Allgemeines zum Thema Fachwerk

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    • Historistische Fachwerkbauten in St. Gallen / CH

      Gregor schrieb:

      Riegel, kennst Du dieses Buch?
      Nein, das kannte ich noch nicht, danke für den Hinweis. Historistisches Fachwerk ist auch für mich ein noch unbekanntes Forschungsgebiet!

      Alexander schrieb:

      Es gibt tatsächlich Historismus-Fachwerk im Niedersächsischen Fachwerkstil in der Schweiz? Wenn du davon Bilder zur Hand hast, würde ich mir davon gerne mal einen Eindruck verschaffen.
      Du hast mir wirklich den Anstoss gegeben, unsere historistischen Fachwerke das erste Mal genauer anzuschauen. Obwohl ich die historischen Fachwerke in St. Gallen ab dem 15. Jahrhundert in- und auswendig kenne, habe ich bisher diese jüngeren Bauten schändlicherweise eher links liegen gelassen. Wohl sind sie mir bildhaft eingeprägt, was mich zu einer ersten Fragestellung verleiten liess, weshalb sich bei uns im Historismus besonders der niedersächsische Fachwerkstil gegenüber den anderen durchgesetzt hat.

      Alexander schrieb:

      Die Erklärung liegt wohl darin begründet, dass man vor allem die Schmuckformen verehrt und erforscht hat und weniger die Konstruktion, wie mein letztes Foto belegt (Abb. 25). Hier ergeben sich viele konstruktive Ungereimtheiten zum Vorbild des späten 16. Jahrhunderts, wenn es sich überhaupt um tragendes Fachwerk handelt.
      Weil es in vielen anderen deutschsprachigen Regionen kaum plastische Schmuckausbildung gibt (so im Alemannischen), hat man so auf das Niedersächsische zurückgegriffen.
      Da muss ich meine Fragestellung bereits korrigieren, weil wohl das "Fränkische" bei unseren Historismus-Fachwerken dominiert. Aber ich hatte zwei bestimmte Erker im Kopf, welche mich sehr an niedersächsisches Fachwerk erinnerten, und auch die auffallende Schmuckfreudigkeit, welche im niedersächsischen noch ausgeprägter ist als im fränkischen.

      Die Erklärung hängt auch mit dem aufkommen des Berufs des akademisch ausgebildeten Architekten Mitte des 19. Jahrhunderts zusammen. Waren es vorher meist Baumeister und Zimmermeister, welche private wie auch öffentliche Bauwerke errichteten, wurden für öffentliche Bauvorhaben nun "gebildete" Personen herangezogen. Hat dies wohl mit dem Aufkommen des Eisenbahnbaus zu tun, welcher Bauwerke erforderte, welche nicht mehr nur auf Erfahrungswerten basieren konnten, sondern einen statischen Nachweis erforderten? Jedenfalls ist mir aufgefallen, dass die Architekten in St. Gallen meist in Deutschland (München, Stuttgart) studiert hatten, oder aus Deutschland zugezogen waren. Das erste schweizerische Architekturstudium konnte erst ab 1855 an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich absolviert werden; insofern erstaunt es mich nicht, dass auch aus diesem Grunde deutsche Bauformen Einzug in unser Gebiet fanden. Für den Blockbau, aus dem der Chaletbau hervorging, bezieht sich diese Folgerung aber nicht! Diese Baukunst verblieb in der Hand der traditionellen Zimmermeister, und manifestierte sich unter dem Begriff "Schweizerhaus-Stil".


      Doch nun zu den von Dir gewünschten Bildern (ich werde in ferner Zukunft vielleicht mal in der Bildergalerie über St. Gallen darauf zurückkommen):



      1) 1885 wurde an der Schwertgasse 11 mitten in eine durchwegs verputzte spätgotische Häuserzeile ein Backsteinbau mit Fachwerkerker gesetzt. Die Rosetten in der untersten Brüstung, wie auch die Bauweise in Sichtbackstein überhaupt, waren ein hier völlig unbekanntes Motiv, hingegen war der obere Abschluss mit einem "Schwebegiebel" eine typisch schweizerisches Element. Ein- und zweigeschossige Erker aus dem 16. bis 18. Jahrhundert hatte damals annähernd jedes fünfte Haus in der Altstadt.





      2) Fünf Häuser weiter unten steht das kürzlich restaurierte Fachwerkhaus Nr. 23. In dieser Form muss man sich einige hundert Fachwerkbauten im "St. Gallen vor 1800" vorstellen. Der Kernbau besteht aus einer zeigeschossigen, stockwerkweise abgebundenen Fachwerkkonstruktion alemannischer Bauart von 1529. Das 2. Obergeschoss wurde 1589 aufgestockt, und war ursprünglich ebenfalls mit (dünneren) Kopfbändern ausgesteift. Von 1705 stammt die Aufstockung des 3. Obergeschosses, welche vom Fachwerkbild her auch irgendwo im fränkischen Raum stehen könnte. Damit ist beispielhaft die Verschmelzung vom alemannischen und fränkischen Fachwerk dokumentiert. 1798 wurde die Fassadenpartie des 2. Obergeschosses durch konstruktives Fachwerk ersetzt, und die ganze Fassade weiss überstrichen (nicht verputzt!). Die Fensteröffnungen erhielten rot gestrichene Rahmungen, die Gebäudekanten rot gestrichene Lisenen, um einen Steinbau vorzutäuschen. Wie man sieht, stehen mit der Nr. 11 von 1885 und der Nr. 23 von 1529 zwei völlig gegensätzliche Fachwerke nebeneinander!
      Photo während der Restaurierung





      3) Um eine weitere Vorstellung der ältesten, hier angewandten Fachwerkbauweise zu geben, lohnt sich ein Blick auf das Haus "zur Linde" am Gallusplatz. Es ist um die Mitte des 16. Jahrhunderts durch die Zusammenfassung und Aufstockung zweier wohl kurz nach dem letzten Stadtbrand von 1418 errichteter Kernbauten in Ständerbauweise hervorgegangen.





      4) Rund 500 Jahre später, 1902, entstand dieser Fachwerkgiebel auf einem Jugendstilbau an der Lämmlisbrunnenstrasse. Die geschwungenen "Streben" ergeben zusammen eine eigenwillige Jugendstilform. Alemannische, fränkische oder sächsische Tradition?





      5) 1904 erhielt die ehemalige Spitalmühle aus dem 16./17. Jahrhundert an der St. Georgenstrasse eine Aufstockung. Die Anordnung der Streben und Gegenstreben ist typisch für den hessischen Raum. Der Quergiebel, ehemals dem Warenaufzug dienend und noch dem Kernbau zugehörig, wurde mit einem Brettchenfachwerk und hier untypisch geschwungenen Konsolen versehen. Die eigenwillige Unterkonstruktion des Vordaches dürfte ihren Ursprung in der Innerschweiz haben.





      6) Mehrfamilienhaus von 1905 an der Berneggstrasse: die lückenlose Reihung von Fussstreben findet man beim fränkischen und vor allem beim niedersächsischen, nicht aber beim alemannischen Fachwerk. Der Schwebegiebel mit den Flugsparrendreiecken ist hingegen wieder typisch schweizerisch.





      7) Pittoreske Fachwerkbauten mit Eckerker, Türmchen und Quergiebel finden sich bereits ab dem Ende des 16. Jahrhunderts, wie hier beispielsweise an der Bankgasse 7. Auffallend ist die Ähnlichkeit zum nächsten Beispiel, auch wenn die Kombination von Eckturm und Quergiebel ein häufig angewendetes Motiv war.





      8 ) Historistisches Fachwerk findet sich in St. Gallen vor allem im Dachgeschossbereich, wie hier an der Gottfried-Keller-Strasse 11 von 1908. Obwohl am Eckturm aus gestalterischen Gründen keine Eckpfosten angeordnet sind, übt das Fachwerk eine effektiv tragende Funktion aus, und steht im Verbund mit der gesamten Dachstuhlkonstruktion.




      Ausschnitt aus einer Ansichtskarte, Verlag unbekannt, kurz nach 1901

      9) Das grösste historistische Fachwerkhaus der Stadt dürfte die ehemalige Militärkantine von 1901 sein, welche heute noch tadellos erhalten ist. Man kann Elemente aller drei Fachwerkgruppen im deutschen Sprachraum ausmachen - Beginn des "Internationalismus"?





      10) Erker am 1884 errichteten Sichtbacksteingebäude Unterer Graben 5. Die Füllhölzer zwischen den Balkenköpfen sowie die Ausfachung mit Sichtbackstein erinnert wieder an die niedersächsische Tradition.





      11) Gesichtsmasken, Drachenungeheuer und Putten waren beliebte Motive an vielen geschnitzten Erkern der Stadt aus dem 17. und frühen 18. Jahrhundert.
    • Riegel - vielen Dank für die faszinierende Einführung in dieses Thema. Es ist doch immer wieder unglaublich spannend, sich plötzlich mit etwas eingehend zu befassen, was man immer vernachlässigt hat, und das dann interessant findet.

      Hier ein Beispiel für "Jugendstil-Fachwerk" in Fürth, das muß ich nochmal genauer fotografieren (ziemlich altes Foto):



      Foto: baukunst-nuernberg.de

      Hammermäßiges Haus übrigens auch abgesehen vom Fachwerk. Fürth eben.
      http://www.baukunst-nuernberg.de/ - Architektur in Nürnberg vom Mittelalter bis zur Gegenwart
      Nürnberger Bauernhausfreunde e. V.
    • @Riegel:

      Danke für die Bilder von historistischem Fachwerk in St. Gallen!


      Ich fasse nun zusammen, was meiner Meinung nach also niedersächsischen Ursprungs ist:

      In Bild 1 stammen natürlich die Fächerrosetten aus Niedersachsen, ebenso eventuell die Fase an der unteren Erkerschwelle zwischen den Balkenköpfen, die hier in der Spätgotik als Vorläufer des Trapezfrieses und auch im 17./18. Jh. angewendet wurde.

      zu Bild 6:
      Fußstreben sind in der Tat charakteristisch für die niedersächsische Spätgotik. Niemals jedoch in gebogener Form.
      Ich kenne mich im mittel- und oberdeutschen Fachwerk zu wenig aus, um mir ein eindeutiges Urteil über eventuelle Herkunft zu erlauben (wenn es die überhaupt gibt).

      zu Bild 9 (Militärkantine):
      Hier sehe ich neben den Fußstreben am Turm (wie Bild 6) nichts Niedersächsisches, höchstens obersächsische gebogene Andreaskreuze, die jedoch auch u.a. in Franken vorkommen.
      Dieses Haus würde mich jedoch auch mal in Farbe interessieren :zwinkern: .

      zu Bild 10:
      Der Erker hat tatsächlich viel Niedersächsisches:
      Zum erstes seien dies die walzenfürmigen Balkenköpfe im 2. und 3. Stock sowie die pyramidenförmigen "Quedlinburger" Balkenköpfe im 4. Stock und an der Traufe, allerdings leicht abgewandelt.
      Die spätgotisch profilierten Bügen (abstehende Knaggen) im Detailbild 11 weisen ebenfalls Reminiszenzen auf, ebenso natürlich die Füllhölzer.
      Backsteinsichtige Häuser sind sowieso überwiegend norddeutsch.


      Fazit:

      Die einzigen Häuser mit unleugbar niedersächsischer Abstammung sind das erste und das letzte von Riegel gezeigte Haus (Nr. 1, 10/11) mit Fächerrosetten, bzw. Füllhölzern, Bügen und Balkenköpfen. Sehr bemerkenswert, wie es die norddeutsche Tradition bis in die Schweiz geschafft hat. Wohl beginnende Globalisierung und, wie du schon sagtest, deutsche Architekten.

      Bei den (gebogenen) Fußstreben würde ich eher zu Neuschöpfung tendieren, weil die Gemeinsamkeiten mit dem Niedersächsischen zu gering sind.
    • Noch in der Zeit des Historismus entwickelte sich dann um 1900 auch noch der "Heimatstil" bzw. "Heimatschutzstil", der sich zum Ziel gesetzt hatte, an traditionelle regionale Bau- und Stilformen anzuknüpfen.

      Bezogen auf den Fachwerk bedeutete dies natürlich ebenfalls die Anknüpfung an bereits existierende Vorbilder aus der Region. Hier ein Entwurfsplan für ein Fachwerk-Schulgebäude in Crainfeld in Oberhessen aus dem Jahr 1903. Um es schonmal vorwegzunehmen: leider wurde der Entwurf nicht in dieser Form realisiert, sondern als schlichter konstruktiver Fachwerkbau mit Verschindelung. Der Entwurf lehnte sich stilistisch an oberhessische Fachwerkbauten des 17./18. Jahrhunderts an.


      Quelle: http://www.chronik-crainfeld.de">www.chronik-crainfeld.de
      www.chronik-bermuthshain.de
      www.chronik-crainfeld.de
      Ortsgeschichte von Bermuthshain und Crainfeld in Oberhessen
    • @ Carsten:
      Der "Heimatstil" hat bisher noch zu wenig Beachtung in der Kunstgeschichte gefunden. Wie Du geschrieben hast, war es eine Bewegung, welche sich auf regionale, traditionelle Formen zurück besinnte. Der Historismus und der Jugendstil waren sehr internationale Stile, und auch vor diesem Hintergrund muss dieses Zurückbesinnen gesehen werden. Mitunter wird auch der Begriff "Reformstil" verwendet, und es ist bereits vortreffliche Literatur darüber erschienen. Allerdings konnte ich diese Tendenz bei uns betreffend dem Fachwerkbau nicht feststellen, da dann vielmehr "alemannisch-historistische" Fachwerke hätten gebaut werden müssen.



      @ Alexander:
      Bei diesem frühlingshaften Wetter habe ich gestern eine Runde um die Militärkantine in St. Gallen gedreht:

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      Heute ist das Gebäude stark von Bäumen und Buschwerk umwachsen, sodass man sich eher in die Umgebung eines Waldhotels versetzt fühlt. Ca. 1980 wurde die Kaserne verlegt, und die Kantine beherbergt seither Gastronomie und Wohnungen. Die gleiche Perspektive wie auf der historischen Ansichtskarte in meinem letzten Beitrag wird jetzt durch die Föhre verdeckt, welche auf der Karte noch ein frisch gepflanztes Bäumchen ist. So beginne ich die Runde mit einer Ansicht von Osten, wo sich auch der Haupteingang mit Treppenturm im Winkel des L-förmigen Gebäude befindet.



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      Bei den konkav gebogenen Fussstreben am Turm handelt es sich nur um vermeintliche Balken; tatsächlich bestehen die Brüstungsgefache aus drei senkrechten Bohlen, was die abblätternde Farbe verrät. Die gemalten "Streben" dienen nur als Rahmen für die Wappen der drei Ostschweizer Kantone Appenzell IR/AR, Thurgau und St. Gallen, wobei von letzterem die Farben für die Gestaltung der Läden übernommen wurden. Darunter wird das Wappenschild der Eidgenossenschaft von einem Löwen gehalten.



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      An der Nordseite verläuft ein Autobahnanschluss, welcher zum Glück grösstenteils unterirdisch angelegt ist.



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      Sehr pittoresk präsentiert sich das Gebäude von Südwesten. Meiner Meinung nach wurde im Historismus oft übertrieben; die Freude am Gliedern und schmücken ist an dieser Seite offensichtlich. Möglicherweise sind die Wurzeln des Reformstils, welcher sich wieder auf klarere Formen besinnte, bereits als Folge dieses Übertreibens zu suchen.



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      Die Fussstreben unter den Läden sind in Wirklichkeit Vollwinkelhölzer (niedersächsich :zwinkern: ), was man wiederum an den beginnenden Verwitterungsspuren erkennt. Ob es sich hierbei um eine handwerkliche Rationalisierung handelt, ist mir allerdings unklar. Oben rechts wurde ein Fenster aus der Bauzeit des Hauses als Dokument in Situ erhalten.



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      Bei der Büste, welche den Erkerfuss trägt, könnte es sich um ein Abbild des damaligen Stadtbaumeisters Albert Pfeiffer handeln, welcher 1901 die Pläne zum Gebäude entwarf.
    • Nun habe ich doch noch ein "alemannisch-historistisches" Fachwerk in St. Gallen gefunden:

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      Es handelt sich um ein ca. 1890 errichtetes Strassenwärter- oder Hydrantenwagen-Häuschen an der Dufourstrasse 106, von denen man noch einige in der Stadt antrifft. Obwohl sie alle etwa um die selbe Zeit errichtet worden sind und einander sehr gleichen, ist jedes wieder anders gestaltet. Das Häuschen ist ca. 1980 renoviert und abgelaugt worden, aber ich vermute, dass das Holzwerk schon ursprünglich gestrichen war.

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      Charakterisierend sind bei diesem Exemplar:

      - der Schwebegiebel mit den Flugsparrendreiecken, typisch für die Fachwerkbauten ab dem Ende des 16. Jahrhunderts in der Schweiz

      - die angeblatteten Fuss- und Kopfbander an den Seitenwänden, welche schon von den ältesten nachweisbaren alemannischen Fachwerken seit dem 14. Jahrhundert bekannt sind. Atypischerweise sind sie hier aber mit dem Brustriegel verbunden, und nicht wie üblich mit der Schwelle oder dem Rähm

      - rund ausgeschnittene Büge bilden auch die gebogenen Stürze des Tores und der Fenster - ebenfalls eine im hiesigen historischen Fachwerkbau unbekannte Form

      - die Gefache sind mit Bohlen ausgefacht, der üblichen Ausfachungsart neben Lehm-/Rutengeflecht bis ca. 1500

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      Die Kerbschnitzmuster sind sehr eigenartig, und verraten schon den aufkommenden Jugendstil. Sie stellen stilisierte Blumen mit Blätter dar, erinnern aber auch an die Sonnenmotive des niedersächsichen Fachwerkbaus. Die Bären auf den Fensterläden sind dem Stadtwappen entnommen.



      Fachwerk mit niedersächsischem Anklang gibt es auch an einem Wohnhaus an der Vonwilstrasse 31:

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      Es handelt sich um einen Haustyp, wie er zig-fach in St. Gallen zwischen 1890 und 1910 errichtet worden ist (Hauptfront mit mittig angeordnetem Quergiebel, auf der einen Seite ein Eckturm oder Eckerker, auf der anderen die Veranden, die Seitenfassaden mit vorstehenden Risaliten und oft einem Giebel darüber). Die Dachgeschosse wie auch die Erker und Veranden sind oft in Fachwerk aufgeführt; beim Beispiel hier ist das Fachwerk sogar ins 3. Obergeschoss hinuntergezogen. Die Anordnung aller Pfosten exakt über einem Balkenkopf, sowie die Fussknaggen sind rein niedersächsisch.



      An der Zürcherstrasse 37 gibt es ein sehr bemerkenswertes Fachwerk von 1905/06:

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      Die Fussknaggen und der Rundbogen mit Sonnenstrahlenmuster darüber sind der niedersächsischen Bauweise entlehnt, der Giebel zuoberst hingegen der angelsächsischen Bauweise. Es fällt mir gerade jetzt beim Schreiben auf, dass die beiden Bauweisen eine ähnliche Ursprungsbezeichnung haben; zuerst wollte ich nämlich englische Bauweise schreiben. Angelsächsisches Fachwerk wurde hier um 1900 vor allem beim Villenbau verwendet, bei der Zürcherstr. 37 handelt es sich aber um ein Mehrfamilienhaus.



      Ein letztes Beispiel sei noch an der Wassergasse 47 erwähnt:

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      "Zum Auto", 1906 errichtet von Baumeister Cyrin Anton Buzzi: Obwohl in einer damals schon eher minderwertigen Architektur errichtet, stelle ich das Haus wegen seiner Entstehungsgeschichte vor. Geplant wurde es nicht von einem Architekten, was damals oft der Fall war. Baumeister Buzzi hat weitere Bauten unterschiedlichster Prägung errichtet, und so fragt es sich, ob er die Planungsaufträge anderweitig vergeben hat, oder immer wieder eigene Leute angestellt hat. Speziell interessiert auch, wie weit die ausführenden Zimmereien Einfluss auf die Gestaltung der Holzbauteile gehabt haben. Das Fachwerk hat mit den verzierten Fuss- und Kopfknaggen fränkische Vorbilder.
    • Danke Riegel, für die Bilder der Militärkantine und weiterer historistischer Fachwerkhäuser!
      Fußwinkelhölzer wie sie auf den Bildern 6 und 7 zu sehen sind, kenne ich tatsächlich nur aus der niedersächsischen Region.
      Dort tragen sie im 16. Jahrhundert Fächerrosetten (vgl. Abb. 7 meiner Einführung ins Niedersächsische Fachwerk)

      Im 17. Jahrhundert kommen sie vor allem 'ungefüllt' vor, so z.B. in Wolfenbüttel in der Straße Krambuden:
    • Wunderbar, diese Häuserzeile in Wolfenbüttel! Und ein Beweis, wie mit nur wenig Farben wie Weiss, Grau, Schwarz-braun und Erdrot eine Farbharmonie entstehen kann; und dies erst noch bei bedecktem Himmel! Die gedrungenen Arkaden erinnern mich übrigens sehr an die Schweiz (Zug), insbesondere an die Ostschweiz (Altstätten, Lichtensteig, Rapperswil, Wil).


      "Gregor" schrieb:

      Eine Anmerkung am Rande: Das Haus "Zum Auto" wirkt zusammen mit seinem Nachbarbau ausgesprochen urban für eine Stadt dieser Größe - auch wenn man die Einwohnerzahlen deutscher und Schweizer Städte nicht so leicht miteinander vergleichen kann.

      Gehört zwar nicht gerade in den Fachwerkstrang, aber Du würdest ab den Bauten in St. Gallen noch ins Staunen kommen! Zwischen 1880 und 1910 war St. Gallen die Exportstadt Nr. 1 der Schweiz (Stickerei-Industrie), und dieser Wirtschaftsblüte verdankt die Stadt viele grossstädtische Bauten. Es ist ein Glücksfall, dass die Altstadt diese Zeit relativ unbeschadet überstand, und meist durch sehr hochwertige Bauten bereichert worden ist.

      Ich werde die folgenden Bilder sicher mal kommentiert in der St. Galler Bildergalerie einstellen, aber für die Beiträge dort möchte ich mir viel Zeit nehmen. Daher mal ein kleiner Vorgeschmack für die Ungeduldigen....

      St. Leonhardstrasse nach Osten
      Geschäftshaus Oceanic (!!!)
      St. Leonhardstrasse nach Westen
      Bahnhof
      Bahnhof/Rathaus
      Perronhalle
      Kornhausstrasse
      Multertor
      Multergasse
      Spisertor
    • Die Fussknaggen und der Rundbogen mit Sonnenstrahlenmuster darüber sind der niedersächsischen Bauweise entlehnt, der Giebel zuoberst hingegen der angelsächsischen Bauweise. Es fällt mir gerade jetzt beim Schreiben auf, dass die beiden Bauweisen eine ähnliche Ursprungsbezeichnung haben; zuerst wollte ich nämlich englische Bauweise schreiben. Angelsächsisches Fachwerk wurde hier um 1900 vor allem beim Villenbau verwendet, bei der Zürcherstr. 37 handelt es sich aber um ein Mehrfamilienhaus.


      Obwohl es interessant sein wuerde, das angelsaechsische Fachwerk und das niedersaechsische Fachwerk auf parallelen zu untersuchen, glaube ich nicht, dass es die ohne weiteres gibt, oder dass man von einer aehnlichen Ursprung sprechen kann.
      Die altenglische Bauweise, sei es in Stein oder in Holz, ist auf dem Kontinent am meisten mit der Bauweise in Nordwestfrankreich, speziell in der Normandie, aber auch in der Picardie (Abbeville) verwandt. Waehrend des ganzen Mittelalters seit Wilhelm dem Eroberer gab es dort von beiden Seiten des Kanals aus eine starke Beeinflussung, und oft auch Eroberung, im spaeteren Mittelalter durch die Englaender.
      Ich denke, dass es sowieso sehr problematisch ist, bei historischen Fachwerkbauweisen von 'Urspruenge' in der Art eines Stammbaums zu sprechen. Es scheint mir unwahrscheinlich, dass die englischen und niedersaechsischen Fachwerke ihren Ursprung in den gleichen altsaechsischen Holzbauten finden.
      Favorevole alla ricostruzione completa come era e dove era.
    • Re: Allgemeines zum Thema Fachwerk

      Solche Typen gab es in den 80er Jahren im Nordwesten des Landes, wo allerorts eindrucksvolle Fachwerkhäuser stehen, häufig. So retteten sie ganze Regionen vor dem völligen Gesichtsverlust. Meist waren es einzeln stehende Bauernhäuser, irgendwo abseits der Straße in der Landschaft versteckt. Seit gut 10 Jahren tuen sich kaum noch Leute sowas an, bzw. das Geld ist nicht mehr da. (Wir sprechen ja nicht über Bayern.) Als Kind hat mich damals schon immer fasziniert,wie aus den völlig runtergekommenen Bruchbuden, die seit 200 Jahren quasi nur aus Holz und Lehm bestanden, bewohnbare Häuser wurden. Bei den Sanierungen ist leider auch viel Mist gemacht worden, Außenwandkonstruktionen mit Dämmungen, die bauphysikalisch gar nicht funktionieren und den Gebäuden großen konstruktiven Schaden zugefügt haben. Mehr, als die 200 Jahre davor vermocht hatten. Nicht nur diese Gebäude müssen in den nächsten Jahren erneut saniert werden.
    • Re: Allgemeines zum Thema Fachwerk

      @Saturos

      Vielen Dank für diesen hübschen und lehrreichen Film.
      Die moderne Gesellschaft ist wirklich gestört; da werden äußerst langweilige, hastig fertiggestellte Häusle am Stadtrand über die vormals grüne Wiese gestreut, keines kann atmen, keines bekommt Licht, vollgestopft mit künstlichen Materialien und oftmals in Lagen, in denen früher nie jemand gebaut hätte, weil zu nah am Fluß, an der Autobahn oder sonstiges.

      Schön auch der klare Hinweis, daß sich Schäden eben nicht mehr erkennen lassen, wenn das Fachwerk verkleidet/versteckt wird. Die vielen Traditionsbrüche nerven nicht nur aus äthetischen Gründen, die Menschen wußten früher tatsächlich besser wie man langfristig und vernünftig baut. Das ist alles schon dagewesen und heute wird von Soziologen, Lehrern und sonstigen, die noch eine Maurerkelle oder einen Dachdeckerhammer in der Hand gehalten, von 'Nachhaltigkeit' fabuliert, als wäre es die größte Entdeckung der Menschheit.
    • An alle die sich für Fachwerk interessieren :

      hab eine sehr informative Internetseite ( m. E. die gründlichste die es gibt ) über das Fachwerk im Elsass gefunden, das überwiegend zum deutschen (fränkischen) Fachwerkgebiet gehört! Die Seite behandelt zuerst die allgemeine Geschichte des Fachwerks vom Mittelalter bis ins 20. Jh. Außerdem werden die unterschiedlichen Konstruktionsmethoden des Fachwerks erläutert und die einzelnen Schmuckformen (vom Andreaskreuz bis zum "Mann") vorgestellt! Zudem stellt diese Internetseite noch die regionalen Unterschiede des Fachwerks im Elsass ausführlich vor!

      Mais naturellement tout en français :biggrin: !

      encyclopedie.bseditions.fr/article.php?pArticleId=60
      Um zur Facebookseite des Ortsverbandes Saarbrücken zu gelangen klickt mich !
    • Ich habe wieder mal zwei interessante Links zu Fachwerk in Frankreich gefunden. Einen separaten Strang dazu habe ich nicht gefunden, wohl aber einen zu normannischem Fachwerk und einen zu Fachwerk in Grossbritannien. Ich denke, hier sind sie aber besser aufgehoben. Mais naturellement tout en français, wie das Fachwerkliebhaber im vorletzten Beitrag so schön formuliert hat...

      Artikel mit Schwerpunkt Konstruktionsdetails:
      fr.wikisource.org/wiki/Diction…u_XVIe_siècle/Pan_de_bois

      Artikel mit Schwerpunkt Dachstühle:
      fr.wikisource.org/wiki/Diction…_au_XVIe_siècle/Charpente
    • Eine Neuerscheinung zum Fachwerkbau im Westerwald:

      asw-verlage.de/jonas/katalog/r…rmer_westerwald-1864.html

      Behandelt nicht nur Fachwerkhäuser in Städten im oder am Rande des Westerwaldes. Über diese liegt ja bereits auch umfängliche Literatur vor. Interessant sind vielmehr insbesondere die Beschreibungen von Fachwerkbauten in den Dörfern des Westerwaldes, typische Mittelgebirgsbauten, dem rauen Klima geschuldet klein und gedrungen, aber doch recht häufig mit hervorragendem Bauschmuck.
    • Neu

      Im Galeriestrang von Babenhausen sind drei Fachwerkbauten von Interesse:

      Mündener schrieb:

      [...] eine bemerkenswerte Anzahl kleiner und einfacher mittelalterlicher Fachwerkhäuser erhalten hat - etwa das Gebäude links auf dem ersten Bild von Fachwerkliebhabers letzem Beitrag. oder das Haus direkt vorm Hexenturm auf dem letzten Bild desselben Beitrags (da kommt sicher noch ein Bild dazu, alles Andere würde mich doch sehr verwundern). Beide genannten Häuser dürften indes dem 15. Jahrhundert entstammen, und das Erstgenannte hätte sicherlich ein wenig mehr Zuneigung verdient.

      Das sind die beiden Bilder:

      Fachwerkliebhaber schrieb:

      [...] und gelangen so in die Amtsgasse. Anschließend direkt rechts, ein Blick in die Neugasse:




      Auf der anderen Seite, links von der Amtsgasse also, läuft die Straße "Am Hexenturm" ebenfalls parallel zur Stadtmauer:



      Bemerkenswert ist der angeblattete Brustriegel am Haus in der Neugasse im Obergeschoss, was ein hohes Alter der Fachwerkkonstruktion belegt.



      Fachwerkliebhaber schrieb:

      Links daneben die [Fahrstr.] Nr. 20 schon vom Gefüge etwas älter (spätmittelalterlich) vermutlich aus dem 15 Jh, später verändert:



      Überkreuzte lange Fussstreben mit kurzen Kopfstreben sind typisch für den Hessisch-fränkischen Fachwerkraum im 15. Jahrhundert, allerdingst sind sie dann angeblattet und nicht eingezapft wie bei diesem Haus. Einzelne Ausnahmen kommen vereinzelt vor, aber dann entstammen diese der Übergangszeit von der Blatt- zur Zapfenverbindung. Beim Haus an der Fahrstrasse kommen an allen obergeschossen geschwungene Brüstungsstreben vor. Es könnte sich hierbei um eine sehr frühe Schmuckform handeln, die ich aber eher ins 16. Jahrhundert datieren würde.

      Anbei eine Entzerrung und Rekonstruktion: