Alsfeld - Allgemeines

    • Alsfeld - Allgemeines


      Alsfeld in der Topographia Hassiae, Matthäus Merian d.J. 1655

      Kleine Einführung

      Alsfeld ist eine der wichtigsten Fachwerkstädte in Hessen. Die rund 17.000 Einwohner kleine Stadt hat mit rund 400 Bauten einen relativ überschaubaren Bestand, der sich, durch die Stadtmauer vorgegeben, innerhalb eines Ovals von etwa 370 x 430 Meter befindet. Doch schon die Tatsache, dass rund 25 Häuser noch Ständerbauten bzw. identifizierte Reste solcher sind, ist ungewöhnlich.

      Noch wesentlich wichtiger ist die Stadt jedoch durch eine Handvoll Einzelbauten, die auf ganz herausragende Weise die Entwicklung des hessisch-fränkischen Fachwerks vom Mittelalter bis in die Neuzeit dokumentieren. Dadurch ist die Stadt in einem Atemzug mit Limburg oder Marburg zu nenen, was die Bedeutung für die Hausforschung angeht.

      All dies ist ein Wunder, bedenkt man, dass die Stadt im Dreißigjährigen Krieg aufs allerübelste gebeutelt wurde, man vermag sich kaum auszumalen, wie es hier heute ohne diese Zerstörungen des 17. Jahrhunderts aussähe – aber dies ist zweifelsfrei eine dieser sinnlosen "was wäre wenn"-Fragen. ;)


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      Alsfeld in der frühen Neuzeit mit mittelalterlicher Befestigung, Modell des Regionalmuseums Alsfeld

      Kurzer geschichtlicher Abriss

      ? im 9. Jahrhundert Gründung wohl als karolingischer Hofsitz mit eigener, mittlerweile ergrabener romanischer Kirche

      ? 1069 Ersterwähnung als "Adelesfelt"

      ? Ende des 12. Jahrhunderts Besitz der Landgrafen von Thüringen, unter ihnen Erhebung zur Stadt

      ? im 13. Jahrhundert Aufblühen durch Lage an einer wichtigen Straße des Mittelalters (genannt "durch die kurzen Hessen", heute etwa entsprechend der Autobahn Alsfeld - Eisenach)

      ? 1247 Stadt fällt an die Landgrafschaft Hessen

      ? 1254 Beitritt zum Rheinischen Städtebund

      ? Ende des 14. Jahrhunderts Bau des ersten Rathauses, der Kirche in ihrem heute zu sehenden Außenzustand sowie des landgräflichen Schlosses (nicht mehr erhalten) und der bis in die Neuzeit maßgeblichen Stadtummauerung mit Befestigung (Stadtfläche 12 Hektar)

      ? 1525 Einführung der Reformation

      ? 1567 Stadt fällt an die reformierte Landgrafenschaft Hessen-Marburg

      ? 1604 Stadt fällt an die kaisertreue Landgrafenschaft Hessen-Darmstadt

      ? im 16. Jahrhundert letzte große Blüte der Stadt, bedeutende Leistungen im Bereich der Architektur

      ? 1643–1648 schwerste Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg, 226 Wohnhäuser und 80 Scheunen werden vernichtet (wohl über 50 % des damaligen Gebäudebestandes), 1648 leben nur noch 1.120 Menschen in der Stadt

      ? im 17. und 18. Jahrhundert zunehmender Niedergang durch die Kämpfe zwischen dem kaisertreuen Hessen-Darmstadt und der reformierten Hessen-Kassel

      ? ab 1829 wieder zaghafter Aufschwung durch die Erhebung zur Kreisstadt und die Folgen der Industrialisierung, dennoch nur wenige Abbrüche zugunsten gründerzeitlicher Häuser

      ? 1870 Eisenbahnanschluss

      ? 1938 Autobahnanschluss

      ? 1945 Bombardierung der Stadt, 120 Sprengbomben zerstören einige Häuser ganz, 130 werden schwer beschädigt, 8 Menschen sterben, 14 werden verwundet, die kostbare Altstadt liegt glücklicherweise außerhalb des bombardierten Gebietes, die Stadt wird am 30. März besetzt

      ? 1975 Erhebung zur "Europäischen Modellstadt" durch den Europarat mit anschließender Stadtsanierung, die gerade noch rechtzeitig kam und den heute, trotz einiger Abbrüche, äußerst guten Erhaltungszustand des Stadtbildes erklärt

      Topographischer Überblick

      Das Zentrum der Stadtanlage ist der Markt mit seiner zumeist öffentlichen Bebauung, dem Rathaus, dem Weinhaus oder dem Hochzeitshaus. Einer privaten, nobilitierten Bauherrschafft bot der Marktplatz in dem Stumpf- oder Bückinghaus Platz zur Darstellung, in der benachbarten Rittergasse entstanden ebenfalls große herrschaftliche Häuser. Zugang zum Marktplatz ermöglichten die Fuldergasse aus südlicher Richtung, die Obergasse von Norden und die Mainzer Gasse aus westlicher Richtung. Die dem Markplatz benachbarte städtische Freifläche ist der Kirchplatz, ein ovales Gebilde mit der Kirche im Zentrum, die von einer Bebauung unterschiedlichen Alters umstanden wird. Der Platz wird von der Hersfelder Straße aus östlicher Richtung erschlossen. Weitere größere Freiflächen finden sich östlich vom Grabbrunnen an der Stelle, wo sich die ehemalige Burg erhob sowie im Verlauf der Steinborngasse. Das Ende des Schnepfenhains ist ebenfalls von einer Freifläche geprägt: es handelt sich um ein in den 70er Jahren entstandenes Parkdeck, das an Stelle des historischen Scheunenviertels der Stadt errichtet wurde. Mit in die Gesamtanlage Altstadt wurde der Grüngürtel südlich der Stadtmauer einbezogen.

      Der neunte Nachtrag zum Ortsbaustatut für die Stadt Alsfeld vom 15.2.1936 untersagte die Bebauung dieses Grünstreifens, der bis heute freigeblieben ist. Neben dem Markplatz befinden sich im Verlauf der südlich davon verlaufenden Gassen - Roßmarkt, Am Kreuz, Untergasse - besonders repräsentative Wohnhäuser, die sich dem Betrachter mit bemerkenswertem Schmuck präsentieren. Im südlichen Abschnitt der Gesamtanlage findet sich - in der Steinborngasse, der Badergasse oder der Schäfergasse - eine kleinteilige Wohnbebauung, die von wenigen erhaltenen Wirtschaftsgebäuden durchsetzt ist. Im Norden sind im Bereich des Schnepfenhains Strukturen von größeren Hofanlagen konstruierbar.

      Die Umwehrung der Stadt, die eine fortifikatorische Grenzsituation darstellte, hatte auf die Ausbildung der Haustypen besonderen Einfluß. Noch heute finden sich zahlreiche Doppelhäuser, die giebelständig zur Straße ausgerichtet, die Tiefe der Parzelle weiträumig erschließen, wie etwa in der Untergasse. Die Häuser sind durch schmale Zwischenräume getrennt. Die Traufenhäuser - etwa Untere Fulder Gasse 41/43 - erheben sich in einer beachtlichen Breitenausdehnung, ohne in die Tiefe der Parzelle auszustrahlen. Sie stehen ohne einen Zwischenraum dicht beieinander.

      Alsfeld lehnt sich an einen leicht ansteigenden Hang am westlichen Rand der Schwalmniederung. Bevor die Thüringer Landgrafen die Stadt im 13. Jahrhundert ausbauten, befanden sich schon alle erforderlichen Bestandteile einer Ansiedlung an Ort und Stelle. Im Osten, etwa zwischen Metzgergasse und Blaupfütze gelegen, erhob sich die Burg, die im 14. Jahrhundert zur landgräflichen Schloßanlage umgebaut und 1847 abgebrochen wurde. Im westlichen Vorfeld der Burg hatte sich die frühe Siedlung entwickelt, deren Umfang in etwa der Kirchplatz und die Bebauung des Amthofes markieren. Der Vorgängerbau der Kirche und der Marktplatz mit seinem Rathaus waren an gleicher Stelle wie heute angesiedelt.

      Für den planmäßigen Stadtgrundriß des frühen 13. Jahrhunderts war der schon erwähnte Handelsweg maßgebend, der sich der Siedlung aus südlicher Richtung näherte. Die Straße führte durch das Mainzer Tor in die Stadt und teilte sich gleich darauf in zwei Stränge. Der obere Weg, die heutige Mainzer Gasse, mündete in den Marktplatz und führte an der Kirche vorbei. Sie trifft auf der Hersfelder Straße wieder auf den unteren Strang des Weges, der über den Roßmarkt, Am Kreuz und die Untergasse verläuft. Daraufhin verläßt die Straße in östlicher Richtung die Stadt.

      Im Verlauf des 12. Jahrhunderts wurde die Baulücke zwischen Burg, Markt und der Kirche allmählich aufgefüllt, die entstehenden Parzellen wurden durch Stich- und Nebengassen in kleine Einheiten geteilt. Parallel dazu erfolgte die Stadterweiterung in südlicher Richtung, wo um die 1280/90 erbaute Kirche der Augustinereremiten die Neustadt entstand. Im Nordwesten erweiterte sich das Stadtgebiet in mehreren Quartieren, die sich, Zwiebelschalen gleich, am leicht ansteigenden Terrain aneinanderlegten.

      Die Ortschaft war nun eine funktionsfähige Stadt des späten Mittelalters. Es fehlte die Ummauerung, die, um 1380 vollendet, den ovalen Stadtgrundriß bewehren sollte. Zugang durch die Mauer gewährten das Ober, das Mainzer-, das Fulder- und Hersfelder Tor. Von der Stadtmauer haben sich jenseits des Augustiner-Kirchhofes lediglich geringe Reste erhalten. Der Leonardsturm aus dem Jahr 1386 ist übriggebliebener Teil der Bewehrung des Fulder Tores, dessen Größe auch heute noch dem Betrachter einen Eindruck von der Bedeutung der Stadt Alsfeld im Mittelalter vermittelt.

      Zu den Bildern und zur Reise

      Alle Bilder entstanden in einer schon länger geplanten Reise im Sommer letzten Jahres, ich hatte praktischerweise – oder leider, wie man's nimmt – die heißesten Tage Ende Juni / Anfang Juli erwischt. Ingesamt hatte ich volle zwei Tage Zeit, in denen ich alle wesentlichen Kulturdenkmäler abklappern und studieren konnte, einzig bei der Kirche gab's beim Fotografieren mal wieder Probleme mit störischen Pfarrern. Hier und wo nötig, ggf. zu historischen Gegenüberstellungen, verweise ich auf Wikipedia oder Bildindex, kunsthistorische Angaben basieren zumeist auf dem brandneuen Hessen-Dehio von 2008, im Falle der Profanbauten weitestgehend auf der einschlägigen Fachwerkliteratur.

      Zur Ausrüstung, wen(n)'s interessiert: Canon EOS 1D Mark IIN entweder mit einem Sigma AF 12-24mm f/4.5-5.6 HSM EX DG oder dem Canon EF 24-70mm 2.8 L USM, in den Abendstunden hat mir ein Manfrotto 055 PROB mit Manfrotto 329RC4-Kopf als Stativ gute Dienste geleistet.
    • 1. Der Marktplatz

      Unsere Reise beginnt am zentralen, trotz der frühen Stadtanlage klassisch-rechteckigen Marktplatz der Stadt, der mit dem berühmten Rathaus eine traditionelle hessische Sehenswürdigkeit ist und alle wichtigen Straßenzüge direkt erschließt. Bereits hier findet sich eine Vielzahl bedeutender Denkmale. Eine ästhetische Katastrophe ist ganz unzweifelhaft die Tatsache, dass dieser herrliche Platz als Parkplatz herhalten muss, wodurch Blech auf vier Rädern hier bis in die Abendstunden jedes Motiv versaut und für Unruhe sorgt.


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      Nordostecke des Marktplatzes mit dem Rathaus, links davon das gotische Fachwerkhaus Markt 2, gefolgt vom sogenannten Weinhaus, neben dem die Obergasse nach Norden aus dem Altstadtkern herausführt. Im Hintergrund Turm und Teile des Langhauses der evangelischen Stadtkirche St. Walpurgis.

      Zunächst zum Rathaus einige Seitenansichten, einzig die Nordseite liess sich aufgrund der Enge nicht gut fotografieren, weswegen ich hier darauf verzichte, ein Foto davon zu zeigen:


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      West- und Vorderseite des Rathauses


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      Ost- und Rückseite des Rathauses zum Kirchplatz


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      Südseite des Rathauses zur Oberen Fuldaer Gasse


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      Erdgeschosshalle nach Norden


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      Erdgeschosshalle nach Süden


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      Details der Verzimmerung und der Buntglasfenster des ersten Stockwerks


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      Details der Verzierungen an der Rückseite

      Das Rathaus ist neben dem Rathaus in Frankenberg (Eder) und dem sehr ähnlichen Pendant in Schotten einer der frühesten Rähmbauten in Hessen, d. h., dass die Geschosse hier erstmals komplett eigenständig abgezimmert sind. Nachdem 1512–1514 der noch gotisch wirkende Steinsockel errichtet worden war, wurde 1514–1516 nach einem erhaltenen Vertrag von einem Meister Johann die darüber befindliche Fachwerkkonstruktion erbaut. Nachdem man die markanten Spitzhelme 1760 abgebrochen hatte, wurden sie 1910/11 an der Marktseite und 1967/68 dann auch an der Rückseite zum Kirchplatz rekonstruiert. Hierzu sowie zur prächtigen erhaltenen Innenausstattung (Bürgermeister- und Ratsstube im ersten Stock, Tanzboden im zweiten Stock) nachfolgend noch einige Bildindex-Bilder.

      Soweit der heutige Forschungsstand die Aussage erlaubt, war insbesondere die sogenannte Alsfelder Strebe, d. h. die leicht gekrümmte Langstrebe, die ausschließlich auf Verzapfung, und nicht mehr auf die mittelalterliche Verblattung setzt, eine absolute Neuheit im hessisch-fränkischen Fachwerk, die noch weit über 100 Jahre danach nicht nur in Alsfeld, sondern in ganz Nordhessen Nachahmer fand. Mich persönlich erinnert sie ja etwas an altenglische Vorbilder, leider ist zu Meister Johann und seiner Schule zumindest bis heute kaum etwas bekannt.

      Bildindex-Bilder zum Äußeren im 19. Jahrhundert sowie zur Inneneinrichtung:


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      Marktseite ohne Spitzhelme und mit vermauerten Arkarden um 1870


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      Tanzboden im zweiten Stock nach Südwesten


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      Prunktür im zweiten Stock von Michael Finck (1604)

      Gleich weiter geht es mit dem Haus Markt 2, das das älteste Gebäude der Stadt ist, und von dem nun erstmal einige Detailbilder folgen:


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      Detail der Fassade am Markplatz


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      Detail der Traufseite am Kirchplatz


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      Detail des (leider zugestellten) Rückgiebels am Kirchplatz


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      Traufseite des Rückhauses am Kirchplatz

      Dieses beachtliche Gebäude besteht aus drei Teilen: der ursprüngliche, südwestliche bzw. am Markt linke Teil ist der älteste und stammt aus dem Jahre 1351 (d). Hierbei handelt es sich um einen Wandständerbau mit fünf Gebinden und Ankerbalkengefüge mit Zapfenschlössern. Innerlich sind die Anker im unteren Teil durch Bänder, im oberen Teil durch anderthalb Stockwerke überspannende Andreaskreuze gesichert. Die Ständer sind an den Traufseiten durch bis unter das Dach reichende, lange Schwertungen (aufs Rähm geblattet, auf die Schwelle gezapft) versteift. Die Fassade ist dem Gefüge wie in dieser Zeit üblich nur "vorgehängt" und besitzt auch repräsentative Hängepfosten (einer noch original, der Rest rekonstruiert) unterhalb der stark vorkragenden Obergeschosse.

      Der südöstliche bzw. rechte Teil sah ursprünglich genauso aus wie die linke Hälfte. Als 1394 der Kirchturm einstürzte, beschädigten seine Trümmer diese Haushälfte so schwer, dass sie neu errichtet werden musste, was eine dendrochronologische Datierung des verwendeten Holzes auf 1400 mittlerweile bestätigt hat. Der Wiederaufbau erfolgte unter Anwendung der technischen Fortschritte, die der Fachwerkbau in den letzten 50 Jahren gemacht hatte. Das Grundgerüst war wieder ein Wandständerbau mit fünf Gebinden und Ankerbalkengefüge mit Zapfenschlössern, wie an der frei stehenden Traufseite zum Kirchplatz wunderbar gesehen werden kann. Veränderungen sind jedoch an der immer noch vorgehängten Fassade zu sehen, auf die komplizierte Konstruktion mit Hängepfosten wurde verzichtet, die nun überall von Bügen gesichert Stiele sind enger gestellt, und in den Randbereichen geschossweise mit Bändern versteift (K-Strebe!).

      Der rückwärtige Teil des Hauses am Kirchplatz schließlich aus dem Jahre 1465 (d). Es handelt sich auch hier noch um einen Wandständerbau, der jedoch sein jüngeres Alter durch verschiedene Elemente wie die geringere Überkragung und die reichere Verwendung von Verzapfungen verrät.

      Das Vorderhaus steht auf romanischen Kellern aus der Zeit der Stadtgründung. Die Bausubstanz ist bis auf das Erdgeschoss der Rückseite nahezu vollständig intakt, was Markt 2 zu einem der am besten erhaltenen Häuser des 14. Jahrhunderts in Deutschland macht, das glücklicherweise auch hervorragend (sieht man von den etwas zu rustikalen Fenstern mal ab) saniert wurde. Wir haben hier ein wahres Stück Technik- und Stadtgeschichte vor uns, das sehr gut vermitteln kann, wie hessische und wohl auch fränkische Städte im Hochmittelalter wohl ausgesehen haben.

      Zu guter Letzt folgt in der Einzelbetrachtung nun noch das Weinhaus:


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      Detail der Fassade am Marktplatz


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      Ursprüngliches Aussehen der Fassade vor der Umgestaltung, Bild des Regionalmuseums Alsfeld

      Der vermeintlich romanische Charakter täuscht darüber hinweg, dass es sich beim Weinhaus im Kern um einen Renaissancebau handelt, der 1538/39 durch den Meister Hans von Frankfurt erbaut wurde. Der Treppengiebel mit den Halbkreisrosetten verbindet auf reizvolle Weise eine gotisches mit einem frühneuzeitlichen Motiv. Leider liess man sich 1843/44 dazu hinreissen, die unsymetrisch verteilten, fein profilierten Renaissancefenster mit Vorhangbögen aus der Fassade zu schlagen und durch die zu sehenden Zwillingsrundbogenfenster zu ersetzen. Nachdem man 1921 den Verputz entfernte hatte, sind zumindest die überlebenden Reste dieser Historismus-Großtat wieder zu sehen.

      Die Inneneinteilung mit einem Weinkeller, einem Schankraum für "normale" Gäste im Erdgeschoss, für privilegierte Gäste im ersten Obergeschoss sowie Wohnräumen darüber ist überliefert, heute beherbergt das Gebäude ein gehobenes Restaurant. Es steht repräsentativ für die Blütezeit der Stadt im 16. Jahrhundert, als bis zu 40 % der städtischen Einnahmen aus dem Weinverkauf herrührten.

      Doch nun weiter am Marktplatz:


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      Auf der anderen Seite der Obergasse bzw. auf der Nordseite des Marktplatzes geht es mit dem Bückinghaus von 1515 weiter, das vor allem durch seinen runden Eckerker und die reizvolle spätgotisch-übergangszeitliche Fachwerkkonstruktion ins Auge fällt. Unterhalb der Fenster sind die überblatteten geschosshohen Streben des Bundständers in miniaturisierter Form als Schmuck wiedeholt, in den Ecken findet sich bereits die Alsfelder Strebe. Das Erdgeschoss ist leider wie beim Nachbargebäude, das Anfang des 16. Jahrhunderts als Haus mit zweigeschossiger Halle erbaut wurde, ziemlich entstellt.


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      Fassade des Bückinghauses an der Obergasse, die durch Fenstereinbauten gestört ist


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      Hier an der Nordwestecke des Marktplatzes blicken wir auf das mächtige sogenannte Stumpfhaus von 1609, dessen Schmuckfachwerk auf der Traufseite durch Fenstereinbauten leider fast vollständig zerstört ist. Bemerkenswert sind die guten Schnitzereien der Eckpfosten, die auch den Erbauer und Bürgermeister Jost Stumpf zeigen. An der Giebelseite, die noch gut erhalten ist, geht es nach Westen in die Mainzer Gasse hinein, am Rückgiebel, hier kaum erkennbar, in die sogenannte Rittergasse.


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      Eine andere Ansicht des Hauses am Tag, die auch die Rittergasse etwas besser erkennen lässt


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      Detail des Giebels an der Mainzer Gasse mit typischen Renaissancemotiven der Fachwerk-Blützeit. Hier ist noch gut erkennbar, wo sich die ursprünglichen Fenster befanden, und wie brutal man die Fenster des 19. Jahrhunderts in das Gefüge hineingesägt hat.


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      Detail des geschnitzten Eckständers, der den Erbauer darstellt


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      In der Südwestecke des Marktplatzes findet sich eine weitere städtebauliche Dominante, das Hochzeitshaus


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      Detail des Gebäudes bei Nacht, rechts die Mainzer Gasse

      Der zweite große Steinbau am Markt wurde 1564–1571 von Hans Meurer an der Ecke von Baugasse und Mainzer Gasse errichtet. Das dreigeschossige Gebäude auf fast quadratischen Grundriss verfügt über hohe geschweifte Giebel mit Pilastergliederung sowie einen zweigeschossigen Erker an der Ecke zum Marktplatz. Im Erdgeschoss befindet sich eine große Halle, ehemals als Fleischschirn der Metzger dienend, die auf gewaltigen Unterzügen ruht, die für Festivitäten gedachten Obergeschosse sind durch eine erhaltene Wendeltreppe erschlossen.

      Die schwierige städtebauliche Situation wurde mit dem Erker, der den Blick nach oben zieht, geschickt gelöst, weswegen abgesehen von den reich verzierten Portalen, die unteren, in den meisten Blickwinkeln vom Markt ohnehin verdeckten Gebäudeflächen im Gegensatz zum prächtigen Giebelaufbau auch eher schmucklos sind.


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      Die Südseite des Marktes wird von einem wunderbaren Ensemble von Bürgerhäusern verschiedenster Zeitstufen geschlossen


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      Detail der westlichen Partie


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      Detail der östlichen Partie


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      Detail der östlichen Partie um 1870

      Die Häuser von West nach Ost im Einzelnen:

      ? Markt 8: stark historistisch und im 20. Jahrhundert verändertes Eckhaus zur Baugasse, in dem aber immer noch im Kern ein Ständerbau aus der Zeit um 1500 steckt

      ? Markt 9: neoklassizistischer Neubau wohl von Ende des 19. Jahrhunderts, was dafür fiel, ist mir unbekannt

      ? Markt 10: historistisch stark umgestaltetes Fachwerkhaus, im Kern vermutlich älter, gut erhaltener gründerzeitlicher Ladeneinbau

      ? Markt 11: trotz Veränderungen im Fensterbereich gut erhaltenes (bis auf das Erdgeschoss) und saniertes Haus der Zeit um 1600

      ? Markt 12: neugotischer Neubau von 1883, für den das traditionsreiche Gasthaus "Zum Schwanen" weichen musste, das wenigstens in einem Bildindex-Bild (s. o.) festgehalten ist und wohl noch ins 16. Jahrhundert zu datieren war

      ? Markt 13: barocker Neubau von 1728, der wohl ursprünglich auf Verschieferung oder Verschindelung konzipiert war

      ? Markt 14: 1561 erbauter typischer Alsfelder Fachwerkbau mit der "Alsfelder Strebe", erhebt sich auf einem noch spätgotischen, massiven Erdgeschoss mit repräsentativen Spitzbogenportal und Inschrift mit Datierung, seit 1683 bis heute als Apotheke in Nutzung, das erste Obergeschoss wohl barock verändert
    • Was soll man sagen? Traumhaftes Städtchen (bis man den Rest sieht ? :zwinkern: ).

      Vielen Dank, RMA, für die tolle Präsentation und den historischen und baugeschichtlichen Hintergrund.

      Hier eine undatierte (automobilfreie!) Aufnahme, in der Haus Markt 2 und Weinhaus noch deutlich anders (z.T. verputzt bzw. verbrettert) aussahen.
      diathek.kunstgesch.uni-halle.d…k/durchl/jpg/01t0126d.jpg

      EDIT
      Dies scheint für das Haus Markt 2 auch 1995 noch der Fall gewesen zu sein:
      travel-tidbits.com/tidbits/004017.shtml
      Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
      (Immanuel Kant)
    • Danke für das Bild, das muss zwischen 1911 und 1921 entstanden sein, da bis 1911 die Spitzhelme rekonstruiert wurden, aber erst 1921 der Verputz wieder vom Weinhaus entfernt wurde. Interessant natürlich das verputzte steinalte Haus Markt 2 auf dem Bild - wer würde schon vermuten, dass da im Kern ein Gebäude aus der Mitte des 14. Jahrhunderts drin steckt?
    • Also die Stadt hat im Vergleich zu früher, als ich dort war, enorm gewonnen, vor allem durch mehr Sichtfachwerk aber auch durch Schiefer-(Schindel-?)bedeckung (siehe Haus rechts hinter Rathaus, das damals äußerst gewöhnlich aussah).
      Leider neigt man auch bei FWH zum Einbau von sich nach innen öffnenden Fenstern.
      Leider scheint in der von Weinhaus wegführenden Gasse eine äußerst unvorteilhafte Renovierung (weißes Haus, gleich erstes Bild) stattgefunden zu haben. Aber, soweit das Auge reicht, war dies wohl der einzige feststellbare Makel.
      Die Stadt wirkt erfreulich großbürgerlich und vermag es durchaus mit einigen Gassen FFs aufzunehmen.
      Ich hatte sie wie gesagt lange nicht so schön in Erinnerung.
      Mir gefielen damals Butzbach, Homberg/E und Melsungen besser.
      ... dass jeder troglodytischen Lebensart, beruht sie nur fest in sich selbst, etwas schlechthin faszinierendes eignet, überhaupt für solche, die einen Ansatz dazu schon besitzen und mitbringen, der dann nur noch einer gewissen Entwicklung bedarf. (HvD)
    • Danke für die Bilder und die Infos! Eine schöne Stadt, leider war ich auch dort noch nicht... :(

      Es stimmt schon, die parkenden Autos auf dem Marktplatz - das ist schon sehr ärgerlich. In vielen Städten löst man dieses optische Problem mit Tiefgaragen, vielleicht wäre das auch etwas für Alsfeld.
    • Das Bild täuscht, die Fenster dürften noch 19. Jahrhundert sein, es handelt sich nicht um eins dieser abartigen 50er-Jahre-Breitfenster, wie man auf den ersten Blick denken möchte. Die Verschindelung ist tatsächlich ein sehr typisches Alsfelder Gestaltungselement – obgleich sie woanders natürlich auch vorhanden ist, habe ich sie noch nie in einem derartigen Reichtum gesehen wie eben in Alsfeld. Viele Verschindelungen scheinen auch neueren Datums zu sein, d. h. kaum älter als so 10 - 20 Jahre. Ein Haus wurde gerade eingedeckt, als ich da war. Für Hausforscher und interessierte Laien wie mich natürlich doof, da sich da drunter oft interessante Gefüge verbergen.

      Exemplarisch für die Verschindelung noch ein Bild aus der Obergasse, von der es später noch mehr zu sehen geben wird:


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    • Wow... kaum zu glauben, dass so ein Stadtbild die BRW überlebt hat. Die Stadt schein wirklich wahnsinnig schön zu sein. Was mich mal interessieren würde, wäre, wie es in den Außenbezirken aussieht. Hat Alsfeld auch einen Speckgürtel an Neubausiedlungen oder ist die Stadt hauptsächlich historisch?
      ... aber ersteinmal bin ich gespannt auf deine weiteren Bilder!
      Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
      Karl Kraus (1874-1936)
    • @schlossgespenst
      Nee, nur keine Tiefgarage! Das wäre die reinste Barbarei und der Todesstoß für diesen kleinen und besinnlichen Marktplatz.
      Das Autoproblem wird sich in relativ kurzer Zeit eh erübrigen.
      @RMA
      Danke für die Erläuterung (und für die tollen Bilder erst recht)
      Fein, dass ich eine optischen Täuschung aufgelegen bin.
      Mit Limburg kann A. mE nicht ganz mit, dort kommt viel zusammen (tolle Altstadt+Dom+Lage); dafür übertrifft es als Fachwerkstadt Marburg bei weitem, finde ich.
      Die Verschindelung gefällt mir gut, eine Auffrischung im Fachwerkbild. Sogar die historistischen Häuser gefallen mir und sorgen für eine belebende Abwechslung.
      ... dass jeder troglodytischen Lebensart, beruht sie nur fest in sich selbst, etwas schlechthin faszinierendes eignet, überhaupt für solche, die einen Ansatz dazu schon besitzen und mitbringen, der dann nur noch einer gewissen Entwicklung bedarf. (HvD)
    • 2. Der Kirchplatz

      Weiter geht's auf dem Kirchplatz. Kirchplatz meint in Alsfeld einen gedachten Halbkreis, der sich von der Fläche südlich des Langhauses (direkt hinter dem Rathaus) nach Osten um den Chor krümmt und nördlich des Langhauses in einer Häusergruppe sein Ende findet. Die mittelalterliche Situation einer umbauten Kirche ist vollständig erhalten. Selbst mit 12mm-Superweitwinkel war es mir daher nur begrenzt möglich, die Platzsituation befriedigend einzufangen, und zur Kirche muss ich, wie schon eingangs erwähnt, komplett auf Bildindex zurückgreifen, da ich nicht mit Stativ fotografieren konnte, und es schlicht zu dunkel war, um selbst bei gepushten 3200 ISO befriedigende Fotos zu erzielen.


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      So bietet sich der Platz und die Ansicht südlich der Kirche dar, wo sich auch das Hauptportal befindet (Bild: Wikipedia)

      Die Kirche ist wohl auch deswegen ein ziemlich prachtvoller Bau, weil Alsfeld selbst in den Zeiten seiner Blüte immer arm an Kirchen war (es gab und gibt nur eine zweite größere Kirche) und sich so alle Anstrengungen auf diesen Hauptbau konzentrierten. Das Langhaus stammt als Basilika auf quadratischen Grundriss in der Nachfolge der Kölner Minoritenkirche im Kern noch aus dem Ende des 13. Jahrhunderts und wurde Mitte des 14. Jahrhunderts in die heutige Form als Emporenhalle umgebaut. Der hochgotische Chor mit 5/8-Schluss kam Ende des 14. Jahrhunderts als Ersatz für einen bereits bestehenden gotischen Chor hinzu. Der Turm stürzte, wie schon erwähnt, 1394 ein und wurde im Verlaufe des 15. Jahrhunderts komplett neu errichtet. 1472 erreichte auch die Innenausstattung mit der Einwölbung weitestgehend den noch heute zu sehenden Zustand. Die Haube setzte aber erst 1542/43 Hans von Frankfurt auf, der bekanntlich auch das nahe Weinhaus am Markt erbaute.

      Auffällig sind am Außenbau vor allem die sehr schönen Maßwerkfenster und die figürlichen Konsolen und Wasserspeier an den Strebepfeilern. Das Innere wird vom Dehio als eine der wenigen mehrschiffigen mittelalterlichen Kirchen der ehemaligen Landgrafenschaft Hessen-Darmstadt gelobt, in der das Erscheinungsbild der Ausstattung einer lutherischen Stadtkirche aus der frühen Neuzeit erhalten blieb.

      Die spätmittelalterliche ornamentale Ausmalung aus der Zeit um 1500 ist gut erhalten und dank früher Restaurierung (1913/14 & 1972) auch nicht so fragmentarisch, wie anderswo, wo nach streng denkmalpflegerischen Gesichtspunkten freigelegt wurde. Ferner gibt's zwei größere, gut erhaltene Wandgemälde aus der selben Zeit zu bestaunen (Christophorus & Verkündigung).

      Von der Ausstattung ist hervorzuheben:

      ? romanisches Taufbecken

      ? aus der Zeit um 1400 Reste eines Chorgestühls mit qualitätvollen Schnitzerein

      ? aus der Mitte des 15. Jahrhunderts guter Schnitzaltar im Chor

      ? spätgotische Kreuzigungsgruppe von vorzüglicher Qualität im Triumphbogen

      ? Kanzel 1618 von Michael Finck (vgl. Rathaus), Kopie, da Original 1913 verbrannt

      ? dreiseitig umlaufende Chorempore von 1638 und zwei Langhausemporen mit teils manieristischen Malereien aus der Mitte des 17. Jahrhunderts (J. Spreng)

      ? Orgel aus der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts

      ? einige schöne Epitaphe, herausragend der des Bürgermeisters Jost Stumpf (gest. 1632) und Ehefrau, welcher das nach ihm benannte Haus am Markt erbaute

      Nachfolgend mangels eigener Bilder ein bisschen was von Bildindex:


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      Inneres der Kirche nach Osten


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      Inneres der Kirche nach Westen


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      Seitenschiff im Inneren


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      Taufstein


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      Chorgestühl


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      Schnitzaltar im Chor


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      Kanzel


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      Orgel


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      Epitaph

      Südlich der Kirche steht diese Häusergruppe:


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      Die beiden rechten Häuser gehören zusammen: die Traufseite des "Kartoffelsacks" (Kirchplatz 2), eines empfehlenswerten Restaurants, das alles rund um die Kartoffel und gute Hausmannskost anbietet, ist ebenso wie die Giebelseite (Markt 16) verschindelt und im Kern ein Neubau des 18. Jahrhunderts. Das daran angebaute Haus in der Bildmitte stammt stilkritisch wohl aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts. Das daran anschließende Gebäude ist das ehemalige Schulhaus der Stadt aus dem Jahr 1696 und ist schon nicht mehr typisch "alsfelderisch", sondern mit den Mannsfiguren und den Taubandverzierungen ein eher "gesamthessisches" Fachwerkhaus.


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      Läuft man weiter nach Norden in Richtung der Gasse Amthof (sie fängt im zu sehenden Bild hinter der Straßenlaterne an), so kommt man zu diesem klassizistischen Pfarrhaus von 1819, das passenderweise direkt gegenüber dem Chor der Kirche steht. Natürlich ist auch dieses Gebäude ein rein konstruktiver Fachwerkbau, der nur nach außen hin auf Stein getrimmt ist!

      Wir schlagen nun nicht den Weg Richtung Amthof sein, sondern umrunden den Chor, um auf der anderen Seite des Kirchhofs zu landen:


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      In diesem Panorama würden wir auf unserem Weg nun ganz links im Bild auftauchen. Zur Orientierung: links im Hintergrund ist das Pfarrhaus aus dem vorigen Bild zu erkennen.


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      Die andere Seite: hier schauen wir, zu Füßen des Kirchturms, auf die Fassaden an der Nordseite des Kirchplatzes. Sie wird von einigen größeren Häusern dominiert.

      Nun zu den Details und Häusern im Einzelnen, von Süden über Westen nach Osten:


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      Gotisches Nordportal der Kirche


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      Blick durch das offene Turmuntergeschoss auf die Rückseite des Rathauses, dahinter die Obere und Untere Fuldaer Gasse


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      Ein schönes Häuschen wohl aus der Zeit um 1600 an der Westseite des Platzes mit viel Originalsubstanz und stattlichen Balkenquerschnitten, leider ein paar Fenster zuviel


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      Das bedeutendste Haus am Kirchplatz ist das Haus Kirchplatz 10. Beim ersten Hinsehen kaum zu glauben, aber der obere Teil einer dendrochronologisch auf 1392 datierten Ständerhalle ist mit dem ersten Stock noch erhalten, während man in das Erdgeschoss 1664 nachträglich eine Rähmkonstruktion zur Abteilung eines eigenständigen Geschosses einschob. Die oberen Stockwerke stammen aus dem Jahr 1585, ferner sind im ersten Stock noch schöne geometrische Stuckdecken wohl des 17. Jahrhunderts erhalten, die ich hier nicht zeigen will, da es sich um Privatwohnungen handelt.


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      Nochmal eine andere Ansicht: leider ist es um den baulichen Zustand dieses bedeutenden Gebäudes augenscheinlich nicht ums Beste bestellt, und auch das wuchernde Grünzeug an der westlichen Traufe bzw. an der linken Hausseite (wo ein öffentlicher Traufgang nach der Kaplaneigasse führt), macht mir irgendwie Sorgen.


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      Links ein ebenfalls nicht mehr ganz taufrisch wirkendes Fachwerkhaus (Kirchplatz 9) aus dem Jahre 1665 mit klasischen Mannsfiguren, nur noch schwach zu sehenden Schnitzverzierungen und der Inschrift: "(RE)BUS IN ADVERSIS ANIMUM SUBMITTERE NOLI: SPEM RETINE! SPES UNA HOMINEM NEC MORTE RELINQUIT". Meines Erachtens gut gelungen die angebauten Garage. Rechts ein Neubau (Kirchplatz 8) wohl des 19. Jahrhunderts mit Mansarddach und ohne Geschossüberhänge, der aufgrund seines konstruktiven Charakters dringend verschindelt werden sollte, was er ursprünglich sicher auch war.


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      Was genau wir mit Kirchplatz 7 vor den Augen haben, ist mir nicht ganz klar. Für einen historistischen Fachwerkbau erscheint mir das Ganze zu schnörkellos, worauf auch die serifenlose Aufschrift des Erkers verweist. Die ganze bauliche Erhaltung lässt für mich nur den Schluss zu, dass es sich hier um einen Neubau der letzten 10 – 20 Jahre handeln muss, was anbetrachts der Stillosigkeit im Bereich des heutigen Profanbaus erstaunlich ist. Es handelt sich hier um ein echtes, wohl ausgemauertes (dem Klopfgeräusch nach) Fachwerkhaus in klassischer Zimmermannstradition, der viele Elemente eines typischen Alsfelder Bürgerhauses des 17. Jahrhunderts aufweist, sieht man mal von den etwas unproportionierten Mannsfiguren ab, die in Alsfeld ohnehin fast nur mit Kopfwinkelhölzern auftreten. Ohne zu wissen, was der Hintergrund dieses Baus ist bzw. was er ggf. ersetzte, ein großes Lob an den Bauherren!


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      Die ehemalige Kirchhofskapelle, die auch als Beinhaus diente, und heute Sitz des Stadtarchivs ist, stammt inschriftlich aus dem Jahre 1510. Das einfache Gebäude mit rechteckigem Grundriss und dreiseitigen Schluss setzt auf einem tonnengewölbten Keller auf, Teile des Chormauerwerks stammen noch vom Vorgängerbau aus dem Jahre 1386, Portale und Fenster sind noch aus der Bauzeit. Das Dach wurde bereits 1907 ausgebaut und 1979–81 mit dem Dachreiter wieder in seinen historischen Zustand überführt.
    • Fototechnisch hervorragende Bilder mit glücklicherweise auch sehr schönen Motiven und einem glänzenden, zeitaufwendigen Kommentar. Die Alsfelder scheinen die Bedeutung ihrer Stadt erkannt zu haben. Die Behandlung der alten Häuser ist meist vorbildlich (einschließlich der heutzutage oft verunstalteten Untergeschosse). Einen störenden Nachkriegsneubau konnte ich auf den Bildern nicht ausmachen. Man freut sich bereits auf die Fortsetzung.

      P. S.: Sollte Kirchplatz 7 tatsächlich ein Neubau sein, wäre das ein Vorbild für Frankfurt (wie auch generell für sämtliche Fachwerkstädte). Bei Parzellen, auf denen keine verlorenen Fachwerkhäuser rekonstruiert werden, greift man die Zimmermannstradtion der eigenen Stadt auf und baut einfach neue Fachwerkhäuser. Müsste man so ähnlich in eine Gestaltungssatzung für den Altstadtbereich hineinschreiben...:lachen: Träum, träum :augenrollen:
      "Meistens belehrt uns der Verlust über den Wert der Dinge."
      Arthur Schopenhauer
    • Ich hoffe, Ihr denkt daran, dass Alsfeld bereits in der Online-Denkmaltopographie von Hessen enthalten ist: http://denkxweb.denkmalpflege-hessen.de" onclick="window.open(this.href);return false;\r
      denkxweb.denkmalpflege-hessen.de (Alsfeld liegt im Vogelsbergkreis)

      Kirchplatz 7 ist da nicht eingetragen - ein Hinweis darauf, dass es doch ein Neubau ist.
    • "Zeno" schrieb:

      Ich hoffe, Ihr denkt daran, dass Alsfeld bereits in der Online-Denkmaltopographie von Hessen enthalten ist: http://denkxweb.denkmalpflege-hessen.de" onclick="window.open(this.href);return false;\r
      denkxweb.denkmalpflege-hessen.de (Alsfeld liegt im Vogelsbergkreis)

      Kirchplatz 7 ist da nicht eingetragen - ein Hinweis darauf, dass es doch ein Neubau ist.


      Ist mir bekannt. Für den Kommentar greife ich darauf auch zurück, er scheint aber weitestgehend deckungsgleich mit dem aktuellen Hessen-Dehio zu sein.
    • Unglaublich, was Du hier wieder einmal auf die Beine gestellt hast, RMA! Willst Du nicht vielleicht doch eines Tages mal diese Beiträge, angereichert mit historischen Vergleichsfotos und dem gesammelten Wissen deutscher Stadtarchive in Buchform rausbringen? Mindestens ein Käufer wär Dir sicher! :zwinkern:

      Was den mutmaßlichen Neubau betrifft, der Erbauer hat einen Orden verdient! Dieses Haus gehört in jede deutsche Architekturzeitung und in das Rathaus jeder deutschen Stadt mit historischem Kern gehängt, damit es endlich mit dem Unsinn aufräumt, Fachwerkhäuser könne man heute nicht mehr bauen, aus welchen Gründen auch immer.... Und jetzt stelle man sich einen stilechten Neubau vom Format einer Goldenen Waage oder eines Salzhauses vor, errichtet in der Saalgasse oder am Kornmarkt... *träum* :augenrollen:
      Was sagt sie uns für Unsinn vor?
      Es wird mir gleich der Kopf zerbrechen.
      Mich dünkt, ich hör’ ein ganzes Chor
      Von hundert tausend Narren sprechen.

      Goethe, Faust I
    • Ein wahrer Genuss deinen Beitrag zu lesen! Qualitätvolle Aufnahmen und hilfeiche Kommentierungen. Wirklich vorbildlich.
      Nur schade, dass du keine Photos im Innern der Kirche machen konntest. Aber solche Probleme wegen deines Stativs hast du ja wohl schon öfters gehabt. Es ist mir vollkommen unverständlich warum häufig ein Stativverbot besteht, durch die Benutzung des Stativs sind ja keine Baubeschädigungen zu erwarten. Im Gegenteil, da ich (u.a. auch diesem Grunde) nie ein Stativ dabei habe, muß ich für Aufnahmen im Innern von Kirchen meine Kamera häufig an Wänden, Säulen und dergl. anlehnen, um halbwegs wackelfreie Aufnahmen zu erhalten, was sicherlich schädlicher für die Bausubstanz ist.
      Aber zurück zum Thema: schön, wie die Bürger dieser Stadt anscheinend den Wert ihrer Baudenkmäler schätzen und zu erhalten trachten. Hoffentlich kommen sie irgendwann auch zur Erkenntnis, dass ihr wunderbarer Rathausplatz für den Autoverkehr geschlossen und ein alternativer Parkplatz zur Verfügung gestellt werden muss.
    • Einer der besten Fotothreads, die ich mir jemals zu Gemüte führen durfte! Meine Herren RMA, alle Achtung & Tausend Dank dafür! :daumenoben:


      Hast du dergleichen auch für Limburg, Marburg, Herborn, Wetzlar und Konsorten vorgesehen?
      Oder gar für das schöne Frankfurt am Main? ;)
      Basis guter Architektur nach Vitruv:
      Schönheit ۩ Nützlichkeit ۩ Stabilität
      Schönheit wird von zu vielen Architekten ignoriert.
    • Schön, das es hier jetzt auch eine Galerie zu meiner "Nachbarstadt" Alsfeld gibt, und dazu noch so ausführlich beschrieben! :applaus:

      Eine Anmerkung noch zu den verschindelten Häusern in der Obergasse: die Verschindelung der Fachwerkhäuser (besonders im dem 19. Jh.) war nicht nur für Alsfeld typisch, sondern für die gesamte Region. In der südlich gelegenen Kreisstadt Lauterbach war bis zur Altstadtsanierung ab den 1970er Jahren fast jedes alte Haus verschindelt, was auf alten Bildern gut zu sehen ist. Und erst recht natürlich in den umgebenden Dörfern bis in den Vogelsberg hinein, wobei hier ja aus den bekannten Gründen die Vergleichsmöglichkeit etwas abhanden gekommen ist. In Alsfeld waren vor dem Sanierungsbeginn ebenfalls weit mehr Häuser als heute verschindelt.

      Das "neue" Haus Kirchplatz 7 ist mir bei meinen gelegentlichen Besuchen in Alsfeld auch schon aufgefallen. Leider kann ich keine Angaben zur Bauzeit machen und habe bisher auch eher auf einen Bau im Heimatschutzstil aus der Zeit um 1910-1935 getippt.
      www.chronik-bermuthshain.de
      www.chronik-crainfeld.de
      Ortsgeschichte von Bermuthshain und Crainfeld in Oberhessen
    • 3. Die Altstadt zwischen Obergasse und Hersfelder Straße

      Nach den beiden großen Plätzen der Stadt wenden uns nun dem grob nordöstlichen Viertel der Altstadt zu.

      3.1. Die Obergasse

      Die Obergasse ist eine der alten Hauptverkehrsstraßen der Stadt, die direkt vom Markt weg zum Obertor, dem nördlichen, restlos verschwundenen Stadtor führte, siehe hierzu auch das Altstadtmodell in der Einführung. Laut der Denkmaltopgraphie des Hessischen Denkmalpflegeamtes dürften mit 18 Häusern geschätzt 70–80 % der Obergasse unter Denkmalschutz stehen und somit weitestgehend historisch sein, wenigstens vier davon stammen noch aus der Zeit um oder vor 1500.

      Genug der Vorrede, nun einige Bilder:


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      So bietet sich die Straße nach Süden dar, wenn man von ihrem oberem Ende, der Kreuzung aus Alicestraße und Schellengasse, in sie hineinblickt. Verputzte, seltener verschieferte und vor allem, wie für Alsfeld typisch, auf der Wetterseite verschindelte Bauten prägen das Bild der Straße. Manchereiner mag ein Gründerzeitler oder Massivbau des 20. Jahrhunderts sein, zu erkennen ist es nicht, was für einen derart von Geschäften dominierten Straßenzug wirklich eine Seltenheit ist.


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      Die Erdgeschosseinbauten schwanken zwischen erträglich und gut gelungen, wie etwa beim vierten Haus von links (Obergasse 25, Baujahr 1691), wo die Verschindelung über das Erdgeschoss gezogen ist, und nur die existierende Konstruktion für die Schaufenster freigelegt wurde.


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      So bietet sich der Straßenzug vom Markt her dar, rechts das Weinhaus. Durch eine geringe, langgezogene Verschränkung in der unteren Hälfte ergibt sich ein besonders malerisches Bild, da so der Blick auf Teile der Traufseiten sowie die Fassaden frei wird.

      Bemerkenswert sind einige Bauten aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an der Straße, die zeigen, wie lange die Sichtfachwerktradition in Alsfeld noch lebendig war – ungewöhnlich für städtische Bauten, die damals andernorts zumeist "modern" und somit klassizistisch-verputzt als rein konstruktive Fachwerke geplant waren. Mangels eigener Bilder, da ich den Fokus auf spätmittelalterliche Bauten gelegt habe, greife ich nachfolgend auf solche des Landesamts für Denkmalpflege Hessen zurück:


      Obergasse 20/22, um 1750 (Bild: Landesamt für Denkmalpflege Hessen)


      Obergasse 14 von 1770, die noch bis 1885 als das städtische Postamt fungierte (Bild: Landesamt für Denkmalpflege Hessen)

      Schönes Detail direkt gegenüber:


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      Barocke Haustür aus der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts an der zur Schaufussgasse gewandten Traufseite des Eckhauses Obergasse 12 (im Kern von 1631)

      Im unteren Bereich der Straße finden sich auch historistische Klinkerbauten:


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      Obergasse 4 (Bildmitte, leider etwas von Grünzeug verstellt) und 6 (rechts angeschnitten) dürften beide aus dem späten 19. Jahrhundert stammen

      Doch nun zu den spätmittelalterlichen Bauten im Einzelnen:


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      Das Eckhaus Obergasse 26 / Schnepfenhain 1 ist eines der ältesten Gebäude des Straßenzuges und kann Ende des 15. Jahrhunderts datiert werden – leider nur äußerlich, da das Gebäude bei der Sanierung in den 70ern völlig entkernt wurde. Es handelt sich um ein ehemaliges Hallenhaus, dessen Obergeschosse zweiseitig auf Knaggen auskragen und in den Brüstungsgefachen die zeittypischen gebogenen Viertelkreisstreben zeigt. Das Fachwerkbild ist durch spätere Fenstereinbauten jedoch stark gestört, am besten ist noch das zweite Obergeschoss erhalten, wo man sich die Fenster nicht tiefer als bis zu dem links und rechts nur noch fragmentarisch erhaltenen Brustriegel vorstellen muss. Der Ladeneinbau geht noch, immerhin hält er den Rhythmus des darüber liegenden Fachwerks ein.


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      Die Traufseite des Hauses an der Gasse Schnepfenhain ist mit einigen der vorgenannten Viertelkreisfußstreben noch etwas besser erhalten. Schade, dass man sich zu keiner Wiederherstellung des Ursprungsbaues mit Rückbau der Fenster durchringen konnte, der anhand der Zapflöcher in den offenbar aus der Bauzeit stammenden Rähmen und Schwellen sicher leicht rekonstruierbar wäre. Vielleicht kann sich Riegel ja mal daran versuchen. ;-)


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      Das wohl 1478 erbaute Eckhaus Obergasse 11 ist zugleich das älteste Alsfelder Haus mit einer erhaltenen Inschrift, die auch zugleich die Datierung liefert. Das zweigeschossige, im oberen Stock auf Knaggen leicht vorkragende Gebäude mit Krüppelwalmdach erinnert etwas an niederdeutsche Vorbilder. Leider wurde bei der Sanierung des Gebäudes in den 70er Jahren wenig Rücksicht auf die Erdgeschossgestaltung genommen, die hier wirklich nur als missraten bezeichnet werden kann. Die Gliederung der viel zu großen Glasflächen ohne einen unteren Abschluss nimmt keinerlei Rücksicht auf das Fachwerkbild, das Haus scheint in der Luft zu hängen!


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      Ansicht der Obergeschosse an der Traufseite mit der Inschrift. Ebenso wie an der Giebelseite ist das Fachwerk natürlich auch hier sämtlich nicht mehr im Originalzustand, man muss sich die nur noch fragmentarisch erhaltenen Andreaskreuze in den Brüstungen natürlich durchgehend vorstellen. Die blinden Blattsassen in den Fenstergewänden sind teils sogar noch zu erkennen.


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      Detail der Inschrift in gotischen Minuskeln. Im Streiflicht kann man gut sehen, dass links noch wesentlich mehr von dem Schriftzug plastisch in der Schwelle vorhanden ist, als bei der Restaurierung dann tatsächlich farblich hervorgehoben wurde. Ganz rechts die Datierung.


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      Obergasse 5 ist ein im Inneren zusammengebautes Doppelhaus, dessen rechte Haushälfte hier nur angeschnitten ist. Der einzige erhaltene Hinweis darauf, dass die hier zu sehende linke Haushälfte im Kern aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammt, sind die auf Knaggen vorkragenden Obergeschosse sowie die im ersten Obergeschoss über der Alarmglocke zu sehende verblattete Kopfstrebe. Typisch für Alsfelder Bauten dieser Zeit ist die im Erdgeschoss noch zu erahnende hohe Halle, ebenso typisch aber wohl aus dem 16. Jahrhundert die Alsfelder Strebe im Giebeldreieck.


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      Etwas Rätsel gibt Obergasse 2 direkt neben dem Bückinghaus am Markt auf: es findet sich weder in der Denkmaltopographie, noch bei Dehio oder im nun auch schon wieder 26 Jahre alten Katalog von Großmann. Somit muss man sich hier auf das stützen, was man sieht: von einem ehemaligen Hallenhaus, dessen Konstruktion in den oberen Geschossen jedoch wenigstens aus dem 17., wenn nicht sogar eher dem 18. Jahrhundert zu stammen scheint, wurde hier im unteren Bereich eine hohe Halle mit Spitzbogentor rekonstruiert, wie wir sie uns bei vielen Alsfelder Häusern noch bis tief ins 16. Jahrhundert hinein vorzustellen haben. Der Ladeneinbau ist hervorragend gelungen. Originalsubstanz scheint jedoch allerhöchstens noch im Bereich des Rähms des ersten Obergeschosses vorhanden zu sein, so dass ich darauf tippe, dass hier ein historisches Fachwerkgebäude mit neuen Hölzern fast vollständig erneuert und im Erdgeschoss auf den Ursprungszustand zurückgeführt wurde.
    • 3.2. Die Querstraßen der Obergasse

      Die Obergasse wird durch die Querstraßen "Hinter der Mauer", "Schnepfenhain" – "Hofstatt" sowie "Schaufussgasse – Kaplaneigasse" geschnitten, die in ihrem krummen Verlauf der ellipsenförmigen mittelalterlichen Stadtanlage folgen.

      Von Nord nach Süd ist Hinter der Mauer die nördlichste, von Westen kommende Querstraße, die auch als einzige nicht über die Obergasse hinaus nach Osten weitergeführt ist:


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      Dieser Straßenzug, der seinen Namen logischerweise davon trägt, dass er sich jenseits der alten Stadtmauer erstreckt, aus deren Resten hier noch so mancher Haussockel gebaut sein dürfte, ist von Hinterhäusern und Scheunen geprägt. Trotz des Mangels an bedeutenden Bauten ist dieser Straßenzug vielleicht der "Alt-Alsfelderischste" von allen – vom Straßenschild und Asphalt abgesehen hat es hier wohl schon im 19. Jahrhundert so ausgesehen.

      In südlicher Richtung folgt die von Westen kommende Querstraße Schnepfenhain, die nach Osten in der Gasse Hofstatt weitergeführt ist:


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      Da der lange Straßenzug Schnepfenhain bereits zur nordwestlichen Altstadt gehört, die ich später noch vorstelle, hier nur der Blick, wie er sich aus der Obergasse darbietet. Unerfreulich, wenn auch noch gerade erträglich der postmoderne Neubau (Schnepfenhain 2).


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      Die östliche Fortsetzung Hofstatt, die zur Kreuzung von Landgraf-Hermann-Straße und Amthof führt, ist ein malerischer Straßenzug mit eher kleinbürgerlichen Häusern des 17. und 18. Jahrhunderts, die mit der Rückseite auf die alte Stadtmauer gebaut sind bzw. waren. Blickrichtung auf diesem Bild ist gen Westen, also nach der Obergasse.


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      Etwas weiter Richtung Osten finden sich ein angepasster, massiver Neubau (Hofstatt 7)...


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      ...wieder gefolgt von stark umgebauten, älteren Fachwerkhäusern bzw. Scheunen wohl des 17. Jahrhunderts (Hofstatt 5, 3 u. 1), die an der Ecke zur Landgraf-Hermann-Straße stehen. Nach links im Bild käme man jetzt Richtung Amthof, nach rechts...


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      ...Richtung Norden aus dem Altstadtkern hinaus. Die zu sehende Landgraf-Hermann-Straße ist im wahrsten Sinne des Wortes ein gründerzeitlicher Straßendurchbruch, wie die rechts noch stehende Stadtmauer sowie die historistische Villa in diesem Bild beweisen.

      Doch noch einmal zurück zur Obergasse. Die südlichste West-Ost-Querstraße ist die Schaufussgasse, die nach Osten in der Kaplaneigasse weitergeführt ist, wo sie auf die Straße Amthof trifft. Obwohl die Schaufussgasse bereits zum nordwestlichen Teil der Altstadt gehört, sollen ihre wenigen interessanten Gebäude bereits hier gezeigt sein, da diese direkt an die Obergasse angrenzen und sie ansonsten ohnehin nur aus Hinterhäusern und Freiflächen besteht:


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      Die Traufseite des bereits in Kapitel 3.1 durch seine Haustür hervorgehobenen Hauses Obergasse 12 ist in der Schaufussgasse wohl gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch eine Stahlbrücke mit dem gegenüberliegenden Haus Schaufussgasse 7 verbunden worden, das inschriftlich aus dem Jahre 1750 stammt. Bemerkenswert die links zu sehenden Abwehrmasken auf den Bügen des 1631 erbauten Gebäudes, sie sind in Alsfeld recht selten zu sehen.


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      Die Kamera etwas weiter nach rechts bzw. Norden geschwenkt blicken wir auf eine der denkmalgeschützten Scheunen der Stadt, die als eine der ganz wenigen noch einen Kratzputz des 19. Jahrhunderts aufzuweisen hat. Das Gebäude ist um 1800 erbaut.


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      Noch etwas weiter nach rechts bzw. Ricthung Norden blicken wir bis auf die parallel verlaufende Straße Schnepfenhain mit der Rückseite des bereits dort erwähnten postmodernen Neubaus. Gut gelungen der Balkonanbau rechts.


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      Bevor wir die Gasse nach Osten in Richtung der Kaplaneigasse verlassen, noch ein Blick auf die schöne Tür Schaufussgasse 11, die – bei einem Haus des Baujahrs 1688 unerwartet – schon etwas Jugendstil zu atmen scheint.

      Wir überqueren die Obergasse und treten in die Kaplaneigasse ein:


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      So bietet sich der oberen Gassenverlauf von der Obergasse dar. Dominierend rechts im Bild die Rückseite des gewaltigen Hauses Kirchplatz 10 (im Kern 1392, 1585/1664) das ja bereits in Kapitel 2 vorgestellt wurde. Das immer noch wuchtige Haus dahinter ist die Rückseite von Kirchplatz 9 (1665), bei dem neben den Zahnschnittfriesen entlang der Schwellen auch gut die Taubandverzierungen auf den Eckpfosten zu sehen sind. Links eine einfache Fachwerkscheune wohl des 17. Jahrhunderts.


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      Etwas weiter östlich auf Höhe von Kaplaneigasse 8 (links im Bild angeschnitten). Das sogenannte Berghöfer'sche Haus wurde 1654 in der Untergasse erbaut und 1710 an seiner heutigen Stelle aufgerichtet, es handelt sich also um eine frühe Translokation. Es folgen einfache Schuppen wohl des 19. oder gar 20. Jahrhunderts.


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      Malerisch von hier der Blick nach Norden, wo eine kleine Gasse nach der Hofstatt führt. Rechts sind die schönen Verzierungen von Kaplaneigasse 8 im Detail in Ansätzen zu erkennen.


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      Schräg gegenüber der Rückgiebel des bereits erwähnten Neubaus Kirchplatz 7, das in seinem hier zu sehenden Traufgang nach dem Kirchplatz auch zugangsmäßig erschlossen ist.


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      Nochmals etwas weiter östlich auf Höhe der Rückseite des Beinhauses am Kirchplatz (rechts angeschnitten) blicken wir auf eine pitoreske, wenn auch schon etwas zu sehr vom Grün überwucherte Häusergruppe, die den Schnitzverzierungen und dem Fachwerk nach wohl noch in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts zu datieren ist. Das anschließende Haus mit dem dunkler gestrichenen Fachwerk ist bereits das Eckhaus Amthof 10, ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert, in dessen hier zu sehender, sehr hoher Traufseite noch recht deutlich Reste des Ständerbaus fortleben, obwohl das Gesamtgebäude in Rähmbauweise abgezimmert ist.

      Zu den bedeutenden Gebäuden an Amthof und der anschließenden Hersfelder Straße dann morgen oder übermorgen mehr...