Denkmalschutz in der Kritik

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    • 18.03.2005 Südkurier


      Land widerspricht seinem Amt


      Altes Landratsamt unter Denkmalschutz gestellt: "Typische Behördenarchitektur der 50er"


      Überlingen


      Überlingen ist reicher - zumindest um ein Kulturdenkmal. Das Landesdenkmalamt hat das Gebäude des ehemaligen Landratsamts, zuletzt Sitz des Straßenbauamts und nur noch teilweise belegt, unter Schutz gestellt. Allerdings läuft kurioserweise noch ein Einspruch des Landes als Eigentümer gegen die eigene Behörde.

      VON HANSPETER WALTER

      Seit kurzem unter Denkmalschutz: Das Landratsamt des Kreises Überlingen, in den vergangenen Jahrzehnten als Straßenbauamt genutzt. Bild: Walter

      Überlingen - Das Gebäude war in den Jahren 1957 bis 1959 nach einem Entwurf des Lindauer Architekten Sepp Marmon für die Behörden des damaligen Landkreises Überlingen und den Kreistag errichtet worden. Marmon hatte einen Wettbewerb mit 14 eingereichten Arbeiten gewonnen, unter anderem, weil sein Atrium-Konzept als ideal für den Standort am Rande des Kurgartens gesehen wurde und auch der "gartenmäßige" Charakter der Bahnhofstraße erhalten blieb, wie das Landesdenkmalamt resümierte. Das Haus entspreche "der damaligen zeitgenössisch-modernen Architekturauffassung", betonte das "Referat Inventarisierung" der Tübinger Behörde in seiner Begründung vom 11. November 2004. Das großflächige Mosaik zur Bahnhofstraße hin wird neben den "sehr schönen Proportionen des Innenhofs" ebenfalls als Besonderheit gewertet.

      Das Landesdenkmalamt hatte schon seit längerer Zeit ein Auge auf das von Konzept und Ausführung her außergewöhnliche Gebäude geworfen, wie Ansgar Schmal, beim Stadtplanungsamt für Sanierungen und Denkmalpflege verantwortlich, deutlich macht. Auf der anderen Seite hatte die Stadt diese exquisite Behördenlage auch immer wieder als möglichen attraktiven Hotelstandort ins Gespräch gebracht. Diese Option scheint nun allerdings wohl kaum mehr realisiert werden zu können. Eine ähnliche Situation, wie beim fünf Jahre älteren Kursaal, der als architektonisches Zeichen seiner Zeit ebenfalls unter Schutz steht und einen Neubau an gleicher Stelle Ende der 80er Jahre unmöglich machte.

      Gegenwind für die Denkmalpflege im Hinblick auf die Eintragung des alten Landratsamts als Kulturdenkmal kam bislang allerdings nicht von der Stadt. Einspruch legte im Februar als Eigentümer das Land Baden-Württemberg selbst ein mit seinem Ravensburger Amt für Vermögen und Bau. Mit mehreren Argumenten bat die Behörde die Tübinger Denkmalpflege, nach der Reform auch beim Regierungspräsidium angesiedelt, die vorgenommene Einstufung noch einmal zu "überprüfen". Zum einen sei das ursprüngliche architektonische Konzept durch Umbauten nach größeren Schäden schon merklich verändert worden, zum anderen sei das Gebäude im Hinblick auf Umweltschutz eher "ein abschreckendes Beispiel". Glasfassaden und Wandgestaltung sind schlecht gedämmt, daher sei das Gebäude in energetischer Hinsicht "sehr kostenintensiv".

      Diese Argumentation halte zumindest was die Umbauten angehe einer kritischen Überprüfung kaum Stand, mutmaßt Ansgar Schmal. Eine Stellungnahme der Denkmalpflege zum Einspruch liege bislang allerdings noch nicht vor. Deren Inventarabteilung hatte sich im vergangenen Herbst zunächst noch einmal Fotos aus Überlingen kommen lassen, um dann das Gebäude vor Ort noch einmal intensiv in Augenschein zu nehmen. Dabei hatte Denkmalpfleger Michael Ruhland noch einmal festgestellt, dass das Gebäude noch weitgehend im originalen Zustand erhalten sei. Als kennzeichnend für die Architektur der 50er Jahre nennt er in der Begründung "die Transparenz des Entwurfs", der von großzügigen Glasflächen und einer umlaufenden Verglasung des Innenhofs geprägt sei. Dies stehe auch als "qualitätsvolles Beispiel" für die bewusst auf diese Transparenz angelegte Behördenarchitektur dieser Zeit. Als Details werden "die Leichtigkeit und Eleganz der Treppenläufe" aufgeführt, als Blickfang das Mosaik mit stilisierter Bodenseelandschaft.

      Darüber hinaus sei das Gebäude allerdings auch ein "Zeugnis der jüngeren Heimatgeschichte im Bodenseekreis". Unter dieser Perspektive hätte Überlinger ein weiteres Mahnmal, das an bessere und mächtigere Zeiten erinnert. Vielleicht reicht es für die Stadt ja einmal zu einem Lehrpfad der Architekturgeschichte.Um einer vorprogrammierten Diskussion über Ästehtik und Geschmacksfragen gleich etwas Wind aus den Segeln zu nehmen, versucht Ansgar Schmal diese Aspekte zu relativieren. Es können auch "hässliche Dinge" unter Denkmalschutz gestellt werden, sagt er, ohne auf dieses Beispiel zu zielen. Es gehe oft vor allem darum, Gebäude als "Ausdruck einer bestimmten Baukultur" für die Nachwelt zu erhalten.



      quelle:
      suedkurier.de/lokales/ueberlingen/art2430,1458580.html


      Seit kurzem unter Denkmalschutz: Das Landratsamt des Kreises Überlingen, in den vergangenen Jahrzehnten als Straßenbauamt genutzt. Bild: Walter
    • Hab einen superstimmigen und sehr ironischen Artikel zum Denkmalschutz hier gefunden: hfinster.de/StahlArt2/Feudalkultur-Feudalkultur_Dom-de.html

      Der Verfasser nutzt ihn als Einleitung um sich über den fortschreitenden Abriss der Industriedenkmale zu beschweren.


      Südköllsche Stattpostille
      11. Jahrgang Nr. 11/2003 Mittwoch 29 Februar

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      Das Wahrzeichen Kölns versinkt in Schutt und Asche

      Kölner Dom erfolgreich gesprengt
      von D.R. Dark

      Seit gestern hat sich das Stadtbild der Dommetropole grundlegend verändert. Die beiden 157 Meter hohen Türme und das mächtige Kirchenschiff des Kölner Domes wurden gesprengt. Tausende von Zuschauern verfolgten den Einsturz der gotischen Kathedrale. Bereits im 13. Jahrhundert wurde der Grundstein zum Bau des Kölner Domes gelegt, der aber erst im 19. Jahrhundert vollendet wurde und seither das Zentrum der Domstadt bildete. "Alles hat wie am Schnürchen geklappt" meinte Sprengmeister Paul Bruch stolz. Das war Maßarbeit! Über 500 Bohrungen hatten er und seine Mannen von der Platt AG in den letzten Tage angebracht und mit insgesamt 2,5 Kilogramm Ammonium-Gelit gefüllt, mit dessen Zündung er um Punkt 11.11 ein weiteres Kapitel der jahrhundertealten Geschichte des Katholizismus beendete.

      Zahlreiche Proteste der Kölner Bevölkerung waren ungehört verhallt. Eine bekannte Kölner Mundartgruppe hatte sogar ein eigenes Protestlied geschrieben ("Mer losse d'r Dom in Kölle").

      Aber es gab auch andere Stimmen: "Dieser Schandfleck muß endlich weg. Schaun Sie sich nur diese dreckige, schwarze Fassade an. Und dann wird hier alles von den Tauben zugeschissen, die im Dom nisten."

      Die nachlassende Zahl der Kirchgänger machte das Gebäude überflüssig, so, daß die immensen Kosten für dessen Erhalt nicht mehr tragbar waren.

      Gespräche mit einem Investor, der im Innern des riesigen Kirchenschiffes eine Multimedia-Discothek mit Eislaufbahn errichten wollte, waren schließlich gescheitert.

      So mußten die Türme also weichen.

      Stadtkämmerer Münz freut sich natürlich über den Geldsegen, den der Verkauf des Domgrundstücks an die Investorengruppe Ab & Zock gebracht hat - es handelt sich immerhin um ein Filetstück im Herzen der Metropole.

      "Wir müssen mit der Zeit gehen. Aus städtebaulicher Sicht blieb uns keine andere Wahl" kommentiert ein Sprecher der Landesabwicklungsgesellschaft LAG "der massive, dunkle Bau war einfach nicht mehr zeitgemäß. Die Konsumenten wollen moderne, saubere Architektur. Die Entscheidung für den Abriß war also ein richtiger und zukunftsweisender Schritt für eine moderne Stadt."

      Die obere Landesdenkmalbehörde genehmigte die Sprengung des Kölner Domes allerdings nur unter strengen Auflagen: So mußte sich die Stadt zur Erstellung eines Modells verpflichten, das demnächst in der Eingangshalle des alten Wartesaals aufgestellt werden wird. "Wir erhoffen uns davon eine erhebliche Zunahme des Tourismus" kommentiert dazu eine Sprecherin des Kölner Fremdenverkehrszentrums. Teile des Portals werden der Nachwelt erhalten bleiben. Sie wurden vor der Sprengung sorgfältig konserviert, und werden später architektonisch geschickt in die Fassade des neu entstehenden Multimedia-Zentrums integriert werden. Zwei goldene Gullydeckel werden im Atrium des neuen Kaufparks unübersehbar die Position der einst weithin sichtbaren Türme markieren. "Alles in allem wurde damit aus denkmalpflegerischer Sicht eine zufriedenstellende Lösung gefunden" sagt Landeskonservator A. B. Riss dazu.

      So wurden also die Weichen in eine goldene Zukunft gestellt: Die Stararchitekten Kain & Plan entwarfen eine neue Multimedia-Kathedrale, in der zukünftig die Bedürfnisse der Konsumenten festgelegt werden. Eines der ehrgeizigsten Ziele der dort ansässigen NeuMax-Visions GoH besteht in der Realisierung eines virtuellen Domes, in dem zukünftig der Gottesdienst per WAP-Handy an jedem Punkt der Welt live gefeiert werden kann. Natürlich wird auch eine auf einem automatischen Spracherkennungssystem basierende virtuelle Beichtgelegenheit angeboten werden. "Angesichts des wachsenden Priestermangels eine geniale Lösung" kommentiert Bischof Weihrauch den revolutionären neuen Ansatz.

      Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
      Karl Kraus (1874-1936)
    • Es gruselt einen, wenn man das liest. Denn das Extrembeispiel Kölner Dom ist das einzige fiktive daran. Vor allem der Satz "Alles in allem wurde damit aus denkmalpflegerischer Sicht eine zufriedenstellende Lösung gefunden" verursacht bei mir schon wieder leichte Brechreize. Kommt mir bekannt vor. Wenn der Denkmalschutz einen Abriß nicht verhindern kann, dann soll er wenigstens offen etwas sagen wie "wir konnten es nicht verhindern, die Katastrophe ist nun leider eingetreten, wir sind sehr bestürzt, wenigstens konnten wir das Portal retten, das ist nicht viel, aber immerhin besser als überhaupt nichts."

      Aber wir in Wiesbaden haben unser eigenes Mahnmal für Denkmal-"Schutz": Vor einigen Jahren hat der zuständige Denkmalschützer - sogar angeblich zur Überraschung des Investors - den Abriß einer schönen alten Villa aus dem Jahr 1905 problemlos genehmigt. Dann: Proteste, Bürgerinitiative, Kompromiß. Zwei Seiten der Fassade bleiben stehen, alles andere kommt weg. Es folgten der Abriß und die Pleite des Investors. Die abgestützte Rest-Fassade steht noch heute rum und vergammelt langsam.

      Auf dem Bild zu sehen rechts über dem Ford Focus
      [/url][/img]
      Quelle: http://www.wiesbadenunddrumherum.de">www.wiesbadenunddrumherum.de

      Stuckdecken, Flügeltüren, Kassettendecken sind verloren, und die Restfassade vermutlich eines Tages auch.

      Aber immerhin: Durch die Diskussion, die die Bürgerinitiative angefacht hatte, war die Stadt verunsichert worden, so daß sie ein paar Jahre später einen Abrißantrag für ein Haus in der Altstadt nicht genehmigte, so daß dieses stattdessen saniert wurde. Vielleicht eine kleine Ermutigung für die Leipziger....
    • Ist das zufällig in der Lessingstraße? Ich war mal 2002 beruflich in Wiesbaden bei ACG in der Dantestraße und die Manager hatten vom Glaskasten-Besprechungsraum aus ganz stolz den Torso einer Villa gezeigt, der ins Firmengebäude integriert werden sollte.
      http://www.baukunst-nuernberg.de/ - Architektur in Nürnberg vom Mittelalter bis zur Gegenwart
      Nürnberger Bauernhausfreunde e. V.
    • Der Denkmalschutz ist doch zur Hure der Stadtplaner, Architekten, Modernisten und Investoren verkommen.

      Wo handeln diese denn noch im Sinne der Allgemeinheit?

      Beispiel Leipzig: Der Petershof ist ein Baudenkmal der 20er Jahre. Neben den Fassaden hat er im Innern ziemlich interessante Treppenhäusern und das einzige nocht erhaltene Kino der Vorkriegszeit, das Capitol. Dort hat man mal Filmpremieren gefeiert weil es wohl der dafür geeignetste Ort in Sachsen ist.
      Nun muss er jedoch saniert werden, ist aber nicht besonders interessant für Investoren wegen Denkmalschutzauflagen usw.
      Anstatt diese finanziell zu unterstützen um diese - eigentlich einzigartige Baudenkmal - zu erhalten verhandelt man mit dem Denkmalschutz eine Abrißgenehmigung, bei der lediglich ein Erhalt der Fassade in der Petersstraße und des historischen Lichthofes verlangt wird.
      Treppenhäuser, Kino, Rückfassade... alles des Geldes wegen geopfert.
      ... der Fall Kleine Funkenburg dürfte ja jedem hier bekannt sein.

      ... aber auch sonst geht hier einiges schief. Während in Essen ein seltenes Großkaufhaus aus der Zeit um die Jahrhundertwende einer Mega-Shopping-Mall geopfert wird, werden häßliche Bauten der 60er und 70er-Jahre, die so ziemlich jeder Bürger als Schandfleck der Stadt sieht, von jeglichen Abrißgedanken oder Umbaumaßnahmen ferngehalten.
      Selbst das berühmte Nürnberger Pellerhaus darf nicht rekonstruiert werden weil in der Nachkriegszeit irgendein Architekt auf die Fragmente einen geschmacklosen Aufsatz draufbetoniert hat und seine geschmacklosen Freunde ihm dafür einen Preis gegeben haben.


      Muss sowas denn sein? Kann man da nix gegen machen?

      Hättet ihr Vorschläge? Vielleicht eine Privatisierung des Denkmalschutzes? Dafür sorgen, dass Leute in dieses Amt kommen, die sich für die richtigen Gebäude einsetzen und Schandflecken auch mal beseitigen, wenn sie schon während ihrer Erbauungszeit schäbig aussahen. Und Rekonstruktionen nicht immer verurteilen sondern die Kriegszerstörungen berücksichtigen anstatt sich immer nur auf Dehio zu berufen.


      Ich habe nichts dagegen, Bauten der Nachkriegszeit unter Denkmalschutz zu stellen - aber sie sollten sich bitteschön ins Stadtbild einfügen und was besonderes sein. Bei der Überpräsenz dieser Bauten im deutschen Stadtbild muss man halt mit Abstrichen leben...
      Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
      Karl Kraus (1874-1936)
    • hat churchhill nicht mal gesagt: "die demokratie ist die schlechteste aller regierungsformen - mit ausnahme der demokratie."? so ähnlich sieht es wohl auch mit dem institutionalisierten, rechtlich verankerten denkmalschutz aus. wer ihn ersetzen will, müsste erst mal was besseres anzubieten haben.
      um beim beispiel petershof zu bleiben: das gebäude wurde als messepalast errichtet, die treppenaufgänge wurden also faktisch 2 wochen im jahr genutzt und nach dem auszug der messe standen die obergeschosse ganz leer. das kino wiederum war nach diversen umbauten ein mix aus 50er charme und nachwendechic und mit ca. 600 sitzplätzen am ende nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben.
      keine ahnung, wie du dir beim petershof "privatisierten denkmalschutz" vorstellst. je nach dem, auf welchem wort die betonung liegt, wäre wohl entweder das ganze haus verschwunden oder der investor. in diesem spannungsfeld bewegt sich der denkmalschutz. im ergebnis werden die wichtigsten gebäudeteile erhalten und das haus künftig wieder rund um die uhr genutzt. das erscheint mir allemal besser, als ein verfallendes denkmal in der city und ein kaufhausneubau auf der grünen wiese.

      ganz nebenbei: das "einzig noch erhaltene kino der vorkriegszeit" geht nicht verloren. rund 200 meter weiter wurden die passage-kinos im jägerhof saniert. und als besonderes kleinod empfehle ich das ut connewitz. das kino wurde 1903 erbaut, befindet sich in einem hinterhofgebäude und ist teilweise noch im originalzustand erhalten. seit einigen jahren bemüht sich ein verein, das kino mit filmvorführungen und konzerten von klezmer bis punk zu bespielen - die atmosphäre ist phantastisch. der saal mit empore und tempelartiger bühne ist allerdings schlecht schall- und wärmeisoliert. eine sanierung wäre sicher teuer und würde zudem die patina zerstören. aber das ist ja schon wieder ein anderes problem beim denkmalschutz...
    • Okay, vom ut Connewitz wusste ich nichts aber die Passage-Kinos haben optisch nichts mehr mit dem einstig erbauten Kino zu tun während man das Capitol wie die Essener Lichtburg sanieren und - evtl durch Subventionierung - als Premierenkino weiterbeteiben können.

      Und was den Petershof als ganzes angeht: Als Messepalast waren die oberen Räume sicher ziemlich groß und die Zwischendecken sehr stabil. Hier hätte man durch geschickte Raumaufteilung so ziemlich alles reinbauen können.
      Es ist einfach eine Tatsache, dass man Gebäude auch ohne Entkernung sanieren kann. Ist nur meistens etwas kostenspieliger aber dafür sollte der Denkmalschutz ja eigentlich sein Geld ausgeben um Investoren so zu unterstützen.
      Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
      Karl Kraus (1874-1936)
    • die - damals modernen - messepaläste wurden so errichtet, dass man auf jeder etage einen zwangsrundgang absolvieren musste, damit man an allen (meist fensterlosen) messekojen vorbei kam. so etwas lässt sich heute nicht mehr vermieten. zum vergleich:
      dresdner hof - umbau zur seniorenresidenz
      speck´s hof - teilentkernung, "büronutzung" (hoher leerstand)
      ringmessehaus - unsaniert, leerstand
      zentralmessepalast - entkernung, nutzung als kaufhaus
      messehof (aus den 50ern) - teilentkernung, künftige nutzung als kaufhaus

      bei "so ziemlich für alles nutzbar" findet sich heute kein investor mehr. erst wenn sich ein ankermieter gefunden hat wird ein gebäude saniert - und auf dessen vorstellungen eingegangen. wenn ein kaufhaus rolltreppen braucht, werden sie eingebaut. und dann will ein kaufhaus den rest seiner verkausfläche nicht durch grosszügige, ungenutzte treppenaufgänge dezimieren.
      die passage-kinos (besonders der jugendstil-lichthof mit brunnen) sind doch nicht schlecht, haben aber auch zu kämpfen. das capitol zu subventionieren, hätte wohl dann für diese kinos das aus bedeutet. und daraufhin den ruf nach weiteren subventionen...
    • "baukunst-nbg" schrieb:

      Ist das zufällig in der Lessingstraße? Ich war mal 2002 beruflich in Wiesbaden bei ACG in der Dantestraße und die Manager hatten vom Glaskasten-Besprechungsraum aus ganz stolz den Torso einer Villa gezeigt, der ins Firmengebäude integriert werden sollte.


      Genau, Lessingstraße 10. Und ACG hießen diese Idioten, die erst alles abreißen, dann gnädigerweise die Fassade erhalten wollten und nun platt sind und eine erbärmliche Ruine hinterlassen haben. Die haben vor historischer Architektur ungefähr soviel Respekt wie eine Fliegerbombe. :boese:
    • Pflegen bringt Segen

      Was ist ein Denkmal? Vor hundert Jahren skizzierte Georg Dehio erste Antworten. Eine Jubiläums-Ausstellung in Dresden


      ".......
      Was macht ein Denkmal aus und seine Erhaltungswürdigkeit? Welcher Zustand soll erhalten oder womöglich zurückgewonnen werden? Und wie ist es für die Zukunft zu sichern?

      Fragen, die nun in der Dresdner Ausstellung nochmals gestellt werden. Sie präsentiert zwei Jahrhunderte deutsche Denkmalpflege – anlässlich der Hundertjahrfeier des Dehio-Handbuchs. Als sich die Bauhistoriker Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem ersten „Tag für Denkmalpflege“ in der kunstsinnigen Residenzstadt Dresden trafen, schickte der Straßburger Ordinarius Georg Dehio (1850–1932) den Entwurf einer Denkmalinventarisierung für das ganze Deutsche Reich. So ward’s beschlossen, und fünf Jahre später, vor genau einhundert Jahren, lag der erste unter seiner Leitung erstellte Band des „Handbuchs der Deutschen Kunstdenkmäler“ vor.

      Anfang 1905 hielt Dehio außerdem eine weithin beachtete Rede, die zur Grundlage der Denkmalpflege in Deutschland wurde. Seine damals formulierten Prinzipien beherzigen die Denkmalpfleger bis auf den heutigen Tag. Die von ihm begründete Topografie, nach zunächst fünf schmalen Bänden auf verbreiteter Grundlage fortgeführt, verzeichnet mittlerweile 23 dickleibige Bücher, die jedem Kunst- und Architekturhistoriker nur als „der Dehio“ geläufig sind.

      Denkmal und kein Ende? Die Zentenarfeier des Handbuchs bietet Anlass genug, zwei Jahrhunderte Revue passieren zu lassen, die durch Dehios Grundlegungen streng voneinander geschieden sind. Das 19. Jahrhundert galt der „Entdeckung“ der zumeist national verklärten Denkmale, ihrer Wiederherstellung und oft überhaupt erst Vollendung, aber auch Verfälschung. Und im 20. Jahrhundert forschte man systematisch und bewahrte – nach dem zentralen Dehio-Diktum „Konservieren, nicht restaurieren“.

      Das griffige Motto ist längst zum Dogma erstarrt; in der „Charta von Venedig“ hat es 1966 weltweite Bestätigung gefunden. Doch der Paradigmenwechsel von 1900/05 wird nicht der letzte gewesen sein. Wiederum ist Dresden Schauplatz für die drängenden Fragen der Gegenwart – ist doch die Wiedererrichtung des Schlosses selbst ein Musterbeispiel heutigen Umgangs mit zerstörter Bausubstanz. Vor allem aber wuchs in Sichtweite der Residenz die Nachschöpfung der ausgeglühten Frauenkirche heran, als zentrales Dresdner Identifikationsobjekt. Ihre herrliche Kuppel krönt erneut die Silhouette der Stadt und bildet im Verein mit den Türmen von Hofkirche und Schloss jenes Sehnsuchtsbild, das vom jenseitigen Elbufer her als „CanalettoBlick“ verewigt ist.

      Derlei ist der herkömmlichen Denkmalpflege suspekt.
      „Den Raub der Zeit durch Trugbilder ersetzen zu wollen, ist das Gegenteil von historischer Pietät“, befand Dehio, der 1872 als 22-Jähriger in Geschichte promovierte, sich dann der Kunst zuwandte und stets über Fachgrenzen hinaus dachte. Aber die Lebensleistung des in Reval, dem heutigen Tallinn, gebürtigen Dehio wird erst verständlich vor dem Hintergrund des wilhelminischen Denkmalskults, der in der Kontroverse um die Wiederherstellung des von französischen Truppen 1693 zerstörten Heidelberger Schlosses gipfelte. Ihren weniger exemplarischen Rundkurs mit über 1000 teils noch nie gezeigten Objekten verdichtet die am Wochenende eröffnete, anschauliche Ausstellung in einem dem Namenspatron gewidmeten Saal. Er lässt die Person Dehios ebenso hervortreten wie etwa die Heidelberger Kontroverse. Freie Nachschöpfung eines ungenügend überlieferten Zustandes, ein Idealbild aus dem Geist des Historismus? Dagegen schleuderte Dehio seine Worte.

      Zur Jahrhundertwende lag die Vollendung des Kölner Doms als Nationaldenkmal im Jahr 1880 noch nicht einmal eine Generation zurück. Was heute als Höhepunkt der Gotik auf deutschem Boden erscheint, war bis dahin Bauruine. An den auf Goethes Wunsch hin kolorierten Aufrissen der Westfassade, die nach den in den Wirren der napoleonischen Besetzung verstreuten und 1816 aufgefundenen Originalplänen des 14. Jahrhunderts entstanden, zeigt die Ausstellung die Denkmalspraxis vor Dehio. Büsten von Schinkel und Goethe, aber auch des Engländers Ruskin und des Franzosen Viollet-le-Duc spannen den Bogen des 19. Jahrhunderts. Vor diesem Hintergrund agierte Dehio, als er es der Wissenschaft zur ersten Pflicht machte, überhaupt einmal zu erfassen, was Denkmal genannt zu werden verdient.

      „Wie kann die Menschheit die geistigen Werte, die sie hervorbringt, sich dauernd erhalten?“, fragte Dehio 1905. Von derart grundsätzlichem Nachdenken hat sich die Denkmalpflege unterdessen entfernt. Denn Zerstörungen hatte zwar bereits der Erste Weltkrieg mit sich gebracht, aber die Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs waren bis dahin unvorstellbar. Dies führte zu einem nüchterneren, allerdings auch quantitativ weiter gefassten Denkmalsbegriff. Das nach 1945 nochmals beschleunigte Verschwinden der materiellen Geschichtszeugnisse rückte auch bislang kaum beachtete Objekte ins Blickfeld. Am ideologisch begründeten Zurechtbiegen von Denkmalen während der Nazi-Zeit einerseits, am Umgang mit deren Hinterlassenschaften bis hin zu KZ-Baracken andererseits demonstriert die von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger und der Dehio-Vereinigung ausgerichtete Ausstellung diesen zeitbedingten Wandel des Denkmalsverständnisses.

      Vom Audienzsessel des prestigehungrigen Königs August von 1718 bis zu der noch 1980 geschändeten Gedenkstele vom sowjetischen Kriegsgräberfriedhof in Bergen-Belsen reichen die Objekte. Sie machen anschaulich, wie viele Zeit- und Bedeutungsschichten in einem Denkmalsfragment stecken. Und sie lassen erahnen, dass sich der Denkmalscharakter im materiellen Objekt nicht zur Gänze erklärt. Ein Denkmal „ist“ nicht. Es entsteht, indem ihm diese Eigenschaft zugeschrieben wird. Bedeutungen werden ihm angeheftet und wieder genommen. Georg Dehio steht mit seinem, in der Ausstellung mit Büchern, Manuskripten, Zeichnungen und Aquarellen lebendig gemachten Werk für den Umbruch dieser Diskussion von der Nationalidentität zur Wissenschaft – aber auch von der Einzigartigkeit des Einzelbauwerks zur inflationär ausgeweiteten Auflistung.

      Wäre es nicht möglich, fragte Dehio 1905, „den zerstörenden Mächten entgegenzutreten und die Daseinsdauer unseres Kunst- und Denkmalsschatzes um eine gute Frist wenigstens zu verlängern?“ Die harmlose Frage berührt den Kern unseres Umgangs mit Geschichte. Ihre Zeugnisse sind endlicher Natur. Bewahren gelingt nur, wo das Denkmal als solches begriffen wird. Das aber muss jede Gegenwart aufs Neue leisten. Dass sich unsere Zeit mit dem Verlust identitätsstiftender Denkmäler nicht mehr abfinden mag, wie Dresdens Frauenkirche vor Augen führt, bedeutet eine Herausforderung an die Denkmalpflege, der sie mit bloßem Beharren auf Dehio nicht mehr gerecht werden kann. So steht die Dresdner Ausstellung „Zeitschichten“ an der Schwelle zu einem abermals gewandelten Denkmalsverständnis."

      Der Tagesspiegel, 01.08.2005

      archiv.tagesspiegel.de/archiv/01.08.2005/1964857.asp
      In dubio pro reko

      Früher war nicht alles besser, aber die Architektur schon.
    • Wo es hingehen muss ist klar, dies wurde oft genug konstatiert, aber wie lange der Denkmalschutz noch brauchen wird, um sich zu modernisieren bzw. umzustellen, das ist noch nicht abzusehen.
      Eine der vorzüglichsten Eigenschaften von Gebäuden ist historische Tiefe.
      Die Quelle aller Geschichte ist Tradition. (Schiller)
      Eine Stadt muss ihren Bürgern gefallen, nicht den Architekten.
    • Nachspiel zur Abbruch des barocken Grazer Kommod-Hauses

      Auch die Österreicher leiden, Zitat:

      So wirksam ist Denkmalschutz in der Stadt, die sich in der Liste des Weltkulturerbes befindet. Daran sollten wir uns besonders gut erinnern.


      kleine.at/nachrichten/regionen…artikel/_737169/index.jsp

      Zum Abbruch des Barockgebäudes vor zwei Jahren:

      geoimaging.tugraz.at/viktor.kaufmann/Kommod-Haus.html
      http://www.baukunst-nuernberg.de/ - Architektur in Nürnberg vom Mittelalter bis zur Gegenwart
      Nürnberger Bauernhausfreunde e. V.
    • Da ich die Situation in Graz nicht kenne, weiß ich nicht, wie schlimm dieser Abriss ist. In jedem Fall sah das Gebäude aus, als hätte man es vergleichsweise leicht sanieren können. Aber wenn man auch einen Zweckbau mit doppelt so vielen Stockwerken hinstellen kann... :(
      Eine der vorzüglichsten Eigenschaften von Gebäuden ist historische Tiefe.
      Die Quelle aller Geschichte ist Tradition. (Schiller)
      Eine Stadt muss ihren Bürgern gefallen, nicht den Architekten.
    • Im Hinblick auf das Thema "Kritik am Denkmalschutz" sollte man mal den Einführungsband von Gottfried Kiesow lesen. Es wurde schon in einem anderen Thread gesagt: Bei Kiesow wird oft behauptet und gefordert ("nur so darf es gemacht werden"), ohne dass eine Begründung nachgeliefert wird. In dem Büchlein findet man als kritischer Leser so einiges Fragwürdiges...

      Hier einige Passagen:

      Anbauten sollten deshalb im Stil der Zeit erfolgen, in der sie entstehen, und nicht etwa den des zu erweiternden Gebäudes imitieren. Wenn dies der Historismus tat, indem er z. B. neugotische Sakristeien an gotische Kirchen anfügte, so ist dies kein Gegenbeweis, denn die Verwendung der historischen Stile ist nun einmal der Stil des 19. Jh., in dem alle Gebäude, also auch die Anbauten an bestehende Baudenkmäler, errichtet wurden.


      Aha. Das heißt im Klartext: Historische Stile imitieren darf man nicht, es sei denn, es ist gerade allgemein üblich, historische Stile zu imitieren. Wenn ich jetzt also enthusiastisch ausrufe "Auf, Leute, lasst uns historistisch (an-)bauen", und genügend Leute machen mit, dann ist es offenbar okay... :gg:

      Immerhin sagt Kiesow aber auch, dass der Anbau im "heutigen Stil" nicht einen rücksichtslosen Kontrast zu dem alten Gebäude darstellen sollte...

      Oder nehmen wir diese Stelle zum Thema Translozierung:

      Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß es auch die Verschiebung eines Baudenkmals in einem Stück gibt, allerdings aus Kostengründen nur um wenige Meter. Dies ist vertretbar, wenn auf diese Weise eine gefährliche Verkehrssituation entschärft werden kann, ohne daß die räumliche Qualität der Straße oder des Platzes spürbar darunter leidet.


      Irgendwie hat man immer das Gefühl, als käme dieses "ist vertretbar" bzw. "ist nicht vertretbar" direkt von Gott zu Kiesow, denn das WARUM wird irgendwie immer ausgeklammert...
      http://www.menschenrechtsfundamentalisten.de
    • Aber was er zu der Verschiebung sagt, ist doch inhaltlich eigentlich okay - die Begründung findest Du im Faden Frankfurter Altstadt...hast Du dazu eigentlich schon Deine Meinung gesagt :zwinkern:

      Außerdem: Hack' mir nicht zuviel auf dem Kiesow rum! :klapps:
      Der will Wiesbaden den Status Weltkulturerbe besorgen, das würde der schönen, aber armen Stadt neben knipsenden Japsen bestimmt viele Einnahmen bringen, so jemanden muß man als Wahl-Wiesbadener deshalb gern haben! 8)