Frankfurt in alten Ansichten

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    • Dem kann ich mich nur anschließen, ein Beitrag von akademischer Qualität - gerade vor dem Hintergrund, dass es dazu praktisch keine Literatur gibt. Selbst Lübbecke schneidet die Maßnahme im Handwerkerhöfchen nur kurz an, zum Kirschgarten hat er etwas mehr geschrieben, viel ist es aber trotzdem nicht. :applaus:

      Anbei mal wieder eine Karte von mir - eine auf Ansichtskarten seltene Ansicht des Römerberges, aufgenommen von einer Position wohl kurz hinter dem Minervabrunnen auf dem Samstagsberg, dessen schöne Rokoko-Ornamente hier besonders zur Geltung kommen. Auch sonst eher wenig zu sehen ist die Südfassade des Häuserblocks, der bis zur Weltkriegszerstörung am Osten des Paulsplatzes stand, und wie wir erkennen können, architektonisch zumindest auf den ersten Blick eher unspektakulär war.

      Die Gebäude links benötigen wohl keiner größeren Erläuterung mehr - ganz links Haus Frauenstein, rechts das Salzhaus, beide mehr Kunst- als Bauwerk. Rechts das Haus zum Kranich (Römerberg 38 ) mit ebenfalls reicher Bemalung, das allerdings als Werk des Historismus erst beim Braubachstraßenbau entstand. Sehr schön ist hier zu erkennen, wie wohl auch ganz unter diesem Stileinfluss eine Idealisierung des Platzeindruckes vorgenommen wurde - die bemalte Hausfassade als Gegenstück zu Haus Frauenstein, der geschweifte Ziergiebel als Gegenstück zum Salzhaus.

      Rechts davon das neobarocke (?) Haus Römerberg 36, das auch erst beim Braubachstraßenbau auf den Parzellen gleich mehrerer "echter" Altstadthäuser entstand, wie der Vergleich mit dem Ravenstein-Plan von 1861 verrät. Der Name ist mir spontan unbekannt, die Adresse ist im Reiffenstein-Verzeichnis mit der Bezeichnung "Haus Peterweil (auch Pagane, Perdian, Patterweil)" geführt, inwieweit diese für den historistischen Neubau übernommen wurde, muss hier ein anderer Experte beantworten (Riegel, Jörg?).



      Vorderbeschriftung: Frankfurt a./M. Patrizierhäuser am Römer.
      Datierung: Nicht gelaufen, wohl späte 30er Jahre
    • Eine weitere, allerdings frühe echtfotografische Luftaufnahme - aufgenommen in Richtung Nordosten.

      Sie enthält einige schöne Details: mit dem Auge auf der Höhe der Domuhr etwas nach links gewandert erblickt man den historistisch-byzantinischen Giebel der Hauptsynagoge in der Börnestraße (früheren Judengasse), der architektonisch wunderschöne Bau ist natürlich auch den Pogromen des Jahres 1938 zum Opfer gefallen.

      Vor dem Dom erkennt man - wieder einmal - das Dach der Goldenen Waage bzw. alten Hölle mit dem Belvederchen, links dahinter die Domstraße und die Kreuzung mit der Braubachstraße, beide mit interessanter historistischer Architektur bebaut, die hier selten gut zu erkennen ist.

      Rechts vom Dom sehen wir das Leinwandhaus, seinen neogotischen Anbau sowie das im selben Stil erbaute Stadtarchiv, nur wenig rechts dahinter das aus der Dachlandschaft hervoragende Haus Fürsteneck mit seinen Erkertürmchen.

      Am oberen Bildrand zeichnet die die gesamte Ansicht durchschneidende, gut erkennbare Grünanlage den Verlauf der Wallanlage nach, auf die Frankfurt bis zur Niederlegung ab 1806 architektonisch praktisch völlig begrenzt war - alles dahinter sind klassizistische oder Gründerzeitbauten bzw. in die Stadt hineingewachsene Vororte.



      Vorderbeschriftung: Frankfurt a. M., Dom
      Datierung: 30.12.1928
    • Wow... interessante Bilder hier. Danke, dass ihr sie uns zugänglich macht.

      Was ist das denn für eine Freifläche hinter der Synagoge am Börneplatz? Der jüdische Friedhof?
      Um die Frankfurter (und nicht nur um die Frankfurter) Synagogen ist es besonders schade. Von der architektonischen Seite her mindestens genauso interessant wie unsere christlichen Kirchen und oft deutlich prachtvoller ausgestaltet.
      Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
      Karl Kraus (1874-1936)
    • @ booni

      Die Synagoge, welche RMA meinte, ist tatsächlich links von der Domturmuhr. Wer das Gebäude nicht kennt, wird es nur schwer finden, aber mit Hilfe von http://www.altfrankfurt.com">www.altfrankfurt.com > Altstadt 2 > Judengasse/Börneplatz sollte es gehen.

      Möglicherweise meintest Du das Eckgebäude mit der markanten hellen Zwiebelkuppel, auch auf der selben Höhe, aber rechts vom Domturm. Das ist die Neue Synagoge, welche sich in der Ecke des jüdischen Friedhofes befand.

      Es reizt mich natürlich auch, hierüber einen Artikel zu schreiben... aber vorerst verweile ich noch ein bisschen in der Altstadt.
    • Ja, genau die meine ich - die Neue Synagoge stand doch am Börneplatz, oder?

      Ich würde mich über einen Artikel über die Frankfurter Synagogen freuen... wobei, momentan fasziniert mich eh so ziemlich alles über Alt-Frankfurt. Je mehr Fotos, Modelle etc ich sehe, desto bewusster wird mir, was da eigentlich untergegangen ist.
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      Karl Kraus (1874-1936)
    • Um einmal etwas Farbe in den Thread zu bringen, will ich an dieser Stelle auch Aquarelle von Carl Theodor Reiffenstein präsentieren.

      Zu ihm zunächst eine kurze Biographie, wen sie nicht interessiert, kann im nächsten Absatz weiterlesen: Reiffenstein stammte aus einer alteingesessenen Frankfurter Familie, verbrachte sein von 1820 - 1893 währendes Leben fast immer in Frankfurt und war vom Wirken her praktisch die Vorgängergeneration von Abt, Fay und Mylius - während sie die Altstadt mit der Kamera dokumentierten, tat Reiffenstein dies mit wirklich zahllosen Zeichnungen und Aquarellen. Die Sammlung vermachte er nach seinem Tod der Stadt, die, da sie glücklicherweise im Krieg nicht verbrannte, heute einen unschätzbar reichen Fundus an vorfotografischen Ansichten von Frankfurt im 19. Jahrhundert darstellt. Es gab zwar andere Künstler, insbesondere aus der Kronberger Malerkolonie, z. B. Jakob Becker, die künstlerisch zweifelsfrei begabter waren, doch sie produzierten wahrscheinlich alle zusammen nicht einmal halb so viele Bilder wie Reiffenstein. Dazu kommt, dass Reiffenstein charakterlich wohl am ehesten Fay nahe kam - er war nicht nur Künstler, er war mit Herzen Frankfurter, der den Zeitenwechsel von den vielerorts noch mittelalterlichen Verhältnissen sah und zu dokumentieren versuchte. Neubauten interessierten ihn nicht. So zeigen viele seiner Bilder versteckte Hinterhöfe oder Häuser nur Tage vor dem Abbruch, lange noch bevor unter dem wachsenden historistischen Stileinfluß irgendein größeres Bewußtsein für ihren Wert existierte. Seine Bilder sind qualitativ sicher nicht das Ultimative, und auch nicht immer absolut detailgetreu, doch verraten sie viel von der Farbigkeit und der Lichtstimmung in den Altstadtgassen, die in schwarz-weißen Fotografien nur zu erahnen ist.

      Ein Teil seines Werks wurde Ende des 19. Jahrhunderts in ingesamt sieben Heften massenhaft publiziert, die heute praktisch unerschwinglich sind; das billigste Angebot im ZVAB sind 400 Euro, ich hadere aktuell noch damit. ;)

      Die günstigere Alternative ist das 1967 erschienene Buch "Frankfurt um 1850" (ISBN 978-3782900157), das heute antiquarisch, oft auch auf eBay um 20 Euro zu haben ist und einige hundert seiner Aquarelle und Skizzen enthält, wenn auch leider nur in sehr kleinem Format.

      Vor kurzem habe ich auch eBay einen alten Kalender erworben, aus dem die hier vorgestellten Bilder stammen, die dort etwa in der Größe A4 abgedruckt sind und sich dadurch wesentlich besser scannen lassen.

      Die erste Ansicht ist der Tuchgaden, gezeichnet 1871, in der Mitte das Rote Haus (Markt 17), darunter die in Frankfurt als "Schirnen" bekannten Wurstverkaufsstände, eine seit dem Mittelalter hier lebendige Tradition...

    • Kirschgarten


      A. Lemberg Porz Rh., ca. 1939/44

      Der Kirschgarten entstand 1937/38 durch die zweite Auskernungsmassnahme eines Hofes in der Altstadt. Er wurde umschlossen durch die Häuser an der grossen und kleinen Fischergasse sowie jenen am Mainkai, also dem Häusergeviert unmittelbar südlich des "Rosenecks". Im Gegensatz zum Handwerkerhöfchen blieb der Kirschgarten offenbar den Bewohnern vorbehalten, da in keiner Fassade Öffnungen vorhanden waren, welche auf Gewerbebetriebe schliessen lassen.

      Von links nach rechts: gr. Fischergasse 39, 37, 35, 33, dann 31, 29, 27 und 25; schliesslich rechts die Ecke von Mainkai 3, welche heute noch steht! Mit einer Reihenplästerung und umlaufenden Bogenpflästerung versehen, machte der Kirschgarten einem Garten alles andere als Ehre, auch wenn die gepflanzten Bäume einst grösser geworden wären. Wenn man bedenkt, wie zugebaut dieser Hof vorher war, wird man die Sanierung damals aber als grosse Wohltat empfunden haben, welche viel Licht und Luft in die verschachtelten Altstadthäuser gebracht hatte.




      keine Verlagsangabe, geschr. 1938

      Auf einer Aufnahme vom Domturm aus erkennt man die Baugerüste für diese Baumassnahme. Daraus ist ersichtlich, dass auch die Häuser am Mainkai, welche heute teilweise noch stehen, davon betroffen waren. Allerdings ist aus beiden Ansichten nicht ersichtlich, wie weit diese Auskernungsmassnahme auch das Innere aller Häuser betroffen hatte (wie beim Handwerkerhöfchen werden sehr wahrscheinlich auch hierzu noch detaillierte Akten vorhanden sein).



      Nach langem Suchen im Faden "Wiederaufbau eines Teils der Frankfurter Altstadt" bin ich auf S. 57 auf folgenden Beitrag gestossen:

      "Schloßgespenst" schrieb:

      Interessante Bilder aus der FAZ [...]



      Wenn man die beiden Bilder vergleicht, erkennt man leicht, dass die Häuser alle renoviert worden waren, also kein einziger Neubau! Auch habe ich den Eindruck, dass hier viel Sorgfalt im Spiel war.





      Ravenstein-Plan 1861
      hellgrün: Auskernung 1937/38
      hellblau: Platz des heute noch bestehenden Eckhauses von 1870/80
      (das Doppelhaus Mainkai 5, 6/7 und evtl. auch die Nr. 4 stehen heute noch)





      Zustand heute... Blick vom Fischerpförtchen (links angeschnitten Mainkai 3, hellblau im Planaussnitt) in Richtung Norden.
      Das kleine Häuschen nimmt genau die Grundfläche von ehemals gr. Fischer 9 ein, nur dass es den damaligen Gassenraum davor mitbeansprucht, und damit auch auf die Fassadenfundamente von Nr. 33 zu stehen kam. Der linke Trakt des Wohnblocks mit dem roten Streifen steht im ehemaligen Kirschgarten. Das heisst, dass die ehemalige Häuserreihe gr. Fischergasse 25-31 exakt zwischen diesem Wohnblock und dem kleinen Häuschen stand...


      (Edit.: neue Bildlinks)
    • Ein weiterer superber Beitrag. :applaus:

      Ich ergänze mal noch, was Fried Lübbecke in "Alt-Frankfurt. Ein Vermächtnis." (1951 / 1971) dazu schreibt, die zugehörigen Bilder kann ich aktuell leider nicht beisteuern, da ich (noch) kein Makroobjektiv zum Abfotografieren des Buches besitze, und es mir dann doch etwas zu kostbar ist, als es auf den Scanner zu legen und den Buchblock zu ruinieren:

      Der Kirschgarten bildete bis 1938 eine Sackgasse an der Kleinen Fischergasse nach Osten, deren schmale Häuser den früheren Hof zum Kirschgarten eng überdeckten. Neben Handwerkern, so der Fischerfamilie Creutzberg, hausten in ihnen während der Wintermonate einige Zigeunerfamilien. Ihre Wohnungseinrichtung bestand in einigen Haufen schmutziger Lumpen. Durch den Abbruch dieser Sackgasse kehrten Licht und Luft in diesen Winkel zurück, auch saubere Familien. Die abgebildeten Hoffronten gehörten zu den Häusern: Krebs unter den Fischern, Steinkopf und Hoher Salmenstein an der Großen Fischergasse zwischen dem Main und Neptunsbrunnen.

      Im Kirschgarten hieß der eng überbaute große Hof zwischen der Großen und Kleinen Fischergasse, wohl nach einem ehemals dort gelegenen Kirschgarten genannt. 1938 ließ die Stadtverwaltung durch Baurat Derlam vierzehn Hofbauten abbrechen und die dabei freiwerdenden Hoffronten der Häuser an der Großen Fischergasse wieder herstellen. Der früher auf dem Großen Kornmarkt stehende Atlasbrunnen - im Volksmund Kugelbrunnen genannt - von Joh. Michael Datzerath aus dem Jahre 1778 zierte in einer guten Nachbildung den anmutigen Hof, zur großen Freude der Kinder.


      Schon erstaunlich, dass sich in diesem winzigen Hof zuvor 14 (!) eigenständige Bauten befanden. Es wäre einmal interessant zu erfahren, wie alt bzw. architektonisch kostbar diese waren - auf welches Jahrhundert schätzt du denn die Hofbauten nur anhand des zu sehenden Fachwerks, Riegel?

      Zum Abschluß noch ein Blick auf Sachsenhausen mit der Alten Brücke, Aquarell von C. T. Reiffenstein, 1872:

    • Die Reiffensteinfotos sind wirklich total schön - von der Stimmung und vom Motiv sowieso.

      Mich würde mal interessieren, was denn so alles an unbekannten Häusern im Altstadtbereich noch stehengeblieben ist - und wie sie aussehen, z.B. die Häuser am Mainkai.
      Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
      Karl Kraus (1874-1936)


    • Diesmal eine Ansicht aus Sachsenhausen, die ohne Hintergrundwissen schon vor dem Zweiten Weltkrieg wohl kaum noch jemand zuordnen konnte. Das Bild gehört vermutlich zu einer Reihe von Aquarellen, die Reiffenstein 1865 gemalt hat, diese Vermutung wird auch gestützt von der Tatsache, dass der Domturm hier noch in seiner Form von vor dem Brand 1867 zu sehen ist.

      Der Großteil der Frankfurter Lohgerber, oder Löher, wohnte nicht in Frankfurt selbst, sondern in Sachsenhausen. Da die Arbeit zum einen viel Wasser benötigte, zum anderen einen unerträglichen Gestank verbreitete, lebte dieser Berufsstand im Mittelalter fast immer in einer Gasse, die noch häufiger nach ihnen benannt war - viele deutsche Städte haben heute noch Straßen dieses Namens. Die Sachsenhausener Löhergasse hatte im 19. Jahrhundert noch vier "Pförtchen" genannte Zugänge zum Wasser, beim am östlichsten gelegenen Pförtchen, genannt "Oberpförtchen", befinden wir uns hier.

      Wie Reiffenstein in anderen Bildern, aber auch ein Vergleich mit Plänen zeigt, befand sich bei den Pförtchen zwischen je zwei Häusern eine Aussparung. Dort führte eine Treppe hinab in einen gemauerten Vorbau mit einem spitzbogigen Tor, hinter dem sich der Zugang zum Main für die Löher eröffnete. In anbetrachts dessen, dass die Löhergasse in Sachsenhausen schon im 13. Jahrhundert belegt ist, handelt es sich unzweifelhaft um eine mittelalterliche Anlage. Das langgezogene Haus am anderen Ufer, das hier zu erkennen ist, ist übrigens das für die Schlachthausgasse namensgebende Schlachthaus.

      Weniger der Krieg, sondern der Fortschritt und Ausbau des Mainufers haben die Löhergasse schon lange davor große Teile der Nordbebauung und somit auch alle Zeugnisse dieses uralten Handwerks gekostet. Ein Vergleich mit dem Stadtplan von 1944 belegt dies. Auch an die Pförtchen erinnert schon damals nichts mehr, wie man auf einem Aufklärungsbild von 1945 sehen kann (hier nur im Ausschnitt):



      Wer heute in Sachsenhausen in der Löherstraße wohnt, hat somit wohl nur noch wenig Bezug zur Etymologie des Straßennamens. Einmal abgesehen davon, dass dort grauenvolle Nachkriegsbauten stehen. ;)

      Zur Orientierung noch eine Collage aus den Ravenstein-Plänen 5 und 8 von 1861, in die ich einmal die Blickrichtung des Bildes eingezeichnet habe:

      ( Bild leider vom Bilder-Hoster entfernt und verloren, da ich keine Kopie mehr hatte )
    • Betreffend Löhergasse ist mir eben Folgendes aufgefallen. Ich zitiere mal aus RMA's obigem beitrag, sowie RMA's Ergänzungen zum Kirschgarten:

      "RMA" schrieb:

      [...] Der Großteil der Frankfurter Lohgerber, oder Löher, wohnte nicht in Frankfurt selbst, sondern in Sachsenhausen. Da die Arbeit zum einen viel Wasser benötigte, zum anderen einen unerträglichen Gestank verbreitete, lebte dieser Berufsstand im Mittelalter fast immer in einer Gasse, die noch häufiger nach ihnen benannt war - viele deutsche Städte haben heute noch Straßen dieses Namens. Die Sachsenhausener Löhergasse [...]

      "RMA" schrieb:

      Ich ergänze mal noch, was Fried Lübbecke in "Alt-Frankfurt. Ein Vermächtnis." (1951 / 1971) dazu schreibt
      Der Kirschgarten bildete bis 1938 eine Sackgasse an der Kleinen Fischergasse nach Osten [...]

      Diese Sackgasse hiess gemäss dem Ravenstein-Plan Lörgässchen. Wie RMA schreibt, wohnte ein Grossteil der Lohgerber in Sachsenhausen. Das schliesst ja nicht aus, dass die Lohgerber auch auf der Frankfurter Seite ansässig waren. Es ist aber durchaus denkbar, dass ihre Betriebe schon vor Jahrhunderten umgesiedelt wurden, der Name Lörgässchen aber überdauert hatte.



      Betreffend Mainkai

      "Booni" schrieb:

      Mich würde mal interessieren, was denn so alles an unbekannten Häusern im Altstadtbereich noch stehengeblieben ist - und wie sie aussehen, z.B. die Häuser am Mainkai.


      Die Beschäftigung mit den Häusern am Mainkai ist sehr interessant, aber zeitaufwändig. Vor allem verliehen die dort schon vor dem Krieg abgerissenen Gebäude, welche dem Schiffs- und Eisenbahnverkehr dienten, eine spezielle Atmosphäre. Dass die von mir erwähnten Gebäude Mainkai 3, 5 und 6/7 noch stehen, habe ich nur anhand von Google-Earth herausgefunden. Mit Google-Earth arbeite ich oft, da ich ja nicht in Frankfurt ansässig bin. Dazu öffne ich zwei Fenster übereinander, in einem den Stadtplan von 1944 oder den Ravensteinplan von 1861, und im andern Google-Earth, indem ich letzteres so fokussiere, dass es denselben Massstab wie der jeweilige Stadtplan oben zeigt. Bei Mainkai 5 und 6/7 kann man sogar die Dachgauben erkennen, wie sie schon vor 1944 bestanden haben; daraus kann man schliessen, dass im Krieg nicht mal die Dächer beschädigt worden waren (ausser sie wurden rekonstruiert, was ich in diesem Fall aber nicht glaube).

      Unmittelbar östlich der Leonhardskirche hat sich eine weitere kleine geschlossene Gruppe von Häusern erhalten, und auch an der Schönen Aussicht dürfte noch einige historische Bausubstanz zu finden sein.




      Frankfurter Idealpostkarte No. 5, geschrieben 1903

      Der Mainkai im Bereich der Leonhardskirche. Das Haus rechts mit dem Ecktürmchen steht heute noch. Durch die Kolorierung und den Mehrfarbendruck geht viel Bildschärfe verloren, weshalb kolorierte Ansichtskarten nur bedingt für die detaillierte Bauforschung verwendbar sind (man beachte den verschobenen Rot-Druck, wenn man das Bild nach dem Öffnen nochmals anklickt, um die maximale Vergrösserung zu sehen). Trotzdem kann man unter dem runden Krandach behauene Steine erkennen, welche eben von einem Schiff an Land gehoben werden, und nun auf den Weitertransport auf eine Baustelle im Stadtzentrum warten. Wohin wohl...?


      (Edit.: neuer Bildlink)
    • Zum Thema Mainkai kann ich noch einen weiteren Ausschnitt aus dem Aufklärungsfoto von '45 beitragen. Anhand des extremen Zerstörungszustandes im Umfeld der Häuser kann man wohl rückfolgern, dass sie einfach statistisches Glück hatten, nicht von Sprengbomben zerstört worden zu sein. Denn dass alleine Brandbomben insbesondere die Steinhäuser dort nicht zerstören konnten, sieht man an den ausgebrannten Dächern der erhaltenen Gebäude.

      Etwas davor sieht man die Reste einiger weiterer Bauten aus dem frühen 20. Jahrhundert, die sich durch ihre Stahlbetonskelette offenbaren: u. a. die Häuser am Kirschgarten, die Riegel schon beschrieben hat, und das langgezogene Haus Große Fischergasse 14, das die östliche Begrenzung des Rosenecks bildete...

    • Das Studium der Bilder von Carl Theodor Reiffenstein (1820-1893) ist ein Muss für den Erforscher der Frankfurter Altstadt! Schon Walter Sage, der Autor des 1959 erschienen "das Bürgerhaus in Frankfurt a. M.", stützte sich weitgehend auf Reiffensteins Nachlass. In seiner Einleitung schrieb er:

      Eine besondere Quelle sind daher die zwischen 1830 und 1880 entstandenen Zeichnungen und Aquarelle des Frankfurter Malers Carl Theodor Reiffenstein, der mit unendlichem Eifer und viel Sachkenntnis Frankfurts "Altertümer" sammelte, besonders dort, wo man Häuser abbrach oder veränderte. Freilich, ganz zuverlässig sind auch seine Abbildungen nicht immer, aber er hat sich zweifellos um die Überlieferung und Beschreibung der Altstadt die meisten Vedienste erworben.
      Zu den annähernd zweitausend Abbildungen hat Reiffenstein schriftliche Notizen gemacht, mit deren systematischer Sammlung er vor 100 Jahren, nämlich 1855 begann. [...]


      Nebst seinem Beruf als Kunstmaler betätigte er sich also auch als Bauforscher und Archäologe. Dies zu einer Zeit, als sich die Archäologie nur auf klassische, antike Altertümer beschränkte, und die Denkmalpflege noch in den Kinderschuhen steckte (z.B. Viollet le Duc).

      Wie Sage schon schrieb (Freilich, ganz zuverlässig sind auch seine Abbildungen nicht immer), ist es unerlässlich, vor der Verwendung historischer Bilder deren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Bei Reiffensteins Abbildungen fällt dies umso leichter, als dass diese in die Zeit des Ravenstein-Plans von 1861 fallen, und zugleich auch die Photographie aufkam. Ich habe deshalb mal das Bild aus RMA's Beitrag mit dem Blick durch ein Pförtchen auf den Dom genauer angeschaut:



      Der Standort des Künstlers muss weiter westlich gelegen haben, etwa bei der Löhergasse 32 oder bei der Mühle selbst. Durch Einzeichnen diverser Fluchtlinien aus dem Bild in den Ravenstein-Plan kristallisiert sich der Standort heraus. Zum Beispiel sass der Künstler sicher westlich (links) der Firstlinie des Domquerschiffs (rote Linie). Die Westseite des Domturms liegt genau über der Mitte der Firstlinie des Schlachthauses (grüne Linie). Der Künster sass genau in der Fluchtlinie der östlichen (rechten) Giebelwand des Schlachthauses (blaue Linie).


      Ravensteinplan 1861

      Allerdings gab es im Bereich der Mühle keine Pforte. Daraus schliesse ich, dass der Künstler zuerst eine Skizze des andern Mainufers mit dem Dom anfertigte. In einem zweiten Schritt skizzierte er eine der Pforten, und anschliessend komponierte er diese beiden Skizzen zusammen zu einem Aquarell (es gibt sogar noch eine Vorstudie zu diesem Aquarell, allerdings weniger detailliert und die Pforte seitenverkehrt). Reiffenstein wollte hier also bewusst in erster Linie ein schönes als denn ein wahrheitsgetreues Bild schaffen, was ihm mit dem frühmorgendlichen Sonnenschein und dem blauen Dunst über dem Main vortrefflich gelungen ist!

      Reiffenstein hat das Pförtchen als überdachten Zugang dargestellt; im Ravenstein-Plan hingegen sind die beiden Pförtchen eindeutig als nicht-überdeckt eingetragen (Überdeckungen, Durchgänge, offene Erdgeschosshallen etc. markierte Ravenstein mit Diagonalkreuzen). Trotzdem glaube ich kaum, dass diese Feststellung der freien Phantasie Reiffensteins entsprungen ist. Zwischen Löhergasse 24 und 26 bestand nämlich ein überdachter Zwischenraum, aber kein Zugang zum Mainufer.

      Ich denke, dass diese Abbildung im Wesentlichen aus drei Komponenten besteht:
      - Ansicht des andern Mainufers ungefähr von der Mühle aus
      - Bildrahmen, Bildvordergrund in Form des Ober- oder Unterpförtchens
      - Spannung durch Licht und Schatten, wie sie sich durch die Überdeckung zwischen Löhergasse 24 und 26 präsentierte.

      Und trotzdem ist ein äusserst stimmiges, wenn auch nicht ganz wahrheitsgetreues Bild von Frankfurt entstanden, aber den damaligen Eindruck mag Reiffenstein sicher vollständig wiedergegeben haben!


      (Edit.: neue Bildlinks)
    • Ich bin mal wieder beeindruckt, Riegel - demnächst traue ich mich gar nicht mehr, selber noch etwas zu schreiben. ;)

      Bezüglich der Überdachung der Pförtchen bin ich mir allerdings nicht ganz sicher, ob man nur anhand des Ravenstein-Plans darauf schließen kann, dass dem nicht so war - auch er enthält die eine oder andere Ungenauigkeit, die bei einem solchen Detail wohl auch verzeihbar wäre. Ich muss wohl doch einmal nach einer fotografischen Ansicht suchen...

      Die Vermutung bezüglich der Komposition des Aquarelles leuchtet auch vor dem Hintergrund ein, dass Reiffenstein zweifelsfrei noch stark von der Romantik beeinflusst war, der es mehr um den "magischen Moment" ging als um absolute Detailtreue. Dieses Bild ist sicher ein exzellentes Beispiel dafür. Allerdings ist es trotz aller Nachweise bezüglich des Blickwinkels Sachsenhausen, Oberpförtchen signiert!
    • "Riegel" schrieb:

      Doch, nur weiterschreiben! Schliesslich geht es hier ja um den Austausch von Informationen, Quellenmaterial, Literatur etc., aber auch um die Interpretation der ausgewählten Quellen! Beispielsweise sind mir auf dem Ravenstein-Plan noch keine Ungenauigkeiten begegnet... würde mich bei Gelegenheit interessieren.


      War auch nicht ernst gemeint. :)

      Ich merke nur, dass du - völlig zu Recht - gegenüber der Literatur deutlich kritischer eingestellt bist als ich. Das mag aber auch darin begründet sein, dass du, im Gegensatz zu mir, wirklich vom Fach bist, im wahrsten Sinne des Wortes. ;)

      Ich bin ja gerade erst dabei, mir "Fachwerk" von Gerner einzubimsen und merke jetzt, wie komplex das Thema eigentlich ist!