augenrollen:
      Na ja, daher kann ich auseigener Erfahrung bestätigen, was andere Studenten hier nicht bestätigt sehen möchten, dass wie in diesem Fall durchaus eine ideologisch - dogmatsiche Ablehnungshaltung an der ein oder anderen Hochschule gegenüber Rekonstruktionen nicht zu verleugnen ist. Mit konstruktiver Kritik hatte dieses Aufbegehren nichts mehr gemein.
      Hinzufügen möchte ich, dass ich die Liste der Professoren durchaus
      erweitern könnte, bei denen ich unmittelbar ihre kategorische Ablehnung
      gegenüber traditionellen Entwürfen feststellen musste.


      Jeder, der sich die
      Fähigkeit erhält Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.

      www.archicultura.ch