Würzburg

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      da hast schon recht, Zeno, natürlich ist es ein weiterer Schritt in die falsche Richtung. Wenn hier etwas Gutes kommen würde, wäre auch der Druck auf diesen 50er-Jahr Schrott ein anderer.
      Man muss natürlich auch konstatieren, dass dieser Druck im Ganzen deshalb so gering ist, weil nach wie vor er selbstgefällige Irrglaube besteht, eine Stadt wie Wü hätte ohnedies alles richtig gemacht und hätte im internationalen Rahmen ein "schönes " Stadtbild.
      Gerade dein Bild 2531b hat für mich so etwas Aufreizendes. Welche eine Ignoranz, die nicht bloß mit den damaligen wirtschaftlichen Sachzwängen erklärbar ist, vor diese herrliche Turmfassade so ein Sch...Häusl zu stellen.
      Und so ist es ganz offensichtlich so, dass man in Wü nach wie vor einen Mist neben dem anderen errichtet und dabei wähnt, einen erfolgreichen Weg weiter zu beschreiten.
      Die Verschlimmerung des Status quo ist mE insofern nicht geben, als die über die (natürlich als solche schönen und keinen Änderungsbedarf darstellenden) Klostermauern aufragende Hinterhofsituation alles andere als erfreulich ist.
      ... dass jeder troglodytischen Lebensart, beruht sie nur fest in sich selbst, etwas schlechthin faszinierendes eignet, überhaupt für solche, die einen Ansatz dazu schon besitzen und mitbringen, der dann nur noch einer gewissen Entwicklung bedarf. (HvD)

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      Leonhard schrieb:

      Es gibt doch wohl einige Städte in Deutschland, die qualitativ und künstlerisch hochwertigere Häuser als die des Wiederaufbaus in Würzburg besitzen, nicht bloß Rothenburg.
      Welche denn in dieser Größe? Würzburgs Innenstadt wurde quasi vollständig zerstört im Zweiten Weltkrieg. Nach dem Krieg glich diese Stadt einer Mondlandschaft und so stark hat es nicht alle deutsche Städte (zum Glück) getroffen. Man kann die Stadt vom Zerstörungsgrad (über 80% in der Innenstadt) in der Tat mit Pforzheim Hannover vergleichen, wie Zeno es bereits genannt hat oder auch mit den Stadtkernen von Kassel, Hanau, Offenbach, Darmstadt, Dresden-Altstadt, Saarbrücken, Magdeburg, Nürnberg usw...
      Auf dieser Grafik siehst du ganz genau, dass Würzburg am Stärksten insgesamt von allen süddeutschen Städten zerstört wurde! Schau dir mal den "Wiederaufbau" bei den letzgenannten Städten an: man hat dort überall schon in den 50ern mehrheitlich Flachdachhäuser gebaut, mit viel Beton, die aber gar nicht alstadttauglich waren oder in der ehem. DDR. (Dresden, Magdeburg) übergroße neuklassizistische ("Zuckerbäckerstil") Wohnblocks errichtet (die zwar nicht schlecht sind von der Architektur, aber nicht wirklich altstadttstauglich. Und da finde ich hat Würzburg doch im Vergleich einen einigermaßen "angenehmen" Wiederaufbau vollzogen!

      Leonhard schrieb:

      Nimm's mir nicht übel, aber wenn man so niedrige Ansprüche an Neubauten hat wie du, wird sich im geschundenen Städtebild Deutschlands nie was zum Positiven ändern...

      Dr. Haus schrieb:

      Naja, das mag oberflächlich so scheinen, weil der alte Stadtgrundriss beibehalten wurde.
      Ich bin im Gegensatz zu euch ein Realist, und sehe, dass es mehrheitlich viel katastrophalere, "wiederaufgebaute" Städte in der Größenordnung von Würzburg gibt. Zudem, versetzt euch doch bitteschön mal in die Lage der Leute von damals: sie haben nach dieser Apokalypse alles verloren und wollten wenigsten ein Dach überm Kopf und zwar so schnell wie möglich. Natürlich wurde deshalb auch "minderwertig" gebaut im Vergleich zu vorher, aber es war höchste Wohnungsnot! Und das gleichzeitig man in Würzburg "traditioneller" wiederaufgebaut hat als anderswo in einer fast vollständig vernichteten Stadt, das kann man gar nicht hoch genug anrechnen. Klar bin ich auch unzufrieden mit dem Wiederaubau, man hätte es noch viel besser machen können, aber das wäre wirklich utopisch für diese Zeit, in der gar nichts mehr vorhanden war, wie hätten die 1:1 ihre wunderschöne Altstadt mit all den romantischen Innenhöfen,quasi jeden Stein wieder rekonstruieren können, das ist technisch unmöglich, selbst in Rothenburg merkt man sofort die Häuser aus der Nachkriegszeit, dass diese neueren Datums sind... Ich kann mir sogar vorstellen, dass der Wiederaufbau in Würzburg auch vorerst nur als Provisorium gedacht war, damit nachfolgende Generationen mehr Rekonstruktionen realiseren würden anstelle der 50er JAhre Architektur. Aber das kam nicht im Gegenteil: je weiter man sich dem Krieg entfernte, umso unpassender wurde die Architektur in Würzburg, von daher kann man den Architekten der 70er Jahre bis Heute eine Verschandelung vorwerfen, allerdings nicht den direkten Nachkriegsarchitekten!
      Um zur Facebookseite des Ortsverbandes Saarbrücken zu gelangen klickt mich !
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      ursus carpaticus schrieb:

      Köln hat ein kleines, aber feines Altstadtviertel,
      Na ja, zwischen Groß St. Martin, Alter Markt und dem Heumarkt gibt es zwei kurze Längs- und eine Querstraße, bei deren Bebauung man sich so ein wenig an den Vorkriegshäusern orientiert hat.

      Aber man sieht auf den ersten Blick, daß es sich um Nachkriegsbauten handelt, die den Vorkriegsbaustil zitieren, daneben gibts dann aber gleich die "normalen" 50er-Jahre-Bauten (mal abgesehen davon, daß unmittelbar nördlich von Groß St. Martin ganz normale Wohnbebauung steht, die überhaupt nicht mehr historisch angehaucht ist).

      Das war's mit der "Kölner Altstadt", die vielleicht 0,2 % der Fläche ausmacht und noch kleiner ist als die Reste der immerhin erhaltenen Stuttgarter Altstadt rund um die Leonhardstraße.

      Fotos gibts z. b. hier - da liegt Würzburg bei allen Defiziten uneinholbar vorn.
      „Preste atenção, o mundo é um moinho, vai triturar teus sonhos, tão mesquinho, vai reduzir as ilusões a pó“ (Cartola)
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      Ursus, diese fränkische Selbstzufriedenheit, wie du's an anderer Stelle genannt hast, gibt es nicht in der Bevölkerung. Das ist hier nicht anders als in anderen bundesdeutschen Städten: Mit häßlichem Wiederaufbau in der Nachkriegszeit arrangiert man sich, ohne ihn zu befürworten, und mit mittelmäßigem ist man unter BRD-Bedingungen ganz zufrieden. Wirklich guten kennt man ja kaum. Über die neuere Entwicklung ist die Mehrheit verärgert, sofern sie sich Gedanken darüber macht.
      Das ist keine Selbstzufriedenheit, sondern bei manchen Resignation, ein paar andere treten dagegen auf. Die Mehrheit nicht, das aber vor allem aus Desinteresse.
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      Na geh, Zeno. Ich wähnte dich doch... ach, was.
      Der Wü. Wiederaufbau, schon sehr früh in mir vorliegenden städtebaulichen Publikationen (Kreisel/Gundermann Würzbzrg Dt. Kunstverlag 1962) als völlig unzureichend, ja entstellend kritisiert , ist keineswegs irgendwelchen ökonomischen Sachzwängen geschuldet, sondern einem Klima tiefste seelischer Verunsicherung, ja Verstörung entwachsen, in dem sich der Ruf "Eine Stadt ist kein Musem" der "economy -first" Fraktion verbunden mit der Modernistfraktion durchsetzen konnte.
      SO hässlich hatte es nicht kommen MÜSSEN, man hätte vor die Universitätskirche, vor dem Dom, vor Stift Haug etc nicht solche fürchterliche Kisten hinstellen brauchen. Das ist alles mit deinen Argumenten nicht zu entkräften.
      Man hätte - ganz ohne Aufwand - den Dom auch freischaufeln können wie hier und in der Stadtmitte ganz von selbst ein großartiges ungestörtes Ensemble zweifer Großkirchen wie in Trier haben können:

      ebay.de/itm/72808-AK-Wurzburg-…075a51:g:tRMAAOSwuLZY65JA

      Schau dir diese bescheidenen Vorkriegsfassaden an:
      ebay.de/itm/32373-Foto-AK-Wurz…d8877a:g:a50AAOSwAANY56aP

      Ohne Frage sehr leicht substiuierbar.
      Hier eine Ansicht zum ggst. Thema:

      ebay.de/itm/Ak-Wurzburg-Unterf…eca66f:g:ugYAAOSwOfdZrniH

      Wirklich keine ökonom. Unmöglichkeiten, anstatt des heute Vorhandenen Häuser ähnlich schlichte, immerhin geschmackvolle Fassaden hinzustellen!

      HIer ist es sogar gelungen, den Vorzustand zu verbessern:

      ebay.de/itm/74857-Foto-AK-Wurz…c51aa7:g:LTcAAOSwc49Y65af



      Übrigens erinnert die mittlere Fassade links schon fatal an den Wiederaufbau. Diese AK zeigt, dass es mit dem äthetischen Empfinden in Würzburg schon vor dem Krieg nicht eben bestens bestellt war...
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      In der Zeit gleich nach dem Krieg hat ein rauher Wind geweht. Da können wir froh sein, dass es nicht schlimmer gekommen ist. Auch ist es natürlich tragisch, dass eine Unmenge erhaltungsfähiger Ruinen abgeräumt worden ist.


      Ein an seiner Nordwestecke freistehender Dom wie in i.ebayimg.com/images/g/tRMAAOSwuLZY65JA/s-l1600.jpg war nur ein vorübergehender Zustand während des Neubaus des Sparkassengebäudes (google.de/maps/@49.7936659,9.9…9.46t/data=!3m1!1e3?hl=de, nicht zu verwechseln mit dem heutigen Sparkassengebäude in der Hofstraße!) und ist daher unhistorisch. Es war richtig, die Geschlossenheit des Platzes an dieser Stelle beizubehalten, wenn es auch als die Sollbruchstelle zwischen nördlicher und südlicher Hälfte der Altstadt angesehen werden mag.
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      Das wage ich ob angesichts des heute inferioren Baubestandes zu bezweifeln. Auch die Rückseite, die einen der letzten beeindruckenden Platzräume von Wü verschandelt, wäre uns so erspart geblieben.
      Historizität von Straßenführung hat keinen Wert per se, wenn die Straßen nicht mit historisch adäquater Bebauung ausgefüllt sind. Abgesehen davon ist an der heutigen Situation ohnedies nach Abbruch des Schönhofs nichts historisch. Auf diesen Nachkriegsplatzhalter hätten wir daher getrost verzichten können.
      ... dass jeder troglodytischen Lebensart, beruht sie nur fest in sich selbst, etwas schlechthin faszinierendes eignet, überhaupt für solche, die einen Ansatz dazu schon besitzen und mitbringen, der dann nur noch einer gewissen Entwicklung bedarf. (HvD)
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      ursus carpaticus schrieb:

      Auch die Rückseite, die eines der letzten beeindruckenden Platzräume von Wü verschandelt, wäre uns so erspart geblieben.
      Wer sagt, dass nicht die Idee aufgekommen wäre, so etwas auf dieser freien Fläche dennoch zu bauen?

      Die Rückseite am Kiliansplatz ist fraglos ganz großer Schrott. Sie ist aber erst ca. 50 Jahre nach dem Krieg so verunstaltet worden.


      Die Beseitigung der Engstelle des Kürschnerhofes hat andererseits eine deutliche funktionale Verbesserung gebracht. Die Fläche des Sparkassenhauses nicht wieder zu bebauen, hätte hingegen eine unmotivierte Freifläche hinterlassen.
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      Fachwerkliebhaber schrieb:

      Welche denn in dieser Größe? Würzburgs Innenstadt wurde quasi vollständig zerstört im Zweiten Weltkrieg. Nach dem Krieg glich diese Stadt einer Mondlandschaft und so stark hat es nicht alle deutsche Städte (zum Glück) getroffen. Man kann die Stadt vom Zerstörungsgrad (über 80% in der Innenstadt) in der Tat mit Pforzheim Hannover vergleichen, wie Zeno es bereits genannt hat oder auch mit den Stadtkernen von Kassel, Hanau, Offenbach, Darmstadt, Dresden-Altstadt, Saarbrücken, Magdeburg, Nürnberg usw...
      München z.B., auch dort betrug die Zerstörungs- und Beschädigungssrate in der Innenstadt ca. 80 % (in den historischen Vorstädten 50 %). Bevor jetzt jemand protestiert gleich eines vorweg: natürlich gab es auch in München viele schreckliche Sünden im Wiederaufbau und das Bild des Münchener Wiederaufbaus ist insgesamt sehr durchwachsen, es gibt durchaus einige Totalausfälle. Aber auf der anderen Seite wurden einige ganze Ensembles wieder hergestellt, so die Ludwigsstraße und die Maximilianstraße, beides Straßenzüge von jeweils über 1km Länge, die nahezu vollständig wiederhergestellt wurden. Dazu gehören Plätze wie Odeonsplatz und Wittelsbacher Platz mit einer größeren Anzahl an Palais wie Palais Preysing, Leuchtenberg, Almeida, Eichthal, Arco, Moy, Ludwig Ferdinand und Odeon, die alle zumindest äußerlich wiederhergestellt wurden (und neuen Nutzungen zugeführt wurden); außerdem der Max-Joseph-Platz mit der Oper, der alten Hauptpost von Klenze, einigen hübschen Bürgerhäusern und dem Königsbau der Residenz. Überhaupt die Residenz, die nahezu vollständig zerstört war und die nicht nur äußerlich, sondern zu geschätzten 80 % auch in den Innenräumen in jahrzehntelanger Kleinarbeit originalgetreu wiederhergestellt wurde, siehe die unglaublichen Arbeiten in den Reichen Zimmern oder dem Cuvilliéstheater. (Hier muss man allerdings einhaken und darauf hinweisen, dass auch in Würzburg Ähnliches geleistet wurde beim Wiederaufbau der Residenz Würzburg!). Dann die Kardinal-Fahlhaber-Straße, die durchaus auch schwer getroffen war und in deren Bereich einige Barockpalais wiederhergestellt wurden: Palais Porcia, Neuhaus-Preysing, Gise, Spreti (Palais Holnstein war gottseidank nur mäßig beschädigt worden). Das Hotel Bayrischer Hof und das Café Luitpold wurden in ansprechenden klassizistischen Formen völlig neu gebaut, das Wohnhaus Gunetzrhainers mit seiner schönen Rokokofassade wurde von Grund auf rekonstruiert, das Parcushaus schräg gegenüber nach schweren Beschädigungen ebensfalls wiederhergestellt. Die Häuserzeile rund um die Frauenkirche wurde zwar einfach, aber doch einigermaßen akzeptabel wiederaufgebaut. Am westlichen und östlichen Marienplatz wurden einige hübsche bemalte Häuser gebaut, so z.B. das Haus Beck rechts vom Rathaus oder der Donisl. (Die Südseite hingegen ist ziemlich grauslich...). In der Burgstraße wurde ein für meine Begriffe sehr schönes Gebäude gebaut: das Verwaltungsgebäude des Kulturreferats (Hausnummer 4), ein sehr schönes bemaltes Haus mit Erker, das fast wie ein Altbau ausschaut. Dazu kommen all die Kirchen, die nicht nur außen, sondern auch innen vollständig wiederhergestellt wurden, alter Peter, Heiliggeistkirche, St. Michael, Theatinerkirche, Klosterkirche St. Anna im Lehel und einige mehr (nur die Frauenkirche wurde innen leider unbefriedigend ausgestattet). Das wären ein paar Beispiele, wo München zumindest einigermaßen wieder das alte Aussehen bekommen hat. (Es gibt auch Gegenden, die nicht so stark zerbombt worden sind wie der Altstadtbereich, nämlich generell die Ostseite der Isar, weswegen die Stadtteile Bogenhausen und Haidhausen viel mehr durchgehende historistische Straßenzüge besitzen als die Westseite der Isar).

      Natürlich gibt es auch Bereiche, in denen München sehr schlecht wiederaufgebaut wurde, siehe Neuhauserstr., Kaufingerstr., Tal, der absolut schreckliche Oberanger, die fast noch schrecklichere Sonnenstraße und einige andere Bereiche, in denen viel Schrott steht.

      Aber der entscheidene Unterschied zu Würzburg ist, dass es einige Bereiche mit durchgehenden Ensembles gibt, in denen man das alte München wieder erleben kann, ich kann vom Siegestor über die ganze Ludwigstraße zum Odeonsplatz und Feldherrnhalle, weiter durch die Residenzstraße, Max-Joseph-Platz, Maximilianstraße mit Abstechern in einige Seitenstraßen wie z.B. Platzl, Stollbergstraße und später durch die Thierschstraße zur Lukaskirche mit dem schönen, von Historismusgebäuden umrahmten Platz, zurück an der Isar entlang über die Maximiliansbrücke zum Maximilianeum hinauf nach Haidhausen zum schönen Wiener Platz gehen und mich dort in den Biergarten hocken und hab (mit wirklich wenigen störenden Einsprengseln) auf mehreren Kilometern erlebt, was München mal war und wie es auch heute noch sein kann. Das kannst du in Würzburg nicht, denn es gibt keine Ensembles mehr, nur Einzeldenkmäler.
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      Aber der entscheidene Unterschied zu Würzburg ist, dass es einige Bereiche mit durchgehenden Ensembles gibt, in denen man das alte München wieder erleben kann,

      Sehr richtig. Man kann von einer - ansonsten nur in Nürnberg, teilweise auch (im glücklicherweise weniger zerstörten) Augsburg beobachten - eine gerade zu greifbar scheinende Abneigung gegen "altertümlichen Stadtraum" sprechen, von einer ostentativ zur Schau gestellten Lieblosigkeit gegen die eigene Stadt.
      Ist in diesen Städten etwas besonders Schönes erhalten geblieben, kann man sich sicher sein, dass daneben was besonders Hässliches steht, dass an Stellen mit einer Ballung erhaltener Großbauten besonders hässlich gebaut werden muss.
      Das scheint sich bis in die Gegenwart fortzusetzen, sie Domschulstraße und Petrinihaus, einen nicht nur hässlichen, sondern höchst unnützen Neubau.
      ... dass jeder troglodytischen Lebensart, beruht sie nur fest in sich selbst, etwas schlechthin faszinierendes eignet, überhaupt für solche, die einen Ansatz dazu schon besitzen und mitbringen, der dann nur noch einer gewissen Entwicklung bedarf. (HvD)
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      Leonhard schrieb:

      Aber der entscheidene Unterschied zu Würzburg ist, dass es einige Bereiche mit durchgehenden Ensembles gibt, in denen man das alte München wieder erleben kann,
      Ich kenne beide Städte sehr gut. Deine Beschreibung von München ist richtig. Wenn man die von Dir beschriebene Strecke vom Siegestor aus geht, hat München tatsächlich die Wirkung einer wunderschönen, gut erhaltenen, historischen Residenzstadt.

      Aber Würzburg wirkt auf mich ebenfalls wie eine gut erhaltene historische Stadt. Ist vielleicht eine subjektive Empfindung, aber ich finde den Wiederaufbau (mit den bekannten Ausnahmen natürlich) als ausgesprochen gelungen. Wenn mich jemand früge, würde ich sagen: "Würzburg ist eine überdurchschnittlich schöne, sehenswerte Stadt. Fahr da hin!" :)
      "Mens agitat molem!" "Der Geist bewegt die Materie!"
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      ursus carpaticus schrieb:

      eine gerade zu greifbar scheinende Abneigung gegen "altertümlichen Stadtraum" sprechen, von einer ostentativ zur Schau gestellten Lieblosigkeit gegen die eigene Stadt
      Absolut richtig beobachtet. Da hat sich leider eine "moderne" und "fortschrittliche" Ideologie durchgesetzt, die wohl schon länger in den Köpfen der verantwortlichen Stadtplaner geschlummert hatte (seit dem Ende des 1. Weltkrieges und vor allem zur Nazizeit, wo ja bereits begonnen wurde, alte Substanz zu zerstören). Erwin Schleich hat sich zu den Ursachen wie folgt geäußert:

      "Um es deutlich auszusprechen: das Hauptmotiv war Ignoranz. Unwissenheit, Unverständnis, Verbildung durch Schlagworte und modische Parolen gehören ebenso dazu wie zweckoptimistisches Gerede vom "endlich-Luft-schaffen", die "Chance-nutzen" und "endich-modern-sein" nach der diktierten Baukunst des untergegangenen Dritten Reiches. Das Verhängnis hierfür war jedoch im wesentlichen, dass der Neubaubeginn, dieser Aufbruch in die Moderne gesucht wurde weitgehend von Kräften, die ihre Ausbildung und ihr Denken im Dritten Reich bezogen hatten und für ihr Tun mehr getrieben waren vom Bedürfnis, sich nachträglich wegzuschwören von einer zweckmäßigerweise 12 Jahre lang gezeigten Gesinnung, als von dem inneren Impuls, aus Überzeugung neue Wege zu suchen. So konnten die ebenso billigen wie zählebigen Tiraden entstehen, die gewissermaßen als Ersatzphilosophie für den Wiederaufbau stehen konnten, wie da waren und sind:
      "Jede Zeit hat ihren Ausdruck gefunden", "Gutes Neues verträgt sich immer mit gutem Alten", "Es kommt allein auf Qualität an" und etwas hilfloser "Wir wollen endlich modern sein" und noch schlimmer "Wir müssen endlich modern sein", dazu so eingängige Parolen wie "Dem Verkehr Luft schaffen" und eine kräftige Erinnerung an die Parole von Josef Goebels "Wir werden unsere Städte nach dem Krieg schöner aufbauen, als sie waren."
      Jahrzehntelang war das Eintreten für die Erhaltung oder gar den Wiederaufbau historischer Gebäude gleichgesetzt mit "konservativ" und damit rückschrittlich, hemmend für den Fortschritt, und es konnte die geradezu kuriose Verdrehung der Wahrheit eintreten, dass die Kräfte für die Erhaltung wertvoller Kultursubstanz beschimpft wurden als Reaktionäre und unverbesserliche Nazis, während gerade die selbsternannten Fortschrittlichen den Ungeist der verflossenenen 12 Jahre fortsetzten, wenn auch mit anderer äußerlicher Kaschierung."

      Dieses Zitat stammt aus dem unglaublich wertvollen Buch "Die 2. Zerstörung Münchens", in dem viele Wiederaufbausünden Münchens thematisiert und angeprangert wurden. Dass es in München dann nicht überall so schlimm geworden ist, liegt daran, dass es dort noch eine recht weitverbreitete heimatverbundene und konservative Mentalität in der Bevölkerung und sogar auch in einigen verantwortlichen politischen Positionen gab, so dass gegen gewisse Projekte protestiert wurde und sich keine einheitliche Mehrheit für den Modernismus fand (es gab durchaus zuerst ähnlich radikale Projekte für den Wiederaufbau Münchens, so wie es sie für Stuttgart oder Hannover gegeben hat...). Der ganze Wiederaufbau war DIE Chance für die ganzen "fortschrittlichen" Architekten und Stadtplaner, denen lange Zeit in den beengten Altstädten die Hände gebunden waren und die jetzt endlich ihre Ideen von einer modernen, im Grunde amerikanisch geprägten Autostadt durchsetzen konnten und sich somit ihren "Ruhm" verdienen konnten.

      Diese von falsch verstandenem Fortschritt zeugende Mentalität findet man auch im heutigen politischen Diskurs oft wieder, die Deutschen glauben immer noch gerne, dass man mit den richtigen Ideen die Welt retten könne. Sie haben dabei aber das rechte Maß verloren, die bürgerliche "Mitte".
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      Leonhard schrieb:

      Der ganze Wiederaufbau war DIE Chance für die ganzen "fortschrittlichen" Architekten und Stadtplaner, denen lange Zeit in den beengten Altstädten die Hände gebunden waren und die jetzt endlich ihre Ideen von einer modernen, im Grunde amerikanisch geprägten Autostadt durchsetzen konnten und sich somit ihren "Ruhm" verdienen konnten.
      Genau richtig! Soweit ich weiss, war beispielsweise die grausame Ost-West Strasse in Hamburg schon in den 30er Jahren geplant.

      In dem unersetzlichen vierbändigen Werk, Kriegsschicksale Deutscher Architektur, ist zu lesen, dass die Stadtplaner in Muenster stark kritisiert waren nach dem Krieg weil sie, ausnahmsweise, eine annähernde Wiederaufbau vom verlorenen Stadtbild gewagt haben!
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      ursus carpaticus schrieb:

      Historizität von Straßenführung hat keinen Wert per se, wenn die Straßen nicht mit historisch adäquater Bebauung ausgefüllt sind.
      Diese These kommt von dir in regelmäßigen Abständen, und ich habe dir schon mehrfach mit guten Argumenten widersprochen. Aber du scheinst daran festzuhalten, sei's drum. Der Würzburger Wiederaufbau war jedenfalls weit überdurchschnittlich angesichts der Situation 1945, dazu trägt die Bewahrung der Kleinteiligkeit und der historischen Straßenführung in einem nicht zu unterschätzenden Maß bei. Dass du dem nichts abgewinnen kannst, erklärt sich vielleicht durch deine Wut über den verlorenen architektonischen Rang der Stadt. Diesen konnte man wohl nicht retten, zumindest aber ein Stadtbild "pro homine". Würzburg ist heute kein Gesamtkunstwerk mehr, aber eine sehenswerte und angenehme Stadt mit historischen Höhepunkten.
      In dubio pro reko

      Früher war nicht alles besser, aber die Architektur schon.

      Dieser Beitrag wurde bereits 7 mal editiert, zuletzt von Königsbau ()