Neue Plätze braucht die Stadt
"Die moderne Architektur hat den städtischen Platz zu ihrem Feind erklärt. Ein Fehler: Denn er ist wichtiger als jedes noch so bedeutende einzelne Gebäude, findet Stephan Braunfels
von Stephan Braunfels
Warum wurden in den letzten 100 Jahren viele tausend großartige Bauwerke erbaut, aber kein einziger Stadtplatz, der auch nur annähernd an den Campo in Siena, das Kapitol in Rom oder den Markusplatz von Venedig heranreicht ?
Die Philharmonie von Scharoun in Berlin oder das Guggenheim-Museum in Bilbao sind Meisterwerke der modernen Architektur, aber sie sind autonome, wenn nicht sogar autistische Skulpturen. Ihre Umgebung sind Restflächen, keine Stadträume, in denen wir uns gern aufhalten.
Wir reisen nach Italien, nach Venedig, Florenz oder Rom, nach Siena, Lucca oder Pisa, wenn wir das Flair richtiger Stadtplätze erleben wollen. Und wir genießen sie, sitzen stundenlang in ihren Cafés und reisen immer wieder hin.
Italien hat zahllose schöne Plätze, aber auch die Plazas Major in Madrid, Barcelona oder Bilbao, ja in fast jeder spanischen Stadt, oder die Plätze von Paris, Lyon, Nancy oder Brüssel ziehen uns an.
Auch in Deutschland gibt es viele Plätze von Weltrang: Die berühmtesten, der Königsplatz, Odeonsplatz oder Max-Joseph-Platz in München, der Theaterplatz in Dresden oder der Gendarmenmarkt in Berlin sind sogar erst im 19. Jahrhundert entstanden oder vollendet worden.
Die moderne Architektur hat mit der europäischen Stadt gebrochen, ja es oft sogar geschafft, diese größte kulturelle Gesamtleistung der letzten tausend Jahre in Europa zu zerstören. Straße und Platz galten als Relikte einer feudalen, unaufgeklärten Zeit - anstelle von Stadtraum sollte Freiraum entstehen. Die Architektur sollte nicht mehr städtische Räume bilden, sondern ohne Zwang frei "atmen" können. Heraus kamen statt erneuerter oder neuer Städte nur Einkaufs- und Gewerbezentren mit Vorortsiedlungen und zersiedelte Landschaften.
Statt städtischer Räume aus Straßen und Plätzen wurden - je nach Ideologie - strenge Raster oder "organische" Schleifen gelegt, auf denen endlose Wiederholungen nahezu gleichartiger Gebäude ohne inneren Zusammenhang errichtet wurden. Dabei kann moderne Architektur großartig sein! Kaum ein Jahrhundert hat so viele Meisterwerke hervorgebracht wie das 20. Jahrhundert.
Die moderne Architektur hat aber einen entscheidenden Fehler gemacht: Sie hat das autonome Einzelgebäude über den öffentlichen städtischen Raum gestellt, ja ihn zum Feind der Moderne erklärt. Dabei ist der öffentliche Raum viel wichtiger als jedes einzelne Gebäude, der Raum zwischen den Fassaden der Häuser für den Bürger wesentlicher als das, was sich hinter diesen abspielt. Erst, wenn der Außenraum Innenraum wird - so meine These -, entsteht Öffentlichkeit, demokratisches Bewußtsein und friedliches Miteinander.
Tausend Jahre lang hat man das gewußt - warum wurde es in 100 Jahren vergessen, ja geleugnet? Der Campo in Siena, heute einer der beliebtesten Plätze der Welt, war ursprünglich die Restfläche zwischen drei Teilstädten, die mit dieser "piazza publico" zu einer neuen Stadtgemeinschaft zusammengeschweißt wurden..."
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