Memmingen

    • Neußer schrieb:

      Ihre Schmucklosigkeit wird den alten Häusern zum Verhängnis. Sie werden abgerissen und durch ganz einfache Häuser ersetzt. Den meisten Leuten ist das wahrscheinlich egal. Viele bemerken es sicher erst gar nicht. Aber die 600 Jahre Geschichte, die in den Bauwerken steckt, ist für immer dahin. Die originalen Zeugnisse unserer Vergangenheit werden gedankenlos vernichtet. Das ist unheimlich schmerzhaft. Es ist schon ein anderes Gefühl durch eine Stadt zu laufen, von der man weiß, daß die Häuser schon seit vielen Jahrhunderten dort stehen, als durch eine Stadt, deren Baugeschichte man noch selber miterlebt hat.
      Im Prinzip absolut richtig; ich würde "Schmucklosigkeit" aber mit "nicht sichtbarer Historizität" oder "Schlichtheit" ersetzen. Es sind keine fränkischen Fachwerkhäuser, Bamberger Barockbauten, Inn-Salzach-Häuser, norddeutsche Klinkerbauten aus der Gotik etc. denen Lieschen Müller auf dem ersten Blick "die Geschichte" ansieht. Sie sind einfach schlicht, keinesfalls aber "weniger wert" als andere historische Häuser.
      Diese Häuser vermitteln oft aufgrund mangelhafter Sanierung in 50er/60er Jahren einen ziemlich ahistorischen Eindruck und die Lokalpolitiker und die breite Masse der Bevölkerung und viele Besitzer sehen keinen Wert in der Erhaltung. ("Warum soll man so ein Graffl erhalten?") So viele Häuser im süddeutschen/bayerischen Raum sind dieser Ignoranz mittlerweile zum Opfer gefallen. Es ist zum heulen. Die Städte werden immer flacher... Ich meine in Österreich kümmert man sich mehr auch um solche unscheinbaren Häuser(?).

      Das ist der springende Punkt:

      Neuser schrieb:

      Sie können ohne Aufwand einen, auf den ersten Blick, gleichwertigen Ersatzbau hinstellen. Der Großteil der Bevölkerung wird das nicht bemerken, oder es wird ihn nicht interessieren.
      Siehe neben Städten wie Memmingen auch z.B. Landshut: da fällt ein historisches Haus nach dem anderen, weil man meint es ist ersetzbar. Ganz oberflächlich betrachtet steht dann so etwas ähnliches wie der abgerissene historische Bau da. In Wirklichkeit radiert man mit minderwertigen Ersatzbauten nach aktueller Bauindustrie-Norm die Geschichte der Stadt aus.

      Ich werde demnächst ein paar Bilder von Jurahäusern aus Kösching einstellen, da werden selbst ein paar eingefleischte APHler im übertragenen Sinne fragen "Ist das Kunst oder kann das weg?" :D Jurahäuser, wenn nicht mit Fachwerk kombiniert oder sonstigen Bauschmuck, werden auch schnell mal als belanglose Schandflecke abgetan, um die es nicht zu schade ist.

      @Königsbau: bist du Antiquitus? der hatte doch das Forum mW gegründet und ist dann sang und klanglos verschwunden...

      Königsbau schrieb:

      Bauschmuck ist also "überflüssiger Schnickschnack".
      So hat das Zeno aber nicht geschrieben. Bauschmuck ist grundsätzlich keineswegs überflüssig. Nur wenn es zu viel und eben ein den Charakter des eigentlichen Gebäudes total negierender Bauschmuck, ergo überflüssig ist. So interpretier ich Zenos Aussage jedenfalls.
      Nicht immer gleich dem Beißreflex freien Lauf lassen. ^^
      Die Moderne verleugnet ihre Herkunft, weil sie fürchtet, die Auseinandersetzung mit ihr könnte sie überfordern - oder ihr gar ihre eigene Banalität vor Augen führen. — Dr. Melanie Möller

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von thommystyle™ ()

    • Generell sehe ich das so ähnlich wie thommystyle, natürlich sind diese Häuser auf jeden Fall erhaltenswert und es sollte eigentlich eine Pflicht sein des Denkmalschutzes, diese Bauten zu erhalten um jeden Preis. Zu der "Schlichtheit" bzw. Schmucklosigkeit dieser Altbauten, die daher auch leider durch nichtwissende Laien abgerissen werden, kann ich nur sagen: zu der Erbauungszeit im Mittelalter (manche sollen ja aus dem 14 Jh, stammen, was ich schon wirklich bemerkenswert finde, solche alten Häuser gibt es nur ganz wenige in der BRD) waren diese Häuser sicherlich schmuckreicher: selbst wenn es arme Leute waren, die diese Objekte gebaut haben hat man wenigstens am Eingangstor oder an den Fenstern gotische Stürze angebracht. Memmingen liegt ja noch in Schwaben und ich kann mir vorstellen, dass einige dieser Häuser doch Fachwerkhäuser waren, nur sind diese verputzt worden, meist im 18 oder 19 Jh. In der Nachkriegszeit hat man dann noch mit Einbau von furchtbaren ungeteilten Alufenstern den Rest diesen Häusern gegeben, dass sie unansehlich wirken. Auf jeden Fall bin ich davon überzeugt, dass wenn man ein Infrarotbild fü jedes Haus aufnehmen würde, dann wären sicherlich manchmal fränkische oder alemannische Fachwerkbalken sichtbar geworden, zb hier oder hier in Memmingen oder ein gotisches Detail, wie ein Spitzbogen, oder Ähnliches, das vermauert wurde .. Man müsste diese versteckten Schmuckstücke wirklich von Grund auf sanieren und aufpolieren.
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    • johan v2 schrieb:

      Aber Memmingen ist in weiten Teilen nicht ein Lindau or Ravensburg.
      Damit meinst Du wohl, dass Memmingens Altstadt nicht so gepflegt ist wie die von Ravensburg und Lindau. Gleichwohl sieht man, weil eben so manches mehr oder weniger verwahrlost erscheint, Memmingen sein ehrwürdiges Alter sofort an, mehr noch als in Lindau oder Ravensburg.

      Man muss sich vergegenwärtigen, dass die Stadt seit etwa dem 12. Jahrhundert gebaut wurde, zunächst die Welfenstadt und schließlich die drei Erweiterungen. Aus heutiger Sicht haben diese Erweiterungen so früh in der Stadtgeschichte stattgefunden, dass der Unterschied zur Gründungsstadt nun nicht mehr übermäßig groß ist. Die Häuser, die damals gebaut wurden, hatten keine Vorgänger (wenn man von der römischen Vorgeschichte mal kurz absieht). Sie sind die ersten, die an dieser Stelle stehen, und viele von ihnen sind die ganze Stadtgeschichte hindurch erhalten geblieben, bis ins 20. Jahrhundert oder bis heute. Das 20. Jahhundert hat einen erheblichen Verlust der historischen Bausubstanz mit sich gebracht, der leider bis heute weitergeht. Ich gehe davon aus, dass viele der seit dem Krieg abgegangenen Gebäude ein erhebliches Alter aufgewiesen haben, im Regelfall wohl ohne, dass dies erkannt worden wäre. Eines der letzten davon war wohl das im Bretschergäßle - ich habe hier davon berichtet. Aus irgendwelchen Gründen scheinen die Denkmal"schützer" bis heute nicht auf die Idee gekommen zu sein, den gesamten Althausbestand der Altstadt als erhaltenswert einzustufen, soweit nicht im Einzelfall bekannt ist, dass etwas offensichtlich nicht erhaltenswert ist. Wer weiß zum Beispiel, dass das 2014/15 abgebrochene Rotergasse 7 ein Fachwerkbau war und auch bei dem Nachbarhaus in der Lindauer Straße (ich glaube, es war Nr. 9) von einem hohen Alter auszugehen war? Auch diverse Teile der Stadtbefestigung stehen heute noch genau so da, wie sie im 14. oder 15. Jahrhundert gebaut wurden (der Pulverturm und das Lindauer Tor natürlich nicht).

      Für die Bewertung dieses noch zu einem großen Teil authentischen Althausbestandes kann es doch nicht entscheidend sein, in welchem Zustand sich die Objekte gegenwärtig darstellen.

      thommystyle™ schrieb:

      Nur wenn es zu viel und eben ein den Charakter des eigentlichen Gebäudes total negierender Bauschmuck, ergo überflüssig ist. So interpretier ich Zenos Aussage jedenfalls.
      So ist es.

      Fachwerkliebhaber schrieb:

      Memmingen liegt ja noch in Schwaben und ich kann mir vorstellen, dass einige dieser Häuser doch Fachwerkhäuser waren
      Ja, Memmingen liegt eindeutig in Schwaben. Die östliche Fachwerkgrenze verläuft direkt östlich von Memmingen, das eindeutig noch im Verbreitungsgebiet des Fachwerks liegt. Die Altgebäude enthalten vielfach Fachwerk, nicht nur "einige". Dass dieses oft verputzt ist, ist ja klar.
    • Zeno schrieb:

      johan v2 schrieb:

      Aber Memmingen ist in weiten Teilen nicht ein Lindau or Ravensburg.
      Damit meinst Du wohl, dass Memmingens Altstadt nicht so gepflegt ist wie die von Ravensburg und Lindau. Gleichwohl sieht man, weil eben so manches mehr oder weniger verwahrlost erscheint, Memmingen sein ehrwürdiges Alter sofort an, mehr noch als in Lindau oder Ravensburg.
      Man muss sich vergegenwärtigen, dass die Stadt seit etwa dem 12. Jahrhundert gebaut wurde, zunächst die Welfenstadt und schließlich die drei Erweiterungen. Aus heutiger Sicht haben diese Erweiterungen so früh in der Stadtgeschichte stattgefunden, dass der Unterschied zur Gründungsstadt nun nicht mehr übermäßig groß ist. Die Häuser, die damals gebaut wurden, hatten keine Vorgänger (wenn man von der römischen Vorgeschichte mal kurz absieht). Sie sind die ersten, die an dieser Stelle stehen, und viele von ihnen sind die ganze Stadtgeschichte hindurch erhalten geblieben, bis ins 20. Jahrhundert oder bis heute. Das 20. Jahhundert hat einen erheblichen Verlust der historischen Bausubstanz mit sich gebracht, der leider bis heute weitergeht. Ich gehe davon aus, dass viele der seit dem Krieg abgegangenen Gebäude ein erhebliches Alter aufgewiesen haben, im Regelfall wohl ohne, dass dies erkannt worden wäre. Eines der letzten davon war wohl das im Bretschergäßle - ich habe hier davon berichtet. Aus irgendwelchen Gründen scheinen die Denkmal"schützer" bis heute nicht auf die Idee gekommen zu sein, den gesamten Althausbestand der Altstadt als erhaltenswert einzustufen, soweit nicht im Einzelfall bekannt ist, dass etwas offensichtlich nicht erhaltenswert ist. Wer weiß zum Beispiel, dass das 2014/15 abgebrochene Rotergasse 7 ein Fachwerkbau war und auch bei dem Nachbarhaus in der Lindauer Straße (ich glaube, es war Nr. 9) von einem hohen Alter auszugehen war? Auch diverse Teile der Stadtbefestigung stehen heute noch genau so da, wie sie im 14. oder 15. Jahrhundert gebaut wurden (der Pulverturm und das Lindauer Tor natürlich nicht).

      Für die Bewertung dieses noch zu einem großen Teil authentischen Althausbestandes kann es doch nicht entscheidend sein, in welchem Zustand sich die Objekte gegenwärtig darstellen.

      Klar meinte ich die Zustand der Altstadt!

      Ich folge seit Jahren die Abrissmeldungen aus Memmingen und es wird nicht besser. Sind man in Wettbewerb mit Weissenfels?

      Es ist doch ein Wahnsinn wie verschandelt wie grosse Teile die Altstadt ist. Erst, einfache Fassaden brauchen doch einfach Liebe zu Details. Wie die Leuten ihre Hauser renoviert oder letztendlich nicht renoviert ist ja an Armutzeichen. Sind Memmingen und ihre Besitzer so arm oder ungebildet?

      Und die Stadt machen ja auch nicht aus dem Bestand? Kopfsteinpflaster? Da machen Neuruppin oder Kyritz aus seine mehr bescheidene Erbe als Memmingen.

      Steht die gesamte Altstadt nicht etwa unter Ensembleschutz? Gibt es keine Altstadtfreunde? Schlafen die Denkmalschutz in Bayern?
    • Hallo Zeno, danke für die aktuellen Bilder! Das Haus auf Bild 6949 geht ja noch völlig in Ordnung, alles Übrige ist wirklich 08/15. Besonders schmerzlich ist für mich der Verlust des Eckhauses Rotergasse 7, dem das Landesamt leider keinen Schutzstatus zuerkennen wollte! Es war ein typisches Alt-Memminger Bürgerhaus. Dass es stark verändert worden wäre, wie von den Denkmalpflegern behauptet, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Der Neubau ist grob, klotzig und viel zu voluminös. Besonders schlimm finde ich die dunklen Höhlen der Loggien in der Straßenfassade.

      Leider ist der Begriff Altstadtsanierung in Memmingen zu einem Synonym für Kahlschlagsanierung geworden; andernorts würde man sich eher der Einzelobjektsanierung widmen, und versuchen, so viel wie möglich von der alten Bausubstanz zu retten. Leider steht der nächste Flächenabriss schon bevor (Stichwort: Bahnhofsareal!).

      Ebenso unverständlich ist für mich der Abbruch des Gasthauses Krone, das ja offenbar noch gut in Schuss war:
      static.panoramio.com/photos/large/78229168.jpg
      Nun hat man es in ähnlicher Form wiederaufgebaut. Der Abriss war doch völlig unnötig! Aber vermutlich passte dem Investor die Aufteilung des Inneren nicht ins Programm (zu niedrige Deckenhöhen, zu kleine Zimmer etc.). Den Neubau kann er natürlich besser vermarkten...

      Besonders abstoßend finde ich das 7-geschossige Hinterhofhochhaus (Bild 6955) und das modernistisch-verkleidete Etwas auf Bild 6956. Derartige Bauten haben in einer Altstadt überhaupt nichts zu suchen. Eigentlich hätten die historischen Brauereianlagen allesamt unter Schutz gehört. Behutsam saniert, hätte man eines der idyllischsten Fleckchen der Altstadt schaffen können.

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    • Gurnemanz schrieb:

      Das ist wirklich unfassbar. Ich hab zweimal hinschauen müssen, um zu erkennen, dass es sich um einen aktuellen Neubau handelt und nicht um ein Haus aus Ende der 60er bis Anfang der 70er Jahre.
      Ja, Totgeglaubte leben länger. Man kann nur hoffen, dass sich diese Renaissance möglichst rasch ausbrennt und Überdruss Platz macht. Die aktuelle Bevölkerungspolitik versucht allerdings, den Wohnraumbedarf hoch zu halten.
    • Neu

      Na ja, was soll man sich anderes erwarten. Angesichts des skandalösen Umgangs mit dem Altbestand ist die Frage der Nachfolgebebauung doch sekundär bzw so bedeutungslos wie diese Nachfolgebauten selbst.
      ... dass jeder troglodytischen Lebensart, beruht sie nur fest in sich selbst, etwas schlechthin faszinierendes eignet, überhaupt für solche, die einen Ansatz dazu schon besitzen und mitbringen, der dann nur noch einer gewissen Entwicklung bedarf. (HvD)