Allgemeines zum Thema Fachwerk

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    • Die Zahlen in Frankfurt sind immer wieder umstritten gewesen. Tatsachen sind:

      - neben dem Römer und den Kirchen gab es nur rund 20 Steinhäuser in der Altstadt (vgl. z. B. Prof. Dr. Lauffer, "Der volkstümliche Wohnbau im alten Frankfurt a. M.", Dr. Voelcker, "Die Altstadt in Frankfurt am Main innerhalb der Hohenstauffenmauer")
      - bis zum Baustatut von Dalberg aus dem Jahre 1809 wurde eigentlich alles in Fachwerk ausgeführt
      - auch nach 1809 wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch viele klassizistische Bauten mit Steinfassaden errichtet, jedoch mit Balkendecken und oft sogar den gesamten Rückseiten in Fachwerk
      - um 1800, als die Stadt also noch auf die frühneuzeitlichen Festungswerke beschränkt war, wohnten knapp 40.000 Menschen auf dieser Fläche
      - die Zahl der Abrisse an Fachwerkbauten bis 1944 durch Straßenanlagen der Gründerzeit schätze ich auf etwa 500
      - die bebaute Fläche innerhalb der Wallanlagen kann ich leider gerade nicht nachschlagen, da ich die Bücher dafür in der Reparatur habe - vielleicht kann das ja mal jemand ausmessen?

      Sicherlich dürfte die Zahl 1944 aber noch immer jenseits der 2.000 gelegen haben und damit eine der größten Altstädte Deutschlands gewesen sein.
    • In einem Führer (in Französisch) über Troyes habe ich gelesen, dass Troyes nach der zerstörung der Nürnberger Altstadt die grösste mittelalterliche Fachwerkstadt Europas ist. Ob es stimmt mag man bezweifeln, aber gross ist sie auf jeden Fall. Allerdings sind die Fachwerkbauten ziemlich schmucklos. Ein Eindruck von Troyes gibt es hier vieuxtroyes.free.fr/t/indbal.htm (einfach auf den Strassennahmen klicken). So ungefähr muss man sich Paris um 1600 vorstellen.

      Was Skandinavien betrifft, sieht's eher mager aus. Bis 1795/1807 (Stadtbrände) gab es sicherlich über 1000 Fachwerkbauten in Kopenhagen. Unzählige sind dann abgebrannt, und hunderte wurden in den letzten 100 Jahren abgerissen (vorallem 1940 bis 1960, die letzten Flächenabrisse gab es 1975). Vielleicht gibt es noch ein Paar hunderte. Aalborg hatte eine super schöne Fachwerkaltstadt mit kleinen Kanäle. Wurde praktisch alles ab 1900 abgerissen. Kleinere, schöne Altstädte gibt es vor allem auf Fünen (Fyn), z.B. Faaborg, Svendborg, Assens und Kerteminde. Die grösste Stadt, Odense, ist auch eine ehemalige Fachwerkstadt, heute stehen vielleicht 50 Häuser noch. Auf Jylland gibt es Ebeltoft, Haderslev (Hadersleben) und Ribe. Auf Sjælland Køge und das sehr schöne Helsingør.

      In Wernigerode und Göttingen gibt es wohl auch einiges? Weiss jemand wie viel? So weit ich verstanden habe, wurden 700 der 1600 Halberstädter Fachwerkhäuser im Krieg zerstört. Weitere 450 wurden ab 1983 abgerissen (Danke, DDR). In Hildesheim gibt es wohl noch 200 bis 300 - einige Bereiche der Altstadt (Dombereich, Michaelisviertel) finde ich aber - wie schon oft erwähnt - gut wiederaufgebaut (so gut wie keine Flachdächer + kleinteiligkeit). Die Altstadt von Braunschweig "fühlt" sich auch grösser als sie ist, weil die wichtigsten Plätze schön sind.
    • Strasbourg: 1000 de maisons à pans de bois?

      @Däne

      Viele Strassen auf der Altstadtinsel in Strassburg sehen doch eher so aus:

      http://l.yimg.com/www.flickr.com/images/spaceball.gif\r
      l.yimg.com/www.flickr.com/images/spaceball.gif

      und auch viele Häuser an den Kais der Ill sind so. Ich finde sie zwar ganz schön und in Ordnung, aber es sind keine Fachwerkhäuser.
      Favorevole alla ricostruzione completa come era e dove era.
    • In einem Führer (in Französisch) über Troyes habe ich gelesen, dass Troyes nach der zerstörung der Nürnberger Altstadt die grösste mittelalterliche Fachwerkstadt Europas ist.



      Ich denke, das kommt dadurch, dass Nuernberg vor dem 2. Weltkrieg den Ruf hatte, die besterhaltene mittelalterliche Grossstadt Deutschlands zu sein. Der Autor wird nicht gewusst haben, dass es in Frankfurt am Main oder Braunschweig noch mehr Fachwerkhaeuser gab denn in Nuernberg. (wenn man die Nuernberger Steinbauten nicht wegen des hoelzernen Innenausbaus und der Hofseiten doch als Fachwerkhaeuser sieht)
      In Paris um 1600 hatten die Haeuser wohl noch einige Stockwerke mehr denn in Troyes.
      Favorevole alla ricostruzione completa come era e dove era.
    • Danke für die Ausführungen zu Frankfurt und Dänemark!

      Gefühlsmäßig würde ich ja eigentlich darauf tippen, dass Braunschweig noch mehr Fachwerkhäuser als Frankfurt mit seinen 2.000+ hatte, da seine Altstadt flächenmäßig größer als diejenige Frankfurts war und mir auf alten Fotografien nicht weniger dicht bebaut erscheint.

      Der Wikipedia-Artikel zu Hildesheim schreibt über die Bombardierung der Stadt: "Von den 1500 Fachwerkhäusern wurden 1300 zerstört. Insgesamt wurden 90 % der Stadt zerstört."

      Interessant zum Thema Halberstadt ist diese Seite: frank-goetze-online.de/portal/…les/halberstadt/index.php. Aus ihr geht hervor, dass am 8. April 1945 676 Fachwerkhäuser völlig vernichtet wurden. Von ehedem 1.605 Fachwerkhäusern standen nach dem Krieg jedoch immerhin noch 929. Durch Abrisse besonders in den 80er Jahren sank die Zahl der Fachwerkhäuser bis zur Wende leider auf 447 ab. Hoffentlich hat sich wenigstens diese Zahl seither "stabilisiert" - nach dem Verlust von knapp 500 Fachwerkhäusern nach dem Krieg. :(

      Was den Ruf Nürnbergs angeht, die besterhaltene mittelalterliche Großstadt Deutschlands gewesen zu sein, so ist zu sagen, dass sie gemessen an der Häuserzahl wohl zumindest die größte war. In der Altstadt standen mehr als 3500 Häuser. Daran kam meines Wissens keine andere deutsche Stadt heran. Wie viele davon allerdings Fachwerkhäuser gewesen sind, lässt sich nachträglich möglicherweise gar nicht mehr genau eruieren.
      "Meistens belehrt uns der Verlust über den Wert der Dinge."
      Arthur Schopenhauer
    • Die Frage nach Fachwerk in England finde ich sehr berechtigt und ich wundere mich, dass England hier bisher so wenig erwähnt wird. London dürfte bis zum Großen Brand im Jahre 1666 die Stadt mit den meisten Fachwerkhäusern Europas gewesen sein. Vor der großen Pest im Jahr 1665 hatte London 460 000 Einwohner, von denen dann 75 000 der Seuche zum Opfer fielen. Der große Stadtbrand vernichtete im Folgejahr innerhalb von vier Tagen 4/5 der City. Dabei wird die Zahl der zerstörten Bürgerhäuser mit 13 000 angegeben. Als "Einblick in das Erscheinungsbild der City vor dem Großen Feuer" wird heute das elegante Fachwerkgebäude des Staple Inn im alten Londoner Juristenviertel der Inns of Court und der Inns of Chancery bezeichnet. Es stammt aus dem 16. Jahrhundert und gehört heute zum verschwindend geringen Rest an alter Londoner Fachwerkarchitektur. Beim Wiederaufbau Londons unter Leitung des genialen Christopher Wren war Fachwerk verständlicherweise tabu. Dies verdeckt heute völlig die einstmalige herausragende Rolle Londons als Fachwerkstadt.

      (Die Zahlenangaben und das Zitat stammen aus den Guide vert von Michelin zu London.)
    • Völlig off-topic:
      Das nächste Jahr bekamen die Einwohner von London noch einen Shock.
      Die niederländische Kriegsflotte unter Admiral De Ruyter fuhr der Thames Fluß hinauf und vernichtete die englische Kriegsflotte in ihre Heimathafen Chatham.In London brach großer Panik aus.Das Flaggschiff Royal Charles wurde als Kriegsbeute in den Niederlanden verschleppt.Es war die größte Erniedrigung die der Royal Navy je erlebte.Auch friesische Kriegsschiffe waren dabei.Ich mußte das einfach mal los werden. Sorry Johan :gg:
    • In der Galerie über "St. Gallen (CH)" hat sich eine Diskussion über die Benennung der geographischen Einteilung von Fachwerk ergeben. Da diese Diskussion sicher von allgemeinen Interesse ist, und nicht nur St. Gallen betrifft, habe ich mir erlaubt, die entsprechenden Beiträge in diesen Themenstrang zu kopieren.


      "RMA" schrieb:

      Ferner würde mich natürlich noch interessieren, was die ältesten Bauten im Altstadtkern sind, und ob man ein eigenes "Schweizer Fachwerk" abgrenzen kann? Die zu sehenden Konstruktionen (bei denen mir dein Haus mit seinem geschosshohen Ständer natürlich gleich ins Auge fiel) erinnern ja eher an die mittel- bis oberdeutsche Bautradition, die (witterungsbedingt?) steilen Dächer wirken sehr alt-nürnbergerisch... ;)


      "Brandmauer" schrieb:

      Dieser Baubestand ist ausserhalb der Schweiz wohl am ehesten dem in Deutschland am Bodensee und Oberrhein (Lindau a.B., Konstanz, Freiburg i.Br.) und vor allem dem des Elsass ähnlich. Das darf auch nicht weiter verwundern, denn im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, als diese Stadtbilder im Wesentlichen entstanden, waren die Deutschschweiz und diese Gebiete kulturell und wirtschaftlich sehr eng miteinander verknüpft. So leisteten Zürich und Strassburg einander im Kriegsfall Beistand, durch Flösserverbände.


      "Riegel" schrieb:

      [...]Ein "Schweizer Fachwerk" würde ich nicht abgrenzen, vielmehr hat sich im ganzen Bodenseeraum ein eigenständiges Fachwerk entwickelt, welches aus dem alemannischen Fachwerk hervorgegangen ist. Die ältesten Bauten stammen aus den Jahren nach dem letzten Stadtbrand 1418. Bei diesen handelt es sich um ganz typische alemannische Ständerbauten mit 30° geneigten Dächern, welche aber mehrfach verändert worden sind. Die Dächer waren damals mit Brettschindeln bedeckt. Bisher wurden schon vierzig Gebäude aus der Wiederaufbauphase entdeckt und dokumentiert.

      In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wächst die Dachneigung auf bis zu 45° an, was mit dem Aufkommen der Ziegeleindeckung in Zusammenhang steht. Also besonders steil sind unsere Dächer nicht, wenn man St. Gallen mit Nürnberg oder gar Hessen vergleicht.

      "Brandmauer" schrieb:

      Dieser Baubestand ist ausserhalb der Schweiz wohl am ehesten dem in Deutschland am Bodensee und Oberrhein (Lindau a.B., Konstanz, Freiburg i.Br.) und vor allem dem des Elsass ähnlich...

      Das stimmt (siehe oben), ausser beim Elsass muss man aufpassen. Ich weiss nicht, wie versiert Du in der Fachwerk-Kunstgeschichte bist. Im deutschen Sprachraum wird zwischen sächsischem, fränkischem und alemannischem Fachwerk unterschieden, wobei im 16./17. Jahrhundert eine Verschmelzung von fränkischem (Elsass, Hessen) und alemannischem (Bodensee, Nürnberg) Fachwerk stattfand. So verstehe ich, dass aus der Sicht eines Norddeutschen oder Niederländers die Fachwerke im Elsass und im Bodenseeraum sehr ähnlich aussehen.


      "Brandmauer" schrieb:

      Danke fuer die Auskunft, Riegel! Nein, so gescheit war ich noch nicht in der Fachwerk-Kunstgeschichte. Fachwerkhaeuser wie auf Deinem Avatar, und auf den "Luftbildern" zu sehen, erinnern in der Tat auch an Nuernberg. Typisch bleibt dann, dass man in Nuernberg scheinbar schon von alters her alemannisches Fachwerk baute, wo man sich stammesmaessig doch in Mittelfranken befand, gar nicht auf alemannischem gebiet.


      "Georg Friedrich" schrieb:

      @ Riegel
      Woher kommt denn eigentlich diese Einteilung, die sich sprachwissenschaftlicher Begriffe für verschiedene Fachwerkgebiete bedient, die von den tatsächlichen, begrifflich zugrundeliegenden Dialekträumen dann aber teilweise recht deutlich abweichen? Nürnberg liegt nämlich, wie Brandmauer schon bemerkt hat, gar nicht im schwäbisch-alemannischen Dialektgebiet, sondern im ostfränkischen, bestenfalls noch im nordbairischen. Im Elsass haben die Menschen dagegen noch bis vor kurzem Alemannisch gesprochen (bis auf einen rheinfränkischen Streifen im Norden und einige seit jeher französische Dörfer am Vogesenkamm und in der burgundischen Pforte).


      "RMA" schrieb:

      Meines Wissens sind die Bezeichnungen des sächsischen und fränkischen, vor allem aber des alemannischem Fachwerks veraltet. Zumindest in den mir bekannten Standardwerken ist bereits seit Anfang der 90er Jahre eher die Rede von nieder-, mittel- und oberdeutschem Fachwerk.


      "Riegel" schrieb:

      Die geographische Einteilung des Fachwerks in sächsisches, fränkisches und alemannisches Fachwerk geht auf die Frühzeit seiner Erforschung ins späte 19. Jahrhundert zurück. Ob diese Benennung Carl Schäfer (1844-1905) schuf, weiss ich nicht, aber als Pionier hat er diese bereits verwendet. Ob sich die moderne Einteilung in nieder-, mittel- und oberdeutsches Fachwerk durchsetzt, wage ich zu bezweifeln, denn sie ist dadurch nicht präziser, und berücksichtigt auch nicht, dass es im Elsass, in der Schweiz und in Österreich (Vorarlberg) auch Fachwerk gibt.

      Neben der geographischen Einteilung gibt es auch noch die zeitliche Einteilung in Fachwerk des Mittelalters, der Übergangszeit und der Beharrungszeit. Diese Epochen decken sich nicht mit den Stilepochen. [...]

      Die Bewandtnis, dass in Nürnberg alemannisches Fachwerk vorherrscht, obwohl dort nicht schwäbisch-alemannischer Dialekt gesprochen wird, möchte ich mit einem Zitat von G. Ulrich Grossmann aus "Der spätmittelalterliche Fachwerkbau in Hessen" aus einem anderen Zusammenhang ergänzen. Auch wenn dieses darauf keine abschliessende Antwort gibt, spricht es denselben Widerspruch an:

      Die "fränkische" Hofanlage des 17. und 18. Jh. und das "Niedersachsenhaus" dieser Zeit haben wohl kaum etwas mit den Franken oder Sachsen zu tun, die ein Jahrtausend zuvor dasselbe Gebiet bevölkerten.


      "Brandmauer" schrieb:

      Ob sich die moderne Einteilung in nieder-, mittel- und oberdeutsches Fachwerk durchsetzt, wage ich zu bezweifeln, denn sie ist dadurch nicht präziser, und berücksichtigt auch nicht, dass es im Elsass, in der Schweiz und in Österreich (Vorarlberg) auch Fachwerk gibt.


      Ich glaube, dass die Einteilung nicht modern ist, sondern auf kulturgeschichtlichen Zusammenhaenge zielt. So gesehen gehoeren diese Gebiete doch zum Oberdeutschen Raum. Wenn es modern gemeint waere, hiess es aber "sueddeutsches Fachwerk", und dann waere nur das Fachwerk im heutigen Sueddeutschland gemeint.
      So gesehen lassen sich sehr wohl auch niederdeutsches und mitteldeutsches Fachwerk unterscheiden. niederdeutsches Fachwerk gibt es vom Teutoburger Wald bis in die Speicherviertel der Hansestaedte in Preussen (von Tecklenburg-Osnabrueck bis ins ehem. Koenigsberg) Mitteldeutsches Fachwerk gibt es im Egerland, in Thueringen, bis hin zu einzelnen Haeusern im Osten Belgiens (Eupen-Malmedy und Hasselt im Belgischen Limburg) Die Einteilung scheint mir sehr sinnvoll zu sein!
      Uebrigens wurden auch in niederlaendischen Staedten wie Amsterdam die Haeuser bis mindestens zur 1. Haelfte des 17. Jh. als tragende Holzkonstruktionen gebaut, die dann vermauert wurden. Das Backsteinmauerwerk solcher Haeuser begann beim Giebel erst beim 1. OG., und es stand auf einer hoelzernen Diele, die viel Raum fuer Tueren und Fenster liess. Wie dieses Holzwerk zu klassifizieren ist weiss ich nicht, es muesste aber dem niederdeutschen Fachwerk nahestehen.
    • Fachwerkklassifizierung

      Die grobe Einteilung in niederdeutschem, mitteldeutschem und oberdeutschem Fachwerk moechte ich hier noch anhand einiger Beispielen erlaeutern:

      Niederdeutsches Fachwerk. Beispiel: Das Von Veltheimsche Haus in Braunschweig.

      Quelle: wikipedia

      Klare Gliederung, keine Schraegen, nur an den Fuessen der Staender diese "Dreiecke", wie beim rechten Nachbarhaus, das Huneborstelsche Haus. Im niedersaechsischen Raum oft sehr reiche Schnitzereien.

      Mitteldeutsches Fachwerk. Beispiel: Das Lutherhaus in Eisenach.

      Quelle: wikipedia
      Kleingliedriges Fachwerk, zwischen und unter den Fenstern das angesprochene "Leiterfachwerk". Auch rechte, schraeg stehende Balken und Kreuze. Eine erstaunliche regionale Variante bietet das Fachwerkhaus "Het Sweert" in Hasselt (Limburg, Belgien):

      Quelle: wikipedia

      Oberdeutsches Fachwerk. Beispiel: Der Stiftsfruchtkasten in Herrenberg.
      Die schraeg stehenden Balken sind gekruemmt und bilden bei den Staendern und an den Ecken Figuren, "Wilden Maennern" u. ae.

      Quelle: wikipedia
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    • Nichts gegen dich Brandmauer, ganz im Gegenteil, danke für diesen Versuch, die Unterschiede darzustellen, aber vier Bilder sind ein bissl wenig. Über die drei (in Deutschland!) zu unterscheidenden Gruppen hinaus gibt es ja auch noch wenigstens drei Zeitstufen zu berücksichtigen, laut Gerner sogar fünf, aber die Erkenntnisse der letzten 10 Jahre haben gezeigt, dass selbst fünf Stufen wohl zu wenig sind.

      Der Stiftsfruchtkasten ist ein eher ungeeignetes Beispiel für oberdeutsches Fachwerk, da 1683 erbaut und bereits mehr als deutlich unter mitteldeutschen Einfluss stehend. Als *den* definitiven Klassiker für oberdeutsches Fachwerk würde ich z. B. das Rathaus in Esslingen am Neckar (siehe Esslingen-Thread in der Gallerie, da gibt's viele Bilder) bezeichnen: relativ schmucklos, beeindruckt eher durch die reine Zimmermannskonstruktion, überreiche Verwendung von Holz mit großem Querschnitt, daher Verdopplung der Rähme, sichtbare Fußbodendielung, doppelte Kopf- und Fußbänder ("schwäbischer Mann").

      Aber vielleicht kann der definitive Experte, Riegel, ja mal eine kleine Abhandlung geben? ;)
    • Ooooh nein...! Ich bin ja kein Buch. Und wir befinden uns hier in einem Diskussionsforum... :zwinkern:

      Brandmauer, so einfach ist es nicht, nur mit vier Bildern eine Einteilung aufzeigen zu wollen. Und vor allem sollten Gebäude gezeigt werden, welche wirklich noch ursprünglich sind. Das ist beispielsweise beim Lutherhaus in Eisenach absolut nicht mehr der Fall; zu vieles ist da - auch in jüngster Zeit - verändert worden. Wie RMA nochmals darauf hingewiesen hat, muss auch in zeitliche Perioden unterteilt werden. Sagen wir also:

      3 "deutsche Fachwerkgruppen" x mindestens 3 "zeitliche Perioden" = 9 Beispiele,

      welche gezeigt werden müssten! Und wie auch schon erwähnt, müsste noch weiter dargestellt werden, welche Fachwerkgruppen wann miteinander verschmolzen sind.



      Ich möchte aber nochmals auf die Benennung der Fachwerkgruppen nach geographischer Einteilung zurückkommen. Die Einteilung in sächsisches, fränkisches und alemannisches Fachwerk hat mindestens 100 Jahren standgehalten. Und wer weiss, ob die jüngsten Forscher, welche jetzt alles umkrempeln wollen, wirklich aller Götter Weisheit gefressen haben? Was ist mit dem Elsass? Was mit der Schweiz? Was mit dem Vorarlberg? Was mit Tschechien? Was mit Belgien? "Alemannisch" z.B. ist eine neutrale Bezeichnung (steht ja für "alle Mannen") und umfasst die Gebiete von Süddeutschland, Vorarlberg und der Schweiz. Rund um den Bodensee sind im 1. Jahrtausend n. Chr. verschiedene Völkergruppen aufeinander gestossen; Slawen, Rätoromanen, Germanen...
    • Mit den Bezeichnungen nach den alten Volksstämmen habe ich überhaupt kein Problem - ganz im Gegenteil, ich finde es schade, dass es die klassische Völkerkunde in der Schule aus rein historischen Gründen faktisch nicht mehr gibt! Z. B. meine Großeltern haben da, wenn man mal die dümmliche Verquickung von Rasseideologie und Völkerkunde zu ihrer Schulzeit subtrahiert, einen ganz gehörigen Wissensvorsprung, was eigentlich peinlich ist.

      Es stellt sich halt nur die Frage, ob die Begriffe des sächsischen, fränkischen und alemannischen Fachwerks wirklich exakt sind bzw. wissenschaftlich eine jeweilige Fachwerktradition auf das ursprüngliche Siedlungsgebiet eines dieser Völker zurückgeführt werden kann! Immerhin sind die ältesten Fachwerkbauten gerade mal aus dem 13. Jahrhundert, als schon eine ethnische Vermischung innerhalb des HRR eingesetzt hatte.

      Und generell halte ich wenig davon, irgendwelche schöpferischen Dinge an eine Ethnie zu knüpfen, aber das ist nur meine eigene Meinung. Die Erklärung für Konstruktionsweisen und Architektur generell ist meines Erachtens viel eher in natürlichen Gegebenheiten wie dem Vorhandensein natürlicher Ressourcen wie Holz, Stein und auch dem Klima zu suchen.

      Dies sehe ich auch als eines der Hauptargumente, eher von nieder-, mittel- und oberdeutschem Fachwerk zu sprechen. Die Schweiz hat halt schweizerisches, die Franzosen französisches und die Engländer englisches Fachwerk. ;)
    • "Philon" schrieb:

      Slawen am Bodensee????

      Hmmmm... ich dachte mir schon beim Schreiben, dass sich hoffentlich keine Geschichtskenner melden :zwinkern:
      In der Tat, ich müsste genauer recherchieren, wer genau vom Osten hierher kam. Bulgaren? Ungarn? Jedenfalls haben vor 1082 Jahren Ungarn die hl. Wiborada mit einem Beil erschlagen, just zwanzig Meter neben meinem Haus! Und dieses hat einen alemannischen Fachwerkbau als Kern. Meine Augenfarbe ist zwar bräunlich, also ein Überbleibsel meiner romanischen Vorfahren? Also ich fühle mich wirklich in Alemannien zuhause... :gg:
    • Versuch einiger Antworten

      Zunaechst zu den Ethnien: Slawen haben nie als Stamm oder Volk am Bodensee gesiedelt. Ihr westlichstes Vordringen im oberdeutschen Raum war bis in die Oberpfalz, das Bayerische Wald und oestlich vom Salzkammergut und Tirols.
      Auch die Ungarn sind dort hoechstens als Heer auf Durchreise gewesen, wie vorher schon die Hunnen, die es bekanntlich bis auf die Katalaunischen Felder nordoestlich von Chalons-en-Champagne in Frankreich geschafft haben, also ein ganzes Stueck weiter westlich! All das bedeutet aber mitnichten, dass die heutigen Deutschschweizer und Bodenseeanrainer von alters her rein germanischen Ursprungs sind. Bodenseeufer und Deutschschweiz gehoerten jahrhundertelang zum Roemischen Reich und sind ganz romanisiert gewesen- und zwar besiedelt gewesen von romanisierten Kelten!, also Galloromanen. Die Alamannen brachen in der Spaetantike durch den Limes und siedelten bis an den Rhein, also bis im Breisgau und am Bodensee. Erst durch die Franken, die Merowinger und Karolinger, ist die Deutschschweiz erobert und germanisiert worden. Im Gefolge der Franken kamen dann erst auch die Alamannen in die eigentliche Deutschschweiz.
      Die Reste der galloromanischen Deutschschweiz (dieses Bereichs der roemischen Provinz Raetia) finden sich in zahlreichen Orts- und Flurnamen und natuerlich auch ethnisch gesehen in der Bevoelkerung der Deutschschweiz und der germanischsprachigen Alpenlande im Allgemeinen. Im Zeitalter des Positivismus, dem 19. und der 1. Haelfte des 20. Jh., hat man deshalb auch wohl die Existenz einer "Alpinen Rasse" postuliert, da diese Leute doch so wenig germanisch aussahen...

      Was ist mit dem Elsass? Was mit der Schweiz? Was mit dem Vorarlberg? Was mit Tschechien? Was mit Belgien?

      Das ist natuerlich eine Komplizierte Frage, aus mehreren Gruenden. Ich nehme an, dass uns Fachwerk vor allem aus der vorindustriellen Epoche, bis Ende des 18. Jh., interessiert. Das Elsass wurde erst Ende des 17. Jh. von Frankreich annektiert, und eine kulturelle Assimilation an Frankreich wird es dort bei den Leuten, die Fachwerk bauten, bis zum Ende des 18. Jh. auch nicht gegeben haben. Wohl wird es von alters her elsaessische Eigenheiten beim Fachwerk gegeben haben, wie auch in der Deutschschweiz, in der uebrigen Oberrheinebene, in Schwaben usw. Aber das Vergleichsmaterial und der Kulturkreis, zu dem das elsaessische Fachwerk gehoert, ist doch sicherlich dort zu suchen.
      Die Schweiz war zwar seit dem Hohen Mittelalter relativ selbstaendig, und seit 1648 endgueltig unabhaengig, aber ob dadurch die Tradition des Fachwerkbaus in der Deutschschweiz sich auch vom restlichen alamannischen oder oberdeutschen Raums wegentwickelt hat, bezweifle ich. Regionale Eigenheiten hat es natuerlich immer gegeben, aber der groessere Kulturkreis ist doch wohl dort zu suchen. Auch das von mir genannte Fachwerk im Egerland und das Beispiel aus Hasselt gehen auf einer Zeit zurueck, als die Bevoelkerung dort sprachlich und kulturell zum mitteldeutschen Raum gerechnet werden konnte (Hasselt liegt suedlich der Benrather Linie, der Ik-Ich Linie), Und das Fachwerk dort strukturell auch.
      Als Gegenbeispiel kann man franzoesisches Fachwerk in der Champagne oder in der Normandie nennen, das bekanntlich voellig anders strukturiert ist und zu einem anderen Kulturkreis gehoert. Auch das englische Fachwerk ist dem franzoesischen aehnlicher als dem deutschen.

      Nichts gegen dich Brandmauer, ganz im Gegenteil, danke für diesen Versuch, die Unterschiede darzustellen, aber vier Bilder sind ein bissl wenig. Über die drei (in Deutschland!) zu unterscheidenden Gruppen hinaus gibt es ja auch noch wenigstens drei Zeitstufen zu berücksichtigen, laut Gerner sogar fünf, aber die Erkenntnisse der letzten 10 Jahre haben gezeigt, dass selbst fünf Stufen wohl zu wenig sind.


      Deshalb sagte ich schon am Anfang, dass es eine grobe Einteilung ist. Es gilt diese weiter zu verfeinern, aber bei mehr Bildern befuerchte ich auch Probleme mit dem Urheberrecht. (Ich habe schon oft genug Bilder im Forum eingestellt ohne mich da sicher zu sein) Andererseits muss man ueber die Differenzierung nicht auch die wesentlichen Zusammenhaenge aus dem Auge verlieren (was ja oft genug Absicht der Differenzierung ist) Umstaende wie das Klima und die Rohstoffe, die vorhanden waren, haben natuerlich genauso eine Rolle gespielt wie der Kulturkreis mit seinen aesthetischen Vorstellungen, wozu man gehoerte. Dabei war ethnische Zugehoerigkeit natuerlich auch ganz wichtig, wenn auch nicht immer ausschlaggebend.

      Als *den* definitiven Klassiker für oberdeutsches Fachwerk würde ich z. B. das Rathaus in Esslingen am Neckar (siehe Esslingen-Thread in der Gallerie, da gibt's viele Bilder) bezeichnen: relativ schmucklos, beeindruckt eher durch die reine Zimmermannskonstruktion, überreiche Verwendung von Holz mit großem Querschnitt, daher Verdopplung der Rähme, sichtbare Fußbodendielung, doppelte Kopf- und Fußbänder ("schwäbischer Mann").


      Ans Rathaus in Esslingen habe ich auch gedacht, ich habe den Thread in der Gallerie auch schon einmal gesehen. Man findet aber sonst nur Bilder von der verputzten Vorderseite mit dem "Volutengiebel"! :zwinkern:
      Favorevole alla ricostruzione completa come era e dove era.
    • Danke, Brandmauer, für die ausführliche Schilderung. Die Völkerwanderungszeit konnte ich in meinem Geschichtsunterricht noch geniessen, aber das sind nun 30 Jahre her. Dafür habe ich mal die Wikipedia-Artikel über die Alemannen und die Völkerwanderungszeit gelesen; ausführlich und interessant. Auch wenn meine Aussage betreffend "Slawen" nicht richtig war, wollte ich vielmehr darauf hinweisen, dass verschiedene Völker für unsere unterschiedlichen Bauweisen verantwortlich waren, natürlich nebst den Ressourcen und dem Klima.

      "Oberdeutsches Fachwerk" könnte ich für die Schweiz und Österreich mit dem Hintergrund, dass wir ja alle auch "Deutsch" sprechen, noch gelten lassen. Hingegen wehre ich mich allgemein gegen allzu vorschnelle Begriffsveränderungen, seien es Berufsbezeichnungen oder Schulabschlüsse etc.. Geändert hat sich schliesslich aber nichts.

      "RMA" schrieb:

      Zumindest in den mir bekannten Standardwerken ist bereits seit Anfang der 90er Jahre eher die Rede von nieder-, mittel- und oberdeutschem Fachwerk.

      Kannst Du mal solche Standardwerke hier nennen?